Tag Archives: Clemens Fritz

Flauschig

Mit 0:6 kam der SVW am Samstag beimVfL Wolfsburg unter die Räder. Zwei Dinge sind mir von dem Spiel nachhaltig in Erinnerung geblieben: einerseits die Tatsache, dass Wolfsburg auf den Flügeln schalten und walten konnte, wie es ihnen gefiel. Es erinnerte ein bisschen an FIFA98, wo Flanken von außen auf halbwegs kopfballstarke Spieler mit einer extrem hohen Quote zum Erfolg führten. Natürlich ist es tragisch, dass Gàlvez per Eigentor das 0:1 erzielte, aber ob an dem Tag das Spiel ohne dieses frühe Gegentor groß anders verlaufen wäre, wage ich zu bezweifeln. Der zweite auffällige Punkt war, dass Wolfsburg sich nicht einmal besonders anstrengen musste. Ich fand es über weite Strecken eine durchschnittliche Partie der Gastgeber, umso erschreckender, dass dies für eine deutliche Klatsche reichte.

Und während der kicker den armen Luca Zander herauspickt, um sich an seiner Leistung abzuarbeiten, stellt sich mir die Frage, wo am Samstag eigentlich die ganzen vermeintlichen Leistungsträger waren. Junuzovic schleppt seine Formkrise immer noch mit sich rum, Fritz fiel nur durch seine gelbe Karte und die damit verbundene Sperre fürs Nordderby auf und Santiago Garcia hat auf seiner Seite auch so seine liebe Mühe. Und das bringt mich zur Frage nach den Führungsfiguren, die Bush schon diskutiert hat. Wo sind die Spieler, welche die anderen mitreißen, an denen sich das Team aufrichten kann, die durch Konstanz vorne wegmarschieren. Vielleicht sind sie gar nicht da, was sich als Problem erweisen könnte. Wo war der Impuls von der Bank? Zur Halbzeit stellte Skripnik von einem 4-1-4-1 auf ein 4-4-2 um und schaffte damit im Mittelfeld noch mehr Räume für Spieler wie Kruse oder Arnold. Natürlich ist es unwahrscheinlich, dass eine Umstellung zur Halbzeit die Partie noch rumgerissen hätte, aber vielleicht hätte man wenigstens das totale Desaster verhindert.

Ein Gedanke, der mir während des Spiels auch kam: ist man bei Werder mittlerweile zu schnell zufrieden. Damit meine ich alle: Spieler, Verantwortliche und auch Fans. Nach den Auswärtssiegen in Mainz und Augsburg hatte ich das Gefühl, dass man dachte, der Dampfer ist wieder auf Kurs. Klar, dass 1:3 gg. Dortmund im Weserstadion war unschön, aber hey, Dortmund ist eine andere Gewichtsklasse. Kannste nix machen. Immerhin hatte man bis zum Wolfsburg-Spiel auch noch keine Partie absolviert, bei der man so richtig vom Platz geballert wurde (wobei es vor allem der mangelnden Chancenverwertung von Leverkusen und Dortmund zu verdanken war).  Und Junu hatte Sokratis dreimal (einself!!!11!!) in einer Szene getunnelt und wir Werder-Fans sind so viel geiler als die aus Wolfsburg! Ich will nicht Bambule und Randale das Wort reden, ich habe auch keinen Bock auf Busblockaden und angespuckte Spieler, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass die Saison in einer Flausch-Wolke abläuft. Bei Siegen überkommt einen das wohlig warme Gefühl, dass das schon alles irgendwie wird und Niederlagen sind zwar unschön, aber auch eigentlich gar nicht so wild. Was dagegen zu tun ist, weiß ich auch nicht.

Und auch die Mitgliederversammlung vom letzten Montag passt da ins Bild. Wieder wird ein Minus präsentiert, das EK ist nur dank des „Tricks“ dieses Jahr einen Abschluß für den Gesamtkonzern zu präsentieren noch nicht komplett weg. Aber selbst die regionalen Medien interessiert das nicht wirklich. Weitesgehend wird die offizielle Version durchgereicht, wonach man auf dem richtigen Weg ist. Wird zwar seit Jahren so von den Verantwortlichen verkündet, ist halt so. Ich gebe zu, ich kenne mich in dem Bereich nicht aus, aber irgendwie habe ich ein schlechtes Gefühl bei Werders Finanzen und den Beteuerungen, dass im laufenden Geschäftsjahr ist die schwarze Null erreichbar, mag ich noch nicht recht trauen. Meine Vermutung: die Finanzierung des Stadions ist ein noch größerer Mühlstein um den Hals des Vereins, als nach außen hin kommuniziert.

