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Murmeltiere Reloaded

Ich komme mir beim SV Werder mittlerweile vor wie bei „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Seit der Saison 14/15 beginnt jede Saison mit einem gewissen Maß an Optimismus, der mal mehr und mal weniger ausgprägt ist. Nur um dann hart auf den Boden der Realität aufzuschlagen. Dabei waren die Voraussetzungen vor dieser Saison gut wie lange nicht mehr. In der Rückrunde setzte die Mannschaft zu einer Erfolgsserie an, die man so lange nicht mehr an der Weser bewundern durfte. Klar, der Lauf würde sich nicht einfach in die neue Saison weiterführen lassen, das zeigten ja schon die Partien in Köln und gegen Hoffenheim zum Ende der Saison und während der Serie hat man auch immer wieder von Matchglück und gnadenloser Effizienz profitiert. Aber ich hatte leise Hoffnung auf einen verhältnismäßig erfolgreichen Start in die Saison. Und nun haben wir den achten Spieltag absolviert und der SVW steht wieder unten in der Tabelle. Acht Spiele und kein Sieg. Acht Spiele und schon wieder ist der Trainer angezählt. Das kommende Auswärtsspiel gegen Köln (die aktuell noch unter uns stehen) wird schon zum Schicksalsspiel ausgerufen und ob der Namen, die als mögliche Alternativen kursieren (Labbadia, Frontzeck, Slomka), machen einem Angst.

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Nouri scheint dabei sein Mojo aus der Rückrunde verloren zu haben. Der Fokus liegt diese Saison ganz klar auf der Defensive, was per se nicht schlecht ist (siehe meinen letzten Beitrag), aber leider fehlt dieses Jahr eine konsequente Idee für das Spiel nach vorne. Nach dem Saisonauftakt mit Spielen gegen Hoffenheim und Bayern war das noch akzeptabel, aber wenn man auch gegen Freiburg, Wolfsburg und den HSV derart zahnlos nach vorne spielt, dann stimmt einen das schon nachdenklich. Klar, wichtige Spieler waren/sind verletzt, wie bspw. Moisander, Junuzovic und Kruse. Andere Spieler hingegen sind außer Form, hier sind Bartels und Delaney zu nennen oder haben noch Anpassungsschwierigkeiten wie Belfodil. Aber Nouri trifft auch teils komische Entscheidungen, wenn er (wie gegen Gladbach) Maxi Eggestein auf die Bank setzt und somit den spielstärksten Mann im defensiven Mittelfeld opfert. Oder wenn er in der zweiten Halbzeit auf eine Doppelsechs mit Junu und Bargfrede setzt. Wenn Jojo Eggestein, der als großes Talent gilt, keinen Stich sieht, obwohl Belfodil nun wirklich keine Bäume ausreißt. Dazu noch die oft späten und auch nicht nachvollziehbaren Wechsel. Und zu guter Letzt das Gefühl, dass ein wirkliches Konzept fehlt. Natürlich kann der Trainer aufstellen, wen er möchte und auch spielen lassen, wie er das gerne möchte. Nur wenn es nicht funktioniert, dann muss er dafür auch den Kopf hinhalten. Dabei hat man gar nicht zwingend das Gefühl, dass Nouri alles komplett umkrempeln muss, aber auch die kleinen Anpassungen bleiben bisher aus.

