Monthly Archives: Oktober 2010

Unvermögen

Das Spiel gegen den 1. FC Nürnberg fing erstmal mit einem kleinen Schock an, da sowohl Clemens Fritz als auch Petri Pasanen ausfielen und so Wesley die Linksverteidiger-Position zuteil wurde. Vor der Abwehr spielten Frings und Bargfrede, im offensiven Mittelfeld Marin und Arnautovic. Pizarro gab die hängende Spitze, während Hugo Almeida ganz vorne drin stand. Klaus Allofs meinte nach dem Spiel in München, die Mannschaft müsse das Positive aus der Partie mitnehmen. Und in den ersten 30 Minuten schien die Mannschaft dies auch zu tun. Nach gerade einmal 5 Minuten traf Almeida zum 1:0 für die Grün-Weißen und auch danach setzte man die Clubberer weiter unter Druck. Die wirkten mitunter wie ein angeknockter Boxer, doch leider verpassten es die Bremer, den entscheidenden Schlag auszuteilen. Nach spätestens 30 Minuten fand Nürnberg besser ins Spiel und konnte sich aus dem Würgegriff der Bremer befreien. Kurz vor dem Halbzeitpfiff gelang dem Team von Dieter Hecking dann der Lucky Punch. Ein Einwurf auf der linken Bremer Abwehrseite landet im Strafraum bei Julian Schieber, der Prödl mit einem Bauerntrick aussteigen lässt und Gündogan bedient.

In der zweiten Hälfte fällt das 1:2 wenige Minuten nach dem Wiederanpfiff, als Silvestre auf links erst den Zweikampf kurz vor der Mittellinie nicht gewinnt und dann nicht schnell genug wieder zurück ist. Spätestens das 1:2 bricht der Mannschaft das Genick. Ab da geht nichts mehr zusammen. Schaaf nimmt Silvestre und Bargfrede runter und löst schon eine halbe Stunde vor Spielende die Viererkette auf und lässt eine Dreierkette antreten. Leider kann die Mannschaft keinerlei Druck aufbauen, der zu wirklich gefährlichen Szenen geführt hätte. Am Ende fängt sich das Team noch das 1:3. Das Erschreckende an der Szene war für mich, dass einzig Frings irgendwelche Anstalten gemacht hat, die drei Schüsse aufs Tor, die die Nürnberger brauchten, zu verhindern. Die anderen Spieler schauen sich das Treiben seelenruhig an. Das 2:3 durch Claudio Pizarro kommt zu spät.

Leider hat sich die Mannschaft (wie auch gegen München im Pokal) das Leben selbst schwer gemacht. Vorne wurden auch die besten Chancen nicht genutzt oder Angriffe nicht konsequent zu Ende gespielt und hinten sorgten individuelle Fehler für die beiden ersten Gegentore. Es lässt mich als Fan immer wieder gleichermaßen sprachlos und wütend zurück, wenn ich sehe, wie das Team sich alles mit dem Arsch wieder einreißt, was man sich aufgebaut hat. Vor allem finde ich es auch zweifelhaft, dass Pizarro nach dem Gladbach-Spiel irgendwas von Titel gefaselt hat. Er sollte langsam wissen, dass man lieber einfach mal die Kampfansagen dann bringt, wenn man diese auch vorher und nachher mit Leistung unterfüttern kann. Die Mannschaft hat kaum Zeit zur Erholung, denn am Dienstag steht das „Do or Die“-Spiel gegen Twente Enschede in der Champions League an. Mein Optimismus der letzten Tagen ist mit dem gestrigen Spiel wieder verflogen und die Frage lautet nun: „Quo vadis, Werder?“. Die Mannschaft zeigt ihre zwei Gesichter in immer kürzeren Abständen und lässt selbst über 90 Minuten jegliche Konstanz vermissen.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Das bittere Aus im Pokal gegen die Bayern war schmerzhaft, aber es gibt viel Positives mitzunehmen aus der Partie. Gerade die Tatsache, dass die Mannschaft sich zahlreiche Gelegenheiten erspielt hat, ist so ein Positivum. Natürlich hätten Arnautovic und Prödl auch mal eine der Chancen machen können (bzw. der Weiner mal nicht dieses Phantomfoul von Prödl an Badstuber pfeifen sollen), aber immerhin hatten wir diese Chancen und gerade die Dinger von Arno waren teils sehr gut herausgespielt. Auch defensiv war das sicherer als so manches Mal in dieser Saison. Beim 1:1 macht Wesley auf außen die Winkerkrabbe und verpennt es, aufzurücken und das 1:2 ist so ein Sonntagsschuß, wie er nicht alle Tage vorkommt. Und Schaaf hatte nach der Partie recht, als er feststellte, dass man sich selber geschlagen habe. Wir haben nicht gegen einen deutlich besseren Gegner einen aufs Dach bekommen, sondern es versäumt, die Klasse-Chancen, die wir hatten, zu nutzen. Ob die Niederlage damit nun unverdient ist, sei einmal dahingestellt, denn für eine verdiente Niederlage gibt es genauso wenig Punkte wie für eine unverdiente bzw. in diesem Fall scheidet man im Pokal aus.

