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Gruppentherapie

In meiner Vorschau auf das Turnier meinte ich, dass es nicht völlig abwegig wäre, sich ein Ausscheiden der Engländer schon in der Vorrunde vorzustellen. Ein Glück kam es dann doch nicht so, stattdessen konnte man sich in der Gruppe D sogar als Gruppenerster durchsetzt. Hier noch ein kurzer Rückblick auf die Gruppenphase:

Frankreich: Marchons, March on

Es war nicht schön, aber immerhin konnte man ein 1:1 holen. England mit zwei tief stehenden Viererketten und die Franzosen mit wenig Elan und Ideen, um sich dort einmal durchzuspielen. Das 1:0 durch Lescott glich Nasri und anschließend war es ein eher maues Spiel. Man merkte beiden Mannschaften an, das es vor allem darum ging, nicht mit einer Niederlage ins Turnier zu starten. So wurde es zum Ende des Spiels hin mehr zu einem harmlosen Hin- und Hergeschiebe des Balls. England spielte genauso, wie man es im Testspiel gegen Belgien gesehen hatte.

Schweden: Smørebrød

Nach dem mauen Auftakt gegen die Franzosen nun also ein Spiel, welches man nach Möglichkeit gewinnen sollte, wenn man die Gruppe überleben will. Carroll nimmt in Halbzeit den Fahrstuhl in den dritten Stock, um von da oben den Ball per Kopf ins Tor zu ballern. In Halbzeit zwei drehen die Schweden dann das Spiel, erst eine Flipperautomaten-Einlage nach einem Ibrahimovic-Freistoß, bei der Johnson das Recht vorbehalten bleibt, den Ball selbst über die Linie zu drücken. Nur kurze Zeit später dann Olof Mellberg, der per Kopf einnickt. An dem Punkt hatte ich das Spiel eigentlich abgeschrieben, denn an ein Comeback der Three Lions habe ich nicht glauben können.

Doch Hodgson hatte ein glückliches Händchen und brachte One-Trick-Pony Walcott ins Spiel. Erst haut er einen leicht abgefälschten Ball aus 18 Metern ins schwedische Tor bevor er wenig später den Turbo zündet, den schwedischen Verteidiger gefühlt stehen lässt und  das Ding zu Welbeck passt, der ihn per Hacke rein streichelt. Wow, ein Spiel, welches sicherlich nicht durch seine Finesse überzeugte, dafür aber allemal spannend und packend. War in der ersten Halbzeit nicht zu erwarten, als sich beide Mannschaften im klassischen 4-4-2 neutralisierten, aber als die Schweden aufmachten, um zu einem Tor zu kommen, ergaben sich auf beiden Seiten dann endlich die Lücken. Was ich imponierend fand, ist die Art und Weise, wie Ibrahimovic in dem Spiel über den Platz stolzierte. Jeder Pass war Ausdruck des Ekels, mit solchen Dilettanten auf dem Platz zu stehen.

Ukraine: Die Haare Gottes

Das letzte Gruppenspiel findet gegen den Co-Gastgeber statt. England reich ein Unentschieden, während die Ukraine gewinnen muss, um sicher weiterzukommen. Dementsprechend engagiert beginnen die Ukrainer und stellen die Engländer am Anfang des Spiels vor richtige Probleme. Vor allem Iarmolenko macht viel Betrieb vor dem englischen Tor. Doch allzu viele Chancen kommen dabei nicht rum. Spannend wird es dann in der zweiten Halbzeit. Erst erzielen die Engländer das 1:0 durch die Haare Gottes, der eine doppelt abgefälschte Flanke von Gerrard am langen Pfosten einfach nur über die Linie drücken muss. Goalgetter halt. Anschließend dann erst eine dicke Kopfballchance von Milevskiy und  wenig später der Aufreger des Spiels, ach, des Turniers. Devic legt den Ball an Hart vorbei und Terry klärt das Ding spektakulär von der Linie. Naja, so fast, denn in der Zeitlupe sieht man, dass der Ball hinter der Linie war.

Was in der anschließenden Diskussion gerne übersehen wird, ist die Tatsache, dass Milevskiy in der Entstehung des Angriffs deutlich im Abseits stand. Eine gerne genommene Argumentation: beim Abseits wird ständig falsch entschieden und das wäre weit weniger schlimm als das nicht gegebene Tor. Und außerdem hätten die Engländer ja gar kein Abseits reklamiert. An der Szene entzündet sich auch die Diskussion um technische Hilfsmittel im Fußball. Doch die Szene zeigt auch exemplarisch, wie schwer das ist, die Grenze zu ziehen, denn hier begünstigt eine Fehlentscheidung die Entstehung einer weiteren Fehlentscheidung. Doch dieser Aufreger blieb so ziemlich das letzte Highlight der Partie.

Durch die zeitgleiche Niederlage Frankreichs gegen Schweden war damit der Gruppensieg gesichert. Es war nicht schön, aber das war auch vor dem Turnier klar, dass die Engländer hier nicht mit bezauberndem Kombinationsfußball glänzen würden. Von daher hat man die Erwartungen erfüllt und ist darüber hinaus auch noch (bis hierher) erfolgreich damit gewesen und hat die französischen Mitfavoriten hinter sich gelassen.

