Grüezi!
Nach einer langen Saison gibt es nichts Schöneres als noch ein paar EM-Quali-Spiele. Am gestrigen Abend kam es in Gruppe G zum Aufeinandertreffen zwischen England und der Schweiz. Für die Schweizer war das hier schon die letzte Chance, lagen sie vor dem Spiel 6 Punkte hinter dem Gruppenzweiten aus Montenegro.
Fabio Capello musste vor allem in der Offensive auf einige Stürmer verzichten, u.a. auf Wayne Rooney und Peter Crouch. So kam Darren Bent zu einem Platz in der Startelf. Bent gab die einzige Spitze, dahinter Milner, Wilshere und Walcott mit Scott Parker und Frank Lampard auf den 6er-Positionen. Die Schweizer ebenfalls mit einem 4-2-3-1 mit Derdiyok als Sturmspitze. Aus Werdersicht hat mich vor allem der Schweizer Reto Ziegler interessiert, der als Linksverteidiger schon einige Male mit den Bremern in Verbindung gebracht wurde, aber nun vom Serie-A-Absteiger Sampdoria zu Juventus Turin wechselt.
Das Spiel begann recht munter und die Engländer kamen zweimal gefährlich vors Tor, aber leider sollte damit nicht die Richtung für das restliche Spiel vorgegeben werden. Das Offensivspiel der Engländer blieb weitesgehend statisch. Die Außenpositionen mit Milner und Walcott konnten nur selten für Gefahr sorgen. Vor allem Walcott blieb in meinen Augen wieder einmal den Beweis schuldig, mehr zu sein als ein “One-Trick-Pony”. Er war einfach nicht in der Lage, seinen Gegner (in der Regel Ziegler) entscheidend auszuspielen. So lange man nicht auf Konter spielt oder er von den riesigen Lücken profitieren kann, die ihm seine Kollegen bei Arsenal reißen, kommt da einfach zu wenig rum. Er braucht einfach viel Platz, um seine Schnelligkeit ausspielen zu können und diesen Platz gewährten ihm die Schweizer, zumal auswärts spielend, nicht. Milner blieb ebenfalls weitgehend blass. Von den 6er-Positionen kam ebenfalls wenig bis gar nichts und zudem hatten Lampard und Parker oftmals Probleme, die Vorstöße der Schweizer zu unterbinden. Der große Lichtblick im Mittelfeld blieb Wilshere, der auch mal Ideen hatte und den schnellen Pass in die Spitze versuchte. In Zusammenarbeit mit bspw. Rooney könnte da wesentlich mehr Spielwitz nach vorne kommen.
In der 32. Minute der erste Schock: Barnetta mit einem Freistoß aus dem linken Halbfeld, der Ball segelt an Freund und Feind vorbei und landet im Tor. Hart sieht hier sicherlich dumm aus, aber bei dem Gewusel vor seinem Kasten musste er einfach damit rechnen, dass jemand vorher an den Ball kommt. Nur drei Minuten später führt Barnetta wieder einen Freistoß von links aus, diesmal direkt an der Strafraumgrenze und auf Höhe der 11m-Linie. Der Ball schlägt im kurzen Eck ein, weil a) die Mauer ihren Job nicht macht und b) Hart die kurze Ecke nicht hat. Diesmal klarer Torwartfehler. Wieder zwei Minuten später holt Djourou Wilshere im 16er von den Beinen und verursacht einen Elfer, nachdem Djourou vorher den Ball gegen Wilshere nicht klären konnte. Lampard macht das Ding souverän. In Halbzeit zwei dann kann der eingewechselte Ashley Young kurz nach der Halbzeit das 2:2 machen, nach einer schönen Brust-Ablage von Leighton Baines (in Halbzeit eins für den angeschlagenen Ashley Cole gekommen). Danach geht es munter auf und ab im Wembley-Stadion. Die Three Lions machen Druck und die Schweizer versuchen zu kontern. Die beiden besten Chancen werden von Bent und Downing vergeben.
Das 2:2 hilft den Engländern mehr als den Schweizern, zumal Montenegro auch nicht über ein Unentschieden hinaus kam. Somit bleibt England dank des besseren Torverhältnis Gruppenerster. Doch vom spielerischen Standpunkt muss einem schon ein bißchen unwohl zumute sein. Natürlich kann man alles auf die fehlende Kraft schieben, doch auch die Schweizer waren am Ende einer langen Saison angelangt. Die fehlende Kreativität und Gefahr im Mittelfeld sowie die Tatsache, dass man im defensiven Mittelfeld oft nicht Herr im Hause war, müssen einem als Fan der “Three Lions” Sorge bereiten. Die rechte Seite mit Walcott und Johnson war meist abgemeldet und auf links war es einzig Leighton Baines, der nach seiner Einwechslung für Betrieb sorgte. Wilshere zeigte gute Ansätze und auf seine Entwicklung bin ich wirklich gespannt.
Die Schweizer stehen nach dem Spiel immer noch mit 6 Punkten Rückstand auf Platz zwei da. Es dürfte schwierig werden, da noch mal oben ranzukommen. Hätten die Eidgenossen die Konter in Halbzeit zwei ein bißchen konsequenter und klarer ausgespielt, wäre vielleicht noch mehr drin gewesen. Gefallen hat mir vor allem Senderos, der ein richtig gutes Spiel machte und oftmals souverän und abgeklärt agierte. Ganz im Gegensatz zu seinem Innenverteidiger-Kollegen Djourou, der den Elfer verursachte, in Halbzwei zwei mit gelb-rot runter gemusst hätte und noch ein, zwei schwere Aussetzer hatte, die den Schweizern hätten teuer zu stehen kommen können. Reto Ziegler hatte auch ein gutes Spiel, wurde von Walcott und Johnson auf seiner Seite aber nur selten wirklich in Bedrängnis gebracht. Ab und an konnte er sich auch gut mit nach vorne einbringen.
Zwei kurze Sachen noch: zum einen war der slowenischen Schiri echt eine Frechheit. Lichtsteiner mäht zweimal Leighton Baines um und bekommt nicht mal gelb, wobei das erste Foul schon sehr dunkelgelb war. Auch Djourou hätte nach einem taktischen Foul an Walcott in Halbzeit zwei vom Platz gemusst. Zum anderen habe ich das Spiel live auf sportdigital.tv verfolgt. Diese Seite ist so unglaublich schlecht in der Benutzerführung, dass ich fast wahnsinnig geworden wäre. Ich habe zweimal ein neues Passwort angefordert, da ich das zu meinem bestehenden Account zugehörige nicht mehr zusammen bekam. Beide Ersatzpasswörter funktionierten nicht, so dass ich dann einen komplett neuen Account anlegen musste. Und der Kommentator ging auch mal gar nicht. Ich glaube, es war Jirka Schink. So!
Update: Laut zonalmarking war die taktische Grundaufstellung ein 4-3-3, wovon man aber dann im Spiel wenig bis gar nichts gesehen hat. Hmm, das macht das ganze nicht wirklich besser. Zumal bspw. ein Milner auch echt kein Außenstürmer ist.
Coming back
Der Artikel fängt mit einem Geständnis an: Ja, ich bin Fan der englischen Nationalmannschaft. Das hat unter anderem damit zu tun, dass ich Halb-Engländer bin, nur falls man mir mangelnden Patriotismus vorwerfen möchte. Es ist eine schwierige Beziehung zwischen den Three Lions und mir. Bisher hat die Mannschaft noch bei jedem Großturnier (sofern sie qualifiziert war) jedesmal für eine herbe Enttäuschung gesorgt.
