Category Archives: Abseits des Platzes

Hilflosigkeit

In der aktuellen Ausgabe des Grünweiß-Podcasts haben Tobi und ich über die Aussagen aus dem Trainer-Team diskutiert und wie diese zu interpretieren sind. Wolfgang Rolff äußert sich nur sehr selten öffentlich, schon alleine die Tatsache, dass er sich zu Wort meldet, lässt einen aufhorchen. Den Inhalt seiner Aussagen hat Lars im Werderblog schon auseinandergenommen. Ich würde noch ergänzen, dass die Taktik, die Spieler so frontal anzugreifen und teilweise auch namentlich zu nennen schon außergewöhnlich ist. Vielleicht soll damit eine Reaktion provoziert werden, aber letztlich kommt man auch schnell zu den Schlüssen die Lars zieht: warum werden die geforderten Dinge nicht vermittelt bzw. woran hapert es?

Eine weitere interessante Aussage stammt von Thomas Schaaf, der nach der Klatsche in München auf die jungen Spieler und deren Unerfahrenheit verwiesen hatte. Ich denke, es gibt genug Beispiele dafür, dass die Erfahrung an sich nicht das allein ausschlaggebende Kriterium für die defensive Stabilität ist. In dem entsprechenden Artikel von Lars wird ja deutlich, dass bspw. Freiburg über weniger Erfahrung verfügt, aber wenn man sich die Defensive anschaut, deutlich besser dasteht. Außerdem sind das ja keine A-Jugendlichen, die man in die Profimannschaft befördert hat. Sokratis, Prödl und Selassie sind Nationalspieler ihrer jeweiligen Länder und auch wenn Griechenland, Österreich und Tschechien vielleicht nicht zu den Top-Mannschaften gehören, so spricht das ja schon für eine gewisse Qualität. Schmitz hat schon ausreichend Erfahrung und Lukimya hat letzte Saison in der Abwehr des späteren Aufsteigers Düsseldorf gespielt.

Was darüber hinaus irritiert ist der Umstand, dass man vor der Saison Selassie, Lukimya und Sokratis verpflichtete bzw. die Kaufoption zog. Es war die Rede vom Umbruch, von neuen, frischen Spielern, die mit Herz und Leidenschaft spielen. Ich kann mich auch daran erinnern, wie zu Saisonbeginn die tolle Stimmung und der Teamgeist gelobt wurde. Und nun soll die Unerfahrenheit schuld an den anhaltenden Problemen sein? Man hätte im Umbruch ja auch erfahrenere Spieler holen können. Und sollte es nicht Ziel sein, die jungen Spieler zu entwickeln, zumal diese ja auch kontinuierlich an Erfahrung gewinnen? Lässt sich die mangelnde Erfahrung nicht durch ein stimmiges taktisches und spielerisches Konzept ausgleichen und zum eigenen Vorteil nutzen? Ich werfe Schaaf nicht vor, dass man im kommenden Sommer den Kader durch erfahrene Spieler ergänzen will, doch sollte man es sich nicht zu einfach machen und die teils erschreckenden Leistungen in der Defensive alleine auf junge und unerfahrene Spieler zu schieben. Zumal man damit ja indirekt auch wieder Spielerschelte betreibt und zudem das eigene Handeln vor der Saison und zu Beginn der Saison ein wenig konterkariert.

Für mich drückt sich in den Aussagen von Schaaf und Rolff eine gewisse Hilflosigkeit aus. Eigentlich sollten beide Lösungen der selbst angesprochenen Probleme erarbeiten und sich nicht hinter Ausreden verstecken bzw. die Spieler angehen. Ich weiß, gerade Rolffs Aussagen sind sehr populär, denn endlich sagt einer den überbezahlten Millionären mal, wo der Hammer hängt. Und auch Schaaf liefert eine – vordergründig – plausible Antwort auf die Probleme dieser Saison. Alleine, mir reicht das nicht mehr. Seit Jahren werden wir vertröstet, ohne dass sich etwas zum besseren ändert. Und ich bin es leid, bspw. bei Spielberichten auf Spielverlagerung die immer gleichen Probleme unter die Nase gerieben zu bekommen.

