Monthly Archives: Januar 2013

Schleichendes Gift

Zum Spiel selbst möchte ich gar nicht viele Worte verlieren, sondern auf etwas anderes eingehen: nach der gestrigen Derby-Niederlage fanden auch die Diskussionen um Thomas Schaaf neue Nahrung. Was Kritikern des Bremer Trainers gerne entgegen gehalten wird: man könne Schaaf nicht in Anbetracht der beiden Spiele gg. Dortmund und vor allem den HSV zum Sündenbock machen. Muss man nicht Milde walten lassen, denn schließlich fehlten mit Arnautovic und Hunt zwei wichtige Spieler in der Startaufstellung? Hat der Schiri uns nicht total verpfiffen? Und war nicht eine Leistungssteigerung erkennbar gegenüber dem Spiel eine Woche vorher sichtbar? Bis vor Kurzem habe ich genauso auf Kritik an Schaaf reagiert. Die Verletzten/Gesperrten schmälern die Qualität der Mannschaft, der Schiri hat uns die Punkte geklaut und hey, wir haben nur mit einem Tor verloren und immerhin wieder selbst getroffen. Es geht also aufwärts!

Mittlerweile geht es nicht mehr um das letzte Spiel oder die letzten beiden Spiele. Es geht um die letzten Jahre. Es geht um Fehler, die systemimmanent zu sein scheinen und an denen weder die Namen der aufgestellten Spieler, noch die Aufstellung oder die taktische Grundausrichtung etwas zu ändern scheinen. Ob Raute, 4-2-3-1 oder 4-1-4-1: die defensiven Probleme bleiben gleich. Eigentlich bin ich zuversichtlich in diese Saison gegangen, neue Spieler, ein neues System und die ersten Liga-Spiele zeigten zumindest in die richtige Richtung. Doch wie schon letzte Woche im Grünweiß-Podcast erwähnt, stockte die Entwicklung der Mannschaft relativ schnell wieder. Von den einstigen guten Ansätzen ist kaum noch etwas zu sehen, stattdessen wirkt die Mannschaft zunehmend verunsichert.

Schaaf selbst flüchtet sich in Floskeln, spricht davon, dass er die Mannschaft mit seinem Fokus auf Defensivarbeit nervt. Man fragt sich schon, warum die Predigten nicht fruchten. Kann er es seinen Spielern nicht erklären? Sind seine Anforderungen zu komplex? Begreifen es die Spieler nicht? Oder reicht die Qualität der Spieler einfach nicht? Sollte einer der Gründe hier zutreffen, so macht mir dieser Umstand Angst. Oder Schaaf verweist (zugegebenermaßen in einem BLÖD-Interview) darauf, dass die Zuschauer halt offensiven Fußball sehen wollen. Ich für meinen Teil will momentan erst einmal erfolgreichen Fußball sehen. Die Ästhetik muss da hinten anstehen. Ist das jetzt Schaaf-Bashing, wie einige dann entgegnen? Ich glaube nicht, denn die Kritik an einer langfristigen Stagnation der Mannschaft muss doch erlaubt sein. Und wenn gravierende Defizite in elementaren Bereichen über Jahre nicht behoben werden, so muss man auch fragen, ob Schaaf noch der richtige Trainer für den SVW ist.

Andere Mannschaften stehen mit nominell deutlich schwächer besetzten Kadern vor uns. Trainer wie bspw. Tuchel oder Streich haben ihren jeweiligen Teams zuerst eine defensive Stabilität gegeben und darauf aufbauend einen Weg gesucht, wie man offensiv daraus Kapital schlägt. Sie schaffen es, aus ihren Mannschaften mehr rauszuholen als die Summe der einzelnen Teile (siehe auch Dortmund in den letzten beiden Jahren!). Eine Sache, die Schaaf seit Jahren nicht mehr schafft.  Denn nominell ist die Mannschaft in meinen Augen deutlich stärker als es die Tabelle widerspiegelt. Es geht nicht mehr darum, ob man Schaaf Unrecht tut, denn allmählich muss man sich um den SVW im Allgemeinen Sorgen machen. Es geht auch nicht darum, Schaafs Leistungen der Vergangenheit zu schmälern. Er wird seinen Platz im Werder-Olymp bekommen und das ist auch gut so. Aber es geht eben nicht um gestern oder vorgestern, sondern um heute und morgen. Ohne internationales Geschäft werden Spieler wie Arnautovic oder Sokratis nicht lange an der Weser kicken. Und auch wenn der Beitrag des Worum-Blogs über die Nachwuchsarbeit des SVW vielleicht ein bisschen einseitig ist, lässt er vermuten, dass der Nachwuchs in nächster Zeit keine verlässliche Quelle an bundesligatauglichen Spielern sein wird.