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Was mir aber in der aktuellen Debatte um den Trainer leider ein bisschen zu kurz kommt, sind auch die Versäumnisse eine Etage weiter oben in der sportlichen Führung. Die Voraussetzungen diesen Sommer waren so gut wie lange nicht mehr. Es war relativ früh absehbar, dass man die Klasse halten würde. Zudem war auch früh bekannt, welche Spieler gehen würden. Das heißt, man hatte genug Zeit, vorhandene Lücken zu füllen, die durch die Abgänge entstehen würden. Auch wenn der Verlust von Piza und Fritz vielleicht sportlich nicht so groß ist, so fehlten doch zwei Spieler, die für das Team vor allem abseits des Feldes wichtig waren. Das dann auch die Planstelle Mittelstürmer erst am letzten Tag der Transferperiode mit Belfodil befüllt wurde, war dann schon enttäuschend. Grillitsch und Gnabry wurden de facto nicht ersetzt. Ironischerweise wurde der Abgang der beiden von vielen mit einem Achselzucken hingenommen, weil beide ja völlig überschätzt waren. Mag sein, dass beide in der Rückrunde (auch durch Verletzungen) an die Seite gedrängt wurden, aber man sieht eben doch, dass sie fehlen: die Übersicht und die Fähigkeiten im Spielaufbau von Grillitsch sowie die Torgefahr von Gnabry. An Gnabry kann man viel kritisieren, aber in der Hinrunde hat er halt die Dinger gemacht und auch mal aus 25 Metern draufgehalten. Oder uns gegen Wolfsburg in der Rückrunde mit zwei Toren den Sieg beschert. Und auch wenn die Transfers von Augustinsson, Pavlenka und Gondorf Sinn machten, wurden Baustellen nicht geschlossen. Und das ist in meinen Augen auch ein großer Faktor der aktuellen Misere, dass Baumann da eben nicht agiert hat.

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Die mangelnden Transferaktivitäten im Sommer haben nun wahrscheinlich einen banalen Grund: das liebe Geld. In der Vorsaison konnte man noch die Ablösesummen von Vestergaard und Ujah (über 20 Mio €) einsetzen, um entsprechend tätig zu werden. Diesen Sommer war Gnabry der einzige Abgang, der eine wirklich nennenswerte Ablöse generieren konnte. Und in Zeiten, in denen sich die Preisspirale im Fußball immer weiter nach oben dreht, kann man schon auch die Befürchtung haben, das Bremen langfristig komplett den Anschluss verliert und den Gang in Liga zwei antreten muss, einfach weil man die Qualität im Kader nicht auf Bundesliga-Niveau halten kann. Alarmismus? Vielleicht, aber man fragt sich schon, wie lange es noch gut gehen wird. Und ja, nach drei Siegen in Folge sieht die Welt auch schon ganz anders aus. 😉

Punkt für Punkt

Ab dem nächsten Spieltag beginnen wohl die Wochen der Wahrheit. Fünf aufeinanderfolgende Spiele gegen direkte Konkurrenten im Abstiegskampf. Stand heute sind alle Gegner mindestens punktgleich (Frankfurt) oder liegen hinter uns. Nach diesen fünf Spieltagen sollte klarer sein, in welche Richtung es für den Rest der Hinrunde geht. Wir haben die Chance, wichtige Punkte zu sammeln und uns abzusetzen oder werden im schlimmsten Fall noch weiter in den Keller gezogen. Doch vorher stand noch die Partie gegen Gladbach an. Eine Mannschaft aus dem oberen Tabellendrittel, doch mit einem bisher erfolglosen Auftakt in die Rückrunde.

Flop

Burning Bush hat das Spiel unter dem Titel „Schizophrenie in Grün-Weiß“ gut zusammengefasst. Die erste Halbzeit war ein Abziehbild all der Dinge, die einen als Fan in dieser Saison in den Wahnsinn treiben. Da wäre die unfassbare „Gabe“ der Mannschaft, sich immer und immer wieder selbst in den Fuß zu schießen. Immer wieder werden wir Zeuge von individuellen Fehlern, wie sie einem Bundesligisten nicht unterlaufen dürfen. Diesmal leistet Lukimya in der sechsten Minute Entwicklungshilfe für die bisher punktlosen Gladbacher und serviert Raffael einen Ball aus dem Lehrbuch der Katastrophen-Fehlpässe. Das Geschenk nehmen die Gäste dankbar an und schon nach etwas mehr als 300 Sekunden ist der vorher ausgeheckte Plan für das Spiel schon ad absurdum geführt. Im Fußball gibt es die Kategorie der „Unforced errors“ nicht, aber hier dürfte Bremen einen der Spitzenplätze belegen und für die DFB-Trainerausbildung ganze DVDs mit Anti-Lehrmaterial füllen.

