„Vergiss nicht diese Tage“

Vor ein paar Wochen habe ich online gesehen, dass eine Biografie über Robert Enke zu Ende September erscheinen sollte. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen, da ich mit einem Buch gerechnet habe, das noch schnell zum 1. Todestag von Enke erscheinen soll und dessen Erkenntniswert sich doch arg in Grenzen hält. Doch als ich las, dass Ronald Reng die Biografie geschrieben hatte, legte sich die Skepsis wieder. Denn ich habe bisher zwei Bücher von ihm gelesen und „Der Traumhüter“ halte ich für ein exzellentes Buch. Also, habe ich einige Tage später am Bahnhofskiosk zugegriffen, als dort „Robert Enke – Ein allzu kurzes Leben“ in der Auslage zu finden war.

Ronald Reng war mit Enke befreundet und schon früh beschied Enke seinem Freund, dass die beiden irgendwann einmal zusammen ein Buch über das Leben des Keepers schreiben werden. Wenn man so will ist dieses Buch nun also die Ausführung von Enkes Willen, auch wenn er daran nicht mehr selbst mitarbeiten konnte.

Reng beschreibt die Karriere von Robert Enke, sein Debüt in der ersten Liga als Gladbacher, der Wechsel nach Benfica und anschließend nach Barcelona sowie seinen Weg zurück nach Deutschland. Dabei nähert er sich der Person Robert Enke sehr behutsam und versucht den Menschen einen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt von Enke zu geben. Er beschreibt den Druck und auch die Ängste, mit denen Torhütern leben müssen,  da ein Fehler fast immer ein Gegentor zur Folge hat. Dabei hilft es sicherlich auch, dass Reng selbst früher als Torhüter aktiv war. Enke war ein eher ruhiger und nachdenklicher Typ, kein Schreihals und Selbstdarsteller wie bspw. ein Kahn oder auch unser aller Lieblings-Wiese. Er lehnte es ab, öffentlich zu den Leistungen seiner Kontrahenten Stellung zu beziehen und ließ sich nicht in Verbalgefechte à la Kahn vs. Lehmann reinziehen. Stattdessen versuchte er, mit seiner Leistung auf dem Platz zu überzeugen.

Neben den relativ intimen Einblicken in das Leben von Robert Enke, die Reng dank seiner engen Beziehung auch zu Teresa Enke erhielt und die er auch dem Umstand verdankt, dass er die Tagebücher von Robert Enke lesen durfte, ist es ein großer Verdienst des Buches, dass es einen Einblick in das Seelenleben eines Depressiven gewährt. Als Enke am 10. November letzten Jahres Suizid beging, gab es viel Fassungslosigkeit und auch viel Unverständnis, warum ein Mann, der scheinbar alles hatte, an Depressionen erkranken konnte und sich letztlich von einem Zug überrollen ließ. Reng zeigt, wie Enke in seiner Zeit beim FC Barcelona seine erste depressive Phase hatte, sich aber nach einiger Zeit und unter Hilfe von Fachärzten wieder aus dem seelischen Tief befreien konnte. Erst Jahre später sollte noch eine weitere depressive Phase folgen, welche dann zu dem Suizid führte. Dabei wird beschrieben, dass es eben kein „Freitod“ war, denn schwer depressive Menschen töten sich nicht aus freien Stücken, sondern deshalb, weil ihr Wahrnehmungshorizont derart verengt ist, dass sie den Tod als einzigen Ausweg sehen. Zudem wird deutlich, dass Depressionen eine heimtückische Krankheit sind, da sie auch ohne erkennbaren Auslöser auftreten können und zwischen den depressiven Phasen oft auch Jahre liegen, in denen der Betroffene völlig normal leben kann.

Ronald Reng vermeidet es, in seinem Buch nach Schuldigen zu suchen und klagt weder „das Fußballgeschäft“ noch Trainer, Manager, Fans oder Kollegen für ihr Verhalten an. Eben weil es bei Depressionen kein einfaches Ursache-Wirkung-Schema gibt. Stattdessen zeigt er die Person Robert Enke auf beeindruckend gefühlvolle Weise mit all seinen Stärken aber auch Schwächen und zeichnet sein Leben mit der Krankheit nach, welches sehr viele Momente des Glücks aufweisen kann. Ein sehr lesenswertes Buch, welches ich nur weiterempfehlen kann.

4 comments

  1. Kata

    Danke Stephen, dass Du dieses sensible Thema nochmal aufgegriffen hast. 🙂
    Musste auch ein bisschen überlegen, ob ich dazu nochmal etwas schreibe …
    Ich kann mich noch daran erinnern, dass Sebastian Deissler ein 3/4 Jahr zuvor in etwaigen Fußballforen für sein Buch bzgl. seiner Depressionen mehr Häme und Spott erntete, als Verständnis. Und um so trauriger ist es, dass erst ein Robert Enke den für sich letzten Schritt machen musste, damit diese Krankheit „Salonfähig“ wurde … aber leider auch nur für eine relativ kurze Zeit. Ich persönlich kann die Angst von Enke komplett nachvollziehen.
    Depressionen sind ja nicht nur genetisch bedingt, sondern finden ihren Ursprung auch in Ereignissen, die schon sehr lange zurück liegen … z.B. durch Kindheitstraumata oder enormen Leistungsdruck und fest in unserem Unterbewusstsein verankert bleiben.
    Es betrifft ja nicht nur Leistungssportler, sondern jeden Teil in unseren Gesellschaft.

    Leider ist es nun mal so, dass die meisten mit diesem unsichtbaren Mysterium nichts anfangen können/wollen, weil es nicht greifbar ist, davor auch Angst haben … während Menschen mit körperlichen Defiziten eher auf Verständnis und Mitleid stoßen.
    Nur welche Höchstleistung Menschen mit Depressionen vollbringen, um nach außen hin als ’normal‘ zu gelten und sich keine Schwächen anmerken lassen, weil es diese in unserer heutigen Gesellschaft einfach nicht geben ‚darf‘ ist schon fast abartig. Erschwerend hinzu kommt, dass sie zusätzlich mit dieser Angst leben, ausgegrenzt zu werden, Rückzüge von Freunden zu erfahren bzw. dass man ‚verraten‘ wird von denjenigen, denen man sich anvertraute.

    Aber der Mensch vergisst relativ schnell … und viel zu schnell fanden auch wiederum Parolen im Stadion ihren Platz, wie: „Ich habe bezahlt …. Du Millionär da unten hast zu kämpfen!“ Daraus gelernt haben wohl die wenigsten.
    Ich werde das Buch auf jeden Fall lesen.

    28. Oktober 2010 bei 21:02 Antworten

  2. Stephen

    Das Buch über Deisler hatte ich auch gelesen, auf einen Besuch in den Foren hatte ich damals freiwillig verzichtet. Ich weiß noch, dass wir damals einen kurzen Beitrag zu Enkes Tod auf dem Werderblog hatten, aber irgendwann mussten wir die Kommentare schließen, weil solche Geschichten immer wieder dazu verleiten, seine geistige Armut unter Beweis zu stellen.

    Letztlich habe ich auch mit nichts anderem gerechnet, als einer Rückkehr zur vermeintlichen Normalität in der Bundesliga. Die ganzen warmen Worte damals auf der Trauerfeier, wo man mehr Menschlichkeit und ein besseres Miteinander gelobte waren doch eher diesem einschneidenden Moment geschuldet. Glaube nicht, dass Zwanziger und Co. wirklich daran geglaubt haben, dass sich da dauerhaft etwas ändert. Jedenfalls nicht über den Moment der Trauerfeier hinaus.

    Besonders traurig fand ich, dass sich neulich noch Martin Kind dazu berufen fühlte, die Frage in den Raum zu stellen, ob Enkes Umfeld nicht mehr hätte tun können, um seinen Suizid zu verhindern. Bedenklich ist sowas schon ob der Tatsache, dass sich das Umfeld wohl jeden Tag selbst diese Frage stellt, was man hätte tun können, um es zu verhindern. Hier hätte Kind lieber einfach sein dummes Mundwerk geschlossen halten sollen. Schade, dass er das nicht getan hat.

    29. Oktober 2010 bei 11:25 Antworten

  3. Kata

    Yep, bzgl. Kind – hatte das Interview gesehen, mach ihm aber deshalb nicht unbedingt einen Vorwurf … weil er diese Krankheit wie die meisten auch einfach nicht versteht.
    Ich denke, er hat damit nochmal seine Hilflosigkeit im Umgang mit diesem Phänomen zum Ausdruck gebracht, wenn auch etwas sehr ungeschickt.

    29. Oktober 2010 bei 19:34 Antworten

  4. Pingback: Going on a rant - Double Think

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