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Echt jetzt?

Ich nutze die Rückkehr aus der Versenkung mal, um über etwas zu schreiben, was mir schon länger auf dem Herzen liegt. Anlass ist der Wechsel von Serge Gnabry zum FCB, von wo aus er direkt zur TSG Hoffenheim weiter verliehen wurde. Für alle Beteiligten ein No-Brainer, denn die Bayern sichern sich zu einem Schnäppchenpreis einen talentierten Offensivspieler. Sollte er floppen, sind die kolportierten 8 Mio Euro ein Betrag, den der FCB locker aus der Portokasse zahlt. Die TSG Hoffenheim soll Gnabry weiterentwickeln und Gnabry darf international spielen. Das nur eine Anmerkung am Rande, denn es soll hier nicht um eine Bewertung des Deals gehen und auch nicht um die teils albernen Reaktionen auf seinen Wechsel, die oft aus „hat in der Rückrunde nichts gebracht“, „wird überbewertet“ oder auch „totaler Ego-Zocker“ bestanden. Das Gnabry noch viel Luft nach oben hat, ist unbestritten, aber ich finde es auch erbärmlich, dass wechselnden Spielern oft die Klasse und der Charakter abgesprochen wird. Und das nur, weil sie es wagen, sich gegen den ruhmreichen SVW zu entscheiden. Vielleicht sollte man mal die Sache distanzierter sehen, wenn der Wechsel eines Spielers (oder auch die Absage eines möglichen Transferkandidaten) von vielen als persönliche Beleidigung aufgefasst wird. Aber ich schweife schon wieder ab. 😉

Was mich an der Gnabry-Story störte, war vor allem der Spott und die Häme in Bezug auf die Hoffenheimer Fans (haben keine) sowie die Tradition der TSG (hat keine). Gerade bei dem „Wir haben echte Fans, im Gegensatz zur TSG (oder WOB/RBL/LEV/etc.)“ kommt mir der Gedanke, dass es sich hierbei um das letzte Refugium handelt, bei dem man sich den genannten Vereinen überlegen fühlen kann. Denn sportlich und wirtschaftlich sehen wir in der Regel von den Clubs nur die Rücklichter. Aber das ist ja egal, denn wir haben die geileren Fans. Und gerade auch weil das Argument „bessere Fans“ sich einer genauen Definition entzieht, kann man damit umso hemmungsloser um sich schmeißen. Dabei gibt es für die tollen Fans keine Punkte und für angeblich schlechte Fans keinen Punktabzug. Und als ob allein die Fans bzw. das angebliche Nichtvorhandensein ebendieser einen Spieler davon abhält, zu einem Verein zu gehen. Was natürlich nicht heißt, dass wir keine tollen Fans haben und ich das, was sie leisten, nicht anerkenne.

Aber man kann die Diskussion um die „Echtheit“ der Fans natürlich auch in Diskussionen unter den Fans eines Vereins sehen. Da wird sich damit gebrüstet, schon 45 Jahre Fan des Vereins zu sein, am besten natürlich auch als Vollmitglied. Die Anzahl der besuchten Spiele oder abgerissenen Kilometer für Auswärtsfahrten als Gradmesser im Wettstreit um den echtesten der echten Fans. Das alles in strikter Abgrenzung zu den so genannten Eventis, die nur auf dem Sofa abhängen und um seine eigenen Argumente valider zu machen. Wer nicht im Jahrhundertwinter von 1968 auf den Stehtribünen des Spartak-Stadions von Nowosibirsk bei -45 Grad ausharrte, hat nix zu melden. Wer nur auf dem Sofa die Spiele verfolgt, ab und an ins Stadion geht und sich erdreistet, das böse Kommerz-Merchandising zu kaufen, darf auch die Vorgänge im Verein nicht kritisieren. Das dürfen nur echte Fans. Wie wäre es mit ein bisschen mehr „Leben und leben lassen“? Jeder so, wie er meint und wie er es einrichten kann.

Disclaimer: Ich bin selbst ein so genannter Event-Otto, der die meisten Spiele (wenn er es zeitlich einrichten kann) vom Sofa aus verfolgt. Im Stadion bin ich leider nur selten, aber ich stand schon bei strömenden Regen in der unüberdachten Ostkurve, um mir ein 0:0 gg. Wattenscheid 09 anzutun.