Die vergangene WM bildet da keine Ausnahme. Das 1:4 gegen Deutschland im Achtelfinale war nur das Tüpfelchen auf dem i eines völlig verhunzten Auftritts der englischen Nationalmannschaft. Schon in der Vorrunde waren die Auftritte gegen die USA, Algerien und Slowenien alles andere als mitreißend. Dabei hatte man eine gute WM-Quali gespielt und berechtigte Hoffnungen, dass Capello dem Team für die WM einen Schub geben könnte. Doch während des Turniers zeigte sich die altbekannte Ideen- und Leidenschaftslosigkeit, die in den letzten Jahren kennzeichnend für die Three Lions geworden ist.
Dabei gelingt es vor allem den Top-Stars nicht, die Leistungen, die sie wöchentlich für ihre Vereine auf den Platz bringen, abzurufen. Ein Frank Lampard, der für Chelsea in der abgelaufenen Saison 22 Tore erzielen konnte, war nicht mehr als ein Mitläufer und konnte keine Akzente setzen. Auch ein Gerrard und ein Rooney blieben über weite Strecken blass. Vor allem Lampard und Gerrard scheinen zusammen auf dem Platz einfach nicht miteinander zu funktionieren, dies ist nicht erst seit dieser WM offensichtlich. Leider konnte Capello hier den gordischen Knoten nicht durchschlagen.
Nun kommt die Qualifikation zur EM 2012 in Polen und der Ukraine. England trifft hier in Gruppe G auf Bulgarien, Montenegro, die Schweiz und den Nachbarn Wales. Sicherlich keine Todesgruppe, aber auch kein Spaziergang für die Three Lions. Das Team tritt im Vergleich zur WM kaum verändert an. Eigentlich hatte ich erwartet, dass Capello nach dem erfolglosen einen Schnitt macht und versucht, das Team zu verjüngen. Dies wäre vor allem auch für die Fans ein Zeichen des Aufbruchs gewesen. Nun bleibt dieser Schnitt aus und ein Großteil der WM-Fahrer wird sich die Zuneigung der Fans wieder hart erarbeiten müssen. Ganz haarig wird es auf der Torhüter-Position. Während Joe Hart von ManCity sich als neue Nummer eins herauskristallisiert, hat Capello Schwierigkeiten, darüber hinaus noch fähiges Personal aufzustellen. Da Ben Foster und Scott Carson in der Vorbereitung auf das erste Quali-Spiel angeschlagen waren, musste der fünfte(!) Keeper von Arsenal, James Shea, ins Team berufen werden. Ich glaube, das Problem mit den Torhütern wird sich nicht mehr lösen lassen, eher friert die Hölle zu.
Am Samstag geht es in Wembley gegen Bulgarien los. Zu Bulgarien kann ich relativ wenig sagen. In Abwesenheit von Dimitar Berbatov ist Martin Petrov noch einer der bekannteren Namen, der einst für den VfL Wolfsburg spielte. Doch genau das macht das Spiel auch gefährlich für die Engländer, da man Gefahr läuft, einen solchen Gegner nur allzu schnell auf die leichte Schulter zu nehmen. Hier gilt es, gleich ein Ausrufezeichen zu setzen und vor allem engagiert und leidenschaftlich zu Werke zu gehen.
Nächsten Dienstag ist England dann in der Schweiz zu Gast. Die Schweiz konnte als einziges Team bei der WM die Spanier bezwingen. Mit 1:0 konnten die Schweizer das erste Gruppenspiel gegen die Iberer für sich entscheiden. Im entscheidenden Gruppenspiel gegen Honduras wurde das größte Manko der Schweizer deutlich: die fehlende Kreativität. Die Eidgenossen mussten das Spiel gegen tiefstehende Mittelamerikaner selbst machen und kamen über ein 0:0 nicht hinaus. Der Star der Schweiz sitzt auf der Bank und heißt Ottmar Hitzfeld. Hier in Deutschland braucht man sicherlich nicht mehr viele Worte über Hitzfeld verlieren. Die Schweizer sind nominell sicherlich der stärkste Gegner der Engländer. Also, ich bin gespannt, was bei den beiden Spielen für England rausspringt.
Come on England!