Danach tut sich Bremen im Spielaufbau sehr schwer, ebenfalls ein Dauerbrenner dieser Saison. Man ist zwar bemüht, doch in der Regel werden lange Bälle aus der eigenen Hälfte oder Flanken aus dem Halbfeld bemüht. Trotz einer Doppelspitze mit Di Santo und Petersen versanden diese Versuche allzu oft und die wenigen Torchancen der ersten Halbzeit werden vom Zufall unterstützt. Nur einmal brandet in den ersten 45 Minuten Applaus durch das Weserstadion, als Lukimya nach gerade einmal 27 Minuten vom Platz geholt wird. Ich habe vollstes Verständnis für die Maßnahme und Lukimya in der Vergangenheit schon oft kritisiert, aber er tat mir in dem Moment leid. Felix Kroos durfte sich nun neben Prödl in der Innenverteidigung austoben. Das wir am Ende nur mit einem 0:1 in die Kabine gehen, ist vor allem der Gladbacher Unfähigkeit geschuldet, die Konterchancen sauber auszuspielen. Über ein 0:3 hätte man sich zu diesem Zeitpunkt wahrlich nicht beschweren können.

Top

Was dann nach der Halbzeit passiert, sorgt einerseits für Genugtuung und Optimismus, lässt mich andererseits auch fragen „Warum nicht gleich so?“. Die Mannschaft kommt mit viel mehr Dampf aus der Kabine, ergreift die Initiative im Spiel und kann sichtlich überraschte Borussen in der eigenen Hälfte festsetzen. Immer wieder kommt man nun auch spielerisch zum Zuge und erspielt sich endlich mal gute Gelegenheiten. Ob es eine gepfefferte Ansprache von Dutt war oder eine Palette Energy Drinks für alle: es wirkte. Bis zur 56. Minute konnte man vier gute Torgelegenheiten herausspielen. Die Mannschaft hat also doch so etwas wie Spielkultur auf Lager, man muss es nur aus der Truppe herauskitzeln. Gladbach blieb auch weiterhin nach Kontern gefährlich, doch entweder wurden diese wieder nicht konsequent zu Ende gespielt oder Wolf konnte die Gelegenheiten entschärfen.

Am Ende wurde Ludovic Obraniak seiner Rolle als Erlöser gerecht und mit einem sehenswerten Freistoß in der 88. Minute sicherte er uns einen wichtigen Punkt im Abstiegskampf. Fast hätte man sich diesen Punkt nehmen lassen, denn Gladbach kommt vom Anstoßpunkt weg direkt zu einer richtig guten Gelegenheit, die Wolf vereiteln kann. Es wäre die Essenz dieser Saison in nicht einmal 60 Sekunden gewesen.

Ich hoffe, die Mannschaft kann den Kampf und Willen aus Halbzeit zwei in die nächsten Spiele mitnehmen und wenigstens vorerst darauf verzichten, sich selbst ein Bein zu stellen. Man kann einige positive Dinge aus der Partie mitnehmen, es ist an der Mannschaft, diese Eindrücke zu bestätigen. Darüber hinaus gehe ich davon aus, dass dies wohl das vorerst letzte Spiel von Lukimya gewesen sein dürfte und Felix Kroos sich durch seine gute Leistung(bis auf ein, zwei Schnitzer) als Innenverteidiger Nummer drei etabliert haben dürfte.

Lebenslang Grün-Weiß!

 

Ein Punkt in Gladbach

Nach dem 0:1 gegen Augsburg nahm der Gegenwind für Schaaf sowohl bei den eigenen Fans als auch in den Medien stark zu. Gleichzeitig stärkten ihm die Vereinsverantwortlichen in der Öffentlichkeit den Rücken. Wobei dies natürlich ein völlig normaler Vorgang ist, denn bei der ersten zweideutigen Antwort zum Trainer ist dieser zum Abschuss freigegeben. Schaaf strich den Profis den freien Montag und laut allen Beteiligten war es eine sehr intensive Trainingswoche. Gestern vormittag vermeldete die Kreiszeitung, dass Schaaf mit Doppelsechs und ohne Elia, Hunt, Arnautovic und Ekici spielen würde. Im ersten Moment habe ich das ein wenig als Aktionismus abgetan und war zudem skeptisch, ob Schaaf wirklich so stark durchrotieren würde. Vor dem Spiel dann die Bestätigung: im Gegensatz zum Augsburg-Spiel gab es einige Änderungen. Pavlovic spielte in der Innenverteidigung für die gesperrten Sokratis und Prödl. Die Doppelsechs bildeten Fritz und Trybull, die Dreierreihe davor bestand aus Iggy, Junuzovic und De Bruyne. Vorne im Sturm stand Petersen.

