Monthly Archives: November 2012

Schweigegelübde

Eigentlich war das gestrige Spiel schon nach dem Hinweis von Andreas gelaufen. Einige Spieler hatten von Europa geträumt, von neun Punkten bis zum Weihnachtsfest. Das Ganze wurde gestern Abend mit einer grandiosen Nichtleistung untermauert, vor allem defensiv. Ich wünsche mir, dass irgendjemand mal Geldstrafen verhängt, wenn die Spieler solche Ziele definieren. Man könnte sich mal Dortmund als Beispiel nehmen, die erst von der Meisterschaft sprachen, als sie diese schon gewonnen hatten. Vielleicht sollten Bremer Spieler auch erst von europäischen Wettbewerben reden, wenn wir uns qualifiziert haben. Oder vielleicht kleinere Ziele setzen: „Heute binde ich mir die Schuhe selbst zu.“

Leverkusen hat uns gestern eine Lehrstunde in Sachen Effektivität gegeben. Sechs Schüsse aufs Tor und vier davon drin. Das Spiel nach vorne war zwar keine Offenbarung, aber es sprangen einige gute Gelegenheiten dabei raus, die man bei einer besseren Feinjustierung der Zielvorrichtungen auch zu mehr Toren geführt hätten. Doch der Knackpunkt gestern lag ganz eindeutig in der Defensive. Ja, beim 0:1 verhilft Schiri Kinhöfer den Leverkusenern zu einem unberechtigten Freistoß, aber wenn 25-Millionen-Mann Schürrle fällt, kann das ja kaum daran liegen, dass er einfach zu blöde ist, einen Fuß vor den anderen zu setzen, oder? Aber auch eine Fehlentscheidung ist kein Freibrief danach dann wie ein Torero zu verteidigen und den Gegner durchzuwinken. Yes, I am looking at you, Kevin!

Das 0:2 fällt (wie auch das 1:4) in der Schnittstelle zwischen Prödl und Sokratis, während das 1:3 durch einen Bock von Prödl eingeleitet wird. Dabei ist es zu einfach, jetzt Prödl zum Sündenbock zu machen, denn bei den Gegentoren zwei und drei war das defensive Mittelfeld missing in action. Statt einem Platz in Europa sind wir nun auf Platz zwölf, was sich angesichts der doch engen Tabelle dramatischer anhört, als es ist. Am Wochenende geht es nach Sinsheim, zu den Hoffenheimern und ich hoffe, dass man trotz Vorweihnachtszeit ohne Geschenke anreist.

Freistoß ins Leben

Ich habe das Spiel gegen Wolfsburg nicht sehen können, daher verweise ich an dieser Stelle an die Berichte von Tobias und Lars.

Stattdessen möchte ich heute ein Buch empfehlen, was ich vor ein paar Tagen beendet habe. Es geht um das Buch „Freistoß ins Leben“ von Martin Bengtsson. In Schweden, der Heimat von Bengtsson, ist das Buch schon 2007 erschienen und es hat fünf Jahre gedauert, bis es ins Deutsche übersetzt wurde. Bengtssons Buch erlaubt einen Blick in den Jugendfußball und was mit Spielern passieren kann, die sich nicht anpassen und nicht wie bspw. Literatur-Nobelpreis-Träger Philipp Lahm immer mit dem Strom schwimmen.

In jungen Jahren kommt Martin mit dem Fußball in Kontakt und begeistert sich sehr früh für den Kick mit dem runden Leder. Im zarten Alter von gerade einmal neun Jahren beschließt er, seinem Idol Marco van Basten nachzueifern und Profi in Italien werden. Er erstellt sich selbst einen Trainingsplan und trainiert in jeder freien Minute mit dem Ball: auf dem Weg zur Schule, in den Pausen, auf dem Weg nach Hause und abends in einer Ecke des Bolzplatzes, die von einer Laterne beleuchtet wird. Drei Stunden am Tag sind das als Ziel gesetzte Pensum und vor dem Schlafengehen macht Martin noch Sit-Ups und Liegestütze. Diesem rigorosen Programm unterwirft er sich jeden Tag. Er vernachlässigt soziale Kontakte und ist nur auf den Sport fokussiert. Neben den individuellen Einheiten fuhr Martin mindestens einmal die Woche zum Training mit der Mannschaft. In der siebten Klasse trainiert er für drei verscheidene Jugendmannschaften im Verein, absolviert Spiele und zieht weiter das Trainingsprogramm durch, bis der Körper irgendwann rebellierte und er Anzeichen einer Unterernährung aufwies, was ihn dazu zwingt, sein Pensum zu reduzieren.