Bella Italia

Sonntagabend kommt es dann zum Viertelfinalspiel gegen die Italiener. Im Spiel gegen die Spanier und in der ersten Halbzeit gegen Kroatien konnten die Italiener überzeugen. Das Spiel gegen die Iren habe ich nicht gesehen, so kann ich darüber auch keine Aussage treffen. Bisher haben sich die Italiener sehr variabel gezeigt, so dass es interessant sein dürfte, wie sie das Spiel gegen England angehen. Wichtig ist, Pirlo in den Griff zu bekommen, das Hirn des italienischen Spiels. Er ist zwar angeschlagen, aber ich denke schon, dass er gegen England auflaufen wird. Vorne hoffe ich, dass Balotelli spielt. Er wird gg. England bis in die Haarspitzen motiviert sein, denn seitdem er auf der Insel spielt, macht sich die britische Presse einen Spaß daraus, jede seiner Eskapaden auszuschlachten. Und wenn Balotelli motiviert ist, ist er auch gerne mal übermotiviert. Da sollte dann eine rote Karte drin sein bei unserem Kind im Körper eines Sport-Profis.

England wird sich im Vergleich zum Ukraine-Spiel deutlich steigern müssen. Vor allem im Mittelfeld muss sowohl die Arbeit nach hinten besser verrichtet werden, aber auch das Spiel nach vorne muss einfach flüssiger werden, wenn man auch mal Nadelstiche setzen will. Spannend dürfte auch die Frage sein, wen Hodgson vorne neben Rooney bringt. Welbeck wirkte gegen die Ukraine arg schlapp und vielleicht darf Carroll die italienische Innenverteidigung bespaßen.

3 Projekte

Gestern endete die Transferphase. Die Endphase war nochmal richtig spannend: Schalke und Wolfsburg versuchten, alles zu kaufen, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Der Deal von Maxim Choupo-Moting  zwischen Hamburg und Köln scheiterte an einem defekten Faxgerät. Auf der Insel Liverpool erst Andy Carroll für aberwitzige 41 Millionen Euro, um anschließend Fernando Torres Richtung Chelsea ziehen zu lassen. Im Gegensatz dazu blieb es an der Weser erstaunlich ruhig. Dabei hat man drei Baustellen im Kader bearbeitet. Mit Denni Avdic holte man Ersatz für den abgewanderten Hugo Almeida, Predrag Stevanovic spielt nominell im offensiven Mittelfeld und unser letzter „Neuer“ kann sowohl in der Innenverteidigung als auch als Linksverteidiger auflaufen.

Dabei sind alle drei eher Optionen auf die Zukunft, als sofortige Impulsgeber. Avdic konnte bisher noch kaum überzeugen, was wohl auch der Tatsache geschuldet ist, dass er erstmal die körperlichen Defizite aufholen muss, die das frühe Ende der schwedischen Saison so mit sich brachte. Stevanovic kommt aus der zweiten Mannschaft von Schalke und mit 19 kann man da auch jetzt auch nicht von ihm erwarten, die Probleme im Bremer Spielaufbau im Vorbeigehen zu lösen.  Samuels voller Name Samuel Firmino de Jesus verspricht einiges, doch zuletzt war der 24-jährige Defensivmann arbeitslos und so wird er auch sicherlich Zeit brauchen, um sich in Bremen einzuleben. Das heißt nicht, dass es sich hier um drei Flops handelt, doch sind es Investitionen, deren Rendite noch auf sich warten lässt. Damit wird man erstmal mit dem vorhandenen Spielermaterial in die verbliebenen 14 Spiele gehen.

Allofs hatte während der Winterpause immer wieder an der einen oder anderen Stelle verlautbaren lassen, dass sich der derzeitige Kader ohne internationalen Wettbewerb nicht finanzieren ließe. Dies war ja schon immer offensichtlich, wenn man sich die Rahmenbedingungen in Bremen anschaut, doch war ich immer davon ausgegangen, dass man zumindest eine oder zwei Saisons überbrücken könnte, ohne dass man gleich umbauen muss. Doch wenn man trotz der prekären sportlichen Lage und den durchaus vorhandenen Baustellen im Kader so zögerlich agiert, scheint der finanzielle Spielraum doch noch enger zu sein, als ich gemutmaßt hatte. Man kann gespannt sein, was im Sommer passiert. Mit Jensen und Pasanen scheint man nicht mehr zu planen, hinzu kommt das mögliche Karriereende vom Lutscher. Auch Mertesacker wird immer wieder mit einem Abgang im Sommer in Verbindung gebracht. Ein Umbruch im Kader wird wohl die Konsequenz sein und ist aufgrund der Leistungen in dieser Saison auch nötig. Daneben bleibt dann noch die Frage, was im Bereich der sportlichen Führung, sprich: Trainer und Manager passiert. Frei von Kritik sind beide schon lange nicht mehr.