Die Tabelle lügt nicht

Ich möchte das Positive gerne voran stellen: am Samstag habe ich mich im Weserstadion mit Andreas, Stefan und Lars getroffen. Trotz des eher bescheidenen Spiels war es ein echt witziger und netter Nachmittag und es war super, weitere Leute aus dem Internet auch in echt kennen zu lernen. An dieser Stelle hört dann auch das Gute am gestrigen Spiel auf.

Nach dem Spiel in Gladbach hatte man sich kurzzeitig der Illusion hingegeben, es könnte ein Schritt in die richtige Richtung gewesen sein. Das Spiel gegen Fürth war ein unangenehmer Weckruf mit der unangenehmen Erkenntnis, dass selbst gegen die Kellerkinder der Liga keine Siege zu erwarten sind. Aus fünf Spielen gegen die drei Teams auf den Abstiegsrängen holte man ganze fünf Punkte, einzig Hoffenheim konnte bisher geschlagen werden.

Schaaf vertraute auf die gleiche Aufstellung wie in Gladbach und nahm nur eine personelle Veränderung vor: Sokratis ersetzte den verletzten Fritz auf der Doppelsechs. Die Mannschaft, die den Gladbachern einen Punkt abringen konnte, durfte sich somit gegen Fürth versuchen. Ich hatte vor dem Spiel deswegen leichte Zweifel, denn auswärts gegen Gladbach war die defensive Ausrichtung in der Aufstellung und im Personal genau richtig, um das Spiel der Hausherren zu unterbinden und defensive Stabilität zu erreichen. Zuhause gegen Fürth war die Aufgabe jedoch gänzlich anders, denn die Aufgabe das Spiel zu machen, lag sicherlich nicht beim Tabellenletzten aus Franken. Und so tat sich die Bremer Mannschaft in Halbzeit eins unglaublich schwer, nach vorne zu spielen und zu nennenswerten Torchancen zu kommen. Dabei spielte man vor allem über die rechte Seite, wo Junuzovic, De Bruyne und Sokratis wenigstens zu einige Ansätze zeigten. Über links und somit über Ignjovski lief so gut wie gar nichts und wenn er mal den Ball bekam, wurde auch schnell klar, warum: ihm fehlt es an der Technik und Schnelligkeit, um sich gegen Verteidiger durchzusetzen und selbst wenn er mal Richtung Grundlinie marschierte, musste er abbrechen und sich den Ball auf den rechten Fuß legen, um Flanken zu schlagen. Die Durchschlagskraft war gleich null.

Sokratis gab den deutlich offensiveren Spieler auf der Sechs, während Trybull meist absicherte. Man kann Sokratis keinen mangelnden Einsatz und Offensivdrang vorwerfen, doch man sieht auch immer wieder, dass er im Spielaufbau oftmals limitiert ist und außer dem Trick „Ball vorlegen und mit dem Kopf durch die Wand“ kaum effektive Mittel im Eins gegen Eins vorweisen kann. So hatte es Fürth relativ leicht, die Bremer Angriffe abzuwehren. Doch nicht nur das Angriffsspiel war in Halbzeit eins nur Stückwerk, sondern es ging der Mannschaft auch jegliche defensive Stabilität ab. In Minute acht gab es erst ein Missverständnis zwischen Mielitz und Selassie, eine Minute später einen Ballverlust im Mittelfeld und schon stand wieder ein Fürther blank vor dem Bremer Kasten. Glücklicherweise hatten die Fürther da die Zielvorrichtung noch nicht justiert.

