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Same procedure…

England und Elfmeterschießen, eine wirkliche Freundschaft wird aus den beiden nicht mehr (ist jetzt das fünfte gewesen, welches ich gesehen habe: WM 90, EM 96, EM 04, WM 06). Am Ende hauen die beiden Ashleys die Dinger nicht ins Gehäuse und da bei den Italienern nur Montolivo das Runde nicht ins Eckige bekommt, steht Italien im Halbfinale. Das ist ebenso bitte wie vorhersehbar, ich wollte mir das Ende eigentlich auch gar nicht mehr anschauen, aber dann war es wie bei einem schlimmen Unfall: es ist schrecklich, aber man kann die Augen doch nicht vom Geschehen nehmen.

Das Spiel begann sehr munter von beiden Seiten und in den ersten 20-30 Minuten konnten die Engländer immer wieder gute Aktionen nach vorne setzen. Doch im Verlauf des Spiels wurden diese Aktionen immer weniger und in der Verlängerung war von den Three Lions eigentlich nichts mehr zu sehen. Auffällig vor allem die körperlichen Defizite: Rooney wirkte schon nach der ersten Halbzeit stehend KO, während Gerrard sich nach knapp 70 Minuten einen Krampf aus der Wade dehnen ließ. Fit sieht anders aus. Schon vor Ende der regulären Spielzeit war abzusehen, dass England auf einen Lucky Punch hoffte bzw. sich irgendwie ins Elfmeterschießen retten wollte (starke Züge von masochistischem Verhalten offenkundig vorhanden).

Die Italiener machten eine gute Partie, angeführt vom alles überragenden Pirlo. Dennoch waren sie nicht in der Lage, die Überlegenheit auch in Tore umzumünzen. Selbst dann nicht, als die Engländer eigentlich nur noch stehend auf den Gnadenschuss zu warten schienen. Hier verstehe ich nicht, warum Prandelli sowohl Balotelli als auch Cassano so lange auf dem Platz lässt, während ein Di Natale gar nicht erst gebracht wurde. Vor dem hätte ich noch am meisten Angst gehabt. So konnte England mit einer Mischung aus Glück, Einsatz und dem Geschick eines Joe Hart einen Gegentreffer irgendwie vermeiden.

Gestern wurde viel von einem überaus verdienten Sieg der Italiener gesprochen und sicherlich entspricht das auch der Realität, wobei ich diese Kategorisierung immer sinnlos finde. Fußball ist ein Ergebnissport, es gibt keine Punkte für die Einschätzung verdient/unverdient, keine Haltungsnoten wie im Turnsport. Für einen unverdienten Sieg gibt es genauso drei Punkte wie für einen vermeintlich verdienten und umgekehrt gibt es für eine unverdiente Niederlage auch genau null Punkte. Angenommen Wayne Rooney haut den Fallrückzieher in Nachspielzeit der regulären Spielzeit rein: es wäre ein unverdientes Weiterkommen gewesen, sicherlich, aber nichtsdestotrotz ein Sieg. Dieses „unverdient/verdient“ finde ich auch in der BuLi immer ein bisschen befremdlich, denn was kann man sich für eine unverdiente Niederlage kaufen?

Wie soll man das Abschneiden der Engländer nun bewerten? Ich denke, das Turnier zeigt genau auf, wie es um England bestellt ist. Man schlägt die vermeintlich Kleinen und kann sich gegen die Großen ein Unentschieden ermauern. Nicht mehr und nicht weniger. Ich bin erstaunt über die Kommentare, dass der Abstand Englands zur Weltspitze sehr groß ist, weil dieser Umstand doch schon seit Jahren zu sehen ist. In den vergangenen Jahren hat man (im Gegensatz zu diesem Turnier) im Vorfeld immer wie ein Spitzenteam rumgetönt, aber das sollte nicht von der Realität auf dem Platz ablenken. England ist zu einem klassischen Viertelfinalisten geworden, der (auch abhängig der Auslosung) zu den besten acht Mannschaften eines Turniers gehört, aber mehr auch nicht. Ich denke, schon im Vorfeld des Turniers hat man sich in England damit abgefunden, kein wirkliches Top-Team zu sein und diesen Gedanken zu akzeptieren schafft die Voraussetzung dafür, sich um die Defizite zu kümmern. Zwar war es seit langem mal wieder ein wirkliches Team, welches mit Einsatz und Herz verteidigte, aber auf Dauer kann das nicht die Blaupause für einen erfolgreichen Fußball sein.

