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Kopfsache

Werder hat die letzten fünf Bundesligaspiele in Folge gewonnen, darunter auch Teams aus den Top-6 geschlagen, namentlich Bayer Leverkusen und der FC Augsburg. Dabei holte man in fünf Spielen einen Punkt mehr als in den 16 Bundesligaspielen zuvor. Und in fünf Spielen vollzieht die Mannschaft einen Wandel vom sicheren Abstiegskandidaten hin zu einem potentiellen Europapokalteilnehmer. Und vor allem wird deutlich, wie sehr Profifußball auch eine Kopfsache ist.

Started from the bottom

Die letzten beiden Heimspiele unter Robin Dutt waren ein 1:1 gegen den SC Freiburg und eine 0:1-Niederlage gegen den FC Köln. In beiden Spielen traute Dutt der Mannschaft eine spielerische Lösung der Probleme nicht zu und wies sein Team an, lange Bälle zu schlagen. Gegen Freiburg war dies schon nach ca. 30 Minuten der Fall, gegen Köln nach ca. 70 Minuten. Es war ein Stück weit auch eine Bankrotterklärung: „Mehr ist mit dem Team nicht zu erreichen. Wir schlagen den Ball lang nach vorne und hoffen dann auf eine Einzelaktion der Offensiv-Spieler“. Damals waren sich vor allem externe Beobachter sicher, dass dieser SV Werder die Klasse wohl kaum halten wird.

Nach der Heimniederlage wurde Robin Dutt durch Viktor Skripnik abgelöst. Ein großer Unterschied zu seinem Vorgänger bestand darin, das spielerische Element zu betonen. Immer wieder sprach Skripnik davon, dass die Mannschaft Fußball spielen solle und nicht alleine nur kämpfen, kratzen, beißen. In der Hinrunde waren erste Anzeichen davon schon sichtbar und es gab auch schon erste Erfolge zu verzeichnen, doch die Mannschaft steckte tief im Abstiegskampf. Guten Spielen bspw. gegen Mainz oder Paderborn folgten herbe Pleiten in Frankfurt oder Gladbach. Seit dem Heimsieg gegen den BVB reiten die Grün-Weißen auf einer Erfolgswelle und mittlerweile überzeugt die Mannschaft auch spielerisch. Exemplarisch sei hier das 1:0 gg. Bayer Leverkusen aufgeführt, welchem ein sehenswerter Spielzug voraus ging (und zudem war das erste Gegentor der Werkself aus dem laufenden Spiel heraus seit Spieltag 8).

Natürlich ist es nicht alleine das gute Zureden vom Trainerteam oder die Vorbereitung in der Winterpause, die nun Früchte trägt. Rückkehrer wie Bargfrede, Di Santo, Selassie und Neuverpflichtungen wie Vestergaard haben einen nicht unerheblichen Anteil an der spielerischen Renaissance und eine höheren defensiven Stabilität. Auch am letzten Spieltag gegen den hoch gehandelten FC Augsburg war beides zu sehen, vor allem in der ersten Halbzeit, wo man den Gegner fast komplett aus dem Spiel nahm. Ich frage mich, was Dutt gedacht haben mag, als er sah, wie die Bremer im Pressing agierten und Ballgewinne zum schnellen Umschalten nutzten: Sachen an denen er lange gearbeitet hatte, ohne dass sich die gewünschten Erfolge einstellten.

Quo vadis?

Es war bisher eine Saison der Extreme: vor der Saison mit vielen Hoffnungen gestartet. Dabei habe ich keinen Durchmarsch in der Liga erwartet, aber doch eine gewisse Weiterentwicklung mit der Aussicht, bei einem perfekten Saisonverlauf vielleicht sogar einen einstelligen Tabellenplatz ergattern zu können und dem Wunsch, mehr Nachwuchsspieler in die Profimannschaft zu integrieren. Die Saison begann ja auch noch unter positiven Vorzeichen, doch bald folgte das Abrutschen in der Tabelle bis hin zum Rauswurf von Robin Dutt. Unter Skripnik ging es zunehmend aufwärts bis hin zur aktuellen Euphoriewelle mit fünf Siegen in Folge im Rücken.

