Category Archives: WM 2014

Disaster strikes (once) again

Schon nach der Auslosung der Gruppen für die WM war mir klar, dass es für die Three Lions nicht einfach werden würde und das Überstehen der Vorrunde schon ein Erfolg wäre. Italien als klarer Favorit, Uruguay als zumindest harte Aufgabe und die Wundertüte Costa Rica. Dennoch ist man als Fan einer Mannschaft enttäuscht, auch wenn man es vielleicht schon hat kommen sehen.

Bella Italia

Dabei fing es gegen Italien noch relativ positiv an: Trainer Hodgson stellte die Mannschaft sehr defensiv ein und überließ den Italienern das Feld, um bei Ballgewinnen über Sterling, Sturridge, Rooney und Welbeck schnell nach vorne zu spielen. Beim 1:1 durch Sturridge hat das auch mustergültig funktioniert, als erst Sterling Rooney steil schickt und der auf Sturridge flankt. Doch letztlich konnte man dieses Spiel zu selten aufziehen und die Grenzen dieser Herangehensweise wurden vor allem sichtbar, als die Italiener sich nach dem 2:1 aufs Verteidigen beschränkten und England gezwungen war, selbst das Spiel zu machen und Lösungen für das Bollwerk made in Italy zu finden – eine Aufgabe, an der auch schon deutlich höher eingeschätzte Mannschaften in der Vergangenheit gescheitert sind.

Abseits der durchaus positiven Ansätze ließ das Spiel aber auch ausreichend Raum für Kritik. Zum einen wäre da Wayne Rooney und die Art und Weise, wie er die Position auf der Außenbahn interpretierte. Bis zur Flanke vor dem 1:1 war er de facto nicht zu sehen und überhaupt nicht ins Spiel eingebunden. Darüber hinaus unterstützte er Leighton Baines in der Rückwärtsbewegung nur unzureichend. Es ist sicher kein Zufall, dass Italiens Candreva auf der linken englischen Abwehrseite sehr auffällig spielte. Wo wir bei Baines sind: der hat seine Stärke deutlich in der Vorwärtsbewegung und auch wenn ihm die Absicherung fehlte, so stellt sich die Frage, warum Hodgson bei der Kader-Nominierung nicht auch Ashley Cole mitnahm. Sicher, Cashley hat nicht mehr den Offensivdrang früherer Tage, aber defensiv hat er Baines immer noch einiges voraus.

Auch die Doppel-Sechs mit Gerrard und Henderson gefiel mir ebenso wenig wie die Innenverteidiger Cahill und Jagielka, die allesamt keine Ruhe und Sicherheit ausstrahlen konnten. Durch die Niederlage der Italiener gegen Costa Rica gestern stellt sich zudem die Frage, wie stark Italien wirklich ist und ob England nur deshalb einigermaßen gut aussah, weil man gegen einen schwachen Gegner gespielt hat (der dennoch 2:1 gewonnen hat).

Hooray Uruguay

Das Spiel gegen Uruguay war für beide Mannschaften schon ein Endspiel, da auch die Südamerikaner mit einer Niederlage (1:3 gegen Costa Rica) ins Turnier gestartet waren. Hodgson nahm einen Positionswechsel vor, bei dem Rooney auf die zentrale Position hinter Sturridge rutschte. Ansonsten trat England im Vergleich zum Italien-Spiel personell unverändert auf. Klar war aber, dass es diesmal nicht ausreichen würde, sich hinten reinzustellen und auf Konter zu lauern. Und ebenso deutlich wurde, wie wenig England in der Lage ist, das Spiel selbst zu gestalten. Uruguay stellte sich tief hinten rein, zerstörte das Spiel und setzte auf die Offensive um Cavani und Suàrez. Was beim 1:0 der Urus ganz hervorragend funktionierte und wieder die Frage nach der Qualität der Verteidigung aufwarf.

Nach vorne blieben die im ersten Spiel noch so auffälligen Sterling und Sturridge völlig blass, während Rooney eine gute Partie machte und sich mit dem zwischenzeitlichen 1:1 und seinem ersten Treffer bei einer WM belohnte. Zu allem Überfluss legte auch noch Steven Gerrard das 1:2 durch Suàrez auf, ein Nackenschlag, von dem sich England nicht mehr erholte, denn das verzweifelte Anrennen in den letzten Minuten brachte keinen Treffer mehr für die Three Lions. Wie schon Italien war Uruguay keinesfalls ein übermächtiger Gegner, aber die Kombination aus mannschaftlicher Geschlossenheit, Leidenschaft und eben Suàrez reichte aus, um England aus dem Turnier zu kegeln und für das schlechteste Abschneiden der Engländer seit 1958 zu sorgen.

What’s next?

Zunächst einmal stellt sich die Frage, ob Roy Hodgson der richtige Trainer ist. In beiden Spielen war Hodgson nicht in der Lage, auf den Spielverlauf durch Wechsel und taktische Anpassungen zu reagieren. Was noch schwerer wiegt: England verschläft schon lange die Entwicklungen im Fußball. Pressing, Gegen-Pressing, defensive Kompaktheit und eine übergreifende Spielidee finden sich bei den Three Lions schon seit Jahren nicht. Da hat auch Roy Hodgson keine Veränderungen herbeigeführt, auch wenn er immerhin das 4-2-3-1 eingeführt hat. Es ist schon bezeichnend, dass Nationen wie bspw. Costa Rica oder Chile fußballerisch schon lange an England vorbeigezogen sind. Dabei ist das Problem keines, welches die Three Lions exklusiv hätten, denn auch die EPL insgesamt hinkt da deutlich hinterher und bestimmte Spielweisen lassen sich nicht alleine aus der Nationalmannschaft heraus einführen, wenn sie nicht auch in den Vereinen praktiziert werden. Sollte man zu dem Schluss kommen, dass Hodgson nicht mehr der Richtige ist (aktuell spricht die englische FA dem Trainer das Vertrauen aus), dann wird man einen entsprechenden Nachfolger finden müssen. Aktuell habe ich keinen Kandidaten im Visier, dem ich diese Aufgabe zutrauen würde. Wobei ich jetzt auch bspw. im Bereich der Jugendtrainer und zweiten Liga nicht genug Trainer kenne.

Bei der WM konnten einige vielversprechende Spieler schon erste Erfahrungen sammeln, wie Sterling, Barkley, Lallana, Wilshire oder auch Sturridge. Dies sind Spieler, die aller Wahrscheinlichkeit nach auch in der Zukunft eine entscheidende Rolle in der Nationalmannschaft übernehmen werden. Doch darüber hinaus werden noch weitere Spieler benötigt und da ist die Frage, ob genügend Nachwuchs nachrückt und vor allem auch Spielzeit in der EPL bekommt, vorzugsweise bei den großen Clubs, die auch in Europa vertreten sind. Dem gegenüber steht natürlich die Interessen der Vereine und deren Besitzer, die ihren Erfolg maximieren wollen und bei denen die Förderung des englischen Nachwuchses eher eine untergeordnete Rolle spielt. Durch die hohen Einnahmen der Vereine sowie die Zuwendungen der diversen Besitzer ist es auch deutlich einfacher, fertige Spieler zu holen, als Nachwuchsspieler auszubilden. Das ist jetzt arg pauschalisierend, aber selbst ein Abstiegskandidat wie Fulham kann im Winter mal eben Kostas Mitroglou für ca. 15 Millionen Euro von Piräus verpflichten, damit er dort dann kaum spielt. Natürlich gibt es auch Clubs in der EPL, die geschickt investieren und nicht alleine durch dicke Schecks überzeugen, aber dies ist meist die Ausnahme. Man kann aber anhand der oben genannten Spieler und auch der errungenen Erfolge im Nachwuchsbereich (U-17 Europameister) sehen, dass man die Weichen entsprechend stellt, aber zum einen brauchen gerade Veränderungen im Nachwuchsbereich Zeit und zum anderen kann der Verband nur Entwicklungen anstossen, ist aber auch auf die Mitwirkung bspw. der EPL angewiesen.

Einen letzten Punkt, den auch die Spielverlagerung in der Analyse des Matches gg. Uruguay kurz angerissen hat, ist die Tatsache, dass zwischen Potential und tatsächlicher Leistung bei den Three Lions eine große Diskrepanz herrscht. Jetzt weiß ich nicht, ob man der These der Spielverlagerung mit England als potentiellem Titelkandidaten zustimmen muss, aber mehr als ein Vorrundenaus sollte mit den Spielern durchaus drin sein. Hier kommt man wieder auf den Trainer zurück und dessen Probleme, die vorhandenen PS auf die Straße zu bekommen. Dabei ist diese klaffende Lücke zwischen Potential und dem tatsächlich Gezeigten beileibe kein neues Phänomen im Zusammenhang mit der englischen Nationalmannschaft. Wie oft hat man gesehen, dass Top-Spieler der Liga im Trikot der Three Lions bestenfalls noch Mittelmaß anbieten. Ich wage die steile These, dass dies nicht alleine auf die Trainer zurückzuführen ist. Der öffentliche Druck zumindest hat in den letzten Jahren nachgelassen und anders als vor einigen Jahren wird die Mannschaft nicht von Fans und Medien als ernstzunehmender Titelkandidat gesehen. Vielleicht hilft hier mal ein professioneller Exorzist, um die offensichtliche Blockade im Kopf zu lösen.

Das Ausscheiden der Three Lions ist eine Enttäuschung und ich hoffe, dass man an den entscheidenden Stellen auch die richtigen Schlüsse zieht, um das englische Team in den nächsten Jahren wieder in die Spur zu bringen. Dabei erwarte ich keine Wunderdinge, sondern einfach mittelfristig ein Team, welches in der Lage ist, einen guten Ball zu spielen und auch von der Taktik her nicht mindestens zehn Jahre hinter dem Rest der Welt hinterher hinkt.