Um 18:30 war all das nur noch Vorgeplänkel, denn wichtiger als Namen und Systeme war das, was uns die Mannschaft auf dem Platz anbieten würde. Dabei wurde schnell klar, dass die oberste Prämisse die Defensive war. Die Mannschaft verschob sehr kompakt über den Platz: bei gegnerischem Ballbesitz ließen sich bspw. De Bruyne und Petersen sehr weit nach hinten fallen, während die Abwehr bei eigenem Ballbesitz sehr weit aufrückte. Dadurch präsentierte sich Bremen als kompakte Einheit und die teils eklatanten Lücken zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen konnten so nicht auftreten. Zumal die Mannschaft auch sehr konzentriert und diszipliniert auftrat. Zudem sorgte die Besetzung des defensiven Mittelfelds mit gelernten Defensivspielern für eine deutlich bessere Balance als die in dieser Saison zum Standard gewordene 4-1-4-1-Formation mit sechs gelernten Offensivspielern.

Und die Pläne von Schaaf gingen im Spiel voll auf. Gladbach kam nur sehr schwer ins Spiel und tat sich schwer damit, Lücken in der Bremer Mannschaft zu finden. Natürlich tat sich Bremen selbst auch schwer damit, das eigene Offensivspiel aufzubauen, aber nach den enttäuschenden Auftritten der letzten Wochen war es vor allem wichtig, hinten sicher zu stehen und in diesem Punkt machte die Mannschaft alles richtig. Nur Pavlovic tat sich zu Beginn des Spiels noch ein bisschen schwer, als er sich von Patrick Herrmann zweimal viel zu leicht abkochen, aber im Laufe des Spiels steigerte er sich und rettete kurz vor Ende des Spiels noch das Unentschieden, als er einen Schuss von Mlapa aufs leere Tor klären konnte.

In der zweiten.Halbzeit kam Hunt für den angeschlagenen Fritz und Junuzovic nahm die Position in der Doppelsechs ein. Die zweite Halbzeit wurde etwas ansehnlicher, da beide Mannschaften zu ein paar guten Gelegenheiten kamen. Leider waren es die Gladbacher, die zum ersten Tor kamen: nach einer Ecke der Fohlen räumen sich Pavlovic und Trybull im Strafraum gegenseitig ab und Mlapa braucht nicht mal hochzuspringen, um das 1:0 zu erzielen. Man kann sich auch fragen, warum bei gegnerischen Standards keiner der Pfosten besetzt wird. Haben wir sowas nicht nötig? Sieht das evtl. doof aus? Ich weiß es nicht, vor allem aber verstehe ich es nicht. Ein Mann am ersten Pfosten hätte das 0:1 locker verhindern können. Die Mannschaft zeigt jedoch eine prompte Reaktion auf den Gegentreffer und nur fünf Minuten später war es Ignjovski, der eine scharfe Hereingabe von De Bruyne ins Tor brachte. Danach hatte Bremen noch ein, zwei Gelegenheiten, die aber nicht konsequent zu Ende gespielt wurden.