Mit 15 bekommt Martin die Chance, an einem Sichtungsturnier für die schwedische U-16 teilzunehmen. Hier jedoch erlebt eine erste große Enttäuschung, nachdem es in den Jahren zuvor immer nur nach oben ging. Martin schafft nicht den Sprung in den Sichtungskader und kann seine Enttäuschung darüber nicht verbergen und heult hemmungslos. Doch beim Sichtungsturnier wurden Scouts auf Martin aufmerksam und im Dezember des gleichen Jahres unterzeichnet Martin einen Vertrag beim Örebro SK. Ein Jahr nach der Niederlage beim Sichtungsturnier schafft Bengtsson den Sprung in die U-16 und wird dort mit endlosen Vorträgen zum Thema  Benimm- und Verhaltensregeln konfrontiert. Einige wichtige Kernregeln:

„Alkohol kann deiner Gesundheit schaden.“

„Es ist wichtig, pünktlich zu sein.“

„Gesunde Vernunft ist hilfreich.“

Was Martin daran irritiert, ist der Umstand, dass diese Regeln für ihn völlig selbstverständlich sind und er nicht versteht, warum man ihm wie einen kleinen Jungen behandelt. Zudem sieht er den Harmoniewahn mit kritischen Augen, weil peinlich darauf geachtet wird, jegliche Gruppenbildung zu unterbinden und die Nationalmannschaft als verschworene Gemeinschaft zu präsentieren. Durch seine Leistungen beim ÖSK und der schwedischen Jugendnationalmannschaft landet Martin in den Notizbüchern diverser Scouts aus ganz Europa. Er wird erst zum Probetraining beim FC Chelsea eingeladen, was sich durch miese Organisation hervortut. Anschließend darf er für Ajax Amsterdam vorspielen und läuft hier ausgerechnet Marco van Basten über den Weg. Doch bei keinem der beiden Vereine ergibt sich etwas aus dem Probetraining. Zu dieser Zeit wohnt er in Örebro in einer eigenen Wohnung und lebt seine Pubertät in vollen Zügen aus, wobei er sich bewusst dem Gruppenzwang der anderen Kicker entzieht und lieber in Schabberlook und mit Dreadlocks durch die Welt läuft.

Doch dann kommt eine Einladung aus dem Land seiner Träume: Inter Mailand lädt ihn ein. Bei seinem Besuch im Norden Italiens kann er überzeugen und bekommt einen Vertrag für die Primavera, die Nachwuchsmannschaft des Clubs angeboten. Er nimmt das Angebot an und geht in eine Art Wohnheim für Jugendspieler. Er lernt einige Mannschaftskollegen ein wenig besser kennen und einmal die Woche spielt die Primavera (das Nachwuchsteam) gegen die erste Mannschaft von Inter mit Stars wie Vieri, Zanetti, Recoba oder Martins. Zwischenzeitlich mokiert sich Martin über den hohlen Lifestyle der Profis mit ihren dicken Autos, den exklusiven Klamotten und schönen Frauen. Wirklich wohl fühlt er sich zu diesem Zeitpunkt nur auf dem Fußballplatz, wenn er sich einfach nur dem Spiel widmen kann.

Eine Verletzung zwingt Martin zu einer längeren Pause und in dieser Zeit ist er von seinen Mannschaftskameraden getrennt und mit sich allein, was ihm zu viel Zeit zum nachdenken gibt:

„Letztendlich begriff ich, dass ich einfach nur nach der Freude strebte, die ich rein physisch empfand, wenn ich auf dem Fußballplatz stand. Das glorifizierte Profileben war ein Leben in einem Gefängnis, eine stampfende Maschinerie. Eine Fabrik ohne Fenster.“

Er zieht sich immer mehr zurück, merkt jedoch auch, dass es anderen Spielern aus der Primavera genau so geht. Diese betäuben den ewig gleichen Trott und die Oberflächlichkeit vor allem durch übermäßigen Konsum und setzen ihr Gehalt in Statussymbole um. Nach der ersten halben Saison in der Primavera bekommt Martin ein Einzelzimmer. Seinen düsteren Gedanken versucht er, ein Ventil zu geben. Er bringt sich selbst das Gitarrespielen bei, fängt an, Texte zu schreiben und seine Gedanken festzuhalten. Bei einem Trainingslager in Österreich, welches vor der Saison stattfindet, kommt es zum Eklat, als eine Spieler der Primavera beim Kiffen erwischt werden. Die Strafe trifft die ganze Mannschaft und zu müssen sich die Spieler beim Verlassen des Wohnheims abmelden. Martin fühlt sich entmündigt und empfindet die Bestrafung als große Ungerechtigkeit und starken Einschnitt in die eigenen Freiheiten. Darauf reagiert er mit noch stärkerem Rückzug und einer Depression. Zwar schafft er es, noch am Training teilzunehmen, doch darüber hinaus zieht er sich komplett zurück, sitzt in seinem Zimmer und schreibt schon fast manisch Texte und Songs.

Eines Tages kommt er nach dem Training zurück ins Zimmer und muss feststellen, dass die überall verteilten Aufzeichnungen von der Hausmeisterin entsorgt worden. Seines Ventils für die dunklen Gedanken beraubt, fühlt sich Martin hilflos und sieht für sich nur noch den Ausweg eines Suizids. Er entscheidet sich dazu, sich mit Rasierklingen die Pulsadern aufzuschneiden. Glücklicherweise schlägt der Versuch fehl und er wird ins Krankenhaus gebracht. Nach einigen Tagen wird er von seiner Mutter nach Schweden geholt, wo er nach einiger Zeit beschließt, eine Therapie zu machen. Zu Inter geht er nicht wieder zurück und sein Versuch, im Fußball ein Comeback zu wagen, hängt er nach nur einer Halbserie wieder an den Nagel.

Heute lebt Bengtsson in Berlin und macht mit seiner Band Waldemaar Musik. „Freistoß ins Leben“ ist ein Buch, welches durch seine direkte Sprache besticht. Man merkt, dass Martin heute mit sich und seinem Leben im Reinen ist. Er sucht keine Schuld bei anderen, jammert nicht rum und sieht die Ereignisse als Teil seines Lebens, die ihn zu dem gemacht haben, was er heute ist. Es ist ein Einblick in den Fußball als Produktionslinie der Konformität. Bengtsson konnte und wollte sich jedoch nicht der ewigen Gleichmacherei unterwerfen und eckte immer wieder an, unter anderem auch, weil er es wagte, alt gediente Rituale und Hackordnungen zu hinterfragen. Zunehmend erkennt er, dass er nur auf dem Rasen wirklich zufrieden ist und lehnt den Lebensstil der meisten Profis ab. Die Depressionen lassen sich sicherlich nicht alleine auf den Fußball zurückführen, eine gewisse Wahnhaftigkeit zeigt sich auch schon in jungen Jahren beim exzessiven Training. Klare Leseempfehlung.

Führungspersonal

Nachdem die wichtigen Fragen vor dem Spiel zwischen Wolfsburg und Bremen schon geklärt wurden und wir wissen, dass Allofs a) sich mit seinem neuen Arbeitgeber über seinen alten Arbeitgeber austauschen wird und b) er sich über einen Sieg seines neuen Arbeitgebers über seinen alten Arbeitgeber offen freuen würde, kommen wir zu anderen Themen, die vielleicht nicht diese Brisanz erreichen. Die Frage an der Weser ist nun natürlich, wie die Lücke zu schließen ist, die Allofs beim SVW hinterlassen hat. Dabei scheinen viele Varianten möglich, von einem „Teammanager“ Schaaf (nach englischem Vorbild) über die Besetzung der Stelle des Sportdirektors/Geschäftsführers mit einer Person bis hin zu einer Teilung der beiden Positionen. Laut Aufsichtsratschef Willi Lemke scheint es eher darauf hinaus zu laufen, dass zwei Leute kommen und einer Sportdirektor wird, während der andere in die Geschäftsführung geht.