Aber noch sind es 11 Punkte bis zur magischen Zahl von 40 Punkten, die auf jeden Fall den Nichtabstieg sichern. Darauf muss auch weiterhin der Fokus liegen, aber natürlich nimmt die Erfolgsserie den Druck deutlich raus. Alles, was über die 40 Punkte hinaus geht, ist als Bonus anzusehen. Für hochfliegende Europapokalträume ist es in meinen Augen noch zu früh, da traue ich dem Braten nicht so wirklich. Aber die aktuelle sportliche Hochphase darüber hinaus noch durch die Vertragsverlängerung von Zlatko Junuzovic versüßt, die am vergangenen Freitag verkündet wurde. Im Vorfeld habe ich damit ehrlich gesagt nicht gerechnet und auch wenn ich die Überhöhung zu einer reinen Herzensangelegenheit durch die Fans nicht teile (er wird auch in Bremen nicht verhungern oder unter der Brücke schlafen), so ist es doch ein wichtiges Signal, dass sich der Verein in den Augen der Leistungsträger auf dem richtigen Weg befindet. Und es sollte auch Einfluss auf die Entscheidungen von bspw. Theo Gebre Selassie und Franco Di Santo haben, mit denen Thomas Eichin über neue Verträge verhandelt.

Nur dreieinhalb Monate nach dem Tiefpunkt gegen Köln sieht die Lage schon deutlich rosiger aus. Es ist noch längst nicht alles perfekt und eine Portion Skepsis bleibt, aber es scheint so, als würde da etwas wachsen, sowohl was das Spiel auf dem Platz angeht als auch die Gestaltung der Mannschaft über diese Saison hinaus.

Lebenslang Grün-Weiß!

Derby-Verlierer

90% der regulären Spielzeit waren gestern absolviert, als Lukimya den Ball im eigenen Strafraum genau vor die Füße von Rudnevs verlängerte, der den Ball zum 0:1 aus Bremer Sicht über die Linie stocherte. Passend, dass so ein Kacktor ein wahrliches Kackspiel entschied, auch wenn die Hamburger dies aufgrund des Sieges sicherlich anders sehen werden. 90% der Zeit defensiv gut stehen reicht dann eben nicht aus, selbst gegen ebenfalls höchst biedere Hamburger.

Die Taktik, die Skripnik für das Spiel war relativ naheliegend: den Hamburgern das Spielgerät überlassen, sich tief hinten reinstellen und aus einer geordneten Abwehr heraus mit Kontern und Standards zu eigenen Chancen zu kommen. Ich bin auch immer noch der Überzeugung, dass diese Idee nicht grundlegend falsch war. Ich habe bisher zwei Spiele des HSV in dieser Saison gesehen, und jedesmal hatten die Hamburger zwar mehr Ballbesitz und waren feldüberlegen , aber auch gewisse Probleme hatten, sich wirkliche Torchancen herauszuspielen. Die meiste Zeit stand Bremen defensiv weitgehend sicher und wirkliche Chancen des HSV waren Mangelware und in der Hinsicht funktionierte der Matchplan tatsächlich. Doch nach vorne wollte so gut wie gar nicht gelingen, vor allem nicht aus dem Spiel heraus. Die beiden Spitzen – Hajrovic und Petersen – waren kaum in der Lage, Bälle zu halten und so auf die nachrückenden Kollegen zu warten. Zu oft resultierten Bälle nach vorne in Ballverluste.

Anders als im erfolgreichen Spiel gegen den VfB Stuttgart sorgten die Standards diesmal für keine Tore, so dass Bremen unter dem Strich über weite Strecken keinerlei Torgefahr ausstrahlte und die Hamburger Defensive nur selten in Verlegenheit bringen konnte. Letztlich ist es die oben beschriebene unfreiwillige Torvorlage von Lukimya, die das Spiel entschied und die Frage aufwirft, ob es so schlau war, auf ein 0:0 zu spielen. Das 2:0 des HSV fiel, als Bremen alles nach vorne warf und ist auch ein Sinnbild für den Zustand beider Vereine, wenn man sich anschaut, dass die Hamburger einen 4 gg. 0-Konter mit einem Schuss von Arslan abschließen, den Keeper Wolf dann noch über die Linie bugsieren muss, weil er sonst nicht reingegangen wäre. Über weite Strecken war es gestern das befürchtete Aufeinandertreffen von Not gg. Elend und es gehört wahrlich nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, dass beide Teams auch am Ende der Saison noch in den Niederungen der Tabelle rumkrebsen werden.

Das einzig irgendwie Positive an der Niederlage (Ja, an Niederlagen ist per se nix positiv) ist für mich die Tatsache, dass Skripnik doch nicht der Wunderheiler ist, den viele schon in ihm gesehen haben. Nichts gegen Aufbruchstimmung und Euphorie, aber ich fand den Hype in Teilen schon ein bisschen zuviel des Guten. Natürlich hat Skripnik in der kurzen Zeit schon einige Dinge erreicht und den Spielern neues Selbstvertrauen gegeben und sie immer wieder angehalten, auch wieder Fußball zu spielen. Und seine sympathische Art hat etwas wohltuend entspanntes an sich, aber zu oft hatte ich das Gefühl, dass er vor allem aufgrund der Parallelen zu Schaaf bei seiner Amtsübernahme 1999 die nicht enden wollenden Jubelarien befeuert haben. Doch bei rechtem Licht betrachtet, war keiner der drei Siege in Pokal und Liga vor dem Hamburg-Spiel wirklich souverän. Gegen Chemnitz hatte man erst nach dem 2:0 die Zügel wirklich fest in der Hand, Mainz lässt etliche Großchancen zu Beginn des Spiels ungenutzt und gegen Stuttgart waren es die Standards, die uns den Sieg gebracht haben. Gegen Hamburg wiederum war es am Ende die eigene defensive Schlafmützigkeit gepaart mit offensiver Harmlosigkeit, die uns eine Niederlage eingebrockt haben.

Zudem fiel auf, wie sehr sich das Fehlen einzelner Spieler auf die Mannschaft auswirkt. Nichts gegen Petersen, er ist wirklich ein feiner Kerl, der sehr sympathisch rüberkommt und oft auch eine erfrischend selbstkritische Ader hat, aber er ist eben kein Di Santo. Petersen hat immer wieder Probleme, sowohl bei Ballverarbeitung als auch Ballbehauptung und das war gestern wieder deutlich zu sehen. Das fällt insbesondere dann auf, wenn man aus einer tiefgestaffelten Abwehr heraus schnell nach vorne spielen will und vorne Anspielstationen braucht, die den Ball solange sichern, bis die Kollegen nachgerückt sind. Selke war nach seiner Einwechslung durchaus bemüht, konnte aber auch keine wirklichen Impulse mehr setzen.

Abschließend noch ein Wort zu Schiri Felix Zwayer: an ihm lag es sicherlich nicht, dass man das Spiel verloren hat. Weder hat er Rudnevs den Ball vor die Füße gespielt, noch hat er die Bremer Angriffe alle unterbunden. Aber dennoch fand ich seine Leistung nicht so überragend, wie sie von Collinas Erben in der n-tv-Kolumne beschrieben wird. Die gelb-rote Karte für Fritz war durchaus berechtigt und man kann sich schon fragen, warum unser Kapitän in der 90. Minute noch so den Fuß drüberhalten muss, aber die Konsequenz, die Zwayer hier an den Tag legte, hat er bspw. bei Westermann oder bei Diekmeier vermissen lassen. Bei Westermann bin ich auch immer noch der Meinung, dass sein Foul, welches zur gelben Karte führte, als er mit den Füßen voran in den Gegner gesprungen ist, auch mit rot hätte geahndet werden können.

Gegen Paderborn wird die Liste der Ausfälle nicht unbedingt kleiner, denn neben Fritz fehlt auch Garcia gesperrt und zudem wird Di Santo auch ausfallen. Aber dennoch müssen drei Punkte her. Irgendwie.

Lebenslang Grün-Weiß!

Reset

Das 0:1 gegen den 1. FC Köln war das letzte Spiel als Trainer des SVW für Robin Dutt. Am Samstag wurde er beurlaubt und vorerst übernehmen Viktor Skripnik und sein Team die Leitung der Mannschaft. Das Ende für Robin Dutt zeichnete sich spätestens seit dem Freiburg-Spiel zunehmend ab. Schon nach dem mauen 1:1 gegen die Breisgauer wurde über die Bedeutung des Köln-Spiels als mögliche Alles-oder-nichts-Partie spekuliert. Das leblose 0:6 im Gastspiel beim FC Bayern hat an der Situation nicht wirklich viel geändert, ganz im Gegenteil: im Doppelpass auf Sport1 sprach Thomas Eichin letzten Sonntag schon von einem Endspiel gegen Köln und auch Robin Dutt nannte einen Sieg gegen die Domstädter alternativlos. Schon im Spiel gegen den SC Freiburg wurde ein Sieg zur Pflicht erklärt und vor dem Köln-Spiel wurde rhetorisch noch eine Schippe draufgelegt. Dies erhöhte nicht nur den Druck, sondern wies auch letztlich den Weg in eine Sackgasse, denn es war klar, dass das Verpassen eines Sieges gegen den Effzeh Konsequenzen zur Folge haben würde, wollte man die eigene Glaubwürdigkeit verlieren.

