Ganz unten

Nach dem enttäuschenden 1:1 gegen den SC Freiburg angelt sich der SV Werder die rote Laterne der Bundesliga. Nach gerade einmal drei Punkten aus sechs Spielen war der Druck auf Mannschaft und sportliche Führung ohne Zweifel vorhanden. Und so wurde auf der Pressekonferenz vor dem Spiel das Motto „Ein Sieg ist Pflicht ausgegeben“. Sowohl Robin Dutt als auch Thomas Eichin machten klar, dass es alleine darum geht, das Spiel zu gewinnen, egal wie. Ich war heute mit Lars im Weserstadion zugegen und auch die beiden Stadionsprecher Stolli und Zeigler ritten ziemlich auf dem Pathos-Gaul herum und beschworen die Wichtigkeit des Spiels für Fans, Verein und Stadt und dies gleich mehrfach. Die Marschrichtung war also klar vorgegeben.

Personell gab es zwei Veränderungen zum Wolfsburg-Spiel: Elia und Galvèz ersetzten Hajrovic und Selke. Das Spiel begann aus Bremer Sicht relativ unsicher und nach 8 Minuten steht es 0:1 aus Sicht der Hausherren. Prödl verliert einen Zweikampf gegen Philipp und als er ihm nacheilt, bringt er ihn im Strafraum zu Fall. Von unserer Position aus sah es berechtigt aus, aber egal ob Knut Kircher hier richtig lag oder nicht: Prödl darf dieser Fehler einfach nicht passieren. Gewinnt er den initialen Zweikampf gegen den Freiburger, werden alle nachfolgenden Diskussionen gar nicht geführt. Wieder ist es ein individueller Fehler, der Bremen zurückwirft. Danach gab es eine Phase von vielleicht 15 Minuten, in denen der SVW schwer angeschlagen wirkte. Einfachste Bälle kamen nicht beim Mitspieler an, immer wieder musste Keeper Wolf als Anspielstation herhalten. Die Unruhe auf dem Rasen und auch auf den Rängen wurde zunehmend greifbar.

Zum Glück fing sich Bremen mit zunehmender Spielzeit und die Kombination von Junuzovic und Di Santo führte zum Ausgleich. Bremen blieb in der Folgezeit das engagiertere Team, konnte jedoch nur selten wirklich gute Torchancen herausspielen. Dabei war Freiburg nicht mal wirklich gut und in der zweiten Halbzeit wirkten die Breisgauer frühzeitig mit dem Punkt zufrieden. Auch die Gäste hatten nach einer guten Anfangsphase kaum etwas anzubieten und daher bleibt vom Spiel vor allem ein fader Nachgeschmack, dass man es selbst gegen so ein biederes Team wie den SCF im eigenen Stadion nicht schafft, einen Sieg zu erringen. Klar, man hatte ein paar Möglichkeiten, aber so richtig gefährlich wurde es nur selten. Es war auffällig, wie schnell sich Bremen wieder dem langen Ball als prägendes Element im Spielaufbau widmete. Hoch und lang, am besten noch auf die beiden Kopfballmonster Elia und Bartels.

Dabei waren es nicht nur die langen Bälle, die selten einen Abnehmer fanden. Auch sonst blieb das Passspiel oft unpräzise und zerfahren. 60% Passquote sprechen da wohl für sich. Zwei Dinge fielen mir dabei auf: es spricht nicht gerade für die Kreativität im Mittelfeld, wenn die meisten Ideen von Junuzovic ausgeht (der zudem auch nur eine Passquote von 60% vorweisen kann). Ja, Obraniak hat sich mit seinen Wechsel-Aussagen keinen Gefallen getan, aber ihn jetzt gar nicht mehr zu berücksichtigen, steigert weder seinen Marktwert, noch bekommt er so die Möglichkeit, der Mannschaft weiterzuhelfen. Und was ist mit Aycicek? Angeblich ein Riesen-Talent, das offensichtlich lieber für die U23 geschont wird. Klar, man muss ihn ja nicht verheizen, aber Kroos für Galvèz als Wechsel kurz vor Schluss ist ja jetzt auch nicht wirklich der Kreativ-Overload im Mittelfeld. Und solange Bartels auf dem Platz ist, kann man Aycicek seine fehlende Defensive auch nicht vorhalten. Der zweite Punkt, der mir aufgefallen ist: Di Santo ist ein spielender Stürmer, der nicht alleine vorne in der Mittelstürmer-Position verharrt, sondern sich auch fallen lässt oder weicht auf die Flügel aus. Doch gerade beim Ausweichen auf die Flügel ergab sich heute dann das Problem, dass die Mitte dann meist unbesetzt blieb oder hohe Bälle von Elia oder dem nachrückenden Bartels nicht erreicht wurden. Es mag spielerisch nicht mehr der Offenbarungseid aus der letzten Saison sein, aber wirklich gut war dieses Spiel in der Hinsicht auch nicht, wie schon das Wolfsburg-Spiel.

