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Alternative Realität

Vielleicht übertreibe ich an dieser Stelle, weil es mir so leichter fällt, eine Geschichte draus zu stricken, aber Sport ist immer auch eine Geschichte, die sich zu weiten Teilen im Konjunktiv abspielt. Das gilt sowohl für die Athleten und Trainer als auch für die Fans. Damals als ich noch selbst aktiv Handball gespielt habe, konnte ich stundenlang damit verbringen, mir bestimmte Situationen vor Augen zu führen und den Lauf zu ändern: den freien Wurf zu treffen oder den Wurf des Gegners vorherzusehen und zu blocken. Das ist als Fan eines Bundesliga-Teams keinen Deut anders. Mein Lieblings-Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit: Wieses Rolle im CL-Achtelfinale gegen Juventus Turin. Wenn er die Rolle weglässt und einfach den Ball festhält, den Ball nicht beim Abrollen verliert oder Emerson das leere Tor verfehlt? Wir werden es nie erfahren, denn es gibt nur diese Realität und hier zählt nicht der Konjunktiv.

Im gestrigen Spiel gegen den FC Schalke 04 gibt es für mich zwei solche Momente: der erste ist die gelbe Karte gegen Santiago Garcia, der nach einem Zweikampf am Boden liegend nach dessen Fuß greift und ihn so beim Aufstehen zu Fall bringt. Wenig später nimmt Garcia im Kopfballduell den Arm zur Hilfe und Schiri Brych ermahnt ihn zum letzten Mal. Dutt nimmt ihn noch vor der Halbzeit runter und bringt Schmitz rein. Vielleicht hätte Garcia in den beiden Situationen zum 1:1 und 1:2 mehr ausrichten können, vielleicht hätte er Boateng entscheidend stören können, vielleicht wäre auch er einfach an KPB abgeprallt. Der zweite Moment ist Hildebrands Aussetzer, der bei Elia landet und zu einer richtig dicken Chance hätte führen können, wäre Elia auf dem Spitzenrasen der Turnhalle nicht ausgerutscht. Vielleicht hätte er das 2:0 erzielt oder einem Kollegen aufgelegt. Vielleicht wäre das schon die Entscheidung gewesen. Vielleicht hätten sich die Schalker auch von einem 0:2 nicht schocken lassen.

So verlieren wir das Spiel nach einem engagierten Auftritt mit 1:3. Die Mannschaft war hervorragend eingestellt und kaufte den Schalkern in den ersten dreißig Minuten den Schneid ab. Das 1:0 durch Kroos war das Ergebnis des bis dahin sehr guten Pressings. Neustädter wird nach schwachem Anspiel angegriffen, Kroos erobert sich die Kugel und schlenzt das Ding rein. Anschließend überlässt man den Hausherren mehr und mehr das Feld, aber man hat einen Wirkungstreffer erzielt. Die Schalke-Fans werden unruhig und bis zur Halbzeit kann man den Vorsprung halten. In Halbzeit zwei hat man die oben angesprochene Möglichkeit, alles klar zu machen, doch mit zunehmendem Spielverlauf setzt sich die individuelle Stärke der Schalker durch. Man hat gemerkt, dass man gegen die großen Namen der Liga über die gesamte Spieldauer am oberen Limit agieren muss, um erfolgreich zu sein. Das hat gestern leider nur ca. 60 Minuten lang funktioniert. Und da ist es dann auch keine Hilfe, wenn sich Spieler aus der ersten Elf selbst aus dem Spiel nehmen. So bleibt ein engagierter Auftritt, der deutlich zeigt, dass es in Bremen in die richtige Richtung geht, der aber auch zeigt, wo es noch fehlt (siehe Analyse der Spielverlagerung)