Man kommt sich vor, wie in einer langjährigen Beziehung. Damals im Frühjahr 1999 brachte Schaaf frischen Wind. Die Flirts mit De Mos, Dörner, Sidka und Magath waren kurz, aber enttäuschend. So ein wirklich wohliges Gefühl wollte sich mit keinem einstellen. Schaaf war irgendwie bekannt, ein guter Freund, den man noch einmal genauer kennenlernen durfte. Erst rettete er uns vor dem Abstieg und holte uns den DFB-Pokal. Er brachte noch Allofs mit, ein klassischer Dreier. Danach lernte man sich immer besser kennen, ein wohliges Gefühl stellte sich ein: Schmetterlinge im Bauch. Der Höhepunkt dann 2003/04 mit dem Double. Wir waren die Traumkombi, die anderen Vereine pfiffen uns anerkennend hinterher. Wir waren sexy, wir waren der heiße Scheiß da draußen. Danach reiteten wir noch eine ganze Zeitlang auf der Welle des Erfolgs und wir gewöhnten uns dran. Doch allmählich zeigten sich auch die Macken des anderen. Und was man anfangs noch als kleine Wunderlichkeit abtat, wird zunehmend zum Ärgernis. Dunkle Wolken legen sich über die einst große Liebe. Nein, nicht von heute auf morgen, sondern ganz langsam und schleichend. Langsam ist man nicht mehr der Blickfang, man ist nichts Besonderes mehr. Sexy sind längst andere. Man will es nicht wahrhaben und redet sich ein, dass es schon wird. Jetzt nicht aufgeben, wir reißen das Ruder schon noch rum, dann geht es wieder aufwärts mit der Beziehung. Und nun sitze ich hier und mein Herz ist gebrochen. Ich weiß, dass sich die Risse zwischen uns nicht mehr kitten lassen und auch wenn ich Schaaf keine Beleidigungen hinterherrufen mag, so ist mir klar, dass er gehen muss.

Ich weiß nicht, ob es danach besser wird, aber das kann uns nicht daran hindern, Veränderungen herbeizuführen. Ich will nicht mehr warten, dass schon irgendwie alles besser wird. Das habe ich, das haben auch viele andere in den vergangenen zweieinhalb Jahren getan. Natürlich sind die Vorzeichen schlecht, denn vorletzten Sonntag gab sich Lemke im Doppelpass alle Mühe, Schaaf mit einem Blankoscheck auszustatten. Ich verstehe ja, dass man in so einer Runde den Trainer nicht zum Abschuss freigibt, aber Lemke ließ so gar keine Kritik an Schaaf zu. Hip Hip Hurra, alles ist super, alles ist wunderbar! Sind ja neun Punkte bis zu einem Abstiegsplatz und offenbar sind Augsburg, Fürth und Hoffenheim schon als Absteiger festgelegt. Kann ja nix passieren, oder? Hoffen wir, dass es nicht doch noch ein böses Erwachen gibt, denn eine weitere Niederlage am Freitag gegen Hannover und die Negativ-Serie nimmt ihren Lauf. Oder liege ich falsch? Ist alles halb so wild und wir sind nur kurz davor, einen Lauf hinzulegen?

Lebenslang Grün-Weiß!

