Monthly Archives: Dezember 2013

Drei Punkte zum Fest

Irgendwie in die Winterpause retten: das war die Marschroute vor dem Leverkusen-Spiel. Hauptsache keine Klatsche kassieren, dann die Wunden lecken und darauf hoffen, dass in der Rückrunde der Erfolg wieder an die Weser zurückkehrt. Auch ich habe sehr pessimistisch auf das Spiel gegen Leverkusen geschaut, denn die Werkself verfügt ausgerechnet dort über Stärken, wo wir uns in Bremen defensiv sehr schwer tun: zum einen ein effektives und schnelles Umschaltspiel und darüber hinaus auch über ein starkes Spiel über die Außen. So habe ich mich im Grünweiß-Stammtisch auch völlig fatalistisch auf einen 0:4-Tipp festgelegt.

Vor dem Spiel gab es eineinhalb Überraschungen: Sebastian Prödl kehrte nach langer Verletzungspause wieder in die Startelf zurück. Ich hatte eher erwartet, dass der Prödler vielleicht noch einmal geschont wird, um dann in der Rückrunde anzugreifen. Die halbe Überraschung war die Aufstellung von Aaron Hunt, der in der Woche vor dem Spiel mit muskulären Problemen zu kämpfen hatte. Schon nach wenigen Minuten wurde auch klar, dass man wieder zum defensiven Konzept der ersten Saisonspiele gefunden hatte. Makiadi und Bargfrede als Absicherung vor der Abwehr, zudem mit Elia und Di Santo sehr defensiv eingestellte Außenspieler und auch Hunt und Petersen standen tiefer als dies zuletzt der Fall gewesen ist. Die Mannschaft begegnete dem haushohen Favoriten als sehr kompakte Einheit, die zudem intensiv verteidigte.

Den Gästen schien das überhaupt nicht zu schmecken, so hatten die Leverkusener zwar in den meisten statistischen Kategorien die Nase deutlich vorne, aber erspielten sich kaum zwingende Torchancen. Angeführt von einem Sebastian Prödl, der gefühlt jeden hohen Ball aus dem Strafraum köpfte, machte die Mannschaft den Gästen das Leben schwer. Einziger Kritikpunkt war in meinen Augen die hohe Anzahl an begangenen Fouls tief in der eigenen Hälfte, die Leverkusen viele Standards bescherte. Und mit zunehmender Spieldauer kehrte langsam der Glaube daran zurück, dass die Mannschaft das Spiel einigermaßen unbeschadet überstehen würde. Fast so wie zu Beginn der Saison, als man in vielen Spielen dem Gegner die Initiative überließ, um ihm mit tiefer Verteidigung und kompaktem Auftreten die Lust zu nehmen.

Chancen für Bremen waren eher selten, aber in der 74. Minute führte ein Konter über Aaron Hunt zur ersten spielentscheidenden Szene, als Garcia nach einem Gewühle im Leverkusener Strafraum der Ball vor die Füße rollt und er zum 1:0 einschieben kann. Danach pure Freude bei Spielern, Fans und vor allem bei Robin Dutt. Die zweite spielentscheidende Szene kam (in meiner Erinnerung) nach dem Führungstreffer, als eine Bremer Ecke direkt in einen Konter der Gäste mündete. Als der Ball auf Höhe der Mittellinie angelangt war, hatte ich innerlich den Treffer für Leverkusen schon fest verbucht, aber als der Ball auf Höhe des Bremer 16ers angelangt, waren vier Spieler in Grün-Weiß nach hinten gesprintet und konnten die Situation letztlich entschärfen. Die letzten Minuten waren pures Nägelkauen und Dutt feierte selbst einen Einwurf wie den entscheidenden Treffer. Man merkte dem Coach an, wie sehr er unter Druck stand; Druck angesichts der Ergebnisse der letzten Wochen, Druck angesichts der Tatsache, dass es gegen seinen letzten Verein ging, wo er der öffentlichen Meinung nach kläglich versagt hatte. Wie sehr die Hinrunde an seinen Nerven gezehrt haben muss, wurde nach dem Spiel auf der PK offenkundig, wo er den Tränen sehr nahe war.

Der Sieg war auf mehreren Ebenen wichtig: er war wichtig für die Moral von Mannschaft und Fans, er war wichtig angesichts der Tatsache, dass Frankfurt und Freiburg gepunktet haben und uns immer dichter auf die Pelle rückten. Und natürlich tut es gut, einen „Großen“ geschlagen zu haben, denn Leverkusen spielt eine überragende Saison. Sie haben nur das Pech, in einer Liga mit den Bayern gefangen zu sein. Abschließend war es vielleicht auch wieder eine Rückbesinnung auf die Dinge, die uns zu Saisonbeginn so viel Optimismus gegeben haben: defensive Stabilität, der Fokus auf Defensivarbeit und 90 Minuten Kampf. Wehmutstropfen: warum ist man in den Spielen zuvor nicht so aufgetreten? Das war eine Frage, die ich mir während des Spiels immer wieder gestellt habe.