In der Halbzeit nahm Schaaf Trybull und Selassie vom Feld und brachte Hunt und Arnautovic. Ignjovski übernahm den Posten des rechten Außenverteidigers und Junuzovic rückte auf die Sechser-Position. Es ging auch gleich gut los: Hunts erste Aktion am Ball und er wird im Strafraum der Fürther gelegt. Den Elfmeter donnert er mit 48 Stundenkilometer (sagte der Karacho-Tacho im Stadion) in die Maschen. Doch das gab der Mannschaft leider nicht das erhoffte Selbstvertrauen und nur acht Minuten später ist die Bremer Abwehr nicht in der Lage, die Fürther zu stellen und Fürstner kann die Hereingabe von der linken Seite verwerten. Und nach 62 Minuten liegen die Bremer nach einem Petzos-Freistoß hinten. Und während man in Halbzeit eins viel zu defensiv unterwegs war, fällt in Halbzeit zwei auf, dass die Mannschaft viel zu offensiv ist und zum einen den Raum vor der Abwehr entblößt und zum anderen fehlt der Abwehr jegliche Anspielstation im Mittelfeld, da Junuzovic und Sokratis tief in der Hälfte der Fürther zu finden sind. Einige Male schlagen die Verteidiger lange Bälle nach vorne oder spielen hinten immer wieder quer, einfach weil sich keiner im Mittelfeld anbietet. Gerade Sokratis hätte in Halbzeit zwei tiefer stehen und somit die Verbindung zwischen Defensive und Offensive herstellen sollen. Und so geht auch in Halbzeit zwei relativ wenig nach vorne, echte Torchancen sind Mangelware. Ein Glück verteilen die Fürther noch ein Gastgeschenk in Form eines Elfers, den wieder Hunt verwandelt.

Ein Punkt gegen Fürth ist definitv zu wenig. Und langsam gewöhnt man sich daran, dass man sich in der zweiten Tabellenhälfte zunehmend einrichtet. Schaaf sagte nach dem Spiel sinngemäß, dass das gespielte System egal sein, die Spieler müssten einfach Leistung bringen (selbst wenn diese nicht auf angestammten Positionen spielen). Selbst wenn man dieser Argumentation zustimmt – was ich nicht tue – fragt man sich, warum die Spieler immer wieder die Leistung derart verweigern. Denn das Statement, die Mannschaft/Spieler würden „Dinge“ nicht umsetzen und nicht Vollgas geben, haben wir in den vergangenen Jahren auch schon häufiger gehört. Und dann frage ich mich, was man sich da für einen Kader an Leistungsverweigerern zusammengestellt hat.

51 Gegentore, davon 22 in der Rückrunde sind traurige Ligaspitze; dazu gesellen sich gerade einmal acht Punkte in den neun Spielen der Rückrunde und gerade noch sechs Punkte bis zum Relegationsplatz. Und in der Form dürfte es schwierig sein, die triste Rückrunde der letzten Saison mit mickrigen 13 Punkten noch zu übertreffen. Immer wieder ist von einem Umbruch die Rede, aber wie ich schon mehrfach schrieb, ist keine Entwicklung über den Verlauf der Saison zu erkennen. Es gab zu Beginn einige Ansätze, die in die richtige Richtung wiesen, aber davon ist kaum noch etwas zu sehen. Jeder Lichtblick wird mit einer herben Enttäuschung wieder revidiert und Schaaf scheint nur noch zu reagieren, aber nicht mehr selbst erfolgreich zu agieren. Selbst wenn man sich hinter dem Argument des Umbruchs verschanzt: sieht irgendjemand eine übergreifende Spielidee, ein Konstrukt, welches in die Zukunft weisen könnte? Wofür steht Bremen im Frühjahr 2013? Was können wir nächste Saison erwarten, vor allem wenn im Sommer wahrscheinlich nochmal wichtige Spieler gehen? Was will man eventuellen Neuverpflichtungen anbieten? Die Möglichkeit, sich international zu präsentieren fällt aus und es ist schon ein bisschen her, dass man einen jungen Spieler in Bremen auf die nächste Stufe hat heben können, um ihn dann mit Gewinn an einen großen Club zu verkaufen.

Wenn man die bisherige Punktausbeute bis zum Saisonende hochrechnet, kommt man nicht mal mehr auf 40 Punkte. Ist es das, was wir wollen? Freuen wir uns darüber, dass wir zwei Spiele ungeschlagen sind? Und was muss sich ändern, wenn man wieder erfolgreicher arbeiten will? Oder warten wir darauf, dass es die Verantwortlichen schon richten werden?

Lebenslang Grün-Weiß!