Garcia dient die Pause aufgrund der fünften Gelben auch als kleine Denkpause. So sehr er sich als Gewinn auf und neben dem Platz entpuppt hat, muss er in Sachen Cleverness noch deutlich zulegen. Wir brauchen aktuell Leute wie ihn auf dem Platz, nicht auf der Tribüne. Darüber hinaus waren die Kollegen Schmitz und Fritz ja die ausgemachten Sündenböcke des gestrigen Spiels, wenn man sich in den sozialen Medien umschaut. Dabei könnte man sich bspw. beim 1:2 fragen, warum Fuchs in aller Ruhe flanken kann. Oft ist es nicht ein Fehler, der zu einem Gegentor führt, sondern eine Verkettung von Fehlern. Aber dort wo nach schlechten Leistungen Gehaltskürzungen und Bestrafungen gefordert oder der Vergleich zum „normalen“ Arbeitnehmer bemüht wird, ist das Prinzip „Sündenbock“ Teil der verkürzten Wahrnehmung.

Aprospos Sündenbock: gestern hat sich während des Spiels mein Frust zum Teil an Schiri Brych entladen. Schon nach dem Spiel war klar, dass Brych wahrlich keine gute Leistung gezeigt hatte, aber das auf beiden Seiten. Wie oben erwähnt, hätte Garcia eine zweite gelbe Karte bekommen müssen, vielleicht hätte man bei Hunts Aktion gegen Meyer(?) auf den Punkt zeigen können, aber auch Jones hätte vom Platz gemusst.

Nun ist also wieder Länderspielpause, bevor es im heimischen Weserstadion gegen Mainz geht. Da müssen die drei Punkte her, damit wir weiter auf Kurs bleiben.

Lebenslang Grün-Weiß!

Ende gut, alles gut

Sonntag stand das Spiel gegen Hannover 96 an. Ich war mal wieder vor Ort im Weserstadion und durfte endlich mal wieder ein Spiel bei Flutlicht erleben. Während die Medien das Spiel zu einem Nordderby hochsterilisieren wollten, sehe ich das ganz ähnlich wie Lars: für mich gibt es nur ein Nordderby. Zwar ist Hannover in etwa gleich weit entfernt wie die Stellinger, aber letztlich fehlen mir bei Hannover so bestimmende Spiele wie die Derby-Wochen 2009, die für beide Seiten auf die eine oder andere Weise prägend sind. Aber auch ohne echten Derby-Charakter war das Spiel gegen Hannover eine wichtige Angelegenheit. Die nächsten Spiele halten einige starke Teams bereit und so ist es wichtig, endlich mal die Spiele gegen die Gegner zu gewinnen, die augenblicklich in unsere Gewichtsklasse fallen, wie Hannover mit bis dato 0 Punkten und 0 Toren auswärts.

Nach dem Wolfsburg-Spiel und dem schlappen Auftritt, war ich gespannt, wie Dutt diesmal auf die Tatsache reagieren würde, dass weiterhin kein gelernter Stürmer mit Erfahrung zur Verfügung stand. Vor dem Spiel geisterten Aufstellungen durchs Netz, die auf ein 4-2-3-1 mit Hunt in der Spitze hinwiesen, doch letztlich setzte Dutt auf eine Raute mit Junuzovic und Elia als nominellem Sturm. Und damit konnte Dutt wieder etwas mehr Schwung in die Offensive bringen. Es sah deutlich flüssiger aus als noch gegen Wolfsburg und es wurde deutlich seltener auf den langen Ball zurückgegriffen. Dabei lief das Spiel häufig über die Flügel und bei den Hereingaben merkte man ab und an dann doch, dass uns ein echter Stürmer fehlte, da die Abnehmer fehlten. Aber dennoch konnte man Hannover hinten rein drängen und hatte mehr vom Spiel. Am Ende waren es in Halbzeit eins zwei Elfer und zwei Glückstore, die für den 2:2-Halbzeitstand sorgten. Bitter dabei war, dass man Hannover defensiv weitgehend im Griff hatte, doch Fritz war zu langsam für Huszti und beim Sonntagsschuss von Sakai spielte die Abwehr ihm erst den Ball vor die Füße und ließ ihm dann den Platz, in aller Ruhe den Schuss aufzuziehen.