Mit 19 Punkten sind wir nur einen Punkt hinter dem von der Vereinsführung ausgegebenen Ziel von 20 Punkten. So findet die Hinrunde nach einigem Auf und Ab ein versöhnliches Ende und mit einem solchen Auftreten blicke ich auch weniger sorgenvoll in die Rückrunde als dies zuletzt der Fall war.

An dieser Stell wünsche ich den Lesern des PapierkugelBlogs schöne Rest-Feiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Lebenslang Grün-Weiß!

Abwärts

Jaja, ich weiß: vor der Saison war klar, dass wir keine Bäume ausreißen würden und nicht wenige haben Werder zum Kreis der Abstiegskandidaten gezählt. Deshalb dürfte es eigentlich keine Überraschung sein, dass wir uns zunehmend in der Tabelle nach unten bewegen. Das wäre per se noch kein Grund zur Panik, aber wenn man sich (wie auch hier angesprochen) die Entwicklung der letzten Wochen anguckt, zeigt die Formkurve steil nach unten. Am letzten Spieltag kommt es zum entscheidenden Duell mit Hoffenheim, wer mit der schlechtesten Abwehr der Liga in die Winterpause darf. Da möchte ich an dieser Stelle anmerken, dass ich mir das vor der Saison doch ein klein wenig anders gedacht hatte.

In Berlin gab es ein 2:3 gegen einen allenfalls durchschnittlichen Gegner. Man ging durch Petersen sogar (und das eher aus dem Nichts) mit 1:0 in Führung, nur um innerhalb von Sekunden einen völlig unnötigen Elfmeter zu verursachen. Wenig später sogar das 1:2 , bei dem die Defensive eher staunend zuguckt, was die Berliner da so anstellen. Es ist schon bedrückend, dass jeder Ball am und im Strafraum sofort für Gefahr sorgt (wie auch Dutt und Eichin nach dem Spiel zu Protokoll gaben) und der Defensive seit einiger Zeit jegliche Stabilität fehlt. Einzig die Moral ist noch intakt und es ist erstaunlich, dass die Mannschaft immer wieder aufsteht und versucht, weiterzumachen. Und so kann man auch in Berlin wieder einmal einen Rückstand egalisieren, bevor Ronny kurz nach Wiederanpfiff das 2:3 erzielt.

Es gab einiges, was ich nicht verstanden habe, wie die Tatsache, dass nur einmal gewechselt wurde (Yildirim für Elia hätte sich bspw. angeboten), dass Di Santo als Außenspieler aufgeboten wurde oder der Umstand, dass Lukimya offensichtlich die Anweisung hat, immer wieder weit rauszurücken, obwohl es immer wieder Räume für den Gegner öffnet. Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich auch kaum noch Lust, mich damit groß zu beschäftigen. Ich hoffe, dass man sich irgendwie in die Winterpause rettet und von Leverkusen nicht vorgeführt wird. Dann geht es darum, die lecke Defensive wieder zu flicken. Ob das nun die Rückkehr von Sebastian Prödl ist oder eventuell ein oder zwei neue Spieler in der Winterpause: mir ist es gleich. Vielleicht rührt die zunehmende Angst vor dem Abstieg auch daher, dass in Bremen die Rückrunde in den letzten Jahren für immer neue Negativrekorde gesorgt hat. Zumal der Punkt der „Entwicklung“ in den Plänen von Dutt und Eichin ja immer ein zentraler Aspekt war. Und gerade diese Entwicklung ist zuletzt nicht mehr dagewesen.

So langsam befällt mich eine Mischung aus Angst und gleichzeitig auch Fatalismus. Und wenn ich ehrlich bin, gefällt mir das ganz und gar nicht. Früher habe ich immer mit einem milden Lächeln auf die Fans von Mannschaften geguckt, die im Abstiegskampf stecken, auf die fehlende Geduld und den – im Laufe der Saison – zunehmend schrilleren Ton. Jetzt sitze ich hier und im Bremer Umfeld überwiegt die gleiche Mischung aus Panik, Resignation und Ratlosigkeit. Da wird Dutts Kopf gefordert, Eichin als Blender hingestellt und Lemke möge doch endlich die Schatulle mit dem Geld öffnen, damit wir uns Spieler kaufen können, die uns sofort weiterhelfen. Ist noch ein Investor frei? Hauptsache irgendein Prinz kommt auf seinem Schimmel angeritten und hilft uns. Die Maximierung des Prinzips Hoffnung: das jemand unsere größten Wünsche erfüllt. Passend zur Vorweihnachtszeit.