Bremen verpasst den selbst angekündigten Befreiungsschlag. Am nächsten Spieltag steht der Betriebsausflug nach München an, bei dem es nur um Schadensbegrenzung geht, bevor es dann zuhause gegen Köln geht. Wieder ein wichtiges Spiel, wieder ein direkter Konkurrent und wahrscheinlich ist dann wieder ein Sieg Pflicht. Bleibt dann nur die Frage, was passiert, wenn man hier den Pflicht-Sieg verpasst. Jetzt auf dem letzten Tabellenplatz zu stehen, ist noch kein Beinbruch, aber so was kann eine Mannschaft schnell verunsichern und die psychologische Komponente darf man nicht unterschätzen. Hoffen wir, dass man sich rechtzeitig gegen eine solche Entwicklung wehren kann, sonst wird es bald noch ungemütlicher am Weserdeich.

Lebenslang Grün-Weiß!

 

7 comments

  1. René

    Ich war gestern nach (viel zu langer) Pause auch mal wieder im Stadion. Als Berliner schaffe ich das nur selten obwohl ich seit meiner Kindheit bzw. seit fast 30 Jahren grün-weiß im Herzen trage. Zu erleben, wie sehr Werder gelebt wird in Bremen, was da los ist und welch großartige Stimmung in der Stadt bzw. ums Stadion herrscht, hat mich einmal mehr bewegt. Mir fällt nichts vergleichbares in Berlin ein. Um so mehr betrübt mich, worauf der Verein gerade zu zu steuern scheint. Ich sage bewusst scheint denn vielleicht (hoffentlich) hat unser Torschütze vom Dienst ja recht und es ist alles gar nicht so schlimm.

    Was mir unangenehm auffiel gestern ist der von dir Stephen beschriebene Pathos-Gaul. Ich möchte das erweitern über Stolli und Zeigler hinaus, insbesondere auf das wiederholte Einspielen der glorreichen Zeiten auf den Monitoren und über die Lautsprecher. Da zerfließen Verein und Umfeld in Nostalgie und Pathos in Anbetracht einer Realität, die damit doch kaum noch etwas zu tun hat. Im Gegenteil – so gerne ich an diese Zeiten zurückdenke, heute scheinen sie mir vor allem Ballast zu sein auf dem Weg in eine Zukunft oder noch schlimmer, bei einer Ankunft in der Realität. darüberhinaus möchte ich stark bezweifeln, dass diese Bilder ein psychologisch vorteilhafte Wirkung auf die Mannschaft haben.
    Von außen wird Werder immer wieder an diesen Zeiten gemessen, dementsprechend die Enwartungshaltung, dementsprechend die Fallhöhe aktuell auf Platz 18. Aber auch Werder selbst scheint mir nur bedingt angekommen in einer Gegenwart, in der die Fußballwelt ein völlig andere ist als damals, auch wenn das gerade mal zehn (oder noch weniger) Jahre her sein mag. Sinnbildlich erscheint mir dafür die Vereinsführung, auch wen ich von den relevanten Interna bestenfalls nur eine Ahnung haben kann.

    Schlussendlich ist der Patient Werder ein komplexes Wesen und ich bezweifle nicht, dass man durchaus versucht, sich zu erneuern, zu verändern, zu überleben. Dabei aber, so mein Eindruck, wird immer noch zu viel festgehalten an „Dingen“, die man eben schon immer so gemacht hat, bis hin zur Trainerfrage. Ob ein Wechsel die Lösung wäre – ich weiß es auch nicht. Mein Glaube an Dutt allerdings ist nicht mehr groß und wenn ich die Mannschaft gestern gesehen habe, fällt mir der berühmte Zeugnis-Satz ein: sie haben sich bemüht. So darf es nicht weitergehen sonst steht der Abstieg fest. Nach inzwischen 15-16 Monaten mit dieser Mannschaft muss mehr von einem Trainer zu erwarten sein als das, was da gestern gegen eine, bei allem Respekt, aktuell schwächsten Teams der Liga zu sehen war. Das Traurigste, was ich über unseren Chefcoach derzeit denke, ist, dass es mit einem anderen eigentlich kaum noch schlimmer kommen kann. Ich lasse mich gerne von Dutt eines besseren belehren, wenngleich wir heute jede Phantasie dafür fehlt.

    Grün-weiße Grüße an alle bloger bei der hashtagmafia!
    René

    5. Oktober 2014 bei 14:42 Antworten

    • Stephen

      Hallo René,

      danke für Deinen ausführlichen Kommentar.

      Ich wurde gestern darauf hingewiesen, dass der Spruch „Für unsere Stadt, für unseren Verein“ wohl mittlerweile Standard ist in der Einleitung des Spiels. Aber davon ab wurde ja immer wieder die Wichtigkeit des Spiels in der aktuellen Situation beschworen. Ich frage mich im Nachhinein, wie der Spannungsbogen zum Spiel hin aussieht, wenn wir nach 20 Spieltagen immer noch unten drin stehen. Wie oft kann das aktuelle Spiel total-super-hyper-wichtig sein? So toll das „ALLEz GRÜN“ vorletzte Saison war, finde ich es bedenkenswert, schon am siebten Spieltag genau diese Stimmung wieder herstellen zu wollen, die damals im Saison-Endspurt gut funktioniert hat. Sowas kann sich auch ganz schnell abnutzen und einen gegenteiligen Effekt haben.

      Das mit den Clips aus vergangenen Tagen fand ich auch irritierend, wobei da am Ende auch Szenen aus der jüngeren und weniger glorreichen Vergangenheit waren. Aber letztlich ist es wohl auch der Versuch, sich selbst zu vergewissern, dass man mal wer war.

      Ob ein Trainerwechsel Sinn macht? Puh, schwere Frage, man kann halt nicht voraussehen, ob ein neuer Trainer die vorhandenen Probleme auch langfristig lösen kann. Ebenso kann man bei einem Wechsel nicht sagen, ob Dutt auch die Kurve hinbekommen hätte. Es ist an Eichin, die schwere Entscheidung zu treffen, ob Dutt den Kahn wieder hinbekommt oder nicht. Er scheint ja von Robin überzeugt zu sein, wobei wir alle wissen, wie gering die Halbwertszeit solcher Aussagen sein kann.

      Ich denke, dass Spiel gegen Köln wird für Dutt eine Art Do-or-Die-Spiel werden. Wird da nicht gewonnen, könnte es unter Umständen das Ende für ihn sein. Seine Ansprüche „Eindämmen der Gegentorflut“ sowie „spielerische Entwicklung“ kann er nur in Teilen erfüllen. Und mittlerweile habe ich echt Angst, dass wir da unten steckenbleiben. Alleine schon, weil die Mannschaft mit der Situation nicht umgehen kann.

      6. Oktober 2014 bei 09:10 Antworten

  2. olaf b.

    was mir wirklich angst macht: werder hat aus meiner sicht kaum einen spieler mehr, dem man das etikett „überdurchschnittlicher bundesligaspieler“ anheften könnte. wenn denn vom trainer ein klares spielkonzept vorgegeben wird – was ja eigentlich der erste punkt seiner stellenbeschreibung ist – verstehen es die spieler ziemlich gut, es bis zur unkenntlichkeit zu verstümmeln. kaum gerät ein spieler beim freiburg-spiel geringfügig unter druck, wird der ball auf gut glück nach vorne gebolzt. passspiel? extrem dürftig! kämpfen bis zum umfallen ist ne gute sache, aber wenn das kopf-, konzept und teilweise talentlos geschieht, kann es leider nicht zum gewünschten ertrag (punkte) führen. und mir ist auch schleierhaft, warum es eine unlösbare aufgabe zu sein scheint, für eine stabilere abwehr zu sorgen. aber die diskussion ist ja schon fast ein „running gag“ … man sollte für eine ganze weile auf vergleiche mit den glorreichen zeiten verzichten, denn davon ist man momentan so weit entfernt wie die erde vom mars. ich hoffe, dass sich auch in dieser saison drei mannschaften finden, die weniger punkte einsammeln!

    6. Oktober 2014 bei 12:36 Antworten

    • Stephen

      Ja, das stimmt alles. Das Problem an der Geschichte mit den fehlenden Stars ist ja auch, dass Bremen damit eine wichtige Einnahmequelle fehlt. Denn so kann man auch nicht Jahr für Jahr einen Spieler für 10+ Mio. verkaufen, was uns in der jetzigen Finanzsituation echt weiterhelfen würde. Mal ab davon, dass Du recht hast, dass die Spieler immer wieder Probleme im Spielaufbau haben. Nach dem Freiburg-Spiel hat Dutt ja gesagt, er habe nach einer halben Stunde auf lange Bälle umgestellt, weil alles andere nicht funktioniert hat. Das ist schon ein Stück weit ein Offenbarungseid.

      Aktuell sehe ich ehrlich gesagt, keine drei Teams, die sich hinter uns einreihen werden und das macht mir auch ein bisschen Angst. Ich glaube nicht, dass ein Abstieg für Werder ein heilsamer Schock wäre, sondern der Genickbruch.

      8. Oktober 2014 bei 09:39 Antworten

  3. René

    Stephen,

    mit deiner Aussage zum Trainer gehe ich absolut mit. Eichin meinte ja heute, man könne nicht alles an Dutt festmachen und damit dürfte er recht haben. Es wäre eben die scheinbar am einfachsten zu drehende Stellschraube aber wer weiß schon, ob es auch die richtige wäre.
    Aus meiner Sicht reitet der SVW auf ´ner Rasierklinge. Es gibt sehr, sehr viele wenn´s und aber´s, aktuell z.B.: hätte es einen potenten Käufer für Elia, Obra gegeben, hätten sich Selassie und v.a Bargfrede nicht schon wieder verletzt, wann ist ein von Haake soweit oder Levent? Husic? Was kommt von Hajrovic und vor allem WANN? Für einen besseren Saionstart hätte einiges passen müssen, nun kam eben alles für einen bescheidenen zusammen.
    Wenn diese aktuelle Krise, die weder überraschend noch zufällig ist, zu der Einsicht verhilft, dass „der traumhafte Werder-Weg auf Dauer nicht haltbar ist“, dann nehme ich sie mit. Wohl oder übel. Krise als Chance! Nur eine Bitte an Eichin und Dutt: bitte, bitte aufhören mit diesem unerträglichen Gefassel davon, dass man Platz 18 nicht verdient habe und mit potenteren Mannschaften auf Augenhöhe gespielt habe. Meine Herren!

    Das Wichtigste zum Schluss: wann gibt´s ENDLICH wieder ´nen Stammtisch?

    Ahoi!

    7. Oktober 2014 bei 21:51 Antworten

    • Stephen

      „hätte es einen potenten Käufer für Elia, Obra gegeben“

      Ich glaube nicht. Elia ist zu teuer für seine Leistungen, sollte irgendjemand ein halbwegs brauchbares Angebot machen, wird man ihn abgeben. Er ist ein wahnsinnig frustrierender Spieler, der einerseits technisch gut ist und andererseits aber dieses Potential nicht auf die Straße bringt. Obraniak will weg, hätte es gute Angebote gegeben, hätte man auch ihn verkauft.

      Ja, ich kann es auch nicht hören: „Es sind nur die individuellen Fehler und die vergebenen Chancen“, sonst wäre alles super. Und bitte auch die Schiris raushalten aus den Diskussionen.

      Stammtisch kommt heute abend. 😉

      8. Oktober 2014 bei 09:48 Antworten

  4. René

    So war das gemeint. Klar wollte man die Beiden verkaufen und einen möglichst hohen Ertrag reinvestieren, z.B. in Ruiz. Hat aber nicht geklappt, deshalb wird den Verantwortlichen nun eindrücklich vor Augen geführt, dass der Kader nicht aussreicht. Hätte, wenn und aber … Aber gut, wissen wir alles. Anscheinend rappelts ja nun im Karton. Gut so!

    Freu mich auf den Stammtisch 😉

    8. Oktober 2014 bei 17:25 Antworten

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