Das Spiel war ein Beispiel dafür, dass auch Schaaf durchaus in der Lage ist, sich etwas einfallen zu lassen, um das Spiel des Gegners lahmzulegen. Über 90 Minuten kam Gladbach nur zu einigen wenigen gefährlichen Angriffen. Und ich führe das in erster Linie auf den disziplinierten Auftritt der Bremer zurück. Das Spiel gestern lässt natürlich auch die Frage zu, warum man nicht schon früher zu solchen Mitteln gegriffen hat, vor allem bei Auswärtsspielen gegen stärkere Gegner. Und was bedeutet das Spiel für die kommenden Begegnungen? Wird auch in Zukunft vor allem das defensive Mittelfeld mit Spielern bestückt, die dort hingehören? Eine Doppelsechs mit Junu und Trybull? Davor eine Dreiherreihe mit De Bruyne, Hunt und Arno? So wie gestern zu Ende des Spiels? Vor allem De Bruyne machte gestern in der Mittelfeldzentrale ein bärenstarkes Spiel und fast alle Angriffe liefen über ihn.

Spiele wie das gestrige zeigen, das Schaaf durchaus bereit ist, etwas zu ändern und er offensichtlich die Probleme im Spiel erkennt und auch Ideen hat, wie diese zu beheben sind. Aber warum wird das so selten umgesetzt? Warum muss die Mannschaft erst an den Punkt der völligen Verunsicherung nach dem Augsburg-Spiel kommen, bevor Schaaf sich dazu entscheidet, der Mannschaft durch eine defensive Spielweise zu mehr Stabilität zu verhelfen? Natürlich ist das Konzept von gestern nicht für jedes Spiel geeignet und am nächsten Samstag möchte ich eigentlich nicht, dass die Mannschaft gegen den Tabellenletzten zu Hause so einigelt, aber ich würde mir mehr Reaktion auf die Gegner und deren Spielweise wünschen. Die Zeiten, wo wir unser Spiel fast jedem Gegner aufzwingen konnten, sind lange passé. Man darf gespannt sein, wie Schaaf in den nächsten Spielen reagiert oder ob dies nur eine Ausnahme war und man nach dem kleinen Zwischenerfolg wieder zur gewohnten Tagesordnung zurückkehrt.

Zum Abschluss möchte ich an der Stelle noch das Schirigespann rund um Wolfgang Stark loben. Zum einen, weil sie das Spiel gut geleitet haben und zum anderen, weil sie einen Treffer von Patrick Herrmann nicht anerkannt haben. Das Schwierige an der Situation: der Linienrichter konnte nicht sehen, ob Younes den Ball per Hacke weitergeleitet hatte, ließ daher erstmal die Fahne unten. Nach dem Tor kommunizierte er zunächst mit Stark, um ihn zu fragen, ob er die Situation mit dem Hackenpass gesehen habe. Stark bestätigte die Ballberührung von Younes, so dass der Linienrichter ihn auf die Abseitsstellung von Herrmann aufmerksam machte. Stark erkannte daraufhin das Tor nicht an. Man muss es ja auch mal anerkennen, wenn die Schiedsrichter eine gute Leistung zeigen und nicht immer nur bei schwachen Leistungen auf ihnen rumhacken.

Lebenslang Grün-Weiß!

Augen geradeaus

Das Spiel in München würde hart werden und nur im Falle eines mittelschweren Wunders war davon auszugehen, dass Bremen einen Punkt mitnehmen würde. Zu dominant sind die Bayern, die diese Saison de facto in anderen Sphären unterwegs sind. Am Ende kommt es mit einem 1:6 doch dicker als ich befürchtet hatte. Zwölf Minuten reichten den Bayern für 6 Tore und während Bremen in den ersten 25 Minuten dem bajuwarischen Sturmlauf noch einigermaßen Einhalt gebieten konnte, war in Minute 30 der Drops schon gelutscht. Danach machte man selbst den Weg frei für den Gegner, als erst Prödl kurz vor der Halbzeit die rote Karte sieht und Selassie zu Beginn der zweiten Hälfte das 0:3 kurzerhand selbst erzielt. Ja, über weite Strecken von Halbzeit zwei sah es so aus, als könne man mitspielen, doch war dies nur von Bayerns Gnade und nicht aufgrund der eigenen Stärke. Wann immer die Bayern das Tempo anzogen, sahen die Grün-Weißen nicht mehr als die Hacken des Gegners. Es gab mal Zeiten, da konnten wir die Großkopferten auch mal ärgern, mittlerweile sind wir ein besserer Trainingsgegner für die kommenden Aufgaben der bayerischen Dampfwalze.