Man darf gespannt sein, wie die Quali zur WM 2014 in Brasilien angegangen wird. Hodgson wird hoffentlich versuchen, verstärkt auf jüngere Spieler zu setzen und diese an den Kern der Three Lions heranzuführen. Hierzu zählen u.a. Jack Wilshere, Phil Jones, Chris Smalling, Jack Rodwell, Oxlade-Chamberlain oder auch ein Kyle Walker. Hart hat das erste große Turnier mit sehr guten Leistungen absolviert und wird (Verletzungen ausgenommen) auch in den nächsten Jahren die Nummer eins im Kasten sein. Ich hoffe, dass es gelingt, langsam aber stetig diesen Generationenwechsel voran zu treiben und ein Team aufzubauen, dass mittelfristig auch mal weiterkommen kann als das Viertelfinale.

Gruppentherapie

In meiner Vorschau auf das Turnier meinte ich, dass es nicht völlig abwegig wäre, sich ein Ausscheiden der Engländer schon in der Vorrunde vorzustellen. Ein Glück kam es dann doch nicht so, stattdessen konnte man sich in der Gruppe D sogar als Gruppenerster durchsetzt. Hier noch ein kurzer Rückblick auf die Gruppenphase:

Frankreich: Marchons, March on

Es war nicht schön, aber immerhin konnte man ein 1:1 holen. England mit zwei tief stehenden Viererketten und die Franzosen mit wenig Elan und Ideen, um sich dort einmal durchzuspielen. Das 1:0 durch Lescott glich Nasri und anschließend war es ein eher maues Spiel. Man merkte beiden Mannschaften an, das es vor allem darum ging, nicht mit einer Niederlage ins Turnier zu starten. So wurde es zum Ende des Spiels hin mehr zu einem harmlosen Hin- und Hergeschiebe des Balls. England spielte genauso, wie man es im Testspiel gegen Belgien gesehen hatte.

Schweden: Smørebrød

Nach dem mauen Auftakt gegen die Franzosen nun also ein Spiel, welches man nach Möglichkeit gewinnen sollte, wenn man die Gruppe überleben will. Carroll nimmt in Halbzeit den Fahrstuhl in den dritten Stock, um von da oben den Ball per Kopf ins Tor zu ballern. In Halbzeit zwei drehen die Schweden dann das Spiel, erst eine Flipperautomaten-Einlage nach einem Ibrahimovic-Freistoß, bei der Johnson das Recht vorbehalten bleibt, den Ball selbst über die Linie zu drücken. Nur kurze Zeit später dann Olof Mellberg, der per Kopf einnickt. An dem Punkt hatte ich das Spiel eigentlich abgeschrieben, denn an ein Comeback der Three Lions habe ich nicht glauben können.

Doch Hodgson hatte ein glückliches Händchen und brachte One-Trick-Pony Walcott ins Spiel. Erst haut er einen leicht abgefälschten Ball aus 18 Metern ins schwedische Tor bevor er wenig später den Turbo zündet, den schwedischen Verteidiger gefühlt stehen lässt und  das Ding zu Welbeck passt, der ihn per Hacke rein streichelt. Wow, ein Spiel, welches sicherlich nicht durch seine Finesse überzeugte, dafür aber allemal spannend und packend. War in der ersten Halbzeit nicht zu erwarten, als sich beide Mannschaften im klassischen 4-4-2 neutralisierten, aber als die Schweden aufmachten, um zu einem Tor zu kommen, ergaben sich auf beiden Seiten dann endlich die Lücken. Was ich imponierend fand, ist die Art und Weise, wie Ibrahimovic in dem Spiel über den Platz stolzierte. Jeder Pass war Ausdruck des Ekels, mit solchen Dilettanten auf dem Platz zu stehen.