Die Geschichte des Spiels gegen Köln ist relativ schnell erzählt: in der ersten Halbzeit ist Bremen die deutlich engagiertere Mannschaft, findet jedoch gegen extrem gut organisierte Gäste kein Mittel, um die Abwehr wirklich auszuhebeln und gute Torchancen zu erspielen. Mit zunehmender Spieldauer konnte Köln immer wieder gefährliche Nadelstiche setzen. In der 59. Minute erzielt Ujah den entscheidenden Treffer für Köln, nachdem Prödl einen entscheidenden Zweikampf im eigenen Strafraum verliert. Man konnte förmlich spüren, wie dieses Gegentor den Bremern den Boden unter den Füssen wegzog und die Verunsicherung sowohl auf dem Platz als auch auf den Rängen wurde nahezu greifbar. Robin Dutt griff zur Brechstange, stellt Petersen und Selke neben Di Santo in den Sturm und wies die Mannschaft an, die Bälle hoch und lang nach vorne zu schlagen. Da keiner der drei als besonders kopfballstark gilt oder in der Lage war, die hohen Bälle zu verarbeiten und dann auf seine Kollegen weiterzuleiten, waren die letzten Minuten des Spiels wahrlich nicht schön anzusehen und man hatte auch ehrlich gesagt nie das Gefühl, dass die Kölner sich von den hohen Bällen beeindrucken lassen würden.

Als Dutt zum SV Werder kam, war ich zwar nicht hellauf begeistert, aber im Gegensatz zu manch anderen war ich auch nicht völlig gegen die Verpflichtung. Ja, in Leverkusen lief es nicht so gut, aber beim SCF hatte er damals doch einen ganz guten Job gemacht. Und auch wenn ich (wie auch der Rest der Grünweiß-Crew) in der letzten Saison das eine oder andere kritische Wort über ihn verloren habe, war ich vor der Saison relativ optimistisch gestimmt. Ich hatte das Gefühl, dass sich da etwas tun würde und wir diese Saison zwar nicht in Glanz und Gloria bestreiten würden, aber das es einen weiteren Schritt nach vorne geben würde. Und anfangs gab es diese Saison durchaus Hoffnung, doch während zunächst die Mannschaft mit Mentaltiät und einigen guten spielerischen Ansätzen zu überzeugen wusste, wichen die spielerischen Ansätze immer mehr und irgendwann blieb auch die Mentalität auf der Strecke. Tobias hat nach der Bayern-Klatsche die (auch für mich) wichtigsten Kritikpunkte an Dutt aufgeführt, wie bspw. die nicht enden wollende Gegentorflut (94 in 45 Pflichtspielen), das nicht wirklich vorhandene Offensivspiel sowie auch die zunehmende Festlegung auf einen Stamm von vielleicht 16 Spielern. Ich hätte auch gut damit leben können, wenn Dutt die Kurve gekriegt hätte und ich bei ihm das Gefühl gehabt hätte, es würde wieder aufwärts gehen.

Nun wurde gestern die Reißleine gezogen. Ich fand Thomas Eichin bei den Erläuterungen zum Trainerwechsel erstaunlich unsouverän, er sprach davon, wie sehr er Dutt als Trainer schätzte und dass er von seiner Arbeit überzeugt war, aber es nun Zeit für einen neuen Impuls von außen gewesen wäre, da einfach die Ergebnisse gefehlt hätten. Fand ich erstaunlich, da es sich irgendwie nicht so anhört, als sei es wirklich seine Entscheidung gewesen, Dutt zu feuern. Wer weiß, wie souverän Eichin sonst formuliert und es vor allem versteht, Dinge zu sagen, ohne sie auszusprechen. Vielleicht ist es aber auch auf den Umstand zurückzuführen, dass die Entlassung von Robin Dutt natürlich auch für Eichin eine Niederlage ist, denn er holte ihn an die Weser und sollte nun auch Skripnik scheitern, dürften sich die Blicke auf den Geschäftsführer Sport und seine Arbeit, vornehmlich die Spielerverpflichtungen unter seiner Ägide, richten. Ja, auch Eichin muss unter erschwerten Bedingungen arbeiten, aber gerade die Spieler, die für (relativ) viel Geld geholt wurden, bleiben hinter den Erwartungen zurück. Und da werden die Fragen in Eichins Richtung häufiger werden, wenn sich der Erfolg nicht einstellt.

Nun übernehmen Skripnik, Frings, Kohfeldt und Vander also das Regiment an der Seitenlinie. Es ist eine interne Lösung geworden und die Parallelen zu Schaafs Amtsübernahme 1999 sind kaum zu übersehen. Ich finde es gut, dass man Skripnik das Zepter übergeben hat und ich würde lügen, würde nicht auch die Nostalgie dabei eine Rolle spielen. Doch zunächst muss Skripnik beweisen, dass er in der Lage ist, eine Bundesliga-Mannschaft erfolgreich zu trainieren. Kurzfristig wünsche ich mir vom ukrainischen Beckham folgende Verbesserungen, wobei diese Punkte sicher nicht schon zum Chemnitz-Spiel morgen behoben sein werden.

  • Stabilisierung der Abwehr: Diese Saison haben wir uns in 9 Spielen schon 23 Gegentore eingefangen, das sind Werte eines Absteigers. Vorrangig muss es darum gehen, hinten wieder mehr Stabilität reinzubekommen und die teils erschreckenden Fehler zu minimieren. Auch die Tatsache, dass nahezu alle Mannschaften die rechte Bremer Abwehrseite als Schwachstelle identifiziert haben und diese gezielt angreifen, sollte zu denken geben. Dabei liegt es nicht nur an den jeweiligen Außenverteidigern Busch oder Fritz, sondern auch an der mangelnden Absicherung aus dem Mittelfeld heraus. I’m looking at you, Bartels!
  • Spieler aus dem Formtief holen: Viele Spieler durchlaufen gerade eine Formkrise. Gerade defensiv macht es sich bemerkbar, dass bspw. Prödl, Caldirola oder Garcia meilenweit von den Auftritten der Vorsaison entfernt sind. Aber auch ein Nils Petersen scheint derzeit reichlich neben der Spur zu sein.
  • Chancen für Neue: Dutt hat auf einen beschränkten Stamm von vielleicht 15, 16 Spielern zurückgegriffen. Dies muss per se nichts Schlechtes sein, gerade wenn ein Team sich eingespielt hat, macht es Sinn, nicht durch ständige Personalwechsel für Unruhe zu sorgen. Aber gerade im Mittelfeld haben in meinen Augen auch mal kreative Impulse gefehlt, wie ich sie bspw. einem Levent Aycicek oder einem Ludovic Obraniak zutraue. Und bei Obraniak scheint es ja zuletzt auch an Differenzen mit Dutt gelegen haben, dass er keine Chance mehr bekam. Es geht dabei darum, zu schauen, wer der Mannschaft weiterhelfen kann und von wem auch ein Schuss Kreativität ausgeht.
  • Offensive dynamischer gestalten: In den Zeiten zunehmenden Drucks wurde auch das Aufbau- und Offensivspiel der Bremer immer eindimensionaler. Gegen Freiburg stellte Dutt nach 30 Minuten auf lange Bälle um und gegen Köln wurde spätestens nach 70 Minuten der lange Hafer ausgepackt. Beide Male erklärte Dutt dies mit der spielerischen Überforderung der Mannschaft. Mir ist klar, dass man nicht über Nacht ein komplexes Offensivsystem installieren wird, aber es wäre gut, auch noch andere Mittel im Arsenal zu haben, als nur den langen Ball. Gerade aus einer stabilen Abwehr heraus sollten Strategien für die eigenen Angriffe etabliert werden.

Ich bin vorsichtig optimistisch, dass es nun wieder langsam aufwärts gehen könnte. Schauen wir mal.

Lebenslang Grün-Weiß!

Ganz unten

Nach dem enttäuschenden 1:1 gegen den SC Freiburg angelt sich der SV Werder die rote Laterne der Bundesliga. Nach gerade einmal drei Punkten aus sechs Spielen war der Druck auf Mannschaft und sportliche Führung ohne Zweifel vorhanden. Und so wurde auf der Pressekonferenz vor dem Spiel das Motto „Ein Sieg ist Pflicht ausgegeben“. Sowohl Robin Dutt als auch Thomas Eichin machten klar, dass es alleine darum geht, das Spiel zu gewinnen, egal wie. Ich war heute mit Lars im Weserstadion zugegen und auch die beiden Stadionsprecher Stolli und Zeigler ritten ziemlich auf dem Pathos-Gaul herum und beschworen die Wichtigkeit des Spiels für Fans, Verein und Stadt und dies gleich mehrfach. Die Marschrichtung war also klar vorgegeben.

Personell gab es zwei Veränderungen zum Wolfsburg-Spiel: Elia und Galvèz ersetzten Hajrovic und Selke. Das Spiel begann aus Bremer Sicht relativ unsicher und nach 8 Minuten steht es 0:1 aus Sicht der Hausherren. Prödl verliert einen Zweikampf gegen Philipp und als er ihm nacheilt, bringt er ihn im Strafraum zu Fall. Von unserer Position aus sah es berechtigt aus, aber egal ob Knut Kircher hier richtig lag oder nicht: Prödl darf dieser Fehler einfach nicht passieren. Gewinnt er den initialen Zweikampf gegen den Freiburger, werden alle nachfolgenden Diskussionen gar nicht geführt. Wieder ist es ein individueller Fehler, der Bremen zurückwirft. Danach gab es eine Phase von vielleicht 15 Minuten, in denen der SVW schwer angeschlagen wirkte. Einfachste Bälle kamen nicht beim Mitspieler an, immer wieder musste Keeper Wolf als Anspielstation herhalten. Die Unruhe auf dem Rasen und auch auf den Rängen wurde zunehmend greifbar.

Zum Glück fing sich Bremen mit zunehmender Spielzeit und die Kombination von Junuzovic und Di Santo führte zum Ausgleich. Bremen blieb in der Folgezeit das engagiertere Team, konnte jedoch nur selten wirklich gute Torchancen herausspielen. Dabei war Freiburg nicht mal wirklich gut und in der zweiten Halbzeit wirkten die Breisgauer frühzeitig mit dem Punkt zufrieden. Auch die Gäste hatten nach einer guten Anfangsphase kaum etwas anzubieten und daher bleibt vom Spiel vor allem ein fader Nachgeschmack, dass man es selbst gegen so ein biederes Team wie den SCF im eigenen Stadion nicht schafft, einen Sieg zu erringen. Klar, man hatte ein paar Möglichkeiten, aber so richtig gefährlich wurde es nur selten. Es war auffällig, wie schnell sich Bremen wieder dem langen Ball als prägendes Element im Spielaufbau widmete. Hoch und lang, am besten noch auf die beiden Kopfballmonster Elia und Bartels.

Dabei waren es nicht nur die langen Bälle, die selten einen Abnehmer fanden. Auch sonst blieb das Passspiel oft unpräzise und zerfahren. 60% Passquote sprechen da wohl für sich. Zwei Dinge fielen mir dabei auf: es spricht nicht gerade für die Kreativität im Mittelfeld, wenn die meisten Ideen von Junuzovic ausgeht (der zudem auch nur eine Passquote von 60% vorweisen kann). Ja, Obraniak hat sich mit seinen Wechsel-Aussagen keinen Gefallen getan, aber ihn jetzt gar nicht mehr zu berücksichtigen, steigert weder seinen Marktwert, noch bekommt er so die Möglichkeit, der Mannschaft weiterzuhelfen. Und was ist mit Aycicek? Angeblich ein Riesen-Talent, das offensichtlich lieber für die U23 geschont wird. Klar, man muss ihn ja nicht verheizen, aber Kroos für Galvèz als Wechsel kurz vor Schluss ist ja jetzt auch nicht wirklich der Kreativ-Overload im Mittelfeld. Und solange Bartels auf dem Platz ist, kann man Aycicek seine fehlende Defensive auch nicht vorhalten. Der zweite Punkt, der mir aufgefallen ist: Di Santo ist ein spielender Stürmer, der nicht alleine vorne in der Mittelstürmer-Position verharrt, sondern sich auch fallen lässt oder weicht auf die Flügel aus. Doch gerade beim Ausweichen auf die Flügel ergab sich heute dann das Problem, dass die Mitte dann meist unbesetzt blieb oder hohe Bälle von Elia oder dem nachrückenden Bartels nicht erreicht wurden. Es mag spielerisch nicht mehr der Offenbarungseid aus der letzten Saison sein, aber wirklich gut war dieses Spiel in der Hinsicht auch nicht, wie schon das Wolfsburg-Spiel.

Bremen verpasst den selbst angekündigten Befreiungsschlag. Am nächsten Spieltag steht der Betriebsausflug nach München an, bei dem es nur um Schadensbegrenzung geht, bevor es dann zuhause gegen Köln geht. Wieder ein wichtiges Spiel, wieder ein direkter Konkurrent und wahrscheinlich ist dann wieder ein Sieg Pflicht. Bleibt dann nur die Frage, was passiert, wenn man hier den Pflicht-Sieg verpasst. Jetzt auf dem letzten Tabellenplatz zu stehen, ist noch kein Beinbruch, aber so was kann eine Mannschaft schnell verunsichern und die psychologische Komponente darf man nicht unterschätzen. Hoffen wir, dass man sich rechtzeitig gegen eine solche Entwicklung wehren kann, sonst wird es bald noch ungemütlicher am Weserdeich.

Lebenslang Grün-Weiß!

 

Krisenstimmung

Am Samstag trafen der SV Werder Bremen und der VfL Wolfsburg in einem grün-weißen Krisengipfel aufeinander. Werder mit einem eher mauen Start in die Saison und nur drei Punkten aus den ersten fünf Spielen. Wolfsburg mit nur fünf Punkten ebenfalls mit einem schlechten Start in die Saison. Bisher konnten die Wölfe noch nicht wirklich zeigen, warum sie vor der Saison von einigen sogar schon als Bayern-Jäger auserkoren wurden. Somit standen beide Mannschaften vor dem Spiel unter einem gewissen Druck, wobei Werder den Vorteil hatte, als Außenseiter in die Partie zu gehen.