 

Von grauen Mäusen

Es ist schwer, etwas zum Spiel am Samstag abend zu sagen, vor allem, wenn man es nicht in voller Länge gesehen hat. Das es gegen Dortmund schwer werden würde, war mir schon vorher klar, nicht zuletzt wegen der angekündigten taktischen Umstellung. Das „spanische Modell“ sollte u.a. den Ausfall von Arnautovic kompensieren und gleichzeitig die Dortmunder in Schach halten. Die Taktik-Füchse von Spielverlagerung nennen es „eine beeindruckende Taktik der Bremer aus theoretischer Sicht„. Das Problem ist halt nur die Umsetzung und da sieht man, dass Taktik auch nur ein Faktor von mehreren ist, der ein Spiel beeinflusst. Reus‘ Freistoß in Minute 9 stellte sämtliche Theorie auf den Kopf. Vielleicht hat Dortmund uns nicht völlig an die Wand gespielt, sondern vor allem von einer immensen Effektivität profitiert, aber letztlich hat Bremen im Spiel nach vorne kaum etwas Gefährliches zustande gebracht.

Schaaf selbst will von einer falschen Taktik nichts wissen. Aber was ist es dann? Die Abstimmungsschwierigkeiten sowohl in der Defensive als auch im Aufbau waren nicht zu übersehen. Immer wieder stimmten Laufwege nicht und vor allem Petersen schien mit seiner Rolle auf der rechten Außenbahn nicht wirklich klar zu kommen. Schon im Trainingslager konnte mich Petersen auf rechts nicht überzeugen, auch wenn die Ergebnisse darüber hinwegtäuschen. Was sagt es über den Kader aus, wenn der Ausfall von einem Spieler (Arno) schon eine Abkehr vom bisherigen System nach sich zieht? Hätte man nicht Yildirim eine Chance auf rechts geben können und so im „üblichen“ 4-1-4-1 spielen sollen? Sind es nur die Umstände und das Glück der Dortmunder, welches uns auf die Verliererstraße gebracht haben? Soll man Schaaf dafür loben, dass er wenigstens versucht hat, sich etwas einfallen zu lassen gegen den BVB?

Ich weiß, es ist nur ein Spiel, noch sind 16 Spieltage zu absolvieren, aber das Spiel am Samstag hat mir sämtliche Vorfreude auf die Rückrunde verhagelt. Wieder einmal hat man sich eine ganze Menge vorgenommen und wieder einmal endete es mit einer gründlichen Enttäuschung. Vielleicht sind wir noch keine „graue Maus“, wie es der kicker schreibt, aber ganz sicher sind wir nur noch Mittelmaß. Vorletzte Saison fast abgestiegen, letzte Saison im Mittelfeld und wenn man es nüchtern betrachtet, sieht es diese Saison nicht besser aus. Der Glanz vergangener Tage und die Tatsache, dass bei Spielen des SVW immer was los sein kann retten uns vor dem Status der grauen Maus, aber viel ist es nicht mehr. Das Ziel ist Europa, aber derzeit sind wir auf direktem Kurz zu 60 Gegentoren. Und Tobias hatte es auf Facebook schonmal angesprochen: Welche Mannschaft kommt mit einer solchen Defensive ins internationale Geschäft? Und schafft die Mannschaft hier wirklich den Turnaround hin zu einer stabilen Defensive? Die Hinrunde hat sicherlich Anlass zu Optimismus in einigen Bereichen geboten, aber schon dort gab es mehr als leise Zweifel an der Defensive.

Eigentlich halte ich Jörg Wontorra für eine Karikatur eines Sportjournalisten, der im „Doppelpass“ meist nur Dünnpfiff von sich gibt. Aber gestern hat er Willi Lemke eine sehr interessante Frage gestellt, auf die Willi in bester Politikermanier nicht einging. Sinngemäß fragte Wontorra, warum andere Trainer in einem Umbruch zunächst auf eine starke Defensive setzen (bspw. Tuchel oder Streich) und Schaaf versucht, die Offensive zum Laufen zu bekommen und somit einen anderen Weg geht. Wie gesagt, eine Antwort darauf kam nicht, aber Lemke sprach in der Sendung mehrfach Schaaf das Vertrauen aus. Mein Vertrauen wird er sich wieder erarbeiten müssen und mich davon überzeugen, dass der eingeschlagene Weg zum Erfolg führt. Am Sonntag ist in Hamburg Wiedergutmachung angesagt. Hoffen wir, dass es mehr als nur warme Worte sind.

Lebenslang Grün-Weiß!