Ukraine: Die Haare Gottes

Das letzte Gruppenspiel findet gegen den Co-Gastgeber statt. England reich ein Unentschieden, während die Ukraine gewinnen muss, um sicher weiterzukommen. Dementsprechend engagiert beginnen die Ukrainer und stellen die Engländer am Anfang des Spiels vor richtige Probleme. Vor allem Iarmolenko macht viel Betrieb vor dem englischen Tor. Doch allzu viele Chancen kommen dabei nicht rum. Spannend wird es dann in der zweiten Halbzeit. Erst erzielen die Engländer das 1:0 durch die Haare Gottes, der eine doppelt abgefälschte Flanke von Gerrard am langen Pfosten einfach nur über die Linie drücken muss. Goalgetter halt. Anschließend dann erst eine dicke Kopfballchance von Milevskiy und  wenig später der Aufreger des Spiels, ach, des Turniers. Devic legt den Ball an Hart vorbei und Terry klärt das Ding spektakulär von der Linie. Naja, so fast, denn in der Zeitlupe sieht man, dass der Ball hinter der Linie war.

Was in der anschließenden Diskussion gerne übersehen wird, ist die Tatsache, dass Milevskiy in der Entstehung des Angriffs deutlich im Abseits stand. Eine gerne genommene Argumentation: beim Abseits wird ständig falsch entschieden und das wäre weit weniger schlimm als das nicht gegebene Tor. Und außerdem hätten die Engländer ja gar kein Abseits reklamiert. An der Szene entzündet sich auch die Diskussion um technische Hilfsmittel im Fußball. Doch die Szene zeigt auch exemplarisch, wie schwer das ist, die Grenze zu ziehen, denn hier begünstigt eine Fehlentscheidung die Entstehung einer weiteren Fehlentscheidung. Doch dieser Aufreger blieb so ziemlich das letzte Highlight der Partie.

Durch die zeitgleiche Niederlage Frankreichs gegen Schweden war damit der Gruppensieg gesichert. Es war nicht schön, aber das war auch vor dem Turnier klar, dass die Engländer hier nicht mit bezauberndem Kombinationsfußball glänzen würden. Von daher hat man die Erwartungen erfüllt und ist darüber hinaus auch noch (bis hierher) erfolgreich damit gewesen und hat die französischen Mitfavoriten hinter sich gelassen.

Bella Italia

Sonntagabend kommt es dann zum Viertelfinalspiel gegen die Italiener. Im Spiel gegen die Spanier und in der ersten Halbzeit gegen Kroatien konnten die Italiener überzeugen. Das Spiel gegen die Iren habe ich nicht gesehen, so kann ich darüber auch keine Aussage treffen. Bisher haben sich die Italiener sehr variabel gezeigt, so dass es interessant sein dürfte, wie sie das Spiel gegen England angehen. Wichtig ist, Pirlo in den Griff zu bekommen, das Hirn des italienischen Spiels. Er ist zwar angeschlagen, aber ich denke schon, dass er gegen England auflaufen wird. Vorne hoffe ich, dass Balotelli spielt. Er wird gg. England bis in die Haarspitzen motiviert sein, denn seitdem er auf der Insel spielt, macht sich die britische Presse einen Spaß daraus, jede seiner Eskapaden auszuschlachten. Und wenn Balotelli motiviert ist, ist er auch gerne mal übermotiviert. Da sollte dann eine rote Karte drin sein bei unserem Kind im Körper eines Sport-Profis.