Was auch gefällt, ist die Tatsache, dass sich allmählich eine Formation und das dazugehörige Personal herauskristallisieren. Am Dienstag spielte Werder mit einem 4-2-3-1 mit Pizarro als Sturmspitze, Arno links und Marin rechts im Mittelfeld, während Wesley die zentrale Position besetzte. Hunt kann eine der Positionen übernehmen, wenn Bedarf ist und Wesley kann eine der beiden 6er-Positionen einnehmen. Solange alle fit und gesund sind, ist Almeida der Verlierer in diesem System. Trotz seiner bisher fünf Saisontreffer, scheint Schaaf lieber auf Pizarro zu setzen, wenn dieser fit ist. Man darf gespannt sein, wie sich das langfristig auf die Vertragsverhandlungen mit dem Portugiesen auswirkt.

Mit einem Dreier im Spiel morgen gegen die Clubberer können die Bremer noch weiter nach vorne marschieren. Platz drei ist derzeit nur zwei Punkte entfernt und das ist angesichts der bisher mauen Saison beachtlich. Das zeigt, dasss diese Saison viele Teams ihren eigenen Ansprüchen hinterherlaufen (Bayern, Schalke, Wolfsburg). Letzte Saison gab es zu Hause einen 3:2-Sieg gegen Nürnberg, bei dem das „Highlight“ die Rote Karte gegen Torsten Frings war, die es für rein gar nichts gab. Ich erwarte einen unangenehmen Gegner, der diszipliniert spielen wird und immer wieder Nadelstiche per Konter setzt. Da heißt es, Geduld zu wahren und die Nürnberger nicht zu viele Räume für Konter zu geben.

Forza SVW!

„Vergiss nicht diese Tage“

Vor ein paar Wochen habe ich online gesehen, dass eine Biografie über Robert Enke zu Ende September erscheinen sollte. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen, da ich mit einem Buch gerechnet habe, das noch schnell zum 1. Todestag von Enke erscheinen soll und dessen Erkenntniswert sich doch arg in Grenzen hält. Doch als ich las, dass Ronald Reng die Biografie geschrieben hatte, legte sich die Skepsis wieder. Denn ich habe bisher zwei Bücher von ihm gelesen und „Der Traumhüter“ halte ich für ein exzellentes Buch. Also, habe ich einige Tage später am Bahnhofskiosk zugegriffen, als dort „Robert Enke – Ein allzu kurzes Leben“ in der Auslage zu finden war.

Ronald Reng war mit Enke befreundet und schon früh beschied Enke seinem Freund, dass die beiden irgendwann einmal zusammen ein Buch über das Leben des Keepers schreiben werden. Wenn man so will ist dieses Buch nun also die Ausführung von Enkes Willen, auch wenn er daran nicht mehr selbst mitarbeiten konnte.

Reng beschreibt die Karriere von Robert Enke, sein Debüt in der ersten Liga als Gladbacher, der Wechsel nach Benfica und anschließend nach Barcelona sowie seinen Weg zurück nach Deutschland. Dabei nähert er sich der Person Robert Enke sehr behutsam und versucht den Menschen einen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt von Enke zu geben. Er beschreibt den Druck und auch die Ängste, mit denen Torhütern leben müssen,  da ein Fehler fast immer ein Gegentor zur Folge hat. Dabei hilft es sicherlich auch, dass Reng selbst früher als Torhüter aktiv war. Enke war ein eher ruhiger und nachdenklicher Typ, kein Schreihals und Selbstdarsteller wie bspw. ein Kahn oder auch unser aller Lieblings-Wiese. Er lehnte es ab, öffentlich zu den Leistungen seiner Kontrahenten Stellung zu beziehen und ließ sich nicht in Verbalgefechte à la Kahn vs. Lehmann reinziehen. Stattdessen versuchte er, mit seiner Leistung auf dem Platz zu überzeugen.

Neben den relativ intimen Einblicken in das Leben von Robert Enke, die Reng dank seiner engen Beziehung auch zu Teresa Enke erhielt und die er auch dem Umstand verdankt, dass er die Tagebücher von Robert Enke lesen durfte, ist es ein großer Verdienst des Buches, dass es einen Einblick in das Seelenleben eines Depressiven gewährt. Als Enke am 10. November letzten Jahres Suizid beging, gab es viel Fassungslosigkeit und auch viel Unverständnis, warum ein Mann, der scheinbar alles hatte, an Depressionen erkranken konnte und sich letztlich von einem Zug überrollen ließ. Reng zeigt, wie Enke in seiner Zeit beim FC Barcelona seine erste depressive Phase hatte, sich aber nach einiger Zeit und unter Hilfe von Fachärzten wieder aus dem seelischen Tief befreien konnte. Erst Jahre später sollte noch eine weitere depressive Phase folgen, welche dann zu dem Suizid führte. Dabei wird beschrieben, dass es eben kein „Freitod“ war, denn schwer depressive Menschen töten sich nicht aus freien Stücken, sondern deshalb, weil ihr Wahrnehmungshorizont derart verengt ist, dass sie den Tod als einzigen Ausweg sehen. Zudem wird deutlich, dass Depressionen eine heimtückische Krankheit sind, da sie auch ohne erkennbaren Auslöser auftreten können und zwischen den depressiven Phasen oft auch Jahre liegen, in denen der Betroffene völlig normal leben kann.

Ronald Reng vermeidet es, in seinem Buch nach Schuldigen zu suchen und klagt weder „das Fußballgeschäft“ noch Trainer, Manager, Fans oder Kollegen für ihr Verhalten an. Eben weil es bei Depressionen kein einfaches Ursache-Wirkung-Schema gibt. Stattdessen zeigt er die Person Robert Enke auf beeindruckend gefühlvolle Weise mit all seinen Stärken aber auch Schwächen und zeichnet sein Leben mit der Krankheit nach, welches sehr viele Momente des Glücks aufweisen kann. Ein sehr lesenswertes Buch, welches ich nur weiterempfehlen kann.

Werder verliert 1:2 in München

Nach zuletzt zwei Finalteilnahmen in Folge ist der DFB-Pokal für Werder in dieser Saison bereits beendet. Bremen verlor gegen Bayern München unglücklich mit 1:2.

Nach der frühen Führung durch Claudio Pizarro glich Bastian Schweinsteiger Mitte der ersten Halbzeit aus. Im zweiten Durchgang vergaben die Bremer dann gleich mehrfach gute Tormöglichkeiten,  bis schließlich erneut Schweinsteiger mit einem fulminanten Distanzschuss das Aus für die Elf von Schaaf besiegelte. Schade!

Heute abend gilt es!

Die nächsten beiden Spiele in der CL-Gruppenphase gegen Twente werden entscheidend für den weiteren Fortgang der Saison auf europäischer Bühne sein. Dabei sehe ich es ähnlich wie Lars im Werderblog: ich will gar keine Rechenspiele anfangen, sondern 6 Punkte aus den beiden Partien. Das wird schon schwierig genug, denn a) ist Werder offenkundig nicht in allerbester Verfassung und b) konnte der ruhmreiche SVW bisher keine der 6 Partien in Holland gewinnen, die man im Laufe der Jahre schon bestreiten musste. Wird Zeit, dass die Serie reißt.

Ich bin gespannt auf die Aufstellung von Werder. Zwei Stürmer oder doch lieber einer? Ich würde ja lieber zwei Stürmer sehen, doch glaube ich, dass Schaaf eher ein 4-2-3-1 spielen lässt. Bleibt dann die Frage, wer ganz vorne ran darf. Übrigens kann ich schonmal den Live-Blog bei Tobias drüben empfehlen, wenn ich es schaffe, hänge ich da nachher auch ab. 🙂

Daher: Forza SVW!!

Özil-Mania

Nennt mich einen ollen Neidhammel oder eine beleidigte Leberwurst, aber langsam geht mir der Özil-Hype mächtig auf die Nüsse. Neulich bin ich mal wieder rüber zu bild.de, um mich über die neuesten Entwicklungen im Bereich der Nazi-Alien-Ufos zu informieren. Da stolperte ich dann über eine Eloge über einen Zauberpass von Özil im letzten Spiel von Real Madrid gegen Malaga. In Erwartung eines genialen Hackentricks, eines No-Look-Passes oder einer passgenauen Flanke über mindestens 60 Meter, schaute ich mir das dazugehörige Video an. Den Assist kann man in der Kurzversion auch hier anschauen. Sehen kann man hier, wie sich Özil in den gegnerischen Strafraum wieselt, und dann den Ball querlegt auf C. Ronaldo, der aus ca. 10m locker einnetzt. Ein guter Ableger auf den besser postierten Mann, der aber keinesfalls das Prädikat „Zauber-Vorlage“ verdient. Selbst C. Ronaldo ist ganz wuschig ob der Pass-Künste seines neuen Mannschaftskollegen.

Davor war mir das schon im Länderspiel Deutschland – Türkei aufgefallen. Die Namen Özil, Khedira und Real Madrid wurden von Réthy immer wieder ins Mikrofon gehaucht und man konnte förmlich merken, wie ihn ein wohliger Schauer durchfuhr. Jeder Aktion war Weltklasse, jeder gewonnene Zweikampf von Khedira ein brillianter Einsatz des Neu-Madrilenen und jedem Pass von Mesut haftete der Ruch des „weißen Ballets“ an. Alles wird nur noch überhöht, seitdem beide für den vermeintlich größten, besten und schönsten Club dieses unseren Planeten kicken. Dabei machte Özil in meinen Augen ein gutes und ordentliches Spiel, war aber weit davon entfernt, völlig überragend zu sein. Zudem habe ich nichts gesehen, was man nicht auch bei Werder hätte beobachten können, wo er statt C. Ronaldo und Higuain eben Hunt oder Pizarro in Szene setzte. Doch damals war das hysterische Geschreie nicht zu hören.

Die Euphorie kennt scheinbar keine Grenzen, jede gelungene Aktion wird zum Ausdruck der Weltklasse hochgejazzt. Der Wechsel zweier Nationalspieler zu den Königlichen und die Tatsache, dass diese hier sogar einen gewichtigen Part spielen dürfen (anders als Christoph „Lazarett“ Metzelder) führt zu einer nie gekannten Unterwürfigkeit der Sportjournalisten, die nun jeden Pups zu einer Sinfonie hochsterilisieren. Endlich sind deutsche Spieler wieder Leistungsträger bei einem Verein von Weltformat, diese Botschaft schwingt immer wieder mit. Wie lange mussten wir denn auch warten? Lang sind sie her, die Zeiten von Brehme, Klinsi und Loddar, die dereinst die Geschicke von Inter lenkten. Und nun „Hail to the kings“, werte Leser! Ich bin dann auch wieder ruhig mit meinem dauernden Gemecker!