Lebenslang Grün-Weiß!

 

Historische Klatsche

Vor dem Spiel gegen die omni-präsenten Bayern habe ich mir nicht viel ausgerechnet. Nur in ganz wagemutigen Momenten habe ich davon geträumt, dass man das Spiel irgendwie offen gestalten kann und sei es nur, weil die Star-Truppe Chance um Chance vergibt. Ich habe das Spiel aufgenommen, war bei Freunden auf einer kleinen Feier und der eigentliche Plan war, mir das Spiel zu späterer Stunde anzugucken. Leider hatte ich hier die Rechnung ohne das tolle Google Now-Feature auf meinem Smartphone gemacht, welches mich irgendwann darüber in Kenntnis setzte, dass Werder im heimischen Stadion gerade mit 0:6 hinten liegt. So weit geht meine masochistische Ader dann auch nicht, dass ich mir den Gang zur Schlachtbank noch einmal anschaue. Die nicht existente Erwartungshaltung wurde unterboten und das 0:7 stellt die höchste Heimniederlage in der Bremer Bundesliga-Geschichte dar. Mangels eigener Spieleindrücke (es sei denn, man lässt einen 30-sekündigen Clip mit allen Toren der Bayern gelten) werde ich über das eigentliche Spiel eher keine Worte verlieren. Aber es gibt zwei Dinge, die mich anschließend ein wenig beschäftigt haben:

Zum einen war das die Art und Weise, wie versucht wurde, die Niederlage beiseite zu wischen (wie Lars auch feststellte). Man müsse das Spiel hinter sich lassen und nach vorne schauen. Das finde ich eine sehr bedenkliche Sichtweise, denn natürlich sind die Bayern aktuell nicht der Maßstab für den SV Werder, aber man kann doch nach einen solchen Pleite einfach so tun, als ob nichts geschehen sei. Zumal das 0:7 ja auch nur der Höhepunkt einer Entwicklung in den letzten Wochen ist, auf die ich später noch näher eingehen möchte. Man muss ja nicht über einzelne Spieler herfallen oder auf die Knie fallen und um Vergebung bitten, aber ich hätte mir schon gewünscht, dass die Verantwortlichen deutlich machen, dass man damit absolut nicht zufrieden ist und auch nicht zufrieden sein kann. Gerade auch als Fan komme ich mir irgendwie veralbert vor, wenn man dazu noch bedenkt, dass andere Mannschaften, die teils hinter uns stehen, sich gegen die bajuwarische Übermacht deutlich besser präsentiert haben. So sehr ich über weite Teile der Saison bisher mit dem öffentlichen Auftreten von Dutt und Eichin (bei aller Floskelhaftigkeit) zufrieden war, hat mir hier das Gespür für die Situation gefehlt.

Für den anderen Punkt muss ich noch kurz ausholen: eigentlich wollte ich – wie Burning Bush – bis zur Winterpause warten, um mich zu Dutt länger zu äußern, aber mittlerweile sehe ich da eine Entwicklung, die mir absolut nicht gefällt. Vor der Saison und auch beim Start in die Spielzeit war die Ausrichtung der Mannschaft klar und wurde auch gebetsmühlenartig wiederholt: hinten sicher stehen, die Mannschaft stabilisieren und davon ausgehend das Spiel nach vorne etablieren. Dabei möglichst wenig in den Abstiegskampf rein geraten. Das hat zu Beginn auch gut funktioniert, man stand sicherer als zuletzt und konnte (auch mit viel Glück) wichtige Punkte einfahren. Und langsam wurde auch geschaut, wie sich ein funktionierendes Offensiv-Spiel aufbauen lässt, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Und soweit habe ich den Kurs auch unterstützt, da ich bis auf wenige Ausnahmen ein gutes Gefühl hatte, was die Entwicklung und den von Dutt vorgegebenen Weg angeht. Nach dem 9. Spieltag stand man mit 12 Punkten auf dem 10. Platz und hatte 9:12 Tore auf dem Konto. Ich weiß, dass viele die Spiele unansehnlich fanden, aber ist das jetzt wirklich besser?