In Halbzeit zwei war es über weite Strecken ein sehr maues Spiel. Hannover ließ sich nicht mehr so in die eigene Hälfte drängen, ohne selbst allzu gefährlich zu werden. Und wenn ich ehrlich bin, hatte ich vor dem 3:2 mich eigentlich schon auf ein Unentschieden eingestellt. Doch dann kam Garcia, köpfte Hunts Freistoß auf Zieler und drückte den Abpraller über die Linie. Danach explodierte das Stadion, Garcia verschwand inmitten der jubelnden Fans und danach war noch ein bisschen Zittern angesagt, bevor Schiri Kinhöfer das Spiel abpfiff und die drei Punkte eingefahren waren. Mann des Spiels war für mich Aaron Hunt, der an allen drei Toren beteiligt war und zunehmend zu seiner Top-Form findet. Nun haben wir 7 Punkte Vorsprung auf den 16. Platz und können etwas zuversichtlicher an die kommenden Aufgaben gehen.

O Captain! My Captain!

Leider muss ich an dieser Stelle ein paar Worte zu unserem Kapitän verlieren: er hatte in dieser Saison schon einige gute Spiele abgeliefert und war bspw. gegen den HSV einer der besten Spieler auf dem Platz. Doch schon gegen Wolfsburg sah Clemens völlig überfordert aus. Perisic fuhr mit ihm geradezu Schlitten und konnte sich auf der linken Angriffsseite nach Belieben austoben. Daher denke ich auch, dass die Hereinnahme von Selassie ganz klar dazu gedacht war, die rechte Abwehrseite besser abzuschirmen. Leider funktionierte das nur bedingt, da Fritz vor dem Elfer wieder zu langsam war und letztlich Huszti im Strafraum zu Fall brachte. So wichtig Fritz innerhalb der Mannschaft als „Lockerroom Guy“ ist, also als Führungspersönlichkeit, die für gute Stimmung sorgt, sich um die Teamkameraden kümmert und seiner Erfahrungen weitergibt, so wenig sprechen die Leistungen auf dem Platz für ihn. Gerade im Hinblick auf das kommende Spiel gegen Schalke hoffe ich, dass Dutt die Situation erkennt und dadurch löst, dass Theo mal auf rechts hinten ran darf.

Und abschließend muss ich noch ein paar Worte zu einem Teil der Hannover-Fans verlieren. Vielleicht bin ich auch einfach nicht hart genug für diese ganze Nummer, aber es hat mich einigermaßen erschreckt, dass mehrfach der Slogan „Alle Braunschweiger töten!“ neben „Tod und Hass dem BTSV!“ angestimmt wurde. Sowas hat für mich einfach nichts im Fußballstadion verloren und gilt für alle Fans aller Vereine. Ich bin gespannt, was im Niedersachsen-Derby am kommenden Freitag passieren wird, man muss sicherlich kein Pessimist sein, um zu befürchten, dass man den Medien wieder die Art von Bildern liefern wird, die Fußball-Fans wieder als marodierenden Mob abzustempeln. Hoffen wir, dass es dann doch ganz anders kommt.

Lebenslang Grün-Weiß!

Im Lot

Es ist Länderspielpause und heute Abend entscheidet sich für meine Three Lions, ob man sich direkt für die WM wird qualifizieren können oder ob man durch die Playoffs muss. Von daher kann ich mich über mangelnde Spannung nicht beschweren und muss mir keine Gedanken machen, ob der Trainer „meiner“ Nationalmannschaft eine Vertragsverlängerung verdient hat oder ob die Leistungen diese doch nicht hergeben. Aber dennoch kann man einen kurzen Rückblick auf das erste Viertel der Saison werfen.

Im Lot. Das gilt sicher für die bisherige Bilanz mi drei Siegen, zwei Unentschieden und drei Niederlagen. Im Lot sind wir auch bei den Punken mit elf. Rechnet man das auf 34 Spiele hoch, kommen wir locker über 40 Punkte und sollten einen sicheren Abstand zu den Abstiegsplätzen haben. Die reinen Zahlen sehen bis hierhin gar nicht mal so schlecht aus. Dabei wird Werder immer wieder vorgehalten, die Siege zum Teil nur mit Glück gegen kleine Teams eingefahren zu haben. Kommt übrigens oft von denen, die Bremen als sicheren Abstiegskandidaten gesehen haben und sich nun beschweren, dass Bremen die Punke vor allem in der eigenen Gewichtsklasse holt. Sicher, die Siege gegen Braunschweig und Augsburg waren alles andere als souverän, aber seit wann gibt es für glückliche Siege weniger Punkte?

Im Lot. Auch ein wichtiger Aspekt für das Treiben auf dem Platz. Stichwort: Balance zwischen Offensive und Defensive. Dutt und Eichin haben vor der Saison klar gemacht, dass es darum gehen muss, sich aus einer stabilen Defensive heraus zu entwickeln. Das gelingt mal besser (Braunschweig, Augsburg, Hamburg oder Stuttgart), mal nur so halb (Nürnberg und Teile des Gladbach-Spiels) und gegen Frankfurt war das ein erschreckend schwacher Auftritt. Aber insgesamt stimmt die Richtung, die Trainer und Mannschaft gehen. Und langsam sieht man auch eine Entwicklung des Offensivspiels. So war die erste Halbzeit gegen Nürnberg über weite Strecken gut anzuschauen und auch wenn es letztlich nur zu einem Unentschieden gereicht hat, so war doch offensichtlich, dass Hunt & Co. auch Offensive können.

Über den bisherigen Verlauf der Saison kann und will ich mich nicht beschweren. Die Mannschaft ist auf einem guten Weg und man darf auch nicht vergessen, dass es sich um ein langfristiges Projekt handelt. An einigen Stellen fehlen noch die nötigen Puzzleteile (Bsp.: Zuverlässiger Partner für Caldirola), die man angesichts der vorhandenen (oder eher: nicht vorhandenen) finanziellen Mitteln erst nach und nach wird einbauen können. Mit einem Sieg im Spiel am kommenden Samstag könnte die Mannschaft einen weiteren Schritt nach vorne machen. „Ausgerechnet“ gegen Dutts alten Verein.

Lebenslang Grün-Weiß!

Vergessenes Glück

Nach ziemlich genau sechs Monaten gewinnt Werder wieder ein Pflichtspiel (zuletzt am 09.02. beim 4:1 in Stuttgart) und sogar ein paar Tage länger ist das letzte Pflichtspiel ohne Gegentor her (am 01.02. beim 2:0 gegen Hannover 96). Die Bremer Fanwelt wird von ungeahnten Glücksgefühlen übermannt und stellt zumindest für diesen ersten Spieltag die beste Abwehr der Bundesliga. Damit ist zumindest vorerst einmal die Depression nach Saarbrücken ein wenig in den Hintergrund gedrängt und die Mannschaft kann das – im Grünweiß-Stammtisch angesprochene – Erfolgserlebnis feiern.

Dabei ist das Spiel an sich wahrlich kein Grund zur Euphorie gewesen. Zwar zeigte man deutlich mehr Willen als zuletzt in Saarbrücken und konnte die ersten 60 Minuten auch defensiv sicher stehen, aber das Spiel nach vorne war deutlich ausbaufähig. In der Offensive waren gerade Hunt und Ekici regelrechte Fremdkörper, die oft falsche Entscheidungen trafen und kaum Akzente setzen konnten. Darüber hinaus war man beim Umschalten nach Ballgewinn oft zu träge, um den Ball mit Geschwindigkeit in die gegnerische Hälfte zu bringen und den Gegner unter Druck zu setzen. Und nach besagten 60 Minuten und der Herausnahme von Ekici verlor man auch die Ordnung in der Defensive. Ob die Auswechslung von Memo (die zudem völlig verständlich war) nun damit kausal zusammenhängt, steht auf einem anderen Blatt, aber kurze Zeit später hatte Braunschweig die erst Großchance nach einem Distanzschuss von Reichel, den Mielitz gerade noch an die Latte lenken konnte. Weitere gute Möglichkeiten, die Braunschweig entweder vergab oder die Caldirola noch von der Linie kratzen konnte, sollten folgen.

Aus Sicht der Braunschweiger ist es bitter, dass das Tor der Bremer ausgerechnet in diese Phase fällt. Prödl schlägt einen langen Ball/Befreiungsschlag nach vorne zu Junuzovic, der cool bleibt und das 1:0 erzielt. Bremen kann nach sieben Jahren mal wieder ein Auftaktspiel auf fremdem Platz gewinnen. Der Bann ist gebrochen und die Aussagen der Mannschaft nach dem Spiel zeigen in meinen Augen, dass man das Spiel richtig einzuordnen weiß. Aber es kann dem Team Selbstvertrauen geben und man kann in der nächsten Woche ruhig auf das Augsburg-Spiel hinarbeiten, ohne gleich nach dem ersten Spieltag die vielen Skeptiker zu bestätigen, die Werder zu den Abstiegskandidaten zählen (Who the fuck is Franz B.?).

Natürlich ist nun nicht alles gut und Robin Dutt hat weiterhin viel Arbeit vor sich, aber gerade in den letzten Tagen haben Eichin und Dutt schon viel getan, um die Fans darauf vorzubereiten, dass es Zeit brauchen wird. Zum einen Zeit, um den Kader umzubauen und an die neuen Anforderungen  des Trainers anzupassen. Zum anderen bis die Mannschaft die Ideen von Robin Dutt vollständig verinnerlicht hat und dies sich auch auf dem Spielfeld im Ganzen zeigt. Ich persönlich finde es gut, dass sich die Vereinsführung so offensiv in der Öffentlichkeit präsentiert und dabei auch auf die Bekanntgabe eines konkreten Saisonziels verzichtet. Vor allem nach den oftmals sehr optimistischen Ansagen der letzten zwei Jahre, wo ich oft das Gefühl hatte, dass man die neuen Realitäten nicht erkennen konnte oder wollte.

Zum Abschluss möchte ich übrigens noch kurz auf meinen Man of the Match eingehen: Felix Kroos, der im defensiven Mittelfeld auflaufen durfte und in meinen Augen einen richtig guten Job machte. Er spielte unauffällig, hatte aber viele Ballkontakte und gewann einen Großteil seiner Zweikämpfe. Zudem dirigierte er seine Mitspieler und war sehr aktiv am kommunizieren. Ich kann mich an eine Szene in der zweiten Halbzeit erinnern, wo er Selassie auf der Außenbahn nach vorne schickt und die Position absicherte. In meinen Augen hat sich Felix damit einen weiteren Einsatz im nächsten Spiel mehr als verdient. Gegen Augsburg kann die Mannschaft hoffentlich einen weiteren Schritt in die richtige Richtung machen. Ich bin auf jeden Fall live vor Ort dabei.

Lebenslang Grün-Weiß!

