Alternative Realität

Vielleicht übertreibe ich an dieser Stelle, weil es mir so leichter fällt, eine Geschichte draus zu stricken, aber Sport ist immer auch eine Geschichte, die sich zu weiten Teilen im Konjunktiv abspielt. Das gilt sowohl für die Athleten und Trainer als auch für die Fans. Damals als ich noch selbst aktiv Handball gespielt habe, konnte ich stundenlang damit verbringen, mir bestimmte Situationen vor Augen zu führen und den Lauf zu ändern: den freien Wurf zu treffen oder den Wurf des Gegners vorherzusehen und zu blocken. Das ist als Fan eines Bundesliga-Teams keinen Deut anders. Mein Lieblings-Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit: Wieses Rolle im CL-Achtelfinale gegen Juventus Turin. Wenn er die Rolle weglässt und einfach den Ball festhält, den Ball nicht beim Abrollen verliert oder Emerson das leere Tor verfehlt? Wir werden es nie erfahren, denn es gibt nur diese Realität und hier zählt nicht der Konjunktiv.

Im gestrigen Spiel gegen den FC Schalke 04 gibt es für mich zwei solche Momente: der erste ist die gelbe Karte gegen Santiago Garcia, der nach einem Zweikampf am Boden liegend nach dessen Fuß greift und ihn so beim Aufstehen zu Fall bringt. Wenig später nimmt Garcia im Kopfballduell den Arm zur Hilfe und Schiri Brych ermahnt ihn zum letzten Mal. Dutt nimmt ihn noch vor der Halbzeit runter und bringt Schmitz rein. Vielleicht hätte Garcia in den beiden Situationen zum 1:1 und 1:2 mehr ausrichten können, vielleicht hätte er Boateng entscheidend stören können, vielleicht wäre auch er einfach an KPB abgeprallt. Der zweite Moment ist Hildebrands Aussetzer, der bei Elia landet und zu einer richtig dicken Chance hätte führen können, wäre Elia auf dem Spitzenrasen der Turnhalle nicht ausgerutscht. Vielleicht hätte er das 2:0 erzielt oder einem Kollegen aufgelegt. Vielleicht wäre das schon die Entscheidung gewesen. Vielleicht hätten sich die Schalker auch von einem 0:2 nicht schocken lassen.

So verlieren wir das Spiel nach einem engagierten Auftritt mit 1:3. Die Mannschaft war hervorragend eingestellt und kaufte den Schalkern in den ersten dreißig Minuten den Schneid ab. Das 1:0 durch Kroos war das Ergebnis des bis dahin sehr guten Pressings. Neustädter wird nach schwachem Anspiel angegriffen, Kroos erobert sich die Kugel und schlenzt das Ding rein. Anschließend überlässt man den Hausherren mehr und mehr das Feld, aber man hat einen Wirkungstreffer erzielt. Die Schalke-Fans werden unruhig und bis zur Halbzeit kann man den Vorsprung halten. In Halbzeit zwei hat man die oben angesprochene Möglichkeit, alles klar zu machen, doch mit zunehmendem Spielverlauf setzt sich die individuelle Stärke der Schalker durch. Man hat gemerkt, dass man gegen die großen Namen der Liga über die gesamte Spieldauer am oberen Limit agieren muss, um erfolgreich zu sein. Das hat gestern leider nur ca. 60 Minuten lang funktioniert. Und da ist es dann auch keine Hilfe, wenn sich Spieler aus der ersten Elf selbst aus dem Spiel nehmen. So bleibt ein engagierter Auftritt, der deutlich zeigt, dass es in Bremen in die richtige Richtung geht, der aber auch zeigt, wo es noch fehlt (siehe Analyse der Spielverlagerung)