 

WM Stöckchen

Der Tobi hat ein Stöckchen vom weitergereicht. Danke dafür, wenigstens einer, der mich mal mit einbezieht. 😉

Dein erstes bewusstes WM-Erlebnis war?

Ich denke, das erste Mal mit der WM bin ich 86 in Berührung bekommen, aber eher so am Rande. So richtig bewusst eine WM verfolgt habe ich zuerst 1990. Dabei war es mir vor allem wichtig, dass Deutschland nicht gewinnt, ohne heute sagen zu können, wodurch meine Abneigung gegen die bundesdeutschen Kicker begründet war. Was ich noch weiß: irgendwann wettete ich gegen meine gesamte sechste Klasse, dass Deutschland niemals nicht den Titel holen würde. Tja, am Ende verlor ich und musste eine Palette Fanta (natürlich in Dosen, wegen Rock ‚N‘ Roll und so) ausgeben. Während nach dem gewonnenen Finale alle in Jubel ausbrachen und draußen gefeiert wurde, saß ich griesgrämig im Wohnzimmer und wollte nicht wahrhaben, was da gerade passierte. Es war der Beginn einer großen Liebe zum deutschen Nationalteam. 😉

Mit welcher WM-Legende würdest Du gern einmal Doppelpass spielen?

Schwierige Frage. Ich nehme einfach mal Paul Gascoigne, der war nicht nur ein geiler Fußballer, sondern soll ja auch ein richtig witziger Typ sein. Aber nach dem Kicken dann nur alkoholfreies Zeug, klare Sache.

Welchem TV-Kommentator wirst Du bei der WM gerne zuhören?

Insgesamt finde ich die Kommentatoren der ÖR ziemlich anstregend. Ich will hier gar nicht groß mit dem Kommentatoren-Bashing anfangen, denn die Diskussion wird ja spätestens zu den großen Turnieren immer wieder aufs Neue belebt. Ich sehe ja ein, dass es nicht einfach ist, so eine Partie zu kommentieren, aber geht es nicht auch ein bisschen attraktiver? Wenn ich dann noch sehe, wie Tom Bartels beim Spiel zwischen Uruguay und Costa Rica immer wieder den deutschen Schiri Dr. Brych lobt und von jeglicher Kritik ausnimmt, ist das einfach nur noch peinlich. Aber man kann ja entweder auf Stadionton umschalten oder sich alternativ bspw. nach Übertragungen anderer Länder umschauen.

Die Iren haben sich für die WM am Zuckerhut leider nicht qualifiziert. Welchem weiteren Land drückst Du neben Jogis Jungs den Three Lions als »Zweitteam« die Daumen?

Ach, meist habe ich mehrere Teams, die ich mir gerne anschaue bzw. denen ich den Erfolg gönne: u.a. Spanien (ging ja auch gut los) oder auch Argentinien und Brasilien. Also Teams, bei denen die Hoffnung besteht, dass man tollen Fußball geboten bekommt.

Zu Jogis Jungs den Three Lions: Nenne Deine beiden Lieblingskicker aus dem englischen Kader?

Zum einen Wayne Rooney. Ich weiß, dass er gerade bei großen Turnieren in der Vergangenheit eher weniger durch gute Leistungen aufgefallen ist, aber dennoch mag ich Rooney als Spieler. Eigentlich hat er alle Anlagen, ein richtig Großer zu sein, aber nicht selten stand er sich in der Vergangenheit im Weg. Weder bei der englischen Nationalmannschaft noch bei Man United ist „Shrek“ mittlerweile unumstritten. Das gestrige Spiel gegen Italien hat auch irgendwie beide Seiten von Wazza gezeigt: zum einen die Vorlage zum 1:1 gegeben und um die 60. Spielminute rum die dicke Chance zum 2:2 auf dem Fuß gehabt, zum anderen über weite Strecken komplett unsichtbar geblieben. Aber dennoch mag ich Rooney irgendwie.

Der zweite Lieblingskicker ist Daniel Sturridge. Richtig geile Saison bei Liverpool gespielt und endlich wieder ein richtiger Vollstrecker im Sturm. Wenn das so weiter geht, kann man mit ihm noch ganz viel Spaß haben.

Wie weit kommen Jogis Jungs die Three Lions?

Schon vor der gestrigen Niederlage wäre ich mit dem Überstehen der Vorrunde zufrieden gewesen. Viele junge Spieler und eine doch recht knifflige Gruppe lassen mich nicht allzu optimistisch auf die Erfolgsaussichten blicken.

(Wenn nicht Jogis Jungs die Three Lions:) Wer wird am 13.07.2014 im Maracanã Weltmeister?

Brasilien oder Argentinien.