Aus diesem Spiel gibt es nichts positives mitzunehmen, denn zu deutlich war der Klassenunterschied und zu schallend die Ohrfeige. Und obwohl uns nur noch ein Tor vom traurigen ersten Platz in der Statistik der kassierten Gegentore trennt, sinnieren viele Fans noch immer über Europa. Auch wenn ich nur ungerne den Partypuper spiele, möchte ich doch darauf hinweisen, dass ich es für extrem unwahrscheinlich halte, sich mit 60-70 Gegentoren für Europa zu qualifizieren. Ja, mir ist auch klar, dass es nur sechs Punkte auf Platz sechs sind und auch die Teams vor uns nicht durch Konstanz zu überzeugen wissen. Dennoch sollten diese Gedankenspiele hinten angestellt werden, denn im Schnitt kassiert die Mannschaft ziemlich genau zwei Gegentore und betrachtet man nur die Rückrunde, so sind es deren drei.

Für die Mannschaft gilt es, nach vorne zu schauen, denn die kommenden Spiele dienen sehr viel besser als Maßstab für die Leistungsfähigkeit des Teams. Augsburg (H), Gladbach (A) sowie Fürth (H) stehen als nächstes auf dem Programm. Zwei Heimspiele also gegen Kellerkinder sowie eine Fahrt zu einem ebenfalls im Mittelfeld gefangenen Club. Es sollten zumindest sieben Punkte möglich sein. Doch Augsburg hat uns schon im Hinspiel gezeigt, wie man Werder mit Leidenschaft und Herz beikommen kann. Zudem hat das Team aus Schwaben gerade Oberwasser und konnte im direkten Duell um den Relegationsplatz die Hoffenheimer niederringen. Die Fürther haben gerade Mike Büskens entlassen und im heutigen Spiel gegen Leverkusen dem Favoriten 90 Minuten lang Paroli geboten. Beide Spiele werden wohl eher zähe Angelegenheiten mit Teams, die unangenehm zu spielen sind. Bleibt der Trip zu den Gladbachern, die uns aus der Hinrunde in wohliger Erinnerung geblieben sind, als man die Fohlen mit 4:0 schlagen konnte. Momentan sind die Gladbacher uns nur drei Punkte voraus, spielen nicht annähernd den Fußball, der sie letzte Saison in die CL-Quali führte, aber andererseits sind sie auch nicht mehr so von der Rolle wie noch im Herbst, als sie an der Weser zu Gast waren.

Ich hoffe, dass die Mannschaft und das Trainer-Team es gemeinsam schaffen, die Klatsche von München schnell hinter sich zu lassen und sich gut auf die kommenden Spiele vorzubereiten. Es wäre überaus gut, nach den jeweiligen Spielen nicht wieder die gleichen Platitüden der letzten Monate zu lesen („Wir haben die Anfangsphase verpennt“/“Wir sind nicht in die Zweikämpfe gekommen bzw. gegangen“/“Wir haben Dinge nicht umgesetzt“). Ich bin jedoch äußerst skeptisch, dass mein Wunschdenken auch in der Realität so umgesetzt wird. Und ich ertappe mich auch häufiger dabei, nicht mehr alleine auf die aktuelle Saison zu schauen, sondern schon auf die kommende Spielzeit zu blicken. Was ist mit De Bruyne, Sokratis, Petersen oder Arnautovic? Werden sie in Bremen bleiben, wenn wir Europa deutlich verfehlen, wenn wir die dritte Saison im Mittelfeld verbringen? Wird man sie davon überzeugen können, dass ja alles gerade im Umbruch ist und alles nächste Saison per se viel besser wird? Welche Spieler wird man noch brauchen, wen kann man überhaupt an die Weser holen? Gedankenspiele, die im schnellen Tagesgeschäft der Bundesliga noch verhältnismäßig weit weg sind, aber die irgendwie auch mit den aktuellen Leistungen verbunden sind.

Lebenslang Grün-Weiß!