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Dinge, die ich nicht mehr hören kann

Die Zeiten sind trübe in Bremen und momentan ist guter Rat teuer und so wird munter diskutiert. Klar ist, dass keiner DIE Lösung hat und in der Regel finde ich die Diskussionen auch äußerst anregend und konstruktiv. Dennoch eine unvollständige Liste von Dingen, die ich in dieser Diskussion nicht mehr lesen kann (nicht nach Prioritäten geordnet):

1. „Wenn Spieler XY in Bremen geblieben wäre, wäre alles besser“

Zuletzt konnte man am Wochenende diesen Spruch bei einigen lesen, als Christian Schulz für Hannover traf. Oder wenn Diego ein Tor macht oder Özil für Real zaubert. Dabei teilt sich das immer in zwei Kategorien: auf der einen Seite die Spieler, die wirklich einen herben Verlust für die Mannschaft dargestellt haben. Auf der anderen Seite sind die Spieler, die im nachhinein komplett verklärt werden und dem Team null weiterhelfen würden. In der Regel gab es ja immer gute Gründe, warum die Spieler gegangen sind. Schulz war ein solider Linksverteidiger, doch wenn ich mich recht entsinne, sah er sich lieber im defensiven Mittelfeld und da war dann schon alles voll. Daher ist er nach Hannover gegangen. Özil oder Diego mussten gehen, weil sie einfach nicht gehalten werden konnten. Und ein Womé ist so ein Depp, dass er auch in Köln kein Bein auf den Boden bekommen hat. Daher sollten wir nicht ehemaligen Spielern hinterhertrauern. Obwohl, Ailton und Micoud hätte ich gerne wieder. Und Bratseth. Und Völler. Und überhaupt.

2. „Wenn wir Spieler XY geholt hätten, stünden wir besser da“

Neben den Spielern, die nicht mehr in Bremen sind, gibt es dann die Spieler, die nie nach Bremen gekommen sind. Hier gilt immer das Motto: „Die Wiese vom Nachbarn ist immer grüner.“ Gott, wo hat Klaus Allofs nicht alles gepennt: Barrios, Kagawa, Kjaer, Hleb, Dzeko, Grafite, Subotic, Hummels, Huntelaar, Raul, van Nistelrooy, Sahin, Riise, Westermann, Timostschuk, die Liste lässt sich beliebig verlängern. Normalerweise kocht die Diskussion immer nur im Sommer und Winter zu den jeweiligen Transferperioden hoch, doch auch jetzt bietet sich reichlich Gelegenheit, nicht realisierten Transfers nachzuweinen. Dabei kann der Kader nur eine Summe X an Spielern fassen und wenn jeder Spieler, der geradeaus laufen kann, in Bremen landet, können wir gleich 100 Mannschaften aufmachen. Zudem wissen wir doch gar nicht, mit wem wurde wirklich verhandelt und wer wäre überhaupt zu einem Wechsel bereit gewesen. Und bei vielen Beurteilungen hat man ja den Vorteil, dass man den betreffenden Spieler immer im Rückblick beurteilt. Nachdem er also bewiesen hat, dass er es kann. Diese Gnade wird den sportlich Verantwortlichen in der Regel nicht zuteil.

Ja, es gibt Baustellen im Kader und es gibt auch Versäumnisse im Team, doch im Moment haben wir nur diese Mannschaft und der Ruf nach Ex-Spielern und nicht verpflichteten Spielern hilft da auch nicht weiter.

3. „Dann sollen halt U23-Spieler ran“

Häufiger wird auch der Ruf nach Spielern aus der U23 laut. Letzter Platz in der dritten Liga, die wenigsten geschossenen Tore und die zweitmieseste Abwehr. Das soll nicht heißen, dass Thy, Kroos und Co. so gar nix auf der Pfanne hätten, doch so wirklich Bäume reißen sie ja auch nicht aus. Oft wird die Forderung nach jungen Spielern damit unterstrichen, dass man ja frisches Blut braucht. Doch wenn man sich den Kader der ersten Mannschaft mal anschaut, ist es ja nicht gerade so, dass hier nur Altherren-Kicker rumrennen. Marin, Wesley, Bargfrede, Arnautovic, Prödl sind gerade mal Anfang zwanzig und teilweise jetzt auch noch nicht so lange dabei, dass sie schon Inventar sind. Dieses „frisches Blut“-Argument zieht daher nur teilweise.

Auch gerne an dieser Stelle heißt es, dass die eigenen Nachwuchsleute keine Chance bei Schaaf hätten. Ich denke eher, dass es mit der Qualität der Spieler zu tun hat. Bargfrede hat doch bewiesen, dass junge Spieler bei entsprechenden Leistungen durchaus in der Bundesliga ihre Chancen bekommen. Zudem wird noch in jeder Transferperiode nach immer größeren Namen geschrieen. Im letzten Sommer gab es doch genug, die gerne Diego für viel Geld und Gehalt geholt hätten. Auf einmal sind es die eigenen Talente, welche die Rettung bringen sollen. Unberührt davon sind die offensichtlichen Defizite, die konzeptionell im Nachwuchsbereich durchaus da sind. Nur die lassen sich über Nacht nicht lösen.

4. „Oh mein Gott, wir werden absteigen!“

Natürlich gibt die derzeitige sportliche Lage und die letzten Spiele nicht viel Anlass zu Optimismus. Aber dieses ganze „Nächste Saison sind wir montags wenigstens wieder auf DSF im Free-TV“ oder „Na, da haben wir wenigstens das schönste Stadion der zweiten Liga“ geht mir echt auf den Puffer. Hat mal einer geguckt, wie dicht beieinander alles ist. Ja, nur vier Punkte bis zum Relegationsplatz, aber auch nur sechs bis zum fünften. Natürlich müssen wir uns im Moment nicht mit den Europapokalplätzen beschäftigen, aber wir haben eben auch noch 21 Spieltage vor uns. Wären es nur noch fünf Spieltage und vier Punkte zu einem möglichen Abstiegsplatz, würde ich auch leicht nervös werden. Bis dahin bewahren wir einfach ein kleines bißchen die Ruhe.

5. „Hoffentlich verlieren die 0:10, dann sehen alle, dass ich recht hatte“

In der Krise kommen auch immer mehr Leute zum Vorschein, die genau diese Situation schon seit längerem vorhergesehen haben. Eigentlich schon seit Schaafs Amtsantritt, wenn man es genau nimmt. Und nun endlich werden sie bestätigt. Komisch, gesehen und gehört hat man sonst gar nix. Am besten finde ich dann Sätze wie: „0:4 gegen Schalke? Noch viel zu wenig! Die hätten 0:10 verlieren müssen, damit alle endlich sehen, was ich schon lange sehe!“. Ganz großes Kino, quasi gegen das eigene Team sein, um recht zu behalten. Hauptsache, das eigene Ego punktet. Damit meine ich explizit nicht bspw. Blogger-Kollege Johann, der auch letzte Saison immer mal wieder aufvorhandene  Defizite hingewiesen hat, sondern die ganzen Besserwisser, die auf einmal von überall herkommen.

So, das musste mal raus. Und nun reden wir uns weiter die Köpfe heiß.

Lost for words

Das gestrige Spiel beim VfB Stuttgart war der bisherige Tiefpunkt in dieser Saison. Nach der bedingungslosen Kapitulation fällt es mir schwer, das Gesehene aufzuarbeiten. Zu niederschmetternd war einfach die Art und Weise, wie sich die Mannschaft auf dem Platz in ihr Schicksal gefügt hat. Nun ist allerorten Endzeitstimmung und die Rufe nach Konsequenzen werden immer lauter. Die ersten möchten gerne Schaafs Kopf und den von Allofs gleich dazu. Ich persönlich bin eher bei Tobias, der eine gute Replik auf die (ebenfalls gute) Argumentation von Johann geschrieben hat. Der Beitrag von Felix passt hier auch ganz gut. Doch letztlich werde ich hier auf ein diffuses Bauchgefühl zurückgeworfen, dass mich noch nicht den letzten Schritt gehen lässt. Schaaf hat bei mir sehr viel Kredit aufgrund seiner Leistungen in der Vergangenheit. Doch mittlerweile fällt es mir zusehends schwer, ihn zu verteidigen.

Das kickende Personal

Was gestern vor allem ins Auge stach, war die offensichtliche Lustlosigkeit in allen Bereichen. Da wird der Zweikampf verweigert, der lange Weg nicht gegangen, kurz ließ man es an allem vermissen, was man für ein erfolgreiches Spiel braucht. Während man nach den Spielen gegen Bayern, Nürnberg und Enschede auch mit der eigenen Chancenverwertung hapern konnte, konnte sich die Mannschaft vor dem gegnerischen Tor nicht ein einziges Mal gut in Szene setzen. Das Frings nach 19 getroffenen Elfern in Folge gestern an Stuttgarts Ullreich scheiterte, passte da nur ins Bild.

Dabei ist es ein ausgesprochenes Armutszeugnis für die Spieler, was sie da gestern abgeliefert haben. Trotz vieler Ausfälle, war das bestimmt keine 0:6-Trümmertruppe, die Schaaf da aufs Feld geschickt hat. Wer das Spiel gesehen hat, braucht nicht allzu viel Phantasie, um zu dem Schluß zu kommen, dass das Team nicht unbedingt für den Trainer gespielt hat. Einzig Wiese braucht sich keine Vorwürfe zu machen, war er doch noch der Beste in einem desolaten Team. Zu gerne würde ich wissen, was hinter verschlossenen Türen vorgeht: Hat Schaaf das Team verloren? Ist es den Spielern mittlerweile egal, was passiert, Hauptsache, ein neuer Trainer erlöst sie?

Die Führungsetage

Natürlich hat die sportliche Leitung eine ebenso große Verantwortung wie die Spieler auf dem Feld. Warum ist Schaaf nicht der Lage die Mannschaft zu einer defensiveren Spielweise zu bringen? Warum wird einfach weiter gespielt wie bisher? Warum werden immer wieder die gleichen Fehler gemacht? Warum hat gestern bspw. ein Sandro Wagner gespielt, der bisher in allen Spielen den Beweis schuldig blieb, was in außer Einsatz für die Bundesliga qualifizieren könnte. Dass Arnautovic nach seinem verbalen Scharmützel mit Allofs nicht starten durfte, konnte ich ja noch nachvollziehen, aber hat Almeida der Frau von Schaaf an der Po gefasst oder warum musste er als treffsicherster Spieler der bisherigen Saison auf die Bank? Warum wird immer weiter rotiert und munter die Positionen gewechselt, obwohl die Mannschaft eigentlich dringend Sicherheit und ein irgendwie geartetes Korsett braucht? Alles Fragen, auf die ich im Moment keine plausible Antwort habe.

Auch Allofs kann an dieser Stelle nicht ausgespart werden. Dabei will ich erstmal festhalten, dass ich nichts von diesen albernen Milchmädchenrechnungen halte, die gerade jetzt Hochkonjunktur haben. Da werden Erlöse aus Spielertransfers und zusätzliche Europapokaleinnahmen durch die vielfachen CL-Teilnahmen addiert und den Ausgaben für neue Spieler gegenüber gestellt. Bleibt, nach Adam Riese, ein Überschuß von XX Fantastilliarden Euro. Und das hat sich Allofs wahrscheinlich selbst aufs Konto gepackt. Die Finanzierung des Stadionumbaus, die hier seit Jahren praktizierte Politik, ein Gehaltsgefüge einzuhalten und einen Kader zu unterhalten, der bei Nichterreichen der europäsichen Wettbewerbe sofort für ein fettes Minus sorgt, ist auf einmal egal. Alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, hätte man ja mal kaufen können. Diego, Huntelaar, Ruiz, Barrios, die Liste ist lang. Bei allen hat Allofs gepennt. Ist ja egal, dass man für alle Wunschspieler der Fans einen 100-Mann-Kader bräuchte.

Wo der Klausi gepennt hat, ist vor allem in der Defensive. Die Linksverteidiger-Position liegt seit ewigen Zeiten brach und in letzter Zeit reiht sich Verlegenheitslösung an Verlegenheitslösung. Oder hat jemand geglaubt, dass Silvestre sich hier auf einmal als der Heiland entpuppt? Warum sind wir vorne so abhängig von Pizarro? Ja, er ist ein Spitzenspieler, aber ohne ihn ist immer ein Bruch zu erkennen, wenn es vor das gegnerische Tor geht. Zudem habe ich im Moment manchmal das Gefühl, dass wir zuviele Spieler haben, die auf mehreren Positionen einsetzbar sind. Im Basketball nennt man sowas „Tweener“, also Spieler, die auf mindestens zwei Positionen irgendwie zu Hause sind. Marin, Hunt, Arnautovic, Wesley, Jensen, Borowski, Silvestre rotieren mal mehr, mal weniger von A nach B. Beißt sich da die Flexibiltäts-Katze vielleicht in den eigenen Schwanz?

Und nun?

Das ist bei weitem keine vollständige Aufzählung, einfach nur mal das Rauslassen von Gedanken. Ich hoffe, dass Schaaf nochmal die Kurve bekommt, vielleicht haben die Kollegen vom worum-Blