Vergessenes Glück

Nach ziemlich genau sechs Monaten gewinnt Werder wieder ein Pflichtspiel (zuletzt am 09.02. beim 4:1 in Stuttgart) und sogar ein paar Tage länger ist das letzte Pflichtspiel ohne Gegentor her (am 01.02. beim 2:0 gegen Hannover 96). Die Bremer Fanwelt wird von ungeahnten Glücksgefühlen übermannt und stellt zumindest für diesen ersten Spieltag die beste Abwehr der Bundesliga. Damit ist zumindest vorerst einmal die Depression nach Saarbrücken ein wenig in den Hintergrund gedrängt und die Mannschaft kann das – im Grünweiß-Stammtisch angesprochene – Erfolgserlebnis feiern.

Dabei ist das Spiel an sich wahrlich kein Grund zur Euphorie gewesen. Zwar zeigte man deutlich mehr Willen als zuletzt in Saarbrücken und konnte die ersten 60 Minuten auch defensiv sicher stehen, aber das Spiel nach vorne war deutlich ausbaufähig. In der Offensive waren gerade Hunt und Ekici regelrechte Fremdkörper, die oft falsche Entscheidungen trafen und kaum Akzente setzen konnten. Darüber hinaus war man beim Umschalten nach Ballgewinn oft zu träge, um den Ball mit Geschwindigkeit in die gegnerische Hälfte zu bringen und den Gegner unter Druck zu setzen. Und nach besagten 60 Minuten und der Herausnahme von Ekici verlor man auch die Ordnung in der Defensive. Ob die Auswechslung von Memo (die zudem völlig verständlich war) nun damit kausal zusammenhängt, steht auf einem anderen Blatt, aber kurze Zeit später hatte Braunschweig die erst Großchance nach einem Distanzschuss von Reichel, den Mielitz gerade noch an die Latte lenken konnte. Weitere gute Möglichkeiten, die Braunschweig entweder vergab oder die Caldirola noch von der Linie kratzen konnte, sollten folgen.

Aus Sicht der Braunschweiger ist es bitter, dass das Tor der Bremer ausgerechnet in diese Phase fällt. Prödl schlägt einen langen Ball/Befreiungsschlag nach vorne zu Junuzovic, der cool bleibt und das 1:0 erzielt. Bremen kann nach sieben Jahren mal wieder ein Auftaktspiel auf fremdem Platz gewinnen. Der Bann ist gebrochen und die Aussagen der Mannschaft nach dem Spiel zeigen in meinen Augen, dass man das Spiel richtig einzuordnen weiß. Aber es kann dem Team Selbstvertrauen geben und man kann in der nächsten Woche ruhig auf das Augsburg-Spiel hinarbeiten, ohne gleich nach dem ersten Spieltag die vielen Skeptiker zu bestätigen, die Werder zu den Abstiegskandidaten zählen (Who the fuck is Franz B.?).

Natürlich ist nun nicht alles gut und Robin Dutt hat weiterhin viel Arbeit vor sich, aber gerade in den letzten Tagen haben Eichin und Dutt schon viel getan, um die Fans darauf vorzubereiten, dass es Zeit brauchen wird. Zum einen Zeit, um den Kader umzubauen und an die neuen Anforderungen  des Trainers anzupassen. Zum anderen bis die Mannschaft die Ideen von Robin Dutt vollständig verinnerlicht hat und dies sich auch auf dem Spielfeld im Ganzen zeigt. Ich persönlich finde es gut, dass sich die Vereinsführung so offensiv in der Öffentlichkeit präsentiert und dabei auch auf die Bekanntgabe eines konkreten Saisonziels verzichtet. Vor allem nach den oftmals sehr optimistischen Ansagen der letzten zwei Jahre, wo ich oft das Gefühl hatte, dass man die neuen Realitäten nicht erkennen konnte oder wollte.

Zum Abschluss möchte ich übrigens noch kurz auf meinen Man of the Match eingehen: Felix Kroos, der im defensiven Mittelfeld auflaufen durfte und in meinen Augen einen richtig guten Job machte. Er spielte unauffällig, hatte aber viele Ballkontakte und gewann einen Großteil seiner Zweikämpfe. Zudem dirigierte er seine Mitspieler und war sehr aktiv am kommunizieren. Ich kann mich an eine Szene in der zweiten Halbzeit erinnern, wo er Selassie auf der Außenbahn nach vorne schickt und die Position absicherte. In meinen Augen hat sich Felix damit einen weiteren Einsatz im nächsten Spiel mehr als verdient. Gegen Augsburg kann die Mannschaft hoffentlich einen weiteren Schritt in die richtige Richtung machen. Ich bin auf jeden Fall live vor Ort dabei.

Lebenslang Grün-Weiß!

5 comments

  1. vert et blanc

    »Eichman«?

    11. August 2013 bei 21:43 Antworten

  2. Stephen

    Eigentlich eine Anspielung auf Batman und Robin. Aber mir fällt auf, dass man das Ganze auch in eine Richtung lesen kann (ein „n“ mehr anhängen), die mir nicht gefällt. Dann stirbt das billige Wortspiel.

    11. August 2013 bei 21:50 Antworten

  3. spyri

    Was die Behäbigkeit beim Umschalten angeht: ich habe das Gefühl, dass man dies nun erstmal so hinnehmen muss. Lieber etwas gemütlicher den eigenen Spielaufbau betreiben und dabei lernen, als wie zuvor mehr sich selbst als den Gegner destabilisieren und dann in ein offenes Messer zu laufen.
    In Zeiten, wo man kaum eingespielt und stark verunsichert ist, scheint mir die gemütliche Variante erfolgversprechender. Deswegen ist Kroos auch genau der richtige Mann, als leicht offensivere Variante würde ich mir mal Ekici auf der 6 wünschen. Hier sehe ich noch nicht ganz, was Dutt sich so denkt. Yildirim wäre imho auf dem Flügel deutlich besser aufgehoben, als im ZM, bei Ekici sehe ich es anders herum.

    12. August 2013 bei 09:44 Antworten

  4. Stephen

    Ja, das mit Umschalten kann ich auch erst einmal hinnehmen. War nur halt so, dass ein zwei nach vorne gerannt sind und keiner mitkam. Daher wirkte das immer ein bisschen ungeordnet. Wenn man konsequent auf die Bremse tritt, brauchen ja nicht einige nach vorne stürmen. Das wirkte ein bisschen so, als wäre man sich im Team da nicht einig.

    Ekici kam viel über Linksaußen, ich weiß nicht, ob ihm das so entgegenkommt. Und auch bei Hunt bin ich mir nicht sicher, ob die Freiheit, die Dutt ihm gibt, ihm so entgegenkommt. Aber ich bin mir sicher, dass Dutt da noch die passenden Alternativen entwickelt.

    12. August 2013 bei 10:23 Antworten

  5. vert et blanc

    Batman und Robin. A’ight, das sah ich nicht. Aber wo Du’s sagst…

    12. August 2013 bei 16:53 Antworten

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