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Kopfsache

Werder hat die letzten fünf Bundesligaspiele in Folge gewonnen, darunter auch Teams aus den Top-6 geschlagen, namentlich Bayer Leverkusen und der FC Augsburg. Dabei holte man in fünf Spielen einen Punkt mehr als in den 16 Bundesligaspielen zuvor. Und in fünf Spielen vollzieht die Mannschaft einen Wandel vom sicheren Abstiegskandidaten hin zu einem potentiellen Europapokalteilnehmer. Und vor allem wird deutlich, wie sehr Profifußball auch eine Kopfsache ist.

Started from the bottom

Die letzten beiden Heimspiele unter Robin Dutt waren ein 1:1 gegen den SC Freiburg und eine 0:1-Niederlage gegen den FC Köln. In beiden Spielen traute Dutt der Mannschaft eine spielerische Lösung der Probleme nicht zu und wies sein Team an, lange Bälle zu schlagen. Gegen Freiburg war dies schon nach ca. 30 Minuten der Fall, gegen Köln nach ca. 70 Minuten. Es war ein Stück weit auch eine Bankrotterklärung: „Mehr ist mit dem Team nicht zu erreichen. Wir schlagen den Ball lang nach vorne und hoffen dann auf eine Einzelaktion der Offensiv-Spieler“. Damals waren sich vor allem externe Beobachter sicher, dass dieser SV Werder die Klasse wohl kaum halten wird.

Nach der Heimniederlage wurde Robin Dutt durch Viktor Skripnik abgelöst. Ein großer Unterschied zu seinem Vorgänger bestand darin, das spielerische Element zu betonen. Immer wieder sprach Skripnik davon, dass die Mannschaft Fußball spielen solle und nicht alleine nur kämpfen, kratzen, beißen. In der Hinrunde waren erste Anzeichen davon schon sichtbar und es gab auch schon erste Erfolge zu verzeichnen, doch die Mannschaft steckte tief im Abstiegskampf. Guten Spielen bspw. gegen Mainz oder Paderborn folgten herbe Pleiten in Frankfurt oder Gladbach. Seit dem Heimsieg gegen den BVB reiten die Grün-Weißen auf einer Erfolgswelle und mittlerweile überzeugt die Mannschaft auch spielerisch. Exemplarisch sei hier das 1:0 gg. Bayer Leverkusen aufgeführt, welchem ein sehenswerter Spielzug voraus ging (und zudem war das erste Gegentor der Werkself aus dem laufenden Spiel heraus seit Spieltag 8).

Natürlich ist es nicht alleine das gute Zureden vom Trainerteam oder die Vorbereitung in der Winterpause, die nun Früchte trägt. Rückkehrer wie Bargfrede, Di Santo, Selassie und Neuverpflichtungen wie Vestergaard haben einen nicht unerheblichen Anteil an der spielerischen Renaissance und eine höheren defensiven Stabilität. Auch am letzten Spieltag gegen den hoch gehandelten FC Augsburg war beides zu sehen, vor allem in der ersten Halbzeit, wo man den Gegner fast komplett aus dem Spiel nahm. Ich frage mich, was Dutt gedacht haben mag, als er sah, wie die Bremer im Pressing agierten und Ballgewinne zum schnellen Umschalten nutzten: Sachen an denen er lange gearbeitet hatte, ohne dass sich die gewünschten Erfolge einstellten.

Quo vadis?

Es war bisher eine Saison der Extreme: vor der Saison mit vielen Hoffnungen gestartet. Dabei habe ich keinen Durchmarsch in der Liga erwartet, aber doch eine gewisse Weiterentwicklung mit der Aussicht, bei einem perfekten Saisonverlauf vielleicht sogar einen einstelligen Tabellenplatz ergattern zu können und dem Wunsch, mehr Nachwuchsspieler in die Profimannschaft zu integrieren. Die Saison begann ja auch noch unter positiven Vorzeichen, doch bald folgte das Abrutschen in der Tabelle bis hin zum Rauswurf von Robin Dutt. Unter Skripnik ging es zunehmend aufwärts bis hin zur aktuellen Euphoriewelle mit fünf Siegen in Folge im Rücken.

Aber noch sind es 11 Punkte bis zur magischen Zahl von 40 Punkten, die auf jeden Fall den Nichtabstieg sichern. Darauf muss auch weiterhin der Fokus liegen, aber natürlich nimmt die Erfolgsserie den Druck deutlich raus. Alles, was über die 40 Punkte hinaus geht, ist als Bonus anzusehen. Für hochfliegende Europapokalträume ist es in meinen Augen noch zu früh, da traue ich dem Braten nicht so wirklich. Aber die aktuelle sportliche Hochphase darüber hinaus noch durch die Vertragsverlängerung von Zlatko Junuzovic versüßt, die am vergangenen Freitag verkündet wurde. Im Vorfeld habe ich damit ehrlich gesagt nicht gerechnet und auch wenn ich die Überhöhung zu einer reinen Herzensangelegenheit durch die Fans nicht teile (er wird auch in Bremen nicht verhungern oder unter der Brücke schlafen), so ist es doch ein wichtiges Signal, dass sich der Verein in den Augen der Leistungsträger auf dem richtigen Weg befindet. Und es sollte auch Einfluss auf die Entscheidungen von bspw. Theo Gebre Selassie und Franco Di Santo haben, mit denen Thomas Eichin über neue Verträge verhandelt.

Nur dreieinhalb Monate nach dem Tiefpunkt gegen Köln sieht die Lage schon deutlich rosiger aus. Es ist noch längst nicht alles perfekt und eine Portion Skepsis bleibt, aber es scheint so, als würde da etwas wachsen, sowohl was das Spiel auf dem Platz angeht als auch die Gestaltung der Mannschaft über diese Saison hinaus.

Lebenslang Grün-Weiß!