Dies halte ich für die beste Lösung, da es (im Nachhinein betrachtet) sicherlich nicht optimal war, eine Person auf beide Posten zu setzen. Man kann vielleicht auch sagen, dass Allofs Wirken seit 2009 nachgelassen hat, als er nach dem Abgang von Born in die Geschäftsführung berufen wurde. Vielleicht war es einfach zu viel Arbeit für eine Person, vielleicht versucht man auch, Zusammenhänge zu sehen, wo es keine gibt. Aber auch unter dem Gesichtspunkt der Machtkonzentration ist es vorteilhafter, nicht zwei Position an eine Person zu vergeben (Magath, anyone?). An den Ausführungen von Lemke im oben verlinkten Artikel irritiert mich ein bisschen, dass er Schaaf eine größere Rolle geben möchte. Es mag sein, dass dies eine strategische Entscheidung ist, Schaaf noch enger an den Verein zu binden, aber Schaaf schien bisher ja auch schon einige Wörtchen mitzureden hatte.

Den Vorschlag von bspw. Andreas, mindestens einen der beiden vakanten Posten mit einer externen Person zu besetzten, kann ich nur unterstützen. Ich denke, neue Impulse und andere Sichtweisen können sicherlich nicht schaden. Aber es muss halt auch jemand sein, der zum Verein passt und der nach Möglichkeit auch ein bisschen Erfahrung vorzuweisen hat. Beiersdorfer wird es wohl nicht und auch Lemke selbst steht nicht zur Verfügung. Ich bin gespannt, wie sich das weiterentwickelt.

Das Fan-Dasein

Eigentlich sind die nachfolgenden Ausführungen schon einen eigenen Post wert, aber ich habe auf der anderen Seite keine Lust, das Thema Allofs in einem weiteren Beitrag zu verwursten. Was mich beim Wechsel von Allofs ein bisschen genervt hatte, war der moralische Zeigefinger aus allen Richtungen, wenn man es wagte, den Wechsel zu kritisieren. Dabei gab es zwei Hauptargumente:

1.) Fußball ist ein Geschäft

Ist richtig, würde ich auch nie bestreiten. Aber darf man sich als Fan eines Vereins sich nicht darüber ärgern, dass der Manager nach albernen Versuchen des Rumeierns geht. Darf man es nicht zum kotzen finden, wenn er auf der Abschieds-PK sagt, dass er Bremen liebt und sich so wohl wie selten gefühlt hat? Ich sehe mich als Fan des Vereins und da kann ich nicht alle Vorgänge um den Club einfach mit einem geschäftsmäßigen Achselzucken hinnehmen. Ich leide während der 90 Minuten eines Spiels und natürlich sind die Jungs meines Vereins die Engel, die nie etwas Böses tun, während der Gegner eine Bande von Schauspielern und Tretern ist. Und natürlich pfeift der Schiri tendenziell gegen Bremen. Und auch das Gehen von Spielern/Funktionären begleite ich im ersten Moment mit einem Gefühl der Enttäuschung. Jemand, der Teil „meiner“ Gruppe war, verlässt diese und wird einer von „denen“. Das ist ja auch eine Faszination des Fußballs, die „wir“-gegen-„die“-Dialektik, die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Und so lange das alles friedlich abläuft, sehe ich da kein Problem. Und da braucht man mir nicht oberlehrerhaft mit Vernunft kommen, wenn Allofs den Abgang macht. Nach der ersten Enttäuschung kann ich damit gut leben und sicherlich sind die Chancen, die sich ergeben auch nicht ohne.

2.) Der „normale“ Arbeitgeber macht das auch so!

In der Diskussion um den Wechsel von Allofs (und auch immer wieder bei Spielern) kommt man irgendwann zum schnöden Mammon. Wenn man daran leise Kritik übt, heißt es immer gleich, dass wir (wer auch immer „wir“ sein soll…) das ja im Berufsleben auch so machen würden. Der Vergleich hinkt für mich immer an so vielen Stellen und das geht auch ganz plump mit der Entlohnung los. Ein „normaler“ Arbeitnehmer verdient nicht in den Regionen, die Allofs bekommt. Und es soll auch viele Arbeitnehmer geben, die nicht für jede Gehaltssteigerung den Arbeitnehmer wechseln, vor allem wenn man sich angeblich so wohl fühlt. Und vor allem kann ich nicht heute kündigen und morgen einen neuen Job antreten, während im Hintergrund noch eine Ablöse an meinen alten Arbeitgeber fließt. Als normalem Arbeitnehmer schauen mir auch nicht Millionen bei der Ausübung meiner Arbeit zu und ich muss auch nicht dauernd Interviews und Pressekonferenzen abhalten. Darüber hinaus habe ich auch keinen Agenten, der mir das Verhandeln und Denken abnimmt. Können wir also einfach mal aufhören, das Biotop Profi-Fußball mit dem normalen Arbeitsmarkt zu vergleichen?