Garcia dient die Pause aufgrund der fünften Gelben auch als kleine Denkpause. So sehr er sich als Gewinn auf und neben dem Platz entpuppt hat, muss er in Sachen Cleverness noch deutlich zulegen. Wir brauchen aktuell Leute wie ihn auf dem Platz, nicht auf der Tribüne. Darüber hinaus waren die Kollegen Schmitz und Fritz ja die ausgemachten Sündenböcke des gestrigen Spiels, wenn man sich in den sozialen Medien umschaut. Dabei könnte man sich bspw. beim 1:2 fragen, warum Fuchs in aller Ruhe flanken kann. Oft ist es nicht ein Fehler, der zu einem Gegentor führt, sondern eine Verkettung von Fehlern. Aber dort wo nach schlechten Leistungen Gehaltskürzungen und Bestrafungen gefordert oder der Vergleich zum „normalen“ Arbeitnehmer bemüht wird, ist das Prinzip „Sündenbock“ Teil der verkürzten Wahrnehmung.

Aprospos Sündenbock: gestern hat sich während des Spiels mein Frust zum Teil an Schiri Brych entladen. Schon nach dem Spiel war klar, dass Brych wahrlich keine gute Leistung gezeigt hatte, aber das auf beiden Seiten. Wie oben erwähnt, hätte Garcia eine zweite gelbe Karte bekommen müssen, vielleicht hätte man bei Hunts Aktion gegen Meyer(?) auf den Punkt zeigen können, aber auch Jones hätte vom Platz gemusst.

Nun ist also wieder Länderspielpause, bevor es im heimischen Weserstadion gegen Mainz geht. Da müssen die drei Punkte her, damit wir weiter auf Kurs bleiben.

Lebenslang Grün-Weiß!

5 comments

  1. Tobias (Meine Saison)

    Ich glaube schon, dass sich Garcia zumindest beim 1:1 wesentlich besser angestellt hätte. Schmitz hatte die ganze Zeit über Probleme bei hohen Bällen und Garcia ist recht kopfballstark.

    Vor dem 1:2 hat bei Werder das Umschalten mal wieder nicht geklappt. Die Situation schien zwar nicht sooo brenzlig, aber bei Hunts Ballverlust ist Iggy weit aufgerückt, Junu bleibt stehen und Makiadi reklamiert erst mal, bevor er sich nach hinten orientiert. Kroos verschiebt sehr langsam nach rechts und Fuchs kann in Ruhe aus dem Halbfeld flanken. Wie gesagt, eigentlich nicht so richtig gefährlich, aber dadurch kommt die Überlegenheit von Boateng gegen Schmitz erst so richtig zum tragen.

    11. November 2013 bei 12:18 Antworten

  2. Stephen

    Ja, wahrscheinlich hätte Garcia besser ausgesehen. Schmitz prallte ja bei beiden Toren mehr oder weniger nur von Boateng ab. 🙁

    Und die Entstehung vor dem 1:2 habe ich mir im Detail nicht noch einmal angeschaut. Ich weiß nur, dass ich in dem Moment die ganze Zeit dachte: „Wieso geht da denn keiner drauf?“

    Insgesamt muss man sich wohl auf die positiven Dinge konzentrieren und hoffen, dass wir die dann gegen Mainz mitnehmen können.

    11. November 2013 bei 12:42 Antworten

  3. Pingback: #Link11: Alaaf, Helau und einen Tusch! | Fokus Fussball

  4. Marcus

    Hm, von Boateng prallt vermutlich auch ein Garcia ab. Hat von Euch jemand seine Zeit in Italien verfolgt? Da wird weißgott nicht mit Samthandschuhen verteidigt, aber der Prinz war trotzdem für das eine oder andere Tor gut, hat in der Offensive Räume geradezu aufgebrochen.

    11. November 2013 bei 15:57 Antworten

  5. Stephen

    Wahrscheinlich hast Du da nicht unrecht. Prinzipiell gebe ich Tobi recht, dass Garcia zumindest in der Theorie und im Konjunktiv besser gerüstet ist für ein Kopfballduell gegen Boateng. Ob er dann tatsächlich etwas hätte ausrichten können, ist ein Punkt, den wir nie werden klären können. Es sei denn, wir nehmen uns die TARDIS von Doctor Who. 😀

    11. November 2013 bei 16:47 Antworten

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