Monthly Archives: März 2012

Unentschuldigtes Fehlen

Nach dem 0:1 in Berlin ist meine Lust, diese Nicht-Leistung mit einem Blogbeitrag zu adeln, nicht besonders hoch. Man könnte stundenlang die Fehler analysieren, sich über Spielaufbau und taktische Finessen unterhalten, doch am Ende bin ich einfach nur entsetzt über die Leidenschaftslosigkeit, mit der die Mannschaft in Berlin aufgetreten ist. Ein Glücksschuss reichte den Herthanern zum Sieg, die im Spiel selbst viele Fehler und ein gerüttelt Maß an Verunsicherung zeigten. Sobald Bremen in die Nähe des gegnerischen Strafraums kam, wurden die Knie der Weiß-Blauen weich und auch der Keeper Thomas Kraft wirkte nicht sonderlich souverän in seinen Aktionen. Die Hertha wird sich über den Sieg freuen, doch das Spiel ist in meinen Augen kein besonderer Mutmacher.

Es ist traurig, dass dem Gegner eine solche Leistung gereicht hat, um sich gegen die Bremer durchzusetzen. Die Zahl an Fehlpässen und Stockfehlern war am letzten Samstag Legion und jegliche positiven Ansätze aus den letzten Spielen wurden durch den Grottenkick zur Makulatur. Selbst im Angesicht von solch Ergebnissen wie in Gladbach, München und auf Schalke in der Hinrunde gebe ich Allofs recht, der vom „schlechtesten Spiel der Saison“ sprach. Gerade im Hinblick auf die gezeigte Leistung des Gegners trifft dies zu, denn die Hertha war selbst weit davon entfernt, ein gutes Spiel zu machen.

Mittlerweile fühlt man sich ein wenig wie bei „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Jedem Lichtblick und der anschließenden Hoffnung auf Besserung folgt der nächste Nackenschlag in Form einer unterirdischen Leistung. Und auch wenn in der Hinrunde nicht alles Gold war, so war man zumindest in der Lage, die Spiele gegen die kleineren Gegner positiver zu gestalten, vor allem im heimischen Weserstadion. Zunehmend steht man im Kampf um die internationalen Plätze mit dem Rücken zur Wand, da die Aufgaben in den nächsten Wochen nicht kleiner werden. Die ersten Vier der Liga kommen noch, genauso wie die direkten Konkurrenten um Platz 6 (namentlich Hannover und Stuttgart) und bei den derzeitigen Leistungen braucht man keine besonders pessimistische Einstellung, um zu sehen, dass man weiter nach hinten durchgereicht werden wird.

Der Blick richtet sich auch wieder Richtung Thomas Schaaf. Wie kann es sein, dass eine Mannschaft sich derart präsentiert. Samstag wäre es in meinen Augen egal gewesen, welches System oder welche Spieler (Stichwort: Jugend) auf dem Platz gestanden hätten, denn mit der Arbeitsauffassung hätte man eh keinen Blumentopf gewonnen. Auch hier grüßt der kleine freundliche Nager von oben: immer wenn man denkt, dass Schaaf dem Team neue Impulse gibt und es auch Reaktionen gibt, kommt so ein Spiel um die Ecke und lässt einen ratlos zurück. Ich werde Schaafs Kopf nicht fordern, dass überlasse ich anderen, aber die Fragen nehmen zu. Wenn man nicht im Mittelfeld der Liga landen möchte, dann sind langsam Antworten fällig, denn sonst freuen wir uns am Ende der Saison nur noch über die beiden Derby-Siege gegen den HSV.

Living on the edge

Thomas Pletzinger hat die Basketball-Mannschaft von ALBA Berlin eine Saison lang begleiten dürfen und seine Erlebnisse unter dem Titel “Gentlemen, wir leben am Abgrund” veröffentlicht. Damit ist ihm aus meiner Sicht eines der besten deutschsprachigen Sportbücher gelungen, welches ich hier kurz vorstellen möchte, auch wenn es sich nicht mit Fußball beschäftigt.

ALBA ist eine der Top-Adressen im deutschen Basketball. Die Mannschaft spielt in der knapp 15.000 Zuschauer fassenden O2-World und es geht jedes Jahr darum, um den Titel mitzuspielen. Ich will nicht allzu viel vorwegnehmen, doch die Saison 2010/2011 war für die Berliner eine sehr bewegte, in der das Team Höhen und Tiefen durchlebte, in der Spieler kamen und gingen und sogar der Headcoach ausgetauscht wurde. Durch diesen Umstand wird das Buch deutlich interessanter, da Pletzinger das Team sowohl in guten Zeiten als auch in schlechten Zeiten begleiten durfte.

Pletzinger war selbst Basketballer und lebte als Jugendlicher den Traum vom Profi-Dasein, doch am Ende reichte es nicht für höhere Weihen. Nun ist er Journalist und Schriftsteller und darf in dieser Funktion die Profis auf Ihrem 10-monatigen Weg vom Trainingslager bis zum letzten Playoff-Spiel begleiten. Man merkt einerseits, wie Pletzinger sich dabei seinen Jugendtraum erfüllt, einmal Teil eines Profi-Teams zu sein, auch wenn er nicht aktiv eingreift. Andererseits kann man beim Lesen die Entwicklung Pletzingers vom Außenstehenden hin zu einem Teil des Teams nachvollziehen. Aus „ALBA Berlin“ wird zum Ende hin ein „wir“, die neutrale Beobachtung weicht in den Playoffs einem Mitfiebern.

Die Details aus dem Innenleben einer Profimannschaft sind schon sehr spannend. Es ist interessant zu sehen, wie wenig Glamour am Ende des Tages übrigbleibt, wenn die Mannschaft auf der Heimreise von einem Auswärtsspiel bei einem Fast-Food-Restaurant oder einer Raststätte anhält, um sich zu verpflegen. Man sieht auch sehr deutlich, welches Loch zwischen König Fußball und den anderen Sportarten in Deutschland klafft. ALBA Berlin ist einer der finanzstärksten Clubs der Liga, dennoch übernachtet die Mannschaft in Mittelklasse-Hotels, schlägt sie sich ab und an den Bauch beim Burgerbrater voll und lebt so gar nicht das glamouröse Leben, welches man gemeinhin mit dem Dasein als Sportprofi verbindet. Keine Ferraris, kein Bling-Bling, keine riesigen Anwesen.

Das Buch ist deshalb so stark, weil es die oben genannten Einsichten mit der Liebe des Autors zum Sport verbindet, die in der Beschreibung des Geschehens deutlich zutage tritt. Pletzinger gibtdarüber hinaus tiefe Einsichten in das Funktionieren und Arbeiten einer Profimannschaft und er schafft es, die Charaktere für den Leser greifbar zu machen. Er gibt zudem den Personen im Hintergrund ein Gesicht, beschreibt die Arbeit der Assistenztrainer und zeigt, wie das Management sich mit schweren Entscheidungen schwertut. Es ist keine Heldenverehrungsgeschichte, auch wenn der Autor die anfängliche Distanz zum Ende hin verliert, sondern es vereint Sieg und Niederlage, Euphorie und Ernüchterung, die man als Sportfan, gleich welcher Sportart und welchen Vereins, nur allzu gut kennt. Das Buch kann ich auch Nicht-Basketballern ganz klar empfehlen.