Spieglein, Spieglein in der Hand

In der aktuellen Ausgabe des Spiegel-Magazins findet sich unter der Überschrift „Der grüne Virus“ ein längerer Artikel über den SV Werder, der sich mit dem „mysteriösen Zerfall einer großen Mannschaft“ beschäftigt. Mittlerweile ist der Artikel auch online zu finden. Der Verfasser Cordt Schnibben outet sich gleich zu Beginn als langjähriger Werder-Fan, der sich darüber wundert, dass Werder zehn Jahre nach dem sensationellen Meistertitel der Saison 2003/04 nur noch in den Niederungen der Liga rumkrebst. Nun ist mir klar, dass ein solcher Artikel nicht für den harten Kern der Werder-Fans geschrieben ist, sondern sich auch an Leser richtet, die eben nicht jedes Spiel des SVW verfolgen. Und ich möchte auch klarstellen, dass Schnibben grundsätzlich mit den Gründen für den Niedergang in den letzten Jahren ja nicht Unrecht hat. Dennoch sind mir einige Dinge aufgefallen, die ich mal zur Diskussion in den Raum stelle.

Da wäre einmal der Veröffentlichungszeitpunkt: Es ist ja nun wahrlich nicht die erste Saison, die Bremen eher in den hinteren Regionen der Liga verbringt. In den letzten vier Saisons hat der SVW dreimal gegen den Abstieg gekämpft und allmählich verblassen die Erinnerungen an die glorreichen Tage. Klar, das zehnjährige „Doubiläum“ ist gerade gewesen, aber wäre ein solcher Artikel nicht vor zwei, drei Jahren viel aufschlussreicher gewesen und auch aktueller gewesen? Also, zu einem Zeitpunkt, als viele noch dachten, Bremen wird sich schon erholen und durchschreitet nur eine kurze Talsohle. Ich habe das Gefühl, dass mittlerweile schon so ziemlich alles zu dem Thema gesagt wurde und da fügt der Artikel auch keinen neuen Blickwinkel hinzu oder kann mit neuen Erkenntnissen aufwarten.

Der Artikel zeigt auf, wie sehr Bremen von den Einnahmen der Champions League abhängig war, um den entsprechend teuren Kader finanzieren zu können. Für mich war das immer eine Sache, die von Allofs auch so immer wieder klar kommuniziert wurde, gerade in den Momenten, wo Bremen um die CL-Qualifikation kämpfen musste. Das ist eine Sache, die Schnibben irgendwie nicht erwähnt, was ich aber für einen wichtigen Punkt halte, denn nur so konnte Bremen vorhandene Standortnachteile (auf die Schnibben gar nicht eingeht) auch ausgleichen.  Das man dennoch irgendwann angefangen hat Fehler zu machen und vor allem auch die Transfers irgendwann nicht mehr ausreichend Qualität in den Kader brachten steht außer Frage. Aber wenn man den Niedergang betrachtet, muss man doch auch auf die Rahmenbedingungen eingehen. Und die waren und sind in Bremen nun einmal schwieriger als dies anderswo teils der Fall ist.

An zwei Stellen wird Schnibben arg spekulativ. Zum einen geht es darum, ob Werder Gelder an den Finanzmärkten „verzockt“ hat. Dies ist ein Gerücht, welches es schon länger gibt und es ist durchaus möglich, dass da etwas dran ist, aber ich würde mir schon wünschen, dass man da ein bisschen was Handfestes präsentieren kann. Zumal das im Zweifel ja auch kein geringer Vorwurf ist. Auch bei den angeblichen Reibereien zwischen Allofs und dem Aufsichtsrat, wo es um „seltsame Spielerberater“, häufige Zusatzzahlungen und Gefälligkeitstransfers gehen soll, wird kaum etwas Konkretes vorgebracht, außer dem Deal mit Marko Marins Vater, der nach dem Transfer seines Sohnes als Scout bei Werder beschäftigt wurde.

