Looking back in anger

Vor dem Beginn der EM in Polen und der Ukraine kommt noch in den nächsten Tagen eine etwas ausführlichere Vorschau auf „mein“ Team. Bevor ich mich mit den eher mauen Aussichten der „Three Lions“ für die kontinentalen Wettkämpfe beschäftige, hier ein Artikel, der mir schon lange im Kopf rumspukt und der quasi als Basis gelten kann.

Sicherlich ist es etwas einfach gedacht, doch für mich ist der 20. Juni 2000 ein wichtiges Datum. An diesem Tag finden die letzten EM-Gruppenspiele der Vorrundengruppe A statt. England spielt gegen Rumänien und Deutschland muss gegen Portugal ran. Für die beiden Rivalen geht es um alles, es winkt das klägliche Aus schon in der Vorrunde. Für die Engländer fängt der Abend noch einigermaßen gut an, sie führen 2:1 zur Halbzeit. Doch in Halbzeit zwei drehen die Rumänen auf, erzielen zwei Tore und lassen konsternierte Engländer zurück. Deutschland spielt gegen die schon fürs Viertelfinale qualifizierten Portugiesen und holen sich gegen eine B-Elf eine deftige 0:3-Klatsche ab. Den „Three Lions“ bleibt der zweifelhafte Trost, wenigstens die Deutschen mit 1:0 geschlagen zu haben. Am Ende bleibt aber die Tatsache, dass beide Mannschaften sich blamiert haben.

Beide Länder fanden unterschiedliche Wege damit umzugehen. Deutschland hatte an der sportlichen Leistung und dem Bild, welches die Mannschaft durch die internen Querelen abgab, zu knabbern. 10 Jahre nach dem WM-Titel und Beckenbauers legendärem „Mit den Spielern aus dem Osten sind wir auf Jahre unschlagbar“ war man ziemlich weit unten angekommen. Doch die schmerzhafte Niederlage führte im DFB zu einem Umdenken. Man erkannte, dass man im Bereich der Talentförderung mittlerweile einiges an Aufholbedarf hatte. Dies führte zu einem weitreichenden Auf- und Umbau der Nachwuchsförderung seitens des DFB und heute, zwölf Jahre später, erntet Deutschland in Form von Spielern wie Götze, Özil, Badstuber oder Hummels die Früchte. Fast die gesamte deutsche Nationalmannschaft ist mittlerweile das indirekte Produkt der EM in Belgien und der Niederlande. Durch bessere Sichtung, eine gezielte Förderung sowie die Qualifikation der Trainer hat man die Grundlagen der heutigen Erfolge gelegt. Seit der Ernennung von Jürgen Klinsmann zum Bundestrainer in 2004 und der gleichzeitigen Berufung von Joachim Löw zum Co-Trainer wird die Grundlage für die heutige Spielphilosophie des deutschen Teams gelegt. Mittlerweile greift beides ineinander und bei diesem Turnier ist Deutschland seit langer Zeit wieder Top-Favorit.

Im Vergleich zu Deutschland lag England damals noch nicht so sehr am Boden. Jedenfalls waren die gezogenen Schlüsse nach der EURO 2000 deutlich andere. Man hatte ja die Generation Beckham mit ebenjenem Spice Boy und darüber hinaus noch Spieler wie Owen, Ferdinand, Scholes, welche auf der Insel dazu führten, dass man sich gut gerüstet für die Zukunft sah. Etwas mehr als ein Jahr nach der EURO konnte man ja zudem noch Deutschland in München mit 5:1 bezwingen, also alles in Butter, oder? Leider nicht, denn die EM 2012 ist das letzte Zucken der vermeintlichen Goldenen Generation. Gerrard, Lampard oder Terry sind die Relikte früherer Tage und der nicht eingelösten Hoffnungen von damals. Das WM-Achtelfinale 2010 sollte eindrucksvoll zeigen, wie sich beide Länder entwickelt hatten. England mit der ewig gleichen Lethargie, den völlig überzogenen Ansprüchen im Hinblick auf Titelchancen und der Überforderung einzelner Spieler (hier: Wayne Rooney), die das schon irgendwie richten würden. Im Gegensatz dazu Deutschland mit Leidenschaft, einem echten Team und dazu noch einem perfekt zum Team passenden System.

Es ist sicherlich kein Zufall, dass kurz vor der EM in England ein neues Nachwuchsförderungssystem vorgestellt wurde. So wird vielleicht auch Roy Hodgsons Nominierung nachvollziehbarer, der in seiner Karriere ein deutlich ausgeprägteres Interesse an der Entwicklung von Spielern hatte als der von den Medien lauthals geforderte Harry Redknapp. Zahlen aus dem Jahr 2008 zeigen, dass England vor allem bei der Ausbildung und Qualifizierung von Trainern noch viel Aufholbedarf hat. So verfügte Deutschland über knapp 35.000 Trainer mit einer UEFA Pro, A oder B-Lizenz, Italien hatte knapp 30.000, Spanien noch 24.000, während England gerade einmal annähernd 2.800 Trainer mit einer der drei Lizenzen vorweisen konnte. Für das „Mutterland des Fußballs“ sind das erschreckende Zahlen. Die Lücke schließt sich langsam, doch es wird sicher noch lange dauern, bis man ein ähnliches dichtes Netz spinnen kann. In diesem Zusammenhang muss sicher auch noch auf den Umstand hingewiesen werden, dass der starke Einfluss der Vereine in der Nachwuchsförderung sicherlich auch nicht gänzlich unproblematisch ist. Zumal viele Spieler auch gar keine Chance bekommen, sich in den Entsprechungen der ersten, zweiten und dritten Liga zu beweisen.

Ich hoffe, dass man England die Zeichen der Zeit erkennt. Das gilt sowohl im Hinblick auf die Trainer- als auch die Nachwuchsausbildung. Darüber hinaus ist es auf der Insel auch dringend notwendig, sich über Spielsysteme und -philosophien Gedanken zu machen, um in der Zukunft wieder an die Weltspitze heranrücken zu können und nicht noch weiter den Anschluss zu verlieren.

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