Der erste Punkt im zweiten Spiel

Das dritte Pflichtspiel der Saison war zugleich das erste Spiel, welches ich live gucken konnte. Die gute Vorbereitung hatte ich wohlwollend zur Kenntnis genommen, aber nicht allzu viel Bedeutung beigemessen, da: Vorbereitung. Im Pokal würgt man sich in der Verlängerung und dank entsprechender Schiedsrichterentscheidungen in die nächste Runde und gegen Schalke 04 verliert man verdient, aber wohl etwas zu hoch.

Die gute Laune, die bei manchen nach der Vorbereitung herrschte, war damit schon nach dem ersten Spiel verflogen. Am Freitag konnte ich mir dann selbst ein Bild von dem machen, was die Bremer da unten auf dem Platz abliefern. Die ersten 15-20 Minuten inklusive des 0:1 durch Stocker ließen mich ehrlich gesagt fassungslos auf dem Sofa zurück. Das es spielerisch noch nicht läuft: geschenkt, aber das man auch defensiv augenscheinlich keine Entwicklung sieht, war schon eine harte Erkenntnis. Ganz offensichtlich hatte man Uli Garcia als Schwachpunkt ausgemacht und kam gezielt über seine Seite. Dabei machte er keine gute Figur, wurde aber vom Mittelfeld auch völlig allein gelassen. Junuzovic, der die linke Halbposition bekleidete, machte gerade zu Anfang kaum Anstalten, den jungen Linksverteidiger zu unterstützen. Es ist Uli hoch anzurechnen, dass er sich nicht hat unterkriegen lassen und sich durchgebissen hat.

Nach knapp 20 Minuten konnte Bremen selbst erste Akzente und konnte sich aus der Umklammerung der Hertha befreien. Die meiste Gefahr entstand nach Flanken von Uli und ich habe schon lange nicht mehr so gute Flanken aus dem Spiel heraus bei den Grün-Weißen gesehen. Umso schöner, dass es solch eine Flanke war, die Ujah zu 1:1 verwerten konnte. Auch wenn Bremen besser spielte als zu Beginn, blieben die spielerischen Probleme nur allzu offensichtlich. Da konnte auch die Hereinnahme von Maxi Eggestein nichts ändern, der weitgehend blass blieb, aber nach dem Spiel von Skripnik und Eichin gelobt wurde. Es ist in meinen Augen auch ein bisschen viel verlangt, die Lösung der spielerischen Limitierungen beim SVW auf seine schmalen Schultern zu verteilen und ihn nach einem Spiel abzuschreiben.

Die zweite Halbzeit war vom Verlauf her ein Spiegel der ersten, da Hertha mit deutlich mehr Dampf aus der Kabine kam und die Bremer weit hinten reindrängen konnte. Dabei kamen die Berliner nur zu einer wirklichen Großchance, als ein Schuss von Stocker durch Luki neben das Tor gelenkt wurde, aber so wirklich wohl war mir dabei nicht. Mit zunehmender Spielzeit kam Bremen etwas besser ins Spiel und hatte mit einem Latten- und einem Pfostentreffer zweimal den Siegtreffer innerhalb von 90 Sekunden vor Augen. Wäre das verdient gewesen? Wohl nicht, aber seit wann gibt es drei Punkte nur, wenn man sie sich verdient hat. 😉

Das Unentschieden lässt Bremen mit nur einem Punkt aus zwei Spielen zurück. Es ist sicher noch zu früh, in Panik auszubrechen, aber so wirklich viel Mut haben die Spiele nicht gemacht. Schaut man sich die Offensive an, so bleibt vieles allenfalls Stückwerk, was angesichts des kaum veränderten Personals nicht verwundern kann. Aber ich hatte auf ein paar mehr Automatismen gehofft. Und defensiv bleibt ebenfalls viel Luft nach oben. Nächstes Wochenende folgt das überraschende Kellerduell gegen Gladbach, die bisher keinen Punkt geholt haben. Wenn ich mir das Spiel gegen Mainz anschaue, sehe ich schon das Potential, die Schwächen der Gladbacher auszunutzen. Dies setzt aber voraus, dass man hinten sicher steht und die Gladbacher nicht ins Rollen kommen.

Abschließend möchte ich mich noch zwei Dingen widmen: es ist schade, dass jede Saison wieder die gleiche Zombie-Diskussion ihren untoten Kopf erhebt. Spätestens nach den ersten Partien geht sie los, die Suche nach dem heiligen Gral der Raute oder auch dem Super-10er. Die Allzweckwaffe gegen mangelnde Kreativität und Flair. Er soll uns erscheinen, vom Himmel herabsteigen und uns ins Gelobte Land des Fußballs führen. Dabei ist es heilige Pflicht, die Namen Micoud, Diego und Özil mindestens einmal zu nennen und jeden Spieler, der einen gelungenen Pass spielt, sofort mit diesen Göttern des 10er-Olymps zu vergleichen. Tobi hat schon eine sehr schöne Widerrede auf die sinnfreie Diskussion verfasst. Dabei kann ich verstehen, dass die Fans sich immer wieder in die Diskussion verrennen, aber warum greifen die Medien das immer wieder auf und warum kannte der Sky-Kommentator am Freitag kaum ein anderes Thema, wenn er auf Bremen zu sprechen kam.

Sowas lässt mich an den grundsätzlichen Fähigkeiten der Sportjournalisten zweifeln, wenn man nicht sieht (oder sehen will), dass Bremens spielerische Probleme sich durch einen überragenden 10er nicht einfach in Luft auflösen würden. Denn auch der braucht Teamkollegen, mit denen er sich die Bälle zuspielen kann und die ihn dort anspielen, wo er dann seine Magie wirken kann. Mal ganz abgesehen davon, dass sich die Frage stelle, wo ein solcher Spieler bei den bekannten finanziellen Limitationen des Vereins herkommen soll. Die Probleme fangen doch spätestens auf der 6 an und gehen auf den Halbpositionen weiter, denn bei aller Lieber für Junu und Fritz: wirkliche spielerische Highlights setzen sie eher selten. Man kann aber auch lieber auf die Ankunft des Messias warten und Diskussion im nächsten Jahr wieder aufwärmen.

Der letzte Punkt, der mich ein bisschen unruhig werden lässt, sind die von Thomas Eichin getätigten Aussagen zu notwendigen Abgängen:

„Wir müssen definitiv noch verkaufen, um unsere Zahlen besser zu machen“, stellt Eichin klar. „Ich muss noch Budget gutmachen, ich brauche noch ein bisschen was.“

Dabei steht es ja außer Frage, dass es einige Spieler gibt, die den Verein verlassen müssen, da sie keine Rolle mehr spielen, wie bspw. Obraniak oder Pavlovic. Mir macht es Angst, dass Spieler aus wirtschaftlichen Überlegungen verkauft werden müssen. Zudem die meisten Kandidaten für einen Abgang auch kaum Geld in die Kasse spülen dürften, allenfalls Hajrovic dürfte ein bisschen was bringen. Es bleibt die Frage, wie angeschlagen Werder finanziell wirklich ist, trotz aller Beteuerungen von Filbry und Co., alles im Griff zu haben. Zumal man eigentlich auch noch Lücken im Kader hat, die man schließen müsste. Es fällt mir schwer, den Beteuerungen glauben zu schenken, dass der Verein wirklich gut aufgestellt sei. Wie lange wird der Schrumpfkurs noch gut gehen, der gefühlt immer mehr zu einem Ritt auf der Raiserklinge wird? Ich hoffe, dass Lösungen gefunden werden, damit wir am Ende nicht auf der falschen Seite landen.

Lebenslang Grün-Weiß!

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