Irgendwann jedoch hat Dutt die anfängliche Zurückhaltung aufgegeben und mehr auf Offensive gesetzt. Die Ergebnisse seit dem genannten 9. Spieltag lauten: 0:3, 3:2, 1:3, 2:3, 4:4 und 0:7, das macht in 6 Spielen vier Punkte und 10:22 Tore. Wenn man sich die Ergebnisse anschaut, kassieren wir in dem Zeitraum mehr als drei Tore pro Spiel. Natürlich hatten wir in der Zeit viele Verletzte und Spieler leisten sich krasse individuelle Fehler, aber dennoch habe ich das Gefühl, dass man hier ohne Not vom eigentlichen Kurs abgewichen ist und zu schnell den Schalter auf „Offensive“ umgelegt hat. Dabei war das zu Beginn der Saison beileibe keine Betonabwehr, sondern immer noch ein fragiles Gebilde. Stimmt es, dass Dutt angeblich auf die Fans gehört hat? Sollte man mit einem gewürgten 1:0 nicht zufriedener sein, als mit einem 4:4 im Harakiri-Style? Was ich in den letzten Wochen gesehen habe, weckt zu viele Erinnerungen an die letzten Jahre und lässt jeglichen Fortschritt vermissen. Dabei haben wir die traditionell deutlich schlechtere Rückrunde noch vor uns und steuern zur Winterpause auf 40 Gegentore zu. Das sind Zahlen eines Absteigers, obwohl der Abstand zu den Relegationsplätzen aktuell fünf Punkte beträgt , aber trotzdem mache ich mir langsam Sorgen. Ich hoffe, dass Dutt in den verbleibenden Spielen in Berlin und gegen Leverkusen wieder zur anfänglichen Vorsicht zurückkehrt, denn mit solchen Auftritten wie zuletzt, könnten die Spiele wieder ein bitteres Ende nehmen. Und alleine auf die Winterpause und mögliche Transfers mag ich nicht hoffen.

Man merkt auch, dass bei den Fans die Nerven blank liegen. Es ist ja nix Neues, dass die Bewertung über Spiele zwischen einzelnen Fans mitunter weit auseinander geht, aber es ist schon bitter zu sehen, dass Leute sich darüber freuen, wenn ein Spieler verletzungsbedingt ausfällt. Oder man wünscht dem eigenen Verein Niederlagen, damit alle sehen, was man selbst sieht, dass es nämlich so nicht weitergeht. Auch Dutt bekommt nach 15 Spieltagen schon deutlichen Gegenwind. Auch da kommt aktuell vieles zusammen:

  • Zum einen erwarten viele, wenn das Denkmal Schaaf schon weichen muss, dass es dann bitte aber auch schnell vorangehen möge. Und sind daher enttäuscht, dass es ja der gleiche Mist wie die Jahre zuvor ist. Was man sicherlich differenzierter betrachten kann, siehe oben.
  • Dann gibt es die Gruppe, welche die Trennung von Thomas Schaaf nicht verwunden hat und den Frust darüber an Dutt auslässt und die Misere mit einer gewissen Genugtuung genießt („Tja, ich habe damals ja schon gesagt, dass TS niemals hätte gehen dürfen“).
  • Dann ist Dutt prinzipiell bei vielen nicht wohl gelitten. Kann nix und hat bei Leverkusen ja auch schon versagt. Oft wird die Zeit in Freiburg dabei unterschlagen, wo er ja durchaus gute Arbeit abgeliefert hat und deren damalige Situation durchaus mit der aktuellen in Bremen vergleichbar ist. Auch werden die Besonderheiten in Leverkusen gerne übersehen, die vor Dutts Ankunft unter Heynckes Zweiter wurden und wo sich Dutt schwer tat, seine Vision von Fußball (gerade auch gegen die Widerstände im Team) durchzusetzen. Dass Dutt ja auch selbst gesagt hat, aus seinen Fehlern dort gelernt zu haben? Egal! Und zu guter Letzt hat er dem armen, armen DFB übel mitgespielt, als er seinen Sportdirektor-Posten dort aufgab, um wieder nach Bremen zu gehen.
  • Da Eichin als Eishockey-Trainer auch häufiger den Trainer wechselte, gibt das den Spekulationen in den Medien auch noch einmal Nahrung. Das sich Fußball und Eishockey sich nur bedingt vergleichen lassen und man nicht von einem Sport auf den anderen schließen kann? Egal.

Schon nach 15 Spielen wirkt Dutt angeschlagener als Schaaf zu Ende seiner Amtszeit. Auf der PK heute sollen Eichin und Dutt angespannt und gereizt gewirkt haben (siehe auch Beitrag im Worum). Hoffen wir, dass die Mannschaft am Freitagabend sich besser als zuletzt präsentiert und vielleicht was Zählbares dabei rausspringt.

Lebenslang Grün-Weiß!