Samstag war hoffentlich nur ein Ausrutscher und alleine schon aufgrund des Nordderbys wird sich die Mannschaft am Wochenende ganz anders präsentieren, da bin ich mir sicher. Aber wir haben das zweitschlechteste Tordifferenz, stellen mit Augsburg die zweitschlechteste Defensive und das obwohl man zuletzt über neu gewonnene defensive Solidität sprach. Und langsam mache ich mir Sorgen. Sorgen, dass viele der Außenstehenden, die Bremen als einen der offensichtlichen Abstiegskandidaten sehen, recht behalten. Ich will nicht, dass der Werder-Weg, der auf der MV beschworen wurde, in Liga 2 führt und sich dabei alle lieb haben und man sich den Abstieg mit einer Extraportion Flausch schön redet. Aber wahrscheinlich ist das nur meine eigene Wahrnehmungsblase.

Lebenslang Grün-Weiß!

Derby-Verlierer

90% der regulären Spielzeit waren gestern absolviert, als Lukimya den Ball im eigenen Strafraum genau vor die Füße von Rudnevs verlängerte, der den Ball zum 0:1 aus Bremer Sicht über die Linie stocherte. Passend, dass so ein Kacktor ein wahrliches Kackspiel entschied, auch wenn die Hamburger dies aufgrund des Sieges sicherlich anders sehen werden. 90% der Zeit defensiv gut stehen reicht dann eben nicht aus, selbst gegen ebenfalls höchst biedere Hamburger.

Die Taktik, die Skripnik für das Spiel war relativ naheliegend: den Hamburgern das Spielgerät überlassen, sich tief hinten reinstellen und aus einer geordneten Abwehr heraus mit Kontern und Standards zu eigenen Chancen zu kommen. Ich bin auch immer noch der Überzeugung, dass diese Idee nicht grundlegend falsch war. Ich habe bisher zwei Spiele des HSV in dieser Saison gesehen, und jedesmal hatten die Hamburger zwar mehr Ballbesitz und waren feldüberlegen , aber auch gewisse Probleme hatten, sich wirkliche Torchancen herauszuspielen. Die meiste Zeit stand Bremen defensiv weitgehend sicher und wirkliche Chancen des HSV waren Mangelware und in der Hinsicht funktionierte der Matchplan tatsächlich. Doch nach vorne wollte so gut wie gar nicht gelingen, vor allem nicht aus dem Spiel heraus. Die beiden Spitzen – Hajrovic und Petersen – waren kaum in der Lage, Bälle zu halten und so auf die nachrückenden Kollegen zu warten. Zu oft resultierten Bälle nach vorne in Ballverluste.

Anders als im erfolgreichen Spiel gegen den VfB Stuttgart sorgten die Standards diesmal für keine Tore, so dass Bremen unter dem Strich über weite Strecken keinerlei Torgefahr ausstrahlte und die Hamburger Defensive nur selten in Verlegenheit bringen konnte. Letztlich ist es die oben beschriebene unfreiwillige Torvorlage von Lukimya, die das Spiel entschied und die Frage aufwirft, ob es so schlau war, auf ein 0:0 zu spielen. Das 2:0 des HSV fiel, als Bremen alles nach vorne warf und ist auch ein Sinnbild für den Zustand beider Vereine, wenn man sich anschaut, dass die Hamburger einen 4 gg. 0-Konter mit einem Schuss von Arslan abschließen, den Keeper Wolf dann noch über die Linie bugsieren muss, weil er sonst nicht reingegangen wäre. Über weite Strecken war es gestern das befürchtete Aufeinandertreffen von Not gg. Elend und es gehört wahrlich nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, dass beide Teams auch am Ende der Saison noch in den Niederungen der Tabelle rumkrebsen werden.

Das einzig irgendwie Positive an der Niederlage (Ja, an Niederlagen ist per se nix positiv) ist für mich die Tatsache, dass Skripnik doch nicht der Wunderheiler ist, den viele schon in ihm gesehen haben. Nichts gegen Aufbruchstimmung und Euphorie, aber ich fand den Hype in Teilen schon ein bisschen zuviel des Guten. Natürlich hat Skripnik in der kurzen Zeit schon einige Dinge erreicht und den Spielern neues Selbstvertrauen gegeben und sie immer wieder angehalten, auch wieder Fußball zu spielen. Und seine sympathische Art hat etwas wohltuend entspanntes an sich, aber zu oft hatte ich das Gefühl, dass er vor allem aufgrund der Parallelen zu Schaaf bei seiner Amtsübernahme 1999 die nicht enden wollenden Jubelarien befeuert haben. Doch bei rechtem Licht betrachtet, war keiner der drei Siege in Pokal und Liga vor dem Hamburg-Spiel wirklich souverän. Gegen Chemnitz hatte man erst nach dem 2:0 die Zügel wirklich fest in der Hand, Mainz lässt etliche Großchancen zu Beginn des Spiels ungenutzt und gegen Stuttgart waren es die Standards, die uns den Sieg gebracht haben. Gegen Hamburg wiederum war es am Ende die eigene defensive Schlafmützigkeit gepaart mit offensiver Harmlosigkeit, die uns eine Niederlage eingebrockt haben.

Zudem fiel auf, wie sehr sich das Fehlen einzelner Spieler auf die Mannschaft auswirkt. Nichts gegen Petersen, er ist wirklich ein feiner Kerl, der sehr sympathisch rüberkommt und oft auch eine erfrischend selbstkritische Ader hat, aber er ist eben kein Di Santo. Petersen hat immer wieder Probleme, sowohl bei Ballverarbeitung als auch Ballbehauptung und das war gestern wieder deutlich zu sehen. Das fällt insbesondere dann auf, wenn man aus einer tiefgestaffelten Abwehr heraus schnell nach vorne spielen will und vorne Anspielstationen braucht, die den Ball solange sichern, bis die Kollegen nachgerückt sind. Selke war nach seiner Einwechslung durchaus bemüht, konnte aber auch keine wirklichen Impulse mehr setzen.

Abschließend noch ein Wort zu Schiri Felix Zwayer: an ihm lag es sicherlich nicht, dass man das Spiel verloren hat. Weder hat er Rudnevs den Ball vor die Füße gespielt, noch hat er die Bremer Angriffe alle unterbunden. Aber dennoch fand ich seine Leistung nicht so überragend, wie sie von Collinas Erben in der n-tv-Kolumne beschrieben wird. Die gelb-rote Karte für Fritz war durchaus berechtigt und man kann sich schon fragen, warum unser Kapitän in der 90. Minute noch so den Fuß drüberhalten muss, aber die Konsequenz, die Zwayer hier an den Tag legte, hat er bspw. bei Westermann oder bei Diekmeier vermissen lassen. Bei Westermann bin ich auch immer noch der Meinung, dass sein Foul, welches zur gelben Karte führte, als er mit den Füßen voran in den Gegner gesprungen ist, auch mit rot hätte geahndet werden können.

Gegen Paderborn wird die Liste der Ausfälle nicht unbedingt kleiner, denn neben Fritz fehlt auch Garcia gesperrt und zudem wird Di Santo auch ausfallen. Aber dennoch müssen drei Punkte her. Irgendwie.

Lebenslang Grün-Weiß!

Sündenböcke

„Als Sündenbock wird umgangssprachlich jemand bezeichnet, dem man die Schuld für Fehler, Misserfolge oder sonstiges Konfliktpotential zuschiebt. Tatsächliche Schuld spielt dabei keine Rolle.“ – Quelle: Wikipedia

Noch heute kocht die Fanseele, wenn das gestrige 2:4 in Augsburg zur Sprache kommt. Die blinde Sau an der Pfeife hat uns um die wohlverdienten Punkte gebracht, unterstützt von der Amateur-Schauspielertruppe des FCA, die laut Thomas Eichin nur „gejammert und geweint“ haben. Nun möchte ich die meisten der Aussagen darauf zurückführen, dass sie in der Hitze des Gefechts entstanden, aber auch heute wird allenthalben noch auf den bösen Schiri geschimpft. Ich will gar nicht behaupten, dass der Unparteiische einen guten Tag erwischt hätte oder dass Augsburg nicht auch sehr geschickt agiert hat und gerne aus einer Mücke einen Elefanten gemacht hat, aber das ist mir als Erklärung für das gestrige Spiel dann doch ein bisschen zu billig.