4 comments

  1. Tobias (Meine Saison)

    Ich fand das Interview mit Schaaf bei Sky vor dem Gladbach-Spiel sehr interessant. Da hat er auf die Frage, ob man Spieler heute anders ansprechen muss, als vor 10 Jahren, gesagt: „Aber 1000%ig“ und dann von einem Werteverfall gesprochen. Leider hat der Reporter da nicht mehr nachgehakt, aber die Aussage fand ich schon bemerkenswert. Das zeigt eigentlich recht deutlich, dass es zwischen Trainer und Mannschaft nicht mehr stimmt. Der Satz „Trainer erreicht Spieler nicht mehr“ ist zwar eine Floskel, aber Schaafs Aussage ging schon ein gutes Stück in die Richtung. Dazu passt dann ja auch, dass alle Beteiligten davon sprechen, dass der Trainer die Probleme immer wieder anspricht, die Spieler es aber nicht schaffen, die Dinge umzusetzen (*hust*).

    Ich habe den Eindruck, dass Schaaf so langsam keine Lust mehr darauf hat.

    18. März 2013 bei 10:28 Antworten

  2. Stephen

    Ja, es ist schon auffällig, dass Schaaf offensichtlich nicht mehr zu den Spielern durchdringt. Gerade in letzter Zeit wird ja immer häufiger darauf hingewiesen dass Schaaf, äh, Probleme anspricht. Manchmal möchte man schon auch Mäuschen spielen, um mal live mitzuerleben, wie die Stimmung in der Kabine ist, gerade auch im Vergleich zum Beginn der Saison, als es noch hieß, dass alles total supi ist.

    18. März 2013 bei 11:04 Antworten

  3. Pingback: The time is now bei Werder Exil

  4. Henne

    > Wofür steht Bremen im Frühjahr 2013?

    Ich finde die Entwicklung, insbesondere dieser Saison, steht von den Transfers, der Aufstellung und Taktik definitiv für den Versuch Offensivfussball zu spielen. Insofern steht Werder auch im Frühjahr 2013 noch für das selbe wie beim Double. Leider kann inzwischen jeder sehen das der Versuch grandios scheitert. Es bleibt aber ein Versuch und der ist denke ich auch von der gesamten sportlichen Führung gewollt und nicht dem Zufall bzw. dem Unvermögen des Trainers geschuldet.

    Das der personelle Umbruch kommen musste erklärte sich schon alleine aus dem Alters/Gehaltsdurchschnitt der Spieler und dem Abschneiden 10/11. Das solch ein personeller Umbruch nicht auch einen totalen Umbruch in der Spielphilosophie bedeutet und man auch den Atem hat diese über ein paar Saisons auszuprobieren (inklusive Verhagelte Bilanzen) finde ich ist etwas was den Verein Werder Bremen ausmacht.

    Ich denke aber das die Leih-Transfers ohne Kaufoption dieser Saison zeigen das es die letzte Saison ist in der versucht wird die Werder-Philosophie „Offensivfussball“ durch zu ziehen. Hätte es mit dieser Mannschaft geklappt hätte man sich durchaus eine sportliches wie finanzielles Polster zulegen können um es evtl. noch eine Saison zu probieren. Hat aber nicht geklappt.

    Die Frage die sich jetzt ganz offensichtlich auftut ist wie man auf das scheitern der gesamten Spielphilosophie reagiert. Die Aufstellung und Taktik gegen Gladbach und Fürth waren da durchaus richtungsweisend und verständlich. So weh es tut aber ich denke du hast es treffen beschrieben, die Tabelle lügt nicht und wir von jedem zu Schlagen, auch von Fürth! Darauf muss reagiert werden, die Umstellung auf defensive Doppel-Sechs und defensive Flügel, das sehr kompakte Verteidigen hinter der Mittellinie inklusive aller spitzen und Konterfussball sind Dinge die uns von jetzt an über mehrere Saisons begleiten werden.

    Ich denke auch das die Geschäftsführung TS vertraut nach dem Personal- auch diesen Philosophieumbruch zu stemmen.

    Dat muss Du gewohnt warrn see de Bäcker un wisch mit de Katt den Backoben ut 🙂

    21. März 2013 bei 16:42 Antworten

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