Coming back

Der Artikel fängt mit einem Geständnis an: Ja, ich bin Fan der englischen Nationalmannschaft. Das hat unter anderem damit zu tun, dass ich Halb-Engländer bin, nur falls man mir mangelnden Patriotismus vorwerfen möchte. Es ist eine schwierige Beziehung zwischen den Three Lions und mir. Bisher hat die Mannschaft noch bei jedem Großturnier (sofern sie qualifiziert war) jedesmal für eine herbe Enttäuschung gesorgt.

Die vergangene WM bildet da keine Ausnahme. Das 1:4 gegen Deutschland im Achtelfinale war nur das Tüpfelchen auf dem i eines völlig verhunzten Auftritts der englischen Nationalmannschaft. Schon in der Vorrunde waren die Auftritte gegen die USA, Algerien und Slowenien alles andere als mitreißend. Dabei hatte man eine gute WM-Quali gespielt und berechtigte Hoffnungen, dass Capello dem Team für die WM einen Schub geben könnte. Doch während des Turniers zeigte sich die altbekannte Ideen- und Leidenschaftslosigkeit, die in den letzten Jahren kennzeichnend für die Three Lions geworden ist.

Dabei gelingt es vor allem den Top-Stars nicht, die Leistungen, die sie wöchentlich für ihre Vereine auf den Platz bringen, abzurufen. Ein Frank Lampard, der für Chelsea in der abgelaufenen Saison 22 Tore erzielen konnte, war nicht mehr als ein Mitläufer und konnte keine Akzente setzen. Auch ein Gerrard und ein Rooney blieben über weite Strecken blass. Vor allem Lampard und Gerrard scheinen zusammen auf dem Platz einfach nicht miteinander zu funktionieren, dies ist nicht erst seit dieser WM offensichtlich. Leider konnte Capello hier den gordischen Knoten nicht durchschlagen.

Nun kommt die Qualifikation zur EM 2012 in Polen und der Ukraine. England trifft hier in Gruppe G auf Bulgarien, Montenegro, die Schweiz und den Nachbarn Wales. Sicherlich keine Todesgruppe, aber auch kein Spaziergang für die Three Lions. Das Team tritt im Vergleich zur WM kaum verändert an. Eigentlich hatte ich erwartet, dass Capello nach dem erfolglosen einen Schnitt macht und versucht, das Team zu verjüngen. Dies wäre vor allem auch für die Fans ein Zeichen des Aufbruchs gewesen. Nun bleibt dieser Schnitt aus und ein Großteil der WM-Fahrer wird sich die Zuneigung der Fans wieder hart erarbeiten müssen. Ganz haarig wird es auf der Torhüter-Position. Während Joe Hart von ManCity sich als neue Nummer eins herauskristallisiert, hat Capello Schwierigkeiten, darüber hinaus noch fähiges Personal aufzustellen. Da Ben Foster und Scott Carson in der Vorbereitung auf das erste Quali-Spiel angeschlagen waren, musste der fünfte(!) Keeper von Arsenal, James Shea, ins Team berufen werden. Ich glaube, das Problem mit den Torhütern wird sich nicht mehr lösen lassen, eher friert die Hölle zu.

Am Samstag geht es in Wembley gegen Bulgarien los. Zu Bulgarien kann ich relativ wenig sagen. In Abwesenheit von Dimitar Berbatov ist Martin Petrov noch einer der bekannteren Namen, der einst für den VfL Wolfsburg spielte. Doch genau das macht das Spiel auch gefährlich für die Engländer, da man Gefahr läuft, einen solchen Gegner nur allzu schnell auf die leichte Schulter zu nehmen. Hier gilt es, gleich ein Ausrufezeichen zu setzen und vor allem engagiert und leidenschaftlich zu Werke zu gehen.

Nächsten Dienstag ist England dann in der Schweiz zu Gast. Die Schweiz konnte als einziges Team bei der WM die Spanier bezwingen. Mit 1:0 konnten die Schweizer das erste Gruppenspiel gegen die Iberer für sich entscheiden. Im entscheidenden Gruppenspiel gegen Honduras wurde das größte Manko der Schweizer deutlich: die fehlende Kreativität. Die Eidgenossen mussten das Spiel gegen tiefstehende Mittelamerikaner selbst machen und kamen über ein 0:0 nicht hinaus. Der Star der Schweiz sitzt auf der Bank und heißt Ottmar Hitzfeld. Hier in Deutschland braucht man sicherlich nicht mehr viele Worte über Hitzfeld verlieren. Die Schweizer sind nominell sicherlich der stärkste Gegner der Engländer. Also, ich bin gespannt, was bei den beiden Spielen für England rausspringt.

Come on England!

3 comments

  1. Tobias (Meine Saison)

    Wurde James Shea denn wirklich nominiert? Ich hatte es eigentlich so verstanden, dass Capello ihn nur im Training eingesetzt hat, weil er außer Hart keinen fitten Torwart hatte und Arsenals Reserveteam gerade nebenan trainiert hat? Wenn er aber wirklich auch der Bank gesessen hat, dann wäre das schon ziemlich übel…

    5. September 2010 bei 11:17 Antworten

  2. Kata

    Hm, ehrlich gesagt, galt England nach der Quali für mich als einer der ‚heimlichen‘ Favoriten, Und man mag hier fachsimpeln wie man lustig ist, aber es scheint wohl immer ein großes Rätsel bleiben, warum England in den entscheidenden Spielen immer wieder die gleiche Lethargie überfällt.
    Spieler wie Rooney oder Lampard haben für mich die gleichen Veranlagungen … ein coolen Schuss, aber wenig Kreativität. Dafür haben sie ja in ihren Vereinen Drogba, Anelka & Co.
    Schon Beckenbauer prophezeite den Three Lions einen Leistungsabfall unter Capello, was sich zur WM dann auch bewahrheitete.
    Viel zu viele Freiräume, viel zu wenig Kreativität, viel zu wenig ‚junge‘ Spieler, obwohl ich ja immer noch der Meinung, die Mischung macht’s.
    Warum Capello nun trotzdem weiterhin den Trainerposten bis 2012 besetzt, zeigt doch nur, dass man auch hier wenig experimentierfreudig ist … ja sich eigentlich weiterhin in der Lethargie wohl zu fühlen scheint.

    5. September 2010 bei 15:05 Antworten

  3. Stephen

    @Tobias: Ja, das habe ich wohl im Wahn in den falschen Hals bekommen. Mea culpa. Obwohl es eigentlich zu Englands Torwart Problemen passen würde. Aber im Testspiel gegen Ungarn letzten Monat saßen der U21-Keeper von Watford, Scott Loach, und der vierte Keeper von Blackburn, Frankie Fielding, auf der Bank. Testspiel hin, Testspiel her, das war schon hart. 🙂

    @Kata: Kreativität ist meiner Meinung nach gar nicht das Hauptproblem. Vor allem fehlt es zunächst einmal an klassichen englischen Tugenden wie Kampf, Leidenschaft, Laufen. Vor allem defensiv begnügt man sich zu oft, nur das Trikot spazieren zu tragen. Naja, am Alter hat es meiner Meinung nach nicht gelegen. Mangelndes Engagement, fehlender Wille und taktische Naivität gerade im Spiel gegen Deutschland haben den Engländern das Genick gebrochen. Mal sehen, das 4:0 gegen Bulgarien war ja ein guter Start in die Quali.

    5. September 2010 bei 22:29 Antworten

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