 

Der Tag danach

Heute also das erste Spiel nach dem Allofs-Abgang. Es wurde viel geredet und geschrieben in den letzten Tagen, da tat es gut, dass heute endlich wieder der Ball rollte. Natürlich war die Abwesenheit von KA das große Thema vor und während des Spiels. So erfuhr man von Sky Kommentator Michael Born, dass kein Platz auf der Bank der Bremer frei blieb und Schaaf ja jetzt niemanden mehr zu reden hat (die Bank war voll mit Spielern, Co-Trainern und anderen Helferlein). Man hatte das Gefühl, der arme Born war völlig überfordert mit dieser Situation und dem verzweifelten Versuch, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit auf das Fehlen von Allofs hinzuweisen.

Auf dem Platz dann zunächst der übliche Bremer Tiefschlaf zu Beginn des Spiels (OptaFranz schrieb vom 6. Gegentor in der Anfangs-Viertelstunde). Nach einem Ballverlust tief in der Hälfte des Gegners laufen die Düsseldorfer einen Konter in Überzahl, Kruse täuscht im Strafraum an und Sokratis wirft sich in die Schussfinte, berührt dabei Kruse und Sippel zeigt auf den Punkt. Den vertretbaren Elfer haut Langeneke rein. Alles also wie gehabt. Danach lassen sich die Grün-Weißen zunehmend aus dem Konzept bringen und anstatt Fußball zu spielen, reibt man sich an Gegner und Schiedsrichter auf. Düsseldorf provoziert natürlich auch das eine oder andere mal, doch es ist der Fehler der Bremer, sich darauf einzulassen. Gerade Arnautovic rannte mit Schaum vor dem Mund durch die Gegend und hatte Glück, dass Sippel ihn für seinen (wenn auch kleinen) Kopfstoß gegen Langeneke nicht vom Platz stellt.

Die Ansprache von Schaaf war nicht allzu lang, wahrscheinlich hat er nur gesagt, endlich Fußball zu spielen und sich nicht mehr auf die Scharmützel mit Gegner und Schiri zu konzentrieren. Das hatte schon kurz nach Wiederanpfiff Erfolg, als Lukas Schmitz einem Ball nachsetzt und einen fast verlorenen Ball noch retten kann, um ihn dann auf die Stirn von Nils Petersen zu servieren. Bremen dominiert das Spiel, jedoch kam in Minute 77 der nächste Rückschlag, als Lukimya mit gelb-rot vom Platz musste. Die Zweikampfführung war hier auch eher ungeschickt, angesichts seiner schon vorhandenen gelben Karte. Trotz Unterzahl blieben alle drei Zähler in Bremen, da Kevin De Bruyne eine Flanke von Aaron Hunt perfekt zum 2:1 verwandelte. Die Zahlen sprechen eine deutlichere Sprache als das Ergebnis mit einem Ballbesitzverhältnis von 65% zu 35% und 24:3 Torschüssen. Aber langsam fragt man sich schon, was man tun kann, damit die Mannschaft auch mal von der ersten Minute wach auf dem Platz steht. Koffein intravenös vielleicht?

Ein Thema des Spiels war Schiri Peter Sippel. Alles in allem hatte Sippel nicht den besten Tag erwischt und viele Entscheidungen sind nicht ganz nachvollziehbar gewesen, doch hat er den SVW nicht verpfiffen. Ganz im Gegenteil, denn Arnautovic hätte rot sehen können, vielleicht müssen. Und bei der gelb-roten Karte gegen Lukimya lag er in meinen Augen auch richtig. Ich finde es übrigens erstaunlich, dass sich Arnautovic in Halbzeit zwei so sehr im Griff hatte, denn eigentlich hatte ich fest damit gerechnet, dass er in der Halbzeit von Schaaf ausgetauscht wird. Zum Glück hatte sich der lange Ösi aber im zweiten Durchgang durchweg im Griff.

Nun stehen wir vorübergehend auf Platz 7 hinter dem punktgleichen Sechsten aus Hannover. Doch Euphorie löst der Tabellenplatz nicht aus, da zwischen Platz sechs und dreizehn gerade einmal drei Punkte liegen. Am nächsten Samstag spielen wir gegen das Team auf Platz dreizehn, nämlich den VfL Wolfsburg. Die Vorberichte der nächsten Tage möchte ich an dieser Stelle schon einmal abkürzen: „Allofs trifft auf Ex-Club“. Mehr ist es am Ende des Tages nicht, zumindest nicht für mich.

Should he stay or should he go?

Ende letzter Woche hieß es seitens der Medien, dass der VfL Wolfsburg Interesse an einer Verpflichtung von Klaus Allofs habe und die Unterschrift in Kürze erfolgen würde. Seitdem gibt es immer neue Spekulationen darüber, ob und wann Klausi nach Wolfsburg geht. Diese werden sicherlich auch durch die halbgaren Dementis unseres Geschäftsführers weiter befeuert. Die Aussagen reichen von „Ich habe einen Vertrag bis 2015. Das ist Stand der Dinge.“ bis hin zu „Im Fußball verändern sich die Dinge manchmal schnell“. Allofs führt seit 13 Jahren die sportlichen Geschicke des SV Werder und es ist davon auszugehen, dass er die Wirkung seiner Worte sehr genau abzuschätzen weiß. Er hält sich alle Optionen offen und das ist auch legitim. Andererseits geht es mir heute schon auf die Nerven.  Bei wie vielen Spielern hat man diese Form des Rumeierns schon erlebt, bevor sie nach wochenlangem Hickhack von dannen ziehen.

Ich kann dabei auch nicht behaupten, dass mich die Vorstellung sonderlich erschüttert, dass Allofs nach mehr als 13 Jahren die Koffer packt und woanders anheuert. Meine Sympathien hätte er bei einem Wechsel in die Autobauerstadt nicht mehr, aber andererseits sehe ich mit einem Abgang von KA nicht den Weltuntergang heraufziehen. Bitte nicht falsch verstehen: ich schätze Allofs und seine Arbeit sehr und er hat nicht unerheblichen Anteil am sportlichen Höhenflug der Bremer gehabt. Zusammen mit Thomas Schaaf hat er das Maximum aus den an der Weser herrschenden Rahmenbedingungen geholt. Man kann lange darüber streiten, ob der ausbleibende Erfolg der letzten Jahre auch seinem Versagen zuzuschreiben ist oder ob die Hochphase zwischen 2004 und 2009 nicht einfach ein einzigartiger Ausreißer nach oben war. Ja, der Verein hat gerade einen Rekordverlust bekannt gegeben, aber dieser lässt sich durch Rücklagen ausgleichen und zudem diente der Umbruch der letzten Jahre dazu, die hohen Fixkosten der neuen Situation anzupassen. Finanzielle Stunts wird es in Bremen nicht geben.

Der Spiegel bezeichnet Wolfsburg als Paradies für Allofs. Dabei beziehen sich die paradiesischen Zustände vor allem auf die finanzielle Ausstattung, die sich in Wolfsburg ohne Zweifel ganz anders darstellt als in Bremen. Andererseits soll Geld alleine ja auch nicht glücklich machen. Ich kann mir dennoch vorstellen, dass Allofs nach den Jahren in Bremen einer anderen Aufgabe gegenüber nicht abgeneigt ist, zumal Allofs sich in letzter Zeit auch immer wieder mit Gegenwind aus dem Aufsichtsrat konfrontiert sah und er vielleicht auch keinen Bock mehr hat, sich gegen Lemkes Selbstdarstellungsdrang zu wehren. In den nächsten Tagen wird hoffentlich Klarheit in die Sache kommen und für den Fall, dass Allofs dem Ruf aus dem „Paradies“ folgt, möchte mich für die vergangenen Jahre und die Erfolge bedanken. Aber wie auch bei jedem Spieler, der Bremen verlässt, kann ich ihm bei seiner neuen Aufgabe kein „Viel Erfolg“ mit auf den Weg geben. Es wird spannend zu sehen, wie das Vakuum gefüllt wird (Beiersdorfer, Bode oder vielleicht Guardiola*?) und was dann mit Schaaf passiert, der seinen Verbleib ja auch immer an Allofs geknüpft hat. Im Moment wird es nicht langweilig in Bremen, aber egal wie sich die Dinge entwickeln: der SV Werder Bremen ist größer als alle Namen, egal wie sehr sie den Verein geprägt haben. Es wird weitergehen.

Lebenslang Grün-Weiß!

P.S.: Wir haben wohl auf Schalke verloren. Blöd das! 😉

*= Ein kleiner Scherz