Klassenerhalt

Das 1:1 gegen Frankfurt bedeutete den Klassenerhalt am vorletzten Spieltag. In den ersten 40 Minuten konnte ich das Spiel noch per Sky Go und iPad verfolgen, bevor sich die App aus unerfindlichen Gründen verabschiedete. Ich hatte bis dahin eine engagiert beginnende Mannschaft aus Bremen gesehen, die ca. 30 Minuten lang das Spiel im Griff hatte, bevor sich Frankfurt befreien konnte und zunehmend die Kontrolle über das Spiel übernahm. Die restlichen 50 Minuten saß ich mit dem iPad auf dem Schoss und drückte minütlich den Refresh-Button der kicker-App. Den Blick dabei fast mehr auf die Spiele mit Beteiligung aus Augsburg, Düsseldorf und Hoffenheim gerichtet. Durch die Niederlagen der drei Rivalen im Abstiegskampf reicht das Unentschieden, um auch nächstes Jahr in der ersten Liga zu bleiben. Freude habe ich nicht gespürt, nur eine dumpfe Form der Erleichterung.

Das Spiel gegen Nürnberg ist geprägt von Bedeutungslosigkeit auf beiden Seiten: ein lockeres Auslaufen über 90 Minuten. Gewinnt Bremen nicht, hat man die schlechteste Rückrunde der Vereinsgeschichte gespielt (bei Unentschieden entscheidet die Tordifferenz zu Gunsten der letzten Rückrunde). Aber das wäre nur ein weiteres trauriges Zeugnis für die furchtbare Saison. Ich weiß noch, wie Tobias, Anna und ich zu Beginn der Saison im Grünweiß-Stammtisch über unsere Erwartungen sprachen. Damals hatten wir darauf gehofft, die neu zusammengestellte Truppe bei ihrer Entwicklung zu begleiten. Und der Beginn der Saison ließ sich noch sehr gut an, bevor es gegen Ende der Rückrunde kippte und schließlich im Abstiegskampf endete.

Ich beneide die Verantwortlichen im Verein nicht um die kommenden Wochen. Die Saison hat offenbart, dass viele Baustellen im Verein vorhanden sind und dass es vor allem keine einfachen Lösungen für die Probleme gibt. Unter anderem muss auch der Trainer hinterfragt werden, der für die spielerischen, taktischen und defensiven Fehler – nicht nur dieser Saison – verantwortlich zeichnet. Die Zusammenstellung des Kaders gehört ebenfalls auf den Prüfstand. Eichin deutete schon an, dass man auch verstärkt den Charakter der Spieler berücksichtigen möchte, womit ich den Mythos, man könne schwierige Spieler zähmen, für beerdigt halte. Und wo wir beim Kader sind: es deutet sich der nächste Umbruch an. De Bruyne geht auf jeden Fall, Sokratis ist auch auf dem Sprung, die Spezis Arnautovic und Elia wird man sicher loswerden wollen und noch einige andere Personalien sind ungeklärt (allen voran: Hunt, Yildirim und Petersen). Ein Thema, was wir im vorletzten Grünweiß-Podcast am Rande angeschnitten hatten, ist die Nachwuchsarbeit. Zweifel an der von Werder über alle Zuständigkeitsbereiche hinweg praktizierten Nachwuchsarbeit (Ausbildung, Durchlässigkeit und Förderung im Profi-Bereich) gibt es schon länger.

Es ist davon auszugehen, dass eine Sommerpause nicht reicht, um alle Probleme anzugehen und die Früchte der Arbeit zu ernten, doch jetzt ist die Chance, den Grundstein für die Zukunft zu legen. Und egal, wie die einzelnen Entscheidungen im Detail aussehen hoffe ich, dass ich zu Beginn der nächsten Saison mit einem besseren Gefühl dasitzen kann, als dies derzeit der Fall ist. Ich kann nämlich aus vollster Überzeugung sagen: So eine Saison möchte ich nicht wieder erleben. Danke!

ALLEz GRÜN und Lebenslang Grün-Weiß!

Selbstzerstörung

Es war vor dem Spiel klar, dass es gegen Schalke schwer werden würde. Vor allem aufgrund der offensiven Feuerkraft der Gelsenkirchener in Verbindung mit der Bremer Abwehr. Zudem musste Schaaf defensiv auf einigen Positionen umstellen, da einige Spieler verletzt fehlten. Am Ende spielte hinten rechts Sokratis, während links Ignjovski ran durfte. Im defensiven Mittelfeld spielte Hunt neben Trybull. In der Offensive setzte Schaaf von Beginn an auf Elia und Arnautovic auf den Außenbahnen. Im Vergleich zum Heimspiel gegen Fürth steht eine deutlich offensiver besetzte Mannschaft auf dem Feld. Schaaf tastet sich langsam in Richtung Balance zwischen Angriff und Abwehr vor.

Und in Halbzeit eins schien das auch perfekt aufzugehen: Schalke fand offensiv kaum stand und man konnte selbst einige gute Angriffe einleiten. Es war keine Serie an hundertprozentigen Chancen, aber man darf auch nicht vergessen, dass man einen Champions League-Anwärter zu Gast hatte. Und die ansonsten starken Außenspieler von Schalke traten in Halbzeit eins kaum in Erscheinung. Sokratis und Iggy hatten Bastos und Farfan über weite Strecken im Griff. Mit einem 0:0 ging es in die Halbzeit und ich war nicht unzufrieden mit dem Spiel. Klar, ein Tor für Bremen wäre schön gewesen, andererseits konnte man den Gegner in Schach halten.

In Halbzeit zwei kamen die Schalker etwas aktiver aus der Kabine. Sie hatten Bastos durch Raffael ersetzt und zogen Draxler aus der Mittelfeldzentrale auf die linke Außenbahn. Doch entscheidend für die Tore waren die Fehler der eigenen Spieler und weniger die Stärken des Gegners. Vor dem 0:1 wird die Werder-Abwehr mit einem Lupfer ausgehebelt, Raffael zieht über rechts in den Strafraum und versucht auf Marica abzulegen. Eigentlich scheint die Situation geklärt, denn Marica wird von drei Spielern gestellt, doch der Befreiungsschlag von Lukimya misslingt völlig. Warum er hier erst den Ball auf rechts legt, statt das Ding einfach mit links wegzuhauen, bleibt sein Geheimnis. Draxler nutzt die Situation zum 0:1 aus.

Nach dem 0:1 kommt Werder nur zu einer gefährlichen Offensivaktion: einem Freistoß durch Aaron Hunt. Leider schaufelte man sich eine noch tiefere Grube, als Lukimya einen völlig verunglückten Rückpass zu Mielitz spielt, den Raffael abfängt und zu Marica spielt. Danach war das Spiel gelaufen, denn von Bremen kam nun nichts mehr und Schalke konnte das 2:0 verwalten.

Es ist schon bitter, dass solche individuellen Aussetzer die Arbeit der ersten Halbzeit völlig torpediert haben. Während Bremen in den drei Spielen vorher einen Rückstand noch wegstecken konnte, schien schon das 0:1 diesmal der Genickbruch zu sein. Sicherlich ist es kein Wunder, dass eine Mannschaft durch so ein Gegentor noch weiter verunsichert wird. Dennoch war es bitter, wie wenig gerade offensiv noch zu sehen war. De Bruyne tauchte in Halbzeit zwei komplett ab, ebenso wie die restlichen Angreifer. Und es tut mir auch für Lukimya leid, der nun drei Gegentore in zwei Spielen aufgelegt hat.

Aus Bremer Sicht war das Positivste noch die Nachricht, dass Augsburg von der Dortmunder B-Elf geschlagen wurde und der Abstand auf den Relegations-Platz weiterhin sieben Punkte beträgt. Nächste Woche geht es dann gegen Düsseldorf, der epische „Kampf um Platz 14“. Wichtig wird es in den nächsten Tagen sein, der Mannschaft wieder neues Selbstvertrauen einzuimpfen. Ein Sieg in Düsseldorf würde Bremen zudem neuen Fan-Nachwuchs bescheren. In diesem Sinne:

Lebenslang Grün-Weiß!