England wird sich im Vergleich zum Ukraine-Spiel deutlich steigern müssen. Vor allem im Mittelfeld muss sowohl die Arbeit nach hinten besser verrichtet werden, aber auch das Spiel nach vorne muss einfach flüssiger werden, wenn man auch mal Nadelstiche setzen will. Spannend dürfte auch die Frage sein, wen Hodgson vorne neben Rooney bringt. Welbeck wirkte gegen die Ukraine arg schlapp und vielleicht darf Carroll die italienische Innenverteidigung bespaßen.

No expectations

Nur noch 5 Tage bis zum ersten Spiel der Three Lions gegen die Franzosen. Höchste Zeit, einen Blick auf das englische Team und die Aussichten für die EM zu werfen.

Einführung

Gestern hatte ich ja die Entwicklung der Nationalmannschaften aus Deutschland und England seit der EM 2000 beleuchtet. Schaut man sich das Abschneiden der Engländer seitdem an, blieben wirkliche Erfolge aus: WM 2002 – VF, EM 2004 – VF, WM 2006 – VF, EM 2008 – nicht dabei und WM 2010 – AF. Von den fünf großen Turnieren der letzten Jahre war in meinen Augen nur die EM 2004 dabei, wo das Team auch mal spielerisch überzeugen konnte, bevor man im Elfmeterschießen an Portugal scheiterte. Ansonsten waren die Erwartungen stets hoch, aber die Resultate höchstens ernüchternd. Die so genannte Goldene Generation (das Scheitern ist expliziter Bestandteil dieses Begriffs) um David Beckham blieb gänzlich ohne Titel und sorgte nicht unbedingt für Furore auf dem Platz.

Dennoch wurden die Three Lions im Vorfeld der Turniere von der größenwahnsinnigen Yellow Press immer wieder zu einem Favoriten erklärt. Oftmals wurde dazu noch einzelnen Spielern die Rolle des Heilsbringers aufgebürdet (bis 2006 war das Beckham, seitdem Rooney), scheiterte das Team an internen Querelen und der Angst der Trainer, sich gegen die Meinung der Presse einen funktionierenden Kader zusammenzustellen. Hier sei als Beispiel das Duo Lampard/Gerrard aufgeführt, welches zusammen im zentralen Mittelfeld so gut wie nie funktionierte, doch immer wieder gemeinsam nominiert und aufgestellt wurde.

Der Trainer

In den vergangenen Jahren versuchten sich verschiedene Trainer daran, die englische Nationalmannschaft zum Erfolg zu führen. Erst Sven-Göran Eriksson, dann Steve „Umbrella“ McLaren und bis vor kurzem Fabio Capello. Vor knapp zwei Monaten ist Fabio Capello als Cheftrainer zurückgetreten und nachdem die Medien verzweifelt versuchten, Harry Redknapp auf die Trainerbank zu befördern, entschied sich die englische FA am Ende für Roy Hodgson. Eine Entscheidung, die ich zunächst auch eher belächelt habe, doch bei genauerem Hinsehen ist Hodgson vielleicht genau das, was England momentan braucht.

Hodgson ist sicherlich kein Star auf der Bank, keiner der unzählige Meisterschaften gewinnen konnte und einen ähnliches Ansehen genießt wie z.B. Fabio Capello. Hodgson ist jedoch sehr gut darin, mit beschränkten Ressourcen gute Ergebnisse zu erzielen. Er ist keiner, der dem englischen Spiel eine revolutionäre Idee einhauchen wird, aber jetzt ist auch nicht der Zeitpunkt, im Eilverfahren die Versäumnisse der Vergangenheit wieder auszugleichen. Hodgson gilt als Pragmatiker und Freund der Disziplin, der von seinen Teams erwartet, die taktischen Vorgaben genau umzusetzen. So führte er Fulham anno 2010 überraschend ins Finale der Europa-League. Wahrscheinlich hätte eine Berufung von Harry Redknapp wieder einmal dazu geführt, dass die Erwartungshaltung zu groß wird, denn Harry hatte ja Tottenham an die Spitzenplätze der Premier League herangeführt und ähnliches wäre dann auch von der englischen Mannschaft erwartet worden.