Werder für die Ohren

Der aktuelle Grünweiß-Podcast

Am vergangenen Dienstag wurde eine neue Folge des Grünweiß-Podcast aufgenommen. Neben Gastgeber Tobias vom meinesaison.de waren Andreas von werder-exil.de sowie für die Gegnerperspektive Florian von nedsblog.de dabei sowie meine Wenigkeit. Wir haben über das verlorene Nordderby gesprochen, aber auch viel über die derzeitige Situation und wie es jetzt für Werder weitergehen wird. So richtig Begeisterung will da aktuell nicht aufkommen. Aber hört lieber selbst.

Fokus Fußball

Ein ganz anderes Projekt, auf das ich hinweisen möchte, ist fokus-fussball.de. Es handelt sich dabei um eine Presse- und Blogschau, die aktuelle Artikel zum Thema Fußball sammelt. Gerade bei der Presseschau fällt angenehm auf, dass Sport-BLÖD, kicker und Co. außen vor bleiben. Da sich da auch immer wieder Artikel zu Themen finden, die nicht das Tagesgeschäft von BuLi, DFB-Pokal, Europapokal-Wettbewerben und Nationalmannschaft betreffen, kann ich fokus-fussball.de nur wärmstens empfehlen.

Collinas Erben

Auf fokus-fussball.de ist zudem der Schiedsrichter-Podcast „Collinas Erben“ zu finden. Hier werden u.a. strittige Szenen des letzten Spieltags besprochen und die Regeln erklärt. Dabei tut vor allem die Perspektive von Alex (lizaswelt.net) gut, der selbst der Schiedsrichterei nachgeht und somit immer auch aus Ansicht der Schiedsrichter Entscheidungen nachvollziehbar macht (Stichwort „Zeitlupenwissen“). Ganz große Empfehlung und vielen lieben Dank für die investierte Zeit an die Macher.

Das Werder Jahr von A – Z

Frisch gemästet durch diverse Weihnachts-Leckereien noch ein kurzer Blick zurück aufs vergangene Jahr. Mal sehen, ob zu allen Buchstaben was einfallen will.

Alte Zöpfe: Im Laufe des Jahres haben wir uns von einigen alten Zöpfen getrennt. Im Sommer gingen mit Naldo, Wiese und Pizarro einige bekannte Werder-Gesichter. Im Herbst folgte dann auch der Manager dem Ruf des Geldes und verlagerte seine Zelte nach Golfsburg.

Balance: Auch dieses Jahr waren wir auf der Suche nach der Balance zwischen Offensive und Defensive. Es soll sie ja angeblich irgendwo da draußen geben.

Chancenverwertung: Könnte definitiv besser sein, denn wir spielen uns genügend Möglichkeiten heraus.

De Bruyne: Leihgabe vom FC Chelsea und schon jetzt wissen wir alle, wie sehr er uns nach der Saison fehlen wird, wenn er wieder zurück zum Stammverein geht.

Effekthascherei: Spezialdisziplin der Presse. Zwei Beispiele: zum einen der Platzsturm im Relegationsspiel zwischen Düsseldorf und Berlin, als einige Fans dachten, das Spiel ist aus. Der Presse diente das als Steilvorlage über die ausufernde Gewalt in deutschen Stadien zu sprechen und die Berliner Offiziellen machten daraus vielleicht die Schmierenkomödie des Jahres (Bombenbunker, anyone?). Zum anderen das aufgebauschte Interview mit Kevin De Bruyne, der einfach nur noch einmal bekräftigte, dass er nach der Saison (als Leihspieler) wieder weg sein wird. Danach Musterbeispiel für Söldnertum.

Fans: Ein großes Thema im gesamten Jahr 2012. Von Pyros über Gewaltorgien wie den Düsseldorfer Platzsturm und das neue Sicherheitskonzept der DFL wurde vor allem über aber weniger mit den Fans gesprochen.

Gegentore: Leider immer noch zu viele.

Hoffnung: Zieht sich durch das Jahr 2012, da wir sehr lange in greifbarer Nähe der europäischen Plätze waren bzw. sind.

International: Da sind wir schon seit längerem nicht dabei, wollen aber gerne wieder mitspielen.

Jugend: Das große Thema der letzten Rückrunde, als Trybull, Füllkrug oder Hartherz ins Team drängten.

Kalenderjahr: Das Jahr 2012 war mit gerade einmal 35 Punkten das schlechteste in der Ära Schaaf.

Leidensfähigkeit: Ist als Bremen-Fan derzeit sehr wichtig.

Mies: Da bringt man endlich das begehrte Weihnachts-Trikot für die Fans raus, verlangt für die edle Umverpackung noch mal einige Taler mehr und am Ende ist der Tannenbaum nicht mal aufgestickt, wie bei den sonstigen Trikots, sondern nur aufgedruckt. Aber hey, das ist Business, das ist Fußball.

Niederlagen: Fürs neue Jahr hätte ich gerne weniger davon und mehr von diesen komischen Siegen.

Oha: Eine Frau soll laut Willi Lemke auch unter den Kandidaten für die Nachfolge von Allofs gewesen sein. Ist da was dran, oder ist das der verzweifelte Versuch, zumindest im Bezug auf die Kandidaten die Frauenquote zu thematisieren?

Phrasendrescherei: Jaja, Naldo liebt alles an Bremen, trotzdem ging er weg. Dem Klausi hat es zuletzt so viel Spaß wie kaum zuvor gemacht. Trotzdem ging er weg. Können wir die alberne Phrasendrescherei nicht einfach sein lassen?

Quintessenz: Die fetten Jahre sind vorbei.

Raute: Als Spielsystem eingemottet, als Logo natürlich auch weiterhin aktuell.

Spezialität: Der Pokal war mal unsere Spezialität. Derzeit haben wir uns eher auf ein Aus in der ersten Runde spezialisiert.

Trainer: Stand dieses Jahr häufig in der Kritik und auch hier gibt es Skepsis, ob Schaafs Weg noch in die gewünschte Richtung führt.

Umbruch: Eines der Worte im Zusammenhang mit der neuen Saison. Mit dem Abgang von Allofs setzte sich der Umbruch auch in der Führung fort.

VW: Netter Premium-Partner von Werder. Kaufen uns den Manager in der laufenden Saison weg. So geht Partnerschaft heute.

Weser: Die macht immer noch ihren großen Bogen am entsprechenden Stadion. Etwas, das geblieben ist.

X-Beine: Grundausstattung vieler Fußballer. Haben wir auch ein paar von. 😉

Y-Chromosom: Offensichtlich haben alle Kandidaten für den Allofs-Posten eines davon.

Zuversicht: Die Zuversicht, dass es im nächsten Spiel, in der nächsten Saisonhälfte besser wird, gehört zur Grundausstattung eines jeden Fußballfans. Hier ebenfalls.

Freistoß ins Leben

Ich habe das Spiel gegen Wolfsburg nicht sehen können, daher verweise ich an dieser Stelle an die Berichte von Tobias und Lars.

Stattdessen möchte ich heute ein Buch empfehlen, was ich vor ein paar Tagen beendet habe. Es geht um das Buch „Freistoß ins Leben“ von Martin Bengtsson. In Schweden, der Heimat von Bengtsson, ist das Buch schon 2007 erschienen und es hat fünf Jahre gedauert, bis es ins Deutsche übersetzt wurde. Bengtssons Buch erlaubt einen Blick in den Jugendfußball und was mit Spielern passieren kann, die sich nicht anpassen und nicht wie bspw. Literatur-Nobelpreis-Träger Philipp Lahm immer mit dem Strom schwimmen.

In jungen Jahren kommt Martin mit dem Fußball in Kontakt und begeistert sich sehr früh für den Kick mit dem runden Leder. Im zarten Alter von gerade einmal neun Jahren beschließt er, seinem Idol Marco van Basten nachzueifern und Profi in Italien werden. Er erstellt sich selbst einen Trainingsplan und trainiert in jeder freien Minute mit dem Ball: auf dem Weg zur Schule, in den Pausen, auf dem Weg nach Hause und abends in einer Ecke des Bolzplatzes, die von einer Laterne beleuchtet wird. Drei Stunden am Tag sind das als Ziel gesetzte Pensum und vor dem Schlafengehen macht Martin noch Sit-Ups und Liegestütze. Diesem rigorosen Programm unterwirft er sich jeden Tag. Er vernachlässigt soziale Kontakte und ist nur auf den Sport fokussiert. Neben den individuellen Einheiten fuhr Martin mindestens einmal die Woche zum Training mit der Mannschaft. In der siebten Klasse trainiert er für drei verscheidene Jugendmannschaften im Verein, absolviert Spiele und zieht weiter das Trainingsprogramm durch, bis der Körper irgendwann rebellierte und er Anzeichen einer Unterernährung aufwies, was ihn dazu zwingt, sein Pensum zu reduzieren.

Mit 15 bekommt Martin die Chance, an einem Sichtungsturnier für die schwedische U-16 teilzunehmen. Hier jedoch erlebt eine erste große Enttäuschung, nachdem es in den Jahren zuvor immer nur nach oben ging. Martin schafft nicht den Sprung in den Sichtungskader und kann seine Enttäuschung darüber nicht verbergen und heult hemmungslos. Doch beim Sichtungsturnier wurden Scouts auf Martin aufmerksam und im Dezember des gleichen Jahres unterzeichnet Martin einen Vertrag beim Örebro SK. Ein Jahr nach der Niederlage beim Sichtungsturnier schafft Bengtsson den Sprung in die U-16 und wird dort mit endlosen Vorträgen zum Thema  Benimm- und Verhaltensregeln konfrontiert. Einige wichtige Kernregeln:

„Alkohol kann deiner Gesundheit schaden.“

„Es ist wichtig, pünktlich zu sein.“

„Gesunde Vernunft ist hilfreich.“

Was Martin daran irritiert, ist der Umstand, dass diese Regeln für ihn völlig selbstverständlich sind und er nicht versteht, warum man ihm wie einen kleinen Jungen behandelt. Zudem sieht er den Harmoniewahn mit kritischen Augen, weil peinlich darauf geachtet wird, jegliche Gruppenbildung zu unterbinden und die Nationalmannschaft als verschworene Gemeinschaft zu präsentieren. Durch seine Leistungen beim ÖSK und der schwedischen Jugendnationalmannschaft landet Martin in den Notizbüchern diverser Scouts aus ganz Europa. Er wird erst zum Probetraining beim FC Chelsea eingeladen, was sich durch miese Organisation hervortut. Anschließend darf er für Ajax Amsterdam vorspielen und läuft hier ausgerechnet Marco van Basten über den Weg. Doch bei keinem der beiden Vereine ergibt sich etwas aus dem Probetraining. Zu dieser Zeit wohnt er in Örebro in einer eigenen Wohnung und lebt seine Pubertät in vollen Zügen aus, wobei er sich bewusst dem Gruppenzwang der anderen Kicker entzieht und lieber in Schabberlook und mit Dreadlocks durch die Welt läuft.

Doch dann kommt eine Einladung aus dem Land seiner Träume: Inter Mailand lädt ihn ein. Bei seinem Besuch im Norden Italiens kann er überzeugen und bekommt einen Vertrag für die Primavera, die Nachwuchsmannschaft des Clubs angeboten. Er nimmt das Angebot an und geht in eine Art Wohnheim für Jugendspieler. Er lernt einige Mannschaftskollegen ein wenig besser kennen und einmal die Woche spielt die Primavera (das Nachwuchsteam) gegen die erste Mannschaft von Inter mit Stars wie Vieri, Zanetti, Recoba oder Martins. Zwischenzeitlich mokiert sich Martin über den hohlen Lifestyle der Profis mit ihren dicken Autos, den exklusiven Klamotten und schönen Frauen. Wirklich wohl fühlt er sich zu diesem Zeitpunkt nur auf dem Fußballplatz, wenn er sich einfach nur dem Spiel widmen kann.

Eine Verletzung zwingt Martin zu einer längeren Pause und in dieser Zeit ist er von seinen Mannschaftskameraden getrennt und mit sich allein, was ihm zu viel Zeit zum nachdenken gibt:

„Letztendlich begriff ich, dass ich einfach nur nach der Freude strebte, die ich rein physisch empfand, wenn ich auf dem Fußballplatz stand. Das glorifizierte Profileben war ein Leben in einem Gefängnis, eine stampfende Maschinerie. Eine Fabrik ohne Fenster.“

Er zieht sich immer mehr zurück, merkt jedoch auch, dass es anderen Spielern aus der Primavera genau so geht. Diese betäuben den ewig gleichen Trott und die Oberflächlichkeit vor allem durch übermäßigen Konsum und setzen ihr Gehalt in Statussymbole um. Nach der ersten halben Saison in der Primavera bekommt Martin ein Einzelzimmer. Seinen düsteren Gedanken versucht er, ein Ventil zu geben. Er bringt sich selbst das Gitarrespielen bei, fängt an, Texte zu schreiben und seine Gedanken festzuhalten. Bei einem Trainingslager in Österreich, welches vor der Saison stattfindet, kommt es zum Eklat, als eine Spieler der Primavera beim Kiffen erwischt werden. Die Strafe trifft die ganze Mannschaft und zu müssen sich die Spieler beim Verlassen des Wohnheims abmelden. Martin fühlt sich entmündigt und empfindet die Bestrafung als große Ungerechtigkeit und starken Einschnitt in die eigenen Freiheiten. Darauf reagiert er mit noch stärkerem Rückzug und einer Depression. Zwar schafft er es, noch am Training teilzunehmen, doch darüber hinaus zieht er sich komplett zurück, sitzt in seinem Zimmer und schreibt schon fast manisch Texte und Songs.

Eines Tages kommt er nach dem Training zurück ins Zimmer und muss feststellen, dass die überall verteilten Aufzeichnungen von der Hausmeisterin entsorgt worden. Seines Ventils für die dunklen Gedanken beraubt, fühlt sich Martin hilflos und sieht für sich nur noch den Ausweg eines Suizids. Er entscheidet sich dazu, sich mit Rasierklingen die Pulsadern aufzuschneiden. Glücklicherweise schlägt der Versuch fehl und er wird ins Krankenhaus gebracht. Nach einigen Tagen wird er von seiner Mutter nach Schweden geholt, wo er nach einiger Zeit beschließt, eine Therapie zu machen. Zu Inter geht er nicht wieder zurück und sein Versuch, im Fußball ein Comeback zu wagen, hängt er nach nur einer Halbserie wieder an den Nagel.

Heute lebt Bengtsson in Berlin und macht mit seiner Band Waldemaar Musik. „Freistoß ins Leben“ ist ein Buch, welches durch seine direkte Sprache besticht. Man merkt, dass Martin heute mit sich und seinem Leben im Reinen ist. Er sucht keine Schuld bei anderen, jammert nicht rum und sieht die Ereignisse als Teil seines Lebens, die ihn zu dem gemacht haben, was er heute ist. Es ist ein Einblick in den Fußball als Produktionslinie der Konformität. Bengtsson konnte und wollte sich jedoch nicht der ewigen Gleichmacherei unterwerfen und eckte immer wieder an, unter anderem auch, weil er es wagte, alt gediente Rituale und Hackordnungen zu hinterfragen. Zunehmend erkennt er, dass er nur auf dem Rasen wirklich zufrieden ist und lehnt den Lebensstil der meisten Profis ab. Die Depressionen lassen sich sicherlich nicht alleine auf den Fußball zurückführen, eine gewisse Wahnhaftigkeit zeigt sich auch schon in jungen Jahren beim exzessiven Training. Klare Leseempfehlung.

Führungspersonal

Nachdem die wichtigen Fragen vor dem Spiel zwischen Wolfsburg und Bremen schon geklärt wurden und wir wissen, dass Allofs a) sich mit seinem neuen Arbeitgeber über seinen alten Arbeitgeber austauschen wird und b) er sich über einen Sieg seines neuen Arbeitgebers über seinen alten Arbeitgeber offen freuen würde, kommen wir zu anderen Themen, die vielleicht nicht diese Brisanz erreichen. Die Frage an der Weser ist nun natürlich, wie die Lücke zu schließen ist, die Allofs beim SVW hinterlassen hat. Dabei scheinen viele Varianten möglich, von einem „Teammanager“ Schaaf (nach englischem Vorbild) über die Besetzung der Stelle des Sportdirektors/Geschäftsführers mit einer Person bis hin zu einer Teilung der beiden Positionen. Laut Aufsichtsratschef Willi Lemke scheint es eher darauf hinaus zu laufen, dass zwei Leute kommen und einer Sportdirektor wird, während der andere in die Geschäftsführung geht.

Dies halte ich für die beste Lösung, da es (im Nachhinein betrachtet) sicherlich nicht optimal war, eine Person auf beide Posten zu setzen. Man kann vielleicht auch sagen, dass Allofs Wirken seit 2009 nachgelassen hat, als er nach dem Abgang von Born in die Geschäftsführung berufen wurde. Vielleicht war es einfach zu viel Arbeit für eine Person, vielleicht versucht man auch, Zusammenhänge zu sehen, wo es keine gibt. Aber auch unter dem Gesichtspunkt der Machtkonzentration ist es vorteilhafter, nicht zwei Position an eine Person zu vergeben (Magath, anyone?). An den Ausführungen von Lemke im oben verlinkten Artikel irritiert mich ein bisschen, dass er Schaaf eine größere Rolle geben möchte. Es mag sein, dass dies eine strategische Entscheidung ist, Schaaf noch enger an den Verein zu binden, aber Schaaf schien bisher ja auch schon einige Wörtchen mitzureden hatte.

Den Vorschlag von bspw. Andreas, mindestens einen der beiden vakanten Posten mit einer externen Person zu besetzten, kann ich nur unterstützen. Ich denke, neue Impulse und andere Sichtweisen können sicherlich nicht schaden. Aber es muss halt auch jemand sein, der zum Verein passt und der nach Möglichkeit auch ein bisschen Erfahrung vorzuweisen hat. Beiersdorfer wird es wohl nicht und auch Lemke selbst steht nicht zur Verfügung. Ich bin gespannt, wie sich das weiterentwickelt.

Das Fan-Dasein

Eigentlich sind die nachfolgenden Ausführungen schon einen eigenen Post wert, aber ich habe auf der anderen Seite keine Lust, das Thema Allofs in einem weiteren Beitrag zu verwursten. Was mich beim Wechsel von Allofs ein bisschen genervt hatte, war der moralische Zeigefinger aus allen Richtungen, wenn man es wagte, den Wechsel zu kritisieren. Dabei gab es zwei Hauptargumente:

1.) Fußball ist ein Geschäft

Ist richtig, würde ich auch nie bestreiten. Aber darf man sich als Fan eines Vereins sich nicht darüber ärgern, dass der Manager nach albernen Versuchen des Rumeierns geht. Darf man es nicht zum kotzen finden, wenn er auf der Abschieds-PK sagt, dass er Bremen liebt und sich so wohl wie selten gefühlt hat? Ich sehe mich als Fan des Vereins und da kann ich nicht alle Vorgänge um den Club einfach mit einem geschäftsmäßigen Achselzucken hinnehmen. Ich leide während der 90 Minuten eines Spiels und natürlich sind die Jungs meines Vereins die Engel, die nie etwas Böses tun, während der Gegner eine Bande von Schauspielern und Tretern ist. Und natürlich pfeift der Schiri tendenziell gegen Bremen. Und auch das Gehen von Spielern/Funktionären begleite ich im ersten Moment mit einem Gefühl der Enttäuschung. Jemand, der Teil „meiner“ Gruppe war, verlässt diese und wird einer von „denen“. Das ist ja auch eine Faszination des Fußballs, die „wir“-gegen-„die“-Dialektik, die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Und so lange das alles friedlich abläuft, sehe ich da kein Problem. Und da braucht man mir nicht oberlehrerhaft mit Vernunft kommen, wenn Allofs den Abgang macht. Nach der ersten Enttäuschung kann ich damit gut leben und sicherlich sind die Chancen, die sich ergeben auch nicht ohne.

2.) Der „normale“ Arbeitgeber macht das auch so!

In der Diskussion um den Wechsel von Allofs (und auch immer wieder bei Spielern) kommt man irgendwann zum schnöden Mammon. Wenn man daran leise Kritik übt, heißt es immer gleich, dass wir (wer auch immer „wir“ sein soll…) das ja im Berufsleben auch so machen würden. Der Vergleich hinkt für mich immer an so vielen Stellen und das geht auch ganz plump mit der Entlohnung los. Ein „normaler“ Arbeitnehmer verdient nicht in den Regionen, die Allofs bekommt. Und es soll auch viele Arbeitnehmer geben, die nicht für jede Gehaltssteigerung den Arbeitnehmer wechseln, vor allem wenn man sich angeblich so wohl fühlt. Und vor allem kann ich nicht heute kündigen und morgen einen neuen Job antreten, während im Hintergrund noch eine Ablöse an meinen alten Arbeitgeber fließt. Als normalem Arbeitnehmer schauen mir auch nicht Millionen bei der Ausübung meiner Arbeit zu und ich muss auch nicht dauernd Interviews und Pressekonferenzen abhalten. Darüber hinaus habe ich auch keinen Agenten, der mir das Verhandeln und Denken abnimmt. Können wir also einfach mal aufhören, das Biotop Profi-Fußball mit dem normalen Arbeitsmarkt zu vergleichen?

