Özil-Mania

Nennt mich einen ollen Neidhammel oder eine beleidigte Leberwurst, aber langsam geht mir der Özil-Hype mächtig auf die Nüsse. Neulich bin ich mal wieder rüber zu bild.de, um mich über die neuesten Entwicklungen im Bereich der Nazi-Alien-Ufos zu informieren. Da stolperte ich dann über eine Eloge über einen Zauberpass von Özil im letzten Spiel von Real Madrid gegen Malaga. In Erwartung eines genialen Hackentricks, eines No-Look-Passes oder einer passgenauen Flanke über mindestens 60 Meter, schaute ich mir das dazugehörige Video an. Den Assist kann man in der Kurzversion auch hier anschauen. Sehen kann man hier, wie sich Özil in den gegnerischen Strafraum wieselt, und dann den Ball querlegt auf C. Ronaldo, der aus ca. 10m locker einnetzt. Ein guter Ableger auf den besser postierten Mann, der aber keinesfalls das Prädikat „Zauber-Vorlage“ verdient. Selbst C. Ronaldo ist ganz wuschig ob der Pass-Künste seines neuen Mannschaftskollegen.

Davor war mir das schon im Länderspiel Deutschland – Türkei aufgefallen. Die Namen Özil, Khedira und Real Madrid wurden von Réthy immer wieder ins Mikrofon gehaucht und man konnte förmlich merken, wie ihn ein wohliger Schauer durchfuhr. Jeder Aktion war Weltklasse, jeder gewonnene Zweikampf von Khedira ein brillianter Einsatz des Neu-Madrilenen und jedem Pass von Mesut haftete der Ruch des „weißen Ballets“ an. Alles wird nur noch überhöht, seitdem beide für den vermeintlich größten, besten und schönsten Club dieses unseren Planeten kicken. Dabei machte Özil in meinen Augen ein gutes und ordentliches Spiel, war aber weit davon entfernt, völlig überragend zu sein. Zudem habe ich nichts gesehen, was man nicht auch bei Werder hätte beobachten können, wo er statt C. Ronaldo und Higuain eben Hunt oder Pizarro in Szene setzte. Doch damals war das hysterische Geschreie nicht zu hören.

Die Euphorie kennt scheinbar keine Grenzen, jede gelungene Aktion wird zum Ausdruck der Weltklasse hochgejazzt. Der Wechsel zweier Nationalspieler zu den Königlichen und die Tatsache, dass diese hier sogar einen gewichtigen Part spielen dürfen (anders als Christoph „Lazarett“ Metzelder) führt zu einer nie gekannten Unterwürfigkeit der Sportjournalisten, die nun jeden Pups zu einer Sinfonie hochsterilisieren. Endlich sind deutsche Spieler wieder Leistungsträger bei einem Verein von Weltformat, diese Botschaft schwingt immer wieder mit. Wie lange mussten wir denn auch warten? Lang sind sie her, die Zeiten von Brehme, Klinsi und Loddar, die dereinst die Geschicke von Inter lenkten. Und nun „Hail to the kings“, werte Leser! Ich bin dann auch wieder ruhig mit meinem dauernden Gemecker!

6 comments

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  2. Tobias (Meine Saison)

    Ach, du bist ja bloß neidisch, dass eure Nationalmannschaft keine solchen Spieler hat… 😉

    Mir geht die Hochjubelei auch ein bisschen auf die Nerven. Özil und Khedira spielen ja wirklich gut bei Real, aber ein Mindestmaß an journalistischer Distanz sollte man doch schon erwarten dürfen. Vor gar nicht so langer Zeit wurden ausschließlich ausländische Spieler von deutschen Kommentatoren über den grünen Klee gelobt, heute bekommen sie feuchte Hände, wenn sie Real Madrid und Mesut Özil in einem Satz sagen dürfen.

    Davon ab: Wenn man bedenkt, wie viele Werderfans Özil viel Spaß auf Reals Ersatzbank gewünscht haben, schlägt er sich bislang erstaunlich gut. Natürlich ist es noch etwas früh zu beurteilen, aber zumindest sportlich scheint der Wechsel für ihn zum richtigen Zeitpunkt gekommen zu sein. Was die persönliche Entwicklung angeht ist es schwer zu sagen, doch auf mich wirkt es so, als ob Özil das ganze Drumherum ziemlich gut ausblenden kann. Ganz im Gegensatz zu gewissen anderen deutschen Nationalspielern…

    20. Oktober 2010 bei 08:58 Antworten

  3. borttronic

    Stephen, Du hast Recht. Mir geht das auch alles ziemlich auf den Nerv. Nicht, dass ich Özil und Khedira das nicht gönnen würde, aber besonders Özil war und ist weder bei Werder noch bei der Nationalmannschaft noch bei Real Madrid einer der prägenden Figuren oder derjenigen, die ein Spiel lenken. Das sollte man bei aller Lobhudelei nicht vergessen.

    Noch ist er kein Heilsbringer.

    Aber schön ist es trotzdem, dass zwei deutsche Spieler wieder bei Madrid eine tragende Rolle spielen.

    20. Oktober 2010 bei 09:42 Antworten

  4. Stephen

    @Tobias: Ja, ich muss gestehen, dass ich Özil nicht so schnell eine tragende Rolle bei Real zugetraut habe. Vor allem scheint er auch die Belastung der WM nicht zu spüren. Ich glaube, dass bei vielen deutschen Beobachtern des Fußballs das Hirn aussetzt, sobald der Name Real Madrid fällt. Alleine schon das Brimborium als Metzelder nach Schalke kam und als Real-Star gefeiert wurde. Das er in drei Jahren nur 23(?) Spiele gemacht hatte, das wurde geflissentlich übersehen.

    @borttronic: Ich gönne das Khedira und Özil ja auch, aber zumindest in Bezug auf Özil habe ich noch nix gesehen, was er nicht auch bei Bremen gebracht hätte. Natürlich ist Real der größere Name und natürlich hat er da ein Starensemble um sich herum, aber die Sachen, die er macht, macht er ja nicht erst seit seinem Wechsel.

    Ich glaube, dass Özil nie ein Spieler sein wird, der ein Spiel wirklich von vorne bis hinten dominiert. Er setzt Akzente, hat geniale und auch spielentscheidende Szenen, aber das er ein richtiger Spiellenker ist, glaube ich eher nicht.

    20. Oktober 2010 bei 10:06 Antworten

  5. Conti

    Wobei man fairerweise anmerken muss: Den Artikel den ich über Özil und dieses SPiel gelesen habe (ich glaube es war SZ) hebt vor allen den Ballgewinn Özils hervor. Der Pass ist ja mehr ein Witz und vorher vertändelt er ja sogar fast den Ball im Strafraum. Aber defensivzweikämpfe waren ja nun nicht gerade Özils Stärke. INsofern freue ich mich für die NM doch schon sehr darüber, dass wir zwei SPieler haben, die unter „the special one“ spielen. Vielleicht bringt er ihnen auch noch bei wie man Barca, äh, die spanische NM besiegt.

    Ich habe mir außerdem mal auf YT die ersten Spiele von Özil bei Real angeguckt. Da war dann doch verdammt viel Mist und viele schlechte Ballanahmen dabei. Das hat sich glaube ich schon ziemlich gelegt. Und der Junge ist auch erst 22.

    Also ehrlich, ich finde das ziemlich beeindruckend. Auch wenn du mit der Manie im Grunde recht hast. Aber nach der WM muss es ja jetzt so weiter gehen…

    20. Oktober 2010 bei 19:31 Antworten

  6. Stephen

    @Conti: Für die NM ist mir das egal und es geht mir auch gar nicht darum, Özil oder Khedira schlecht zu machen. Mir geht nur dieses völlig hysterische auf den Zeiger, was sich gerade in der Berichterstattung zu Özil zeigt. Tobi hat schon recht: bis vor kurzem war jeder Spieler aus dem Ausland der absolute Superstar, wenn er geradeaus laufen konnte. Gerade Transfers von älteren Spielern in die BuLi werde da ohne Sinn und Verstand abgefeiert. „Weltmeister Camoranesi“, anyone? Da schwingt irgendwie ein eigenartiger Minderwertigkeitskomplex im Bezug auf die eigene Liga mit.

    Um bei Özil zu bleiben, hat man das Gefühl, die deutschen Journalisten würden die völlig übertriebenen Lobhudeleien der Real Madrid-nahen Zeitungen einfach übernehmen, ohne sich ein eigenes Urteil zu bilden.

    21. Oktober 2010 bei 10:42 Antworten

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