Hodgsons Nominierung ist vor allem auch ein Signal an die Öffentlichkeit, dass man seitens der FA erkannt hat, dass die Three Lions genauso einen Trainer brauchen und nicht wieder einen Star-Trainer, der mit viel Geld und Hoffnungen geholt wird. Hodgson steht für eine neue Bescheidenheit und das Wissen darum, welchen Platz man im Weltfußball einnimmt.

Das System

England wird in einem klassischen 4-4-2 auflaufen, welches dabei durch einen hängenden Stürmer eher einem 4-4-1-1 entspricht. Dabei wird Hodgson vor allem auf defensive Disziplin setzen und versuchen „to park the bus in front of goal“, wie der Engländer so schön sagt. Das Verhindern von Gegentoren wird dabei die oberste Priorität sein. Dies ist auch eine Schlussfolgerung aus der Tatsache, dass England im Mittelfeld zum einen über relativ wenig Kreativität verfügt und zudem auch nicht in der Lage sein dürfte, in einem offenen Spiel dem Gegner rein von der Geschwindigkeit in der Rückwärtsbewegung etwas entgegen zu setzen.

Im letzten Testspiel gegen die Belgier konnte man eindrucksvoll sehen, wie sich das dann auf auf dem Rasen auswirkt: die Abwehr-Viererkette an der Strafraumkante und die Mittelfeld-Viererkette ca. 10 – 15m davor. Chelsea aus dem CL-Halbfinale und –Finale lässt grüssen. Dadurch gabe man das Mittelfeld bereitwillig an die Belgier ab, aber machte das letzte Spielfelddrittel vor dem eigenen Tor extrem eng. Die Belgier schoben den Ball hin und her, ohne dabei wirklich zu gefährlichen Szenen zu kommen. Die Offensive basiert dabei auf der Aussicht auf Konter. Gegen Belgien klappte das beim 1:0 mustergültig: Gerrard und Welbeck bedrängen den ballführenden Spieler in der belgischen Hälfte, nehmen ihm den Ball ab, der zu Young kommt, welcher mit einem perfekt getimten Pass den durchgestarteten Welbeck bedient, der zum 1:0 lupft.

Darüber hinaus klappte das Konterspiel der Engländer nicht wirklich. Zu selten konnte man den Belgiern in der Vorwärtsbewegung den Ball abnehmen und selbst, wenn man den Ball gewinnen konnte, dauerte es zu lange, den Ball nach vorne in die Spitze zu bringen. Mein Eindruck war, dass Hodgson seine Mannschaft extra anwies, extrem tief hinten zu stehen, um die Formation für das Spiel gegen die deutlich stärkeren Franzosen zu testen. Sobald England mit etwas Druck und Tempo auf das Tor der Belgier spielte, taten sich entsprechende Lücken auf. Doch insgesamt kamen im Spiel nur eine Handvoll solcher Spielzüge auf und in der Regel begnügte sich England damit, sich hinten einzuigeln. Ich bin gespannt, ob man in der Lage ist, mehr Offensive ins Spiel zu bringen. Vor allem von den Außenpositionen im Mittelfeld war ich enttäuscht. Oxlade-Chamberlain halte ich an der Stelle seine Jugend zu Gute und zudem hat er wenigstens einmal Drang nach vorne zu entwickeln. Von seinem Gegenüber, James Milner, konnte man das nicht behaupten.

Die Spieler

Spricht man über die Spieler der Three Lions muss man vor allem über die Serie an Verletzungen sprechen, die seit Monaten den Kader dezimieren. Smalling, Cahill, Lampard, Barry und Brent sind hierbei die bekanntesten Namen. Insgesamt elf Spieler stehen Hodgson nicht mehr für die EM zur Verfügung, von Langzeitverletzten wie Jack Wilshere bis zum neuesten Mitglied im Lazarett: Gary Cahill. Dabei sind es nicht nur die Stammplatzkandidaten, die Hodgson fehlen werden, sondern vor allem auch die Alternativen von der Bank. Als neuer Innenverteidiger wurde nun Martin Kelly nachnominiert, der auf die stolze Erfahrung von zwei Länderspielminuten zurückblicken kann.

Die zentrale Achse Englands ist für mich Hart – Terry – Gerrard – Rooney. Joe Hart ist die unangefochtene Nummer eins beim englischen Meister Man City und auch in der englischen Nationalmannschaft. Er hat eine wirklich gute Saison gespielt und bewiesen, dass er ein Siegertyp ist. Mit gerade einmal 25 Jahren kann er für einige Zeit den Platz zwischen den Pfosten für sich beanspruchen und damit eine Problemzone der Engländer souverän ausfüllen.

John Terry ist der unumstrittene Chef in der Abwehr. Die Saison bei Chelsea drohte eine Enttäuschung zu werden, doch in der Champions League konnten die Londoner triumphieren und rührten in zwei Spielen gegen Barca sowie im Finale gegen die Bayern feinsten Beton an. Terry sah im Rückspiel gegen Barca glatt Rot nach einem unmotivierten Tritt gegen Spieler des Gegners. Obwohl Terry immer wieder für einen Klops gut ist, wird viel auch von ihm abhängen, zumal er den zweiten Innenverteidiger neben sich in jedem Fall in Sachen Erfahrung haushoch überlegen sein wird.

Steven Gerrard ist der Kapitän der Three Lions und der Boss im Mittelfeld. Vor der Verletzung von Barry und Lampard sah es danach aus als hätte Hodgson eine offensivere Rolle für Stevie G vorgesehen, doch gegen die Belgier kämpfte und grätschte Liverpool‘s Finest auf dem Rasen wie ein Wilder. Die Saison war für Gerrard eher durchwachsen, da Liverpool weit hinter den eigenen Erwartungen zurückblieb und man nur im Carling-Cup erfolgreich war und sich dort im Elfmeterschießen gegen Cardiff City den Titel sichern konnte. Er wird im Mittelfeld zum einen nach hinten dichtmachen und gleichzeitig ist er noch am ehesten in der Lage, das Spiel nach vorne anzukurbeln. Hoffentlich gelingt es ihm, die richtige Balance zu finden.

Wayne Rooney ist der unumstrittene Star des Teams. Mit 27 Toren der zweitbeste Torschütze der Premier League und der einzige Spieler, der das Prädikat Superstar bei den Engländern zu Recht trägt. Bei den WMs 2006 und 2010 lasteten die Hoffnungen Englands fast einzig auf ihm. Und bei beiden Turnieren schien er an diesem Druck zu scheitern. Gerade bei der WM 2010 war er nach den Spielen oft sichtlich gefrustet und legte sich sogar mit den eigenen Fans an. Dennoch verfügt „Wazza“ über viele Fähigkeiten, die ihn vielfältig einsetzbar machen. Obwohl Rooney in der abgelaufenen Saison nur eine Gelbe Karte kassierte, hat er ab und an noch Probleme mit der Beherrschung. So auch im letzten Qualifikationsspiel in Mazedonien, als er (wie auch Terry) seinem Gegner stumpf von hinten in die Beine trat. Er sah glatt Rot und die anschließende Sperre wurde von anfänglich drei Spielen auf zwei reduziert, so dass er erst im letzten Gruppenspiel zur Verfügung stehen wird. Sollte die EM da noch nicht gelaufen sein, könnte seine Rückkehr dem Team einen Schub geben.

Das Umfeld

Es ist erstaunlich ruhig in England. Selbst die Boulevard-Presse hält den Ball erstaunlich flach, obwohl diese vor den letzten Turnieren nicht weniger als den Titel forderte. Sowohl die Nominierung Hodgsons als auch die Erkenntnis, einfach nicht besser zu sein, sorgt an der Front für angenehme Ruhe. Was jedoch derzeit für Unruhe sorgt, ist der Konflikt zwischen Terry und Ferdinand. Hintergrund ist der Umstand, dass QPRs Anton Ferdinand – der kleine Bruder von Rio Ferdinand – im vergangenen Jahr angeblich von John Terry rassistisch beleidigt wurde, was Terry vehement bestreitet. In dieser Geschichte ist noch ein Gerichtsverfahren anhängig, welches für den 09. Juli terminiert wurde.

Diese Geschichte kochte nun wieder hoch, als Hodgson den unerfahrenen Martin Kelly nominierte und damit Rio Ferdinand abermals unberücksichtigt ließ. Hodgson beruft sich auf sportliche Gründe und dies ist auch durchaus nachvollziehbar, da Ferdinand diese Saison häufig verletzt war und in den Spielen, die er bestritt, nicht besonders souverän wirkte. Rio selbst sieht seine Nichtnominierung im Zusammenhang mit den Rassismus-Vorwürfen seines Bruders gegen Terry und machte seinem Unmut via Twitter Luft. Die Meinungen in England zu dem Thema sind gespalten, die einen unterstützen Hodgsons Entscheidung und andere schlagen sich auf Ferdinands Seite.

Prognose

England versucht es wie die Griechen Anno 2004: hinten Beton anrühren und vorne auf das eine Tor hoffen. Ob das gelingt, wage ich zu bezweifeln. Ich sage, die Engländer scheiden im Viertelfinale aus. Dabei gehört auch nicht viel Fantasie dazu, ein Aus in der Gruppenphase vorherzusagen. Am Ende retten sich die Three Lions knapp auf Platz zwei und ziehen hinter den Franzosen ins Viertelfinale ein.

Für weitere Prognosen schaut doch entweder bei Tobias vorbei oder hört Euch die Podcasts von Flatterball an. Für die Freunde der englischen Sprache seien noch die Prognosen von Zonal Marking sowie des Guardian empfohlen; beim Guardian vor allem noch einen Blick auf die Clips „Animated History“ werfen.

Looking back in anger

Vor dem Beginn der EM in Polen und der Ukraine kommt noch in den nächsten Tagen eine etwas ausführlichere Vorschau auf „mein“ Team. Bevor ich mich mit den eher mauen Aussichten der „Three Lions“ für die kontinentalen Wettkämpfe beschäftige, hier ein Artikel, der mir schon lange im Kopf rumspukt und der quasi als Basis gelten kann.

Sicherlich ist es etwas einfach gedacht, doch für mich ist der 20. Juni 2000 ein wichtiges Datum. An diesem Tag finden die letzten EM-Gruppenspiele der Vorrundengruppe A statt. England spielt gegen Rumänien und Deutschland muss gegen Portugal ran. Für die beiden Rivalen geht es um alles, es winkt das klägliche Aus schon in der Vorrunde. Für die Engländer fängt der Abend noch einigermaßen gut an, sie führen 2:1 zur Halbzeit. Doch in Halbzeit zwei drehen die Rumänen auf, erzielen zwei Tore und lassen konsternierte Engländer zurück. Deutschland spielt gegen die schon fürs Viertelfinale qualifizierten Portugiesen und holen sich gegen eine B-Elf eine deftige 0:3-Klatsche ab. Den „Three Lions“ bleibt der zweifelhafte Trost, wenigstens die Deutschen mit 1:0 geschlagen zu haben. Am Ende bleibt aber die Tatsache, dass beide Mannschaften sich blamiert haben.