 

Should he stay or should he go?

Ende letzter Woche hieß es seitens der Medien, dass der VfL Wolfsburg Interesse an einer Verpflichtung von Klaus Allofs habe und die Unterschrift in Kürze erfolgen würde. Seitdem gibt es immer neue Spekulationen darüber, ob und wann Klausi nach Wolfsburg geht. Diese werden sicherlich auch durch die halbgaren Dementis unseres Geschäftsführers weiter befeuert. Die Aussagen reichen von „Ich habe einen Vertrag bis 2015. Das ist Stand der Dinge.“ bis hin zu „Im Fußball verändern sich die Dinge manchmal schnell“. Allofs führt seit 13 Jahren die sportlichen Geschicke des SV Werder und es ist davon auszugehen, dass er die Wirkung seiner Worte sehr genau abzuschätzen weiß. Er hält sich alle Optionen offen und das ist auch legitim. Andererseits geht es mir heute schon auf die Nerven.  Bei wie vielen Spielern hat man diese Form des Rumeierns schon erlebt, bevor sie nach wochenlangem Hickhack von dannen ziehen.

Ich kann dabei auch nicht behaupten, dass mich die Vorstellung sonderlich erschüttert, dass Allofs nach mehr als 13 Jahren die Koffer packt und woanders anheuert. Meine Sympathien hätte er bei einem Wechsel in die Autobauerstadt nicht mehr, aber andererseits sehe ich mit einem Abgang von KA nicht den Weltuntergang heraufziehen. Bitte nicht falsch verstehen: ich schätze Allofs und seine Arbeit sehr und er hat nicht unerheblichen Anteil am sportlichen Höhenflug der Bremer gehabt. Zusammen mit Thomas Schaaf hat er das Maximum aus den an der Weser herrschenden Rahmenbedingungen geholt. Man kann lange darüber streiten, ob der ausbleibende Erfolg der letzten Jahre auch seinem Versagen zuzuschreiben ist oder ob die Hochphase zwischen 2004 und 2009 nicht einfach ein einzigartiger Ausreißer nach oben war. Ja, der Verein hat gerade einen Rekordverlust bekannt gegeben, aber dieser lässt sich durch Rücklagen ausgleichen und zudem diente der Umbruch der letzten Jahre dazu, die hohen Fixkosten der neuen Situation anzupassen. Finanzielle Stunts wird es in Bremen nicht geben.

Der Spiegel bezeichnet Wolfsburg als Paradies für Allofs. Dabei beziehen sich die paradiesischen Zustände vor allem auf die finanzielle Ausstattung, die sich in Wolfsburg ohne Zweifel ganz anders darstellt als in Bremen. Andererseits soll Geld alleine ja auch nicht glücklich machen. Ich kann mir dennoch vorstellen, dass Allofs nach den Jahren in Bremen einer anderen Aufgabe gegenüber nicht abgeneigt ist, zumal Allofs sich in letzter Zeit auch immer wieder mit Gegenwind aus dem Aufsichtsrat konfrontiert sah und er vielleicht auch keinen Bock mehr hat, sich gegen Lemkes Selbstdarstellungsdrang zu wehren. In den nächsten Tagen wird hoffentlich Klarheit in die Sache kommen und für den Fall, dass Allofs dem Ruf aus dem „Paradies“ folgt, möchte mich für die vergangenen Jahre und die Erfolge bedanken. Aber wie auch bei jedem Spieler, der Bremen verlässt, kann ich ihm bei seiner neuen Aufgabe kein „Viel Erfolg“ mit auf den Weg geben. Es wird spannend zu sehen, wie das Vakuum gefüllt wird (Beiersdorfer, Bode oder vielleicht Guardiola*?) und was dann mit Schaaf passiert, der seinen Verbleib ja auch immer an Allofs geknüpft hat. Im Moment wird es nicht langweilig in Bremen, aber egal wie sich die Dinge entwickeln: der SV Werder Bremen ist größer als alle Namen, egal wie sehr sie den Verein geprägt haben. Es wird weitergehen.

Lebenslang Grün-Weiß!

P.S.: Wir haben wohl auf Schalke verloren. Blöd das! 😉

*= Ein kleiner Scherz