Könnte man nicht erwarten, dass eine Mannschaft in einer solchen Situation auch mal kühlen Kopf bewahrt und nicht jede Entscheidung mit Diskussionen und Herumlamentiererei quittiert? Und das Augsburg einen eher provokanten Spielstil pflegt, vor allem in der heimischen Arena, ist ja nun kein Geheimnis und dürfte uns noch aus der letzten Saison im Gedächtnis geblieben sein (kann Ostrzolek eigentlich wieder spielen?). Dennoch hat sich die Mannschaft komplett aus dem Takt bringen lassen. Abschließend noch eine paar weitere Fragen: Warum kann sich Baier beim 1:1 sich davonstehlen und warum wird der Passgeber nicht zugestellt? Wieso wird beim 1:2 der Ball in der Vorwärtsbewegung so hergeschenkt? Warum nimmt sich Werders Verteidigung beim 2:3 die Zeit, Caiubys Schuss zu bewundern, während einzig Werner auf den Abpraller spekuliert.

Ich bin mir sicher, dass diese Punkte in der Nachbereitung des Spiels bei FCA besprochen werden und man im Hinblick auf das Heimspiel gegen Schalke wird Dutt mit Nachdruck daran arbeiten. Darauf sollte man sich jetzt fokussieren und sich nicht zum Opfer des bösen Schiedsrichters machen. So sehr Marco Fritz bei manchen Entscheidungen daneben gelegen haben mag, für die Fehler in der Abwehr oder bei der Chancenverwertung taugt er nur bedingt als Ausrede. Klar, im Eifer des Gefechts rege auch ich mich gerne über den jeweiligen Schiedsrichter auf, aber mittlerweile habe ich das Gefühl, da bildet sich schon seit geraumer Zeit der Mythos heraus, Bremen würde andauernd und anhaltend von den Unparteiischen bzw. vom DFB benachteiligt. Ich mag solche Verschwörungstheorien ehrlich gesagt nicht. Ein Stück weit gehört das Gejammer zur üblichen Fan-Folklore, aber es nimmt teils schon paranoide Züge an.

Dabei macht es mir viel mehr Sorgen, dass wir uns in den ersten fünf Pflichtspielen schon 12 Gegentore gefangen haben, dass gerade auch gestern wieder die oft erwähnte Balance zwischen Offensive und Defensive fehlte. Das ist noch lange kein Grund, den Weltuntergang herbeizureden, aber in meinen Augen ist das ein viel größerer Anlass zur Sorge als die vermeintliche Benachteiligung durch „die Schiris™“ oder die „Fußballmafia DFB™“. Sich als Opfer dunkler Mächte zu sehen, macht die Niederlage vielleicht erträglicher und kürzt auch die Analyse ab, aber ich bezweifle, dass dies zum Erfolg führt. Gegen Schalke sollten Mannschaft und Fans sich wieder auf das Spiel konzentrieren, in der Hoffnung, dass es gegen die Königsblauen mehr Anlass zur Freude gibt.

Lebenslang Grün-Weiß!

P.S.: Laut Alex Feuerherdt vom Schiri-Podcast „Collinas Erben“ war das mit dem Abseits vor dem 1:2 doch nicht so eindeutig:

Historische Klatsche

Vor dem Spiel gegen die omni-präsenten Bayern habe ich mir nicht viel ausgerechnet. Nur in ganz wagemutigen Momenten habe ich davon geträumt, dass man das Spiel irgendwie offen gestalten kann und sei es nur, weil die Star-Truppe Chance um Chance vergibt. Ich habe das Spiel aufgenommen, war bei Freunden auf einer kleinen Feier und der eigentliche Plan war, mir das Spiel zu späterer Stunde anzugucken. Leider hatte ich hier die Rechnung ohne das tolle Google Now-Feature auf meinem Smartphone gemacht, welches mich irgendwann darüber in Kenntnis setzte, dass Werder im heimischen Stadion gerade mit 0:6 hinten liegt. So weit geht meine masochistische Ader dann auch nicht, dass ich mir den Gang zur Schlachtbank noch einmal anschaue. Die nicht existente Erwartungshaltung wurde unterboten und das 0:7 stellt die höchste Heimniederlage in der Bremer Bundesliga-Geschichte dar. Mangels eigener Spieleindrücke (es sei denn, man lässt einen 30-sekündigen Clip mit allen Toren der Bayern gelten) werde ich über das eigentliche Spiel eher keine Worte verlieren. Aber es gibt zwei Dinge, die mich anschließend ein wenig beschäftigt haben:

Zum einen war das die Art und Weise, wie versucht wurde, die Niederlage beiseite zu wischen (wie Lars auch feststellte). Man müsse das Spiel hinter sich lassen und nach vorne schauen. Das finde ich eine sehr bedenkliche Sichtweise, denn natürlich sind die Bayern aktuell nicht der Maßstab für den SV Werder, aber man kann doch nach einen solchen Pleite einfach so tun, als ob nichts geschehen sei. Zumal das 0:7 ja auch nur der Höhepunkt einer Entwicklung in den letzten Wochen ist, auf die ich später noch näher eingehen möchte. Man muss ja nicht über einzelne Spieler herfallen oder auf die Knie fallen und um Vergebung bitten, aber ich hätte mir schon gewünscht, dass die Verantwortlichen deutlich machen, dass man damit absolut nicht zufrieden ist und auch nicht zufrieden sein kann. Gerade auch als Fan komme ich mir irgendwie veralbert vor, wenn man dazu noch bedenkt, dass andere Mannschaften, die teils hinter uns stehen, sich gegen die bajuwarische Übermacht deutlich besser präsentiert haben. So sehr ich über weite Teile der Saison bisher mit dem öffentlichen Auftreten von Dutt und Eichin (bei aller Floskelhaftigkeit) zufrieden war, hat mir hier das Gespür für die Situation gefehlt.

Für den anderen Punkt muss ich noch kurz ausholen: eigentlich wollte ich – wie Burning Bush – bis zur Winterpause warten, um mich zu Dutt länger zu äußern, aber mittlerweile sehe ich da eine Entwicklung, die mir absolut nicht gefällt. Vor der Saison und auch beim Start in die Spielzeit war die Ausrichtung der Mannschaft klar und wurde auch gebetsmühlenartig wiederholt: hinten sicher stehen, die Mannschaft stabilisieren und davon ausgehend das Spiel nach vorne etablieren. Dabei möglichst wenig in den Abstiegskampf rein geraten. Das hat zu Beginn auch gut funktioniert, man stand sicherer als zuletzt und konnte (auch mit viel Glück) wichtige Punkte einfahren. Und langsam wurde auch geschaut, wie sich ein funktionierendes Offensiv-Spiel aufbauen lässt, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Und soweit habe ich den Kurs auch unterstützt, da ich bis auf wenige Ausnahmen ein gutes Gefühl hatte, was die Entwicklung und den von Dutt vorgegebenen Weg angeht. Nach dem 9. Spieltag stand man mit 12 Punkten auf dem 10. Platz und hatte 9:12 Tore auf dem Konto. Ich weiß, dass viele die Spiele unansehnlich fanden, aber ist das jetzt wirklich besser?

Irgendwann jedoch hat Dutt die anfängliche Zurückhaltung aufgegeben und mehr auf Offensive gesetzt. Die Ergebnisse seit dem genannten 9. Spieltag lauten: 0:3, 3:2, 1:3, 2:3, 4:4 und 0:7, das macht in 6 Spielen vier Punkte und 10:22 Tore. Wenn man sich die Ergebnisse anschaut, kassieren wir in dem Zeitraum mehr als drei Tore pro Spiel. Natürlich hatten wir in der Zeit viele Verletzte und Spieler leisten sich krasse individuelle Fehler, aber dennoch habe ich das Gefühl, dass man hier ohne Not vom eigentlichen Kurs abgewichen ist und zu schnell den Schalter auf „Offensive“ umgelegt hat. Dabei war das zu Beginn der Saison beileibe keine Betonabwehr, sondern immer noch ein fragiles Gebilde. Stimmt es, dass Dutt angeblich auf die Fans gehört hat? Sollte man mit einem gewürgten 1:0 nicht zufriedener sein, als mit einem 4:4 im Harakiri-Style? Was ich in den letzten Wochen gesehen habe, weckt zu viele Erinnerungen an die letzten Jahre und lässt jeglichen Fortschritt vermissen. Dabei haben wir die traditionell deutlich schlechtere Rückrunde noch vor uns und steuern zur Winterpause auf 40 Gegentore zu. Das sind Zahlen eines Absteigers, obwohl der Abstand zu den Relegationsplätzen aktuell fünf Punkte beträgt , aber trotzdem mache ich mir langsam Sorgen. Ich hoffe, dass Dutt in den verbleibenden Spielen in Berlin und gegen Leverkusen wieder zur anfänglichen Vorsicht zurückkehrt, denn mit solchen Auftritten wie zuletzt, könnten die Spiele wieder ein bitteres Ende nehmen. Und alleine auf die Winterpause und mögliche Transfers mag ich nicht hoffen.

Man merkt auch, dass bei den Fans die Nerven blank liegen. Es ist ja nix Neues, dass die Bewertung über Spiele zwischen einzelnen Fans mitunter weit auseinander geht, aber es ist schon bitter zu sehen, dass Leute sich darüber freuen, wenn ein Spieler verletzungsbedingt ausfällt. Oder man wünscht dem eigenen Verein Niederlagen, damit alle sehen, was man selbst sieht, dass es nämlich so nicht weitergeht. Auch Dutt bekommt nach 15 Spieltagen schon deutlichen Gegenwind. Auch da kommt aktuell vieles zusammen:

  • Zum einen erwarten viele, wenn das Denkmal Schaaf schon weichen muss, dass es dann bitte aber auch schnell vorangehen möge. Und sind daher enttäuscht, dass es ja der gleiche Mist wie die Jahre zuvor ist. Was man sicherlich differenzierter betrachten kann, siehe oben.
  • Dann gibt es die Gruppe, welche die Trennung von Thomas Schaaf nicht verwunden hat und den Frust darüber an Dutt auslässt und die Misere mit einer gewissen Genugtuung genießt („Tja, ich habe damals ja schon gesagt, dass TS niemals hätte gehen dürfen“).
  • Dann ist Dutt prinzipiell bei vielen nicht wohl gelitten. Kann nix und hat bei Leverkusen ja auch schon versagt. Oft wird die Zeit in Freiburg dabei unterschlagen, wo er ja durchaus gute Arbeit abgeliefert hat und deren damalige Situation durchaus mit der aktuellen in Bremen vergleichbar ist. Auch werden die Besonderheiten in Leverkusen gerne übersehen, die vor Dutts Ankunft unter Heynckes Zweiter wurden und wo sich Dutt schwer tat, seine Vision von Fußball (gerade auch gegen die Widerstände im Team) durchzusetzen. Dass Dutt ja auch selbst gesagt hat, aus seinen Fehlern dort gelernt zu haben? Egal! Und zu guter Letzt hat er dem armen, armen DFB übel mitgespielt, als er seinen Sportdirektor-Posten dort aufgab, um wieder nach Bremen zu gehen.
  • Da Eichin als Eishockey-Trainer auch häufiger den Trainer wechselte, gibt das den Spekulationen in den Medien auch noch einmal Nahrung. Das sich Fußball und Eishockey sich nur bedingt vergleichen lassen und man nicht von einem Sport auf den anderen schließen kann? Egal.

Schon nach 15 Spielen wirkt Dutt angeschlagener als Schaaf zu Ende seiner Amtszeit. Auf der PK heute sollen Eichin und Dutt angespannt und gereizt gewirkt haben (siehe auch Beitrag im Worum). Hoffen wir, dass die Mannschaft am Freitagabend sich besser als zuletzt präsentiert und vielleicht was Zählbares dabei rausspringt.

Lebenslang Grün-Weiß!

Ein Spiel dauert 70 Minuten

2:3 lautet der Endstand gegen den FSV Mainz 05. Zwischenzeitlich lagen wir sogar 0:3 gegen die Mainzer zurück und Kommentator Fuss meinte gestern nach Abpfiff, das 0:3 durch Okazaki in der 70. Minute sei die entscheidende Situation des Spiels gewesen. Kann man so sehen, aber für mich waren die ersten 20 Minuten des Spiels entscheidend. Hier hat man sich zum x-ten Male selbst ein formidables Loch gegraben, welches sich in den verbleibenden 70 Minuten als zu tief herausstellen sollte. Nun kann man es sich einfach machen, auf die beiden Böcke von Sebastian Mielitz verweisen und hat damit auf die Schnelle zusammen gefasst, was zu Beginn des Spiels nicht lief. Das soll nicht heißen, dass Mielitz keine Schuld an den Gegentoren trifft, aber eben nicht nur. Beim 0:1 ist der Ball von Polter lange zu Müller unterwegs. Weder Lukimya noch Fritz behindern den Mainzer auch nur im Ansatz, der Mielitz mit einem feinen Lupfer überwindet. Beim 0:2 kann Pospech in Ruhe den Ball aufs Tor bringen, beim Abpraller reagiert einzig Okazaki angemessen, während Fritz und Luki verdattert dem Ball nachschauen. Klar, wenn Mielitz hier das Ding einfach über die Latte lenkt, müssen wir die Diskussion um seine Person nicht führen.

Insgesamt waren die 20 Minuten nach Anpfiff des Spiels wohl mit das Schlechteste, was die Mannschaft diese Saison abgeliefert hat. Man hatte das Gefühl, dass die Spieler vom Pressing der Mainzer überrascht wurden. Kaum ein Ball fand den Weg zum Mitspieler, auch einfachstee Pässe kamen nicht an.  Nach knapp 20 Minuten kam man besser ins Spiel, konnte sich sogar einige Torchancen erspielen, wie bspw. bei Lukimyas Kopfball an den Pfosten oder Selkes Kopfball, der knapp vorbei segelte. Auch in Halbzeit zwei hatte man gute Gelegenheiten, doch zunächst machen die Mainzer das 0:3. Wie man sich in einer 4:2-Überzahl-Situation so geschickt anstellen kann, ist mir ein Rätsel. Ebenso, warum Lukimya die Situation beobachtet und allenfalls zurück trabt. Vielleicht war er überrascht, dass keiner aus dem Schiedsrichter-Team auf das Heben der Hand (wie sonst üblich) mit einem Abseits-Pfiff reagierte? Vielleicht dachte er, dass die anderen drei das schon machen werden? Wir werden es wohl nie erfahren und es wird auf ewig sein Geheimnis bleiben. Die beiden Tore von Elia und di Santo bleiben leider nur Ergebniskorrektur.

Nun geht der Blick in der Tabelle zunehmend nach unten. Nein, das kommt nicht unerwartet, aber mit einem anderen Ergebnis wären es mehr als vier Punkte Abstand auf den Relegationsplatz. Und nach dem 0:2 hat die Mannschaft ja gezeigt, dass man durchaus in der Lage gewesen wäre, Mainz zu schlagen. Aber da kommen wir wieder auf den Punkt mit den anfänglichen 20 Minuten und stellen erneut fest, dass Fußball nicht im Konjunktiv gespielt wird. Wir könnten über erstaunlich gute 18 Punkte sprechen und darüber, dass wir im Angesicht des Abstiegskampfes sehr gut unterwegs sind, stattdessen bestimmt Mielitz die Berichterstattung über das Spiel, zusammen mit der Abwärts-Spirale, in der sich Bremen befindet. Es nervt.

Deutsch-Italienische Freundschaft

Kommen wir abschließend noch zu einem Thema, welches in der letzten Woche von sich reden machte: der sich abzeichnenden Kooperation zwischen Werder Bremen und dem italienischen Rekordmeister Juventus Turin. Prinzipiell und angesichts der finanziellen Lage, in der sich Werder befindet, ist dies sicherlich ein strategisch kluger Schritt. Man kann davon ausgehen, dass Bremen interessante Spieler aufnehmen wird, damit diese Spielpraxis bekommen. Es wird auch über Vorkaufsrechte im Jugendbereich gemunkelt und auch über eine Zusammenarbeit im Bereich Marketing und anderen Geschäftsbereichen. Prinzipiell finde ich diese Form der Zusammenarbeit begrüßenswert, teile aber vorerst noch nicht die Euphorie, die von einigen ausgeht. Dazu sind die tatsächlichen Rahmenbedingungen noch nicht geklärt (bspw. bekommen wir u.U. auch eine Kaufoption bei den Leihspielern? Sind wir nur ein reines Farmteam zum Parken der Spieler?). Eine wirkliche Bewertung der Zusammenarbeit wird erst in einiger Zeit möglich sein. Aber interessant ist es allemal.

Lebenslang Grün-Weiß!

Ende gut, alles gut

Sonntag stand das Spiel gegen Hannover 96 an. Ich war mal wieder vor Ort im Weserstadion und durfte endlich mal wieder ein Spiel bei Flutlicht erleben. Während die Medien das Spiel zu einem Nordderby hochsterilisieren wollten, sehe ich das ganz ähnlich wie Lars: für mich gibt es nur ein Nordderby. Zwar ist Hannover in etwa gleich weit entfernt wie die Stellinger, aber letztlich fehlen mir bei Hannover so bestimmende Spiele wie die Derby-Wochen 2009, die für beide Seiten auf die eine oder andere Weise prägend sind. Aber auch ohne echten Derby-Charakter war das Spiel gegen Hannover eine wichtige Angelegenheit. Die nächsten Spiele halten einige starke Teams bereit und so ist es wichtig, endlich mal die Spiele gegen die Gegner zu gewinnen, die augenblicklich in unsere Gewichtsklasse fallen, wie Hannover mit bis dato 0 Punkten und 0 Toren auswärts.

Nach dem Wolfsburg-Spiel und dem schlappen Auftritt, war ich gespannt, wie Dutt diesmal auf die Tatsache reagieren würde, dass weiterhin kein gelernter Stürmer mit Erfahrung zur Verfügung stand. Vor dem Spiel geisterten Aufstellungen durchs Netz, die auf ein 4-2-3-1 mit Hunt in der Spitze hinwiesen, doch letztlich setzte Dutt auf eine Raute mit Junuzovic und Elia als nominellem Sturm. Und damit konnte Dutt wieder etwas mehr Schwung in die Offensive bringen. Es sah deutlich flüssiger aus als noch gegen Wolfsburg und es wurde deutlich seltener auf den langen Ball zurückgegriffen. Dabei lief das Spiel häufig über die Flügel und bei den Hereingaben merkte man ab und an dann doch, dass uns ein echter Stürmer fehlte, da die Abnehmer fehlten. Aber dennoch konnte man Hannover hinten rein drängen und hatte mehr vom Spiel. Am Ende waren es in Halbzeit eins zwei Elfer und zwei Glückstore, die für den 2:2-Halbzeitstand sorgten. Bitter dabei war, dass man Hannover defensiv weitgehend im Griff hatte, doch Fritz war zu langsam für Huszti und beim Sonntagsschuss von Sakai spielte die Abwehr ihm erst den Ball vor die Füße und ließ ihm dann den Platz, in aller Ruhe den Schuss aufzuziehen.

In Halbzeit zwei war es über weite Strecken ein sehr maues Spiel. Hannover ließ sich nicht mehr so in die eigene Hälfte drängen, ohne selbst allzu gefährlich zu werden. Und wenn ich ehrlich bin, hatte ich vor dem 3:2 mich eigentlich schon auf ein Unentschieden eingestellt. Doch dann kam Garcia, köpfte Hunts Freistoß auf Zieler und drückte den Abpraller über die Linie. Danach explodierte das Stadion, Garcia verschwand inmitten der jubelnden Fans und danach war noch ein bisschen Zittern angesagt, bevor Schiri Kinhöfer das Spiel abpfiff und die drei Punkte eingefahren waren. Mann des Spiels war für mich Aaron Hunt, der an allen drei Toren beteiligt war und zunehmend zu seiner Top-Form findet. Nun haben wir 7 Punkte Vorsprung auf den 16. Platz und können etwas zuversichtlicher an die kommenden Aufgaben gehen.

O Captain! My Captain!

Leider muss ich an dieser Stelle ein paar Worte zu unserem Kapitän verlieren: er hatte in dieser Saison schon einige gute Spiele abgeliefert und war bspw. gegen den HSV einer der besten Spieler auf dem Platz. Doch schon gegen Wolfsburg sah Clemens völlig überfordert aus. Perisic fuhr mit ihm geradezu Schlitten und konnte sich auf der linken Angriffsseite nach Belieben austoben. Daher denke ich auch, dass die Hereinnahme von Selassie ganz klar dazu gedacht war, die rechte Abwehrseite besser abzuschirmen. Leider funktionierte das nur bedingt, da Fritz vor dem Elfer wieder zu langsam war und letztlich Huszti im Strafraum zu Fall brachte. So wichtig Fritz innerhalb der Mannschaft als „Lockerroom Guy“ ist, also als Führungspersönlichkeit, die für gute Stimmung sorgt, sich um die Teamkameraden kümmert und seiner Erfahrungen weitergibt, so wenig sprechen die Leistungen auf dem Platz für ihn. Gerade im Hinblick auf das kommende Spiel gegen Schalke hoffe ich, dass Dutt die Situation erkennt und dadurch löst, dass Theo mal auf rechts hinten ran darf.

Und abschließend muss ich noch ein paar Worte zu einem Teil der Hannover-Fans verlieren. Vielleicht bin ich auch einfach nicht hart genug für diese ganze Nummer, aber es hat mich einigermaßen erschreckt, dass mehrfach der Slogan „Alle Braunschweiger töten!“ neben „Tod und Hass dem BTSV!“ angestimmt wurde. Sowas hat für mich einfach nichts im Fußballstadion verloren und gilt für alle Fans aller Vereine. Ich bin gespannt, was im Niedersachsen-Derby am kommenden Freitag passieren wird, man muss sicherlich kein Pessimist sein, um zu befürchten, dass man den Medien wieder die Art von Bildern liefern wird, die Fußball-Fans wieder als marodierenden Mob abzustempeln. Hoffen wir, dass es dann doch ganz anders kommt.

Lebenslang Grün-Weiß!