In den ersten fünf Spielen des SVW konnte sich folgende Storyline herausbilden: spielerisch ist das gut, leider scheitert man an individuellen Unzulänglichkeiten in der Defensive, am Pech oder auch am Schiedsrichter. Wobei man die Wertung „spielerisch gut“ vor allem auch in Bezug zu den Auftritten der letzten Saison betrachten muss, wo Werder spielerisch nur wenig und oft gar nichts anbot. Diese Storyline der ersten Spiele lässt sich für das Wolfsburg spielen nicht fortführen, da Werder spielerisch kaum etwas zustande brachte. Das ist vor allem deshalb so enttäuschend, weil Wolfsburg keineswegs ein übermächtiger Gegner war. Trotz der nominellen Qualität – vor allem im Mittelfeld – leistete sich der VfL viele Fehler, gerade auch im Spielaufbau, die vom Publikum teils mit Murren und Pfiffen quittiert wurden. Aus den Möglichkeiten, die sich aus gegnerischen Ballverlusten ergaben, konnte Bremen jedoch kein Kapital schlagen. Auch waren es diesmal nicht allein individuelle Fehler, die zu den Gegentoren führten, sondern kollektive Schlafmützigkeit. Das 0:1 war ein Musterbeispiel aus der Kategorie „Wie man es nicht macht“, diesmal mit der Folge 1: „Gegentore nach eigenen Eckbällen“.

Das zweite Gegentor nach Buschs zwischenzeitlichem Ausgleich war ebenfalls nicht alleine der Fehler des jungen Rechtsverteidigers, der es zwar verpasst, Olic zu stören, aber sich eigentlich auch nicht in der Situation wiederfinden sollte, gegen zwei Gegenspieler (Olic und Perisic) gleichzeitig verteidigen zu müssen. Leider konnte Bremen die verbleibenden knapp 35 Minuten nicht für ein neuerliches Comeback nutzen. Wirkliche Chancen für die Bremer blieben weitgehend Fehlanzeige. So reicht den Wolfsburgern einer durchschnittliche Leistung für einen verdienten Sieg. Bremen steht nach sechs Spieltagen mit 3 Unentschieden, 3 Niederlagen und 3 Punkten auf dem vorletzten Platz.

Langsam macht sich bei mir Nervosität breit und zwar nicht, weil die Tabelle nach dem sechsten Spieltag allzu aussagekräftig ist, sondern weil ich fürchte, dass der Aufenthalt auf den Abstiegsrängen auch einen nicht zu unterschätzenden psychologischen Effekt hat. Sowas kann sich auch schnell verselbständigen, das hat man in den letzten Jahren immer wieder bei Mannschaften beobachten können, die unten drin standen und sich im Laufe der Saison in einer Abwärtsspirale befanden. Darüber hinaus finde ich die erneut hohe Anzahl an Gegentoren (15 nach sechs Partien) erschreckend. Klar, letzte Saison hatte man 66 Buden gefangen, aber dafür auch 10 Spiele zu null bestritten. Aktuell hat man sich damit begnügt, die Defensivschwäche auf individuelle Fehler zu schieben. Das ist zum Teil auch nicht von der Hand zu weisen, aber es ist eben auch ein schlechtes Abwehrverhalten der gesamten Mannschaft. Man schaue sich das 0:1 nur an und vergleiche es mit einer ähnlichen Situation aus dem Leverkusen-Spiel der letzten Hinrunde, wo in einer ähnlichen Situation mehrere Spieler im Vollsprint zurückrennen und es letztlich Garcia ist, der den Leverkusener Konter unterbinden kann.

Thomas Eichin sprach heute davon, dass man mit Schalke, Wolfsburg und Leverkusen schon gegen drei CL-Anwärter gespielt habe und es in keinem Spiel so aussah, als würde dort der Vorletzte gegen einen CL-Aspiranten spielen. Das ist sicherlich richtig, aber sowohl Schalke als auch Wolfsburg waren jeweils außer Form und Leverkusen hat nach furiosem Start zuletzt auch nicht mehr so überragend gespielt. Natürlich war man in keinem Spiel bisher von vorne bis hinten komplett unterlegen, aber man sollte auch nicht die Form der jeweiligen Gegner dabei unberücksichtigt lassen. Zumal ich auch Angst habe, dass es uns wie dem FC Nürnberg in der letzten Saison erging, dem man auch immer wieder spielerisch gute Auftritte bescheinigte (vor allem unter Verbeek), der aber dennoch als 17. in Liga 2 ging.