Beide Länder fanden unterschiedliche Wege damit umzugehen. Deutschland hatte an der sportlichen Leistung und dem Bild, welches die Mannschaft durch die internen Querelen abgab, zu knabbern. 10 Jahre nach dem WM-Titel und Beckenbauers legendärem „Mit den Spielern aus dem Osten sind wir auf Jahre unschlagbar“ war man ziemlich weit unten angekommen. Doch die schmerzhafte Niederlage führte im DFB zu einem Umdenken. Man erkannte, dass man im Bereich der Talentförderung mittlerweile einiges an Aufholbedarf hatte. Dies führte zu einem weitreichenden Auf- und Umbau der Nachwuchsförderung seitens des DFB und heute, zwölf Jahre später, erntet Deutschland in Form von Spielern wie Götze, Özil, Badstuber oder Hummels die Früchte. Fast die gesamte deutsche Nationalmannschaft ist mittlerweile das indirekte Produkt der EM in Belgien und der Niederlande. Durch bessere Sichtung, eine gezielte Förderung sowie die Qualifikation der Trainer hat man die Grundlagen der heutigen Erfolge gelegt. Seit der Ernennung von Jürgen Klinsmann zum Bundestrainer in 2004 und der gleichzeitigen Berufung von Joachim Löw zum Co-Trainer wird die Grundlage für die heutige Spielphilosophie des deutschen Teams gelegt. Mittlerweile greift beides ineinander und bei diesem Turnier ist Deutschland seit langer Zeit wieder Top-Favorit.

Im Vergleich zu Deutschland lag England damals noch nicht so sehr am Boden. Jedenfalls waren die gezogenen Schlüsse nach der EURO 2000 deutlich andere. Man hatte ja die Generation Beckham mit ebenjenem Spice Boy und darüber hinaus noch Spieler wie Owen, Ferdinand, Scholes, welche auf der Insel dazu führten, dass man sich gut gerüstet für die Zukunft sah. Etwas mehr als ein Jahr nach der EURO konnte man ja zudem noch Deutschland in München mit 5:1 bezwingen, also alles in Butter, oder? Leider nicht, denn die EM 2012 ist das letzte Zucken der vermeintlichen Goldenen Generation. Gerrard, Lampard oder Terry sind die Relikte früherer Tage und der nicht eingelösten Hoffnungen von damals. Das WM-Achtelfinale 2010 sollte eindrucksvoll zeigen, wie sich beide Länder entwickelt hatten. England mit der ewig gleichen Lethargie, den völlig überzogenen Ansprüchen im Hinblick auf Titelchancen und der Überforderung einzelner Spieler (hier: Wayne Rooney), die das schon irgendwie richten würden. Im Gegensatz dazu Deutschland mit Leidenschaft, einem echten Team und dazu noch einem perfekt zum Team passenden System.

Es ist sicherlich kein Zufall, dass kurz vor der EM in England ein neues Nachwuchsförderungssystem vorgestellt wurde. So wird vielleicht auch Roy Hodgsons Nominierung nachvollziehbarer, der in seiner Karriere ein deutlich ausgeprägteres Interesse an der Entwicklung von Spielern hatte als der von den Medien lauthals geforderte Harry Redknapp. Zahlen aus dem Jahr 2008 zeigen, dass England vor allem bei der Ausbildung und Qualifizierung von Trainern noch viel Aufholbedarf hat. So verfügte Deutschland über knapp 35.000 Trainer mit einer UEFA Pro, A oder B-Lizenz, Italien hatte knapp 30.000, Spanien noch 24.000, während England gerade einmal annähernd 2.800 Trainer mit einer der drei Lizenzen vorweisen konnte. Für das „Mutterland des Fußballs“ sind das erschreckende Zahlen. Die Lücke schließt sich langsam, doch es wird sicher noch lange dauern, bis man ein ähnliches dichtes Netz spinnen kann. In diesem Zusammenhang muss sicher auch noch auf den Umstand hingewiesen werden, dass der starke Einfluss der Vereine in der Nachwuchsförderung sicherlich auch nicht gänzlich unproblematisch ist. Zumal viele Spieler auch gar keine Chance bekommen, sich in den Entsprechungen der ersten, zweiten und dritten Liga zu beweisen.

Ich hoffe, dass man England die Zeichen der Zeit erkennt. Das gilt sowohl im Hinblick auf die Trainer- als auch die Nachwuchsausbildung. Darüber hinaus ist es auf der Insel auch dringend notwendig, sich über Spielsysteme und -philosophien Gedanken zu machen, um in der Zukunft wieder an die Weltspitze heranrücken zu können und nicht noch weiter den Anschluss zu verlieren.