Schnibben schreibt, ihn habe die Begeisterung für Werder verlassen. Früher habe er auf die Spiele hingefiebert, heute schaltet er teilweise nach einer Viertelstunde weg. Für mich weht der Geist der Enttäuschung durch den gesamten Artikel, was ich schade finde. Zum einen sind das sicherlich nicht die ersten „Jahre voller Frust“, die Schnibben in 50 Jahren als Fan des SVW erlebt haben dürfte. Zum anderen habe ich persönlich gerade in dieser Saison das Gefühl gehabt, dass viele Fans sich mittlerweile mit den neuen Gegebenheiten arrangiert haben. Klar, jeder würde ohne mit der Wimper zu zucken lieber wieder oben dabei sein und begeisternden Fußball erleben, aber vorerst ist die Realität eine andere. Schnibben spricht  davon, Werder wirke wie „…ein Organismus, der sich selbst auffrisst, befallen von einem grünen Virus.“Ich hatte gerade zum Ende der Rückrunde hin das Gefühl, dass dort durchaus etwas im Entstehen ist, dass der Grundstein für weitere Entwicklungen gelegt wurde. Auch wenn das Positive dieser Saison noch keinen Anlass zur Euphorie bietet, finde ich es schade, dass der Artikel dies gar nicht zur Kenntnis nimmt.

Lebenslang Grün-Weiß!

P,S.: Lieber Herr Schnibben: wir haben den Abstieg übrigens nicht vermieden, weil drei Teams schlechter waren als Werder, sondern am Ende sogar sechs und weil wir 12 Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz hatten. 😉

2 comments

  1. Andreas

    Mir geht diese Vergangenheitsverklärung mittlerweile mächtig auf den Nerv und empfinde das auch als falsch, immer diesen „guten Zeiten mit Schaaf“ nach zu trauern. Es wird Zeit, nach vorne zu schauen und sich auf die kommenden Entwicklungen zu freuen. Ansonsten sehe ich die Gefahr, dass man so vergangenheitsbezogen wird wie ein 1. FC Köln oder ein Hamburger SV, der einfach aus den früheren Erfolgen ein falsches Selbstbild zieht.

    16. Mai 2014 bei 20:38 Antworten

  2. Tobias (Meine Saison)

    Ein paar Gedanken zu deinen Diskussionspunkten:

    Zeitpunkt: Gerade als Fan braucht man manchmal etwas zeitliche Distanz, um eine Entwicklung wirklich beurteilen zu können. Vor drei Jahren wäre der Artikel aufschlussreicher gewesen. Es gab ja vor drei, vier oder fünf Jahren auch durchaus Artikel, die in diese Richtung gingen, die aber eher als Schwarzmalerei abgetan wurden, weil damals noch viele Fans der Meinung waren, es handle sich nur um eine vorübergehende Schwächephase (da schließe ich mich durchaus mit ein, siehe die Schaaf-Diskussion mit Johan Petersen im Herbst 2010). Im Nachhinein kann man sagen, dass Werders sportlicher Niedergang irgendwann um 2008 anfing. Vor drei Jahren galt man mit dieser Meinung aber bei vielen Fans noch als Nestbeschmutzer.

    Verluste an den Finanzmärkten: Nach meinen Informationen ist da was dran. Ist aber ein Thema, bei dem man schwer über das Spekulative hinaus kommt, solange der Verein das nicht selbst bestätigt. Ansonsten wird sich da niemand mit Insider-Infos öffentlich hinstellen und das behaupten (meine Quelle z.B. würde dadurch riskieren ihren Job zu verlieren). Man kann von einem Journalisten nicht erwarten, dass er so ein Thema komplett ignoriert, aber in diesem Artikel als Randnotiz wirkt das sehr tendenziös.

    Ansonsten gebe ich dir Recht, der Artikel wirkt etwas „verspätet“, weil angesichts der Ereignisse der letzten Monate nicht mehr richtig passend. Aber man lässt sich ja einen lange geplanten Artikel nicht von der kurzfristigen Entwicklung kaputt machen. 😉

    20. Mai 2014 bei 09:58 Antworten

Schreibe einen Kommentar zu Tobias (Meine Saison) Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit \"*\" markiert