Vor dem Spiel gegen den SC Freiburg am kommenden Samstag stehen Mannschaft und Trainer unter Druck. Die Breisgauer haben bisher auch gerade einmal vier Punkte auf dem Konto und sind mit uns auf Augenhöhe. Ich hoffe, dass Lars und ich am Samstag einen Dreier im eigenen Stadion bejubeln dürfen. Nicht nur zur Beruhigung meiner Nerven.

Lebenslang Grün-Weiß!

Sündenböcke

„Als Sündenbock wird umgangssprachlich jemand bezeichnet, dem man die Schuld für Fehler, Misserfolge oder sonstiges Konfliktpotential zuschiebt. Tatsächliche Schuld spielt dabei keine Rolle.“ – Quelle: Wikipedia

Noch heute kocht die Fanseele, wenn das gestrige 2:4 in Augsburg zur Sprache kommt. Die blinde Sau an der Pfeife hat uns um die wohlverdienten Punkte gebracht, unterstützt von der Amateur-Schauspielertruppe des FCA, die laut Thomas Eichin nur „gejammert und geweint“ haben. Nun möchte ich die meisten der Aussagen darauf zurückführen, dass sie in der Hitze des Gefechts entstanden, aber auch heute wird allenthalben noch auf den bösen Schiri geschimpft. Ich will gar nicht behaupten, dass der Unparteiische einen guten Tag erwischt hätte oder dass Augsburg nicht auch sehr geschickt agiert hat und gerne aus einer Mücke einen Elefanten gemacht hat, aber das ist mir als Erklärung für das gestrige Spiel dann doch ein bisschen zu billig.

Könnte man nicht erwarten, dass eine Mannschaft in einer solchen Situation auch mal kühlen Kopf bewahrt und nicht jede Entscheidung mit Diskussionen und Herumlamentiererei quittiert? Und das Augsburg einen eher provokanten Spielstil pflegt, vor allem in der heimischen Arena, ist ja nun kein Geheimnis und dürfte uns noch aus der letzten Saison im Gedächtnis geblieben sein (kann Ostrzolek eigentlich wieder spielen?). Dennoch hat sich die Mannschaft komplett aus dem Takt bringen lassen. Abschließend noch eine paar weitere Fragen: Warum kann sich Baier beim 1:1 sich davonstehlen und warum wird der Passgeber nicht zugestellt? Wieso wird beim 1:2 der Ball in der Vorwärtsbewegung so hergeschenkt? Warum nimmt sich Werders Verteidigung beim 2:3 die Zeit, Caiubys Schuss zu bewundern, während einzig Werner auf den Abpraller spekuliert.

Ich bin mir sicher, dass diese Punkte in der Nachbereitung des Spiels bei FCA besprochen werden und man im Hinblick auf das Heimspiel gegen Schalke wird Dutt mit Nachdruck daran arbeiten. Darauf sollte man sich jetzt fokussieren und sich nicht zum Opfer des bösen Schiedsrichters machen. So sehr Marco Fritz bei manchen Entscheidungen daneben gelegen haben mag, für die Fehler in der Abwehr oder bei der Chancenverwertung taugt er nur bedingt als Ausrede. Klar, im Eifer des Gefechts rege auch ich mich gerne über den jeweiligen Schiedsrichter auf, aber mittlerweile habe ich das Gefühl, da bildet sich schon seit geraumer Zeit der Mythos heraus, Bremen würde andauernd und anhaltend von den Unparteiischen bzw. vom DFB benachteiligt. Ich mag solche Verschwörungstheorien ehrlich gesagt nicht. Ein Stück weit gehört das Gejammer zur üblichen Fan-Folklore, aber es nimmt teils schon paranoide Züge an.

Dabei macht es mir viel mehr Sorgen, dass wir uns in den ersten fünf Pflichtspielen schon 12 Gegentore gefangen haben, dass gerade auch gestern wieder die oft erwähnte Balance zwischen Offensive und Defensive fehlte. Das ist noch lange kein Grund, den Weltuntergang herbeizureden, aber in meinen Augen ist das ein viel größerer Anlass zur Sorge als die vermeintliche Benachteiligung durch „die Schiris™“ oder die „Fußballmafia DFB™“. Sich als Opfer dunkler Mächte zu sehen, macht die Niederlage vielleicht erträglicher und kürzt auch die Analyse ab, aber ich bezweifle, dass dies zum Erfolg führt. Gegen Schalke sollten Mannschaft und Fans sich wieder auf das Spiel konzentrieren, in der Hoffnung, dass es gegen die Königsblauen mehr Anlass zur Freude gibt.

Lebenslang Grün-Weiß!

P.S.: Laut Alex Feuerherdt vom Schiri-Podcast „Collinas Erben“ war das mit dem Abseits vor dem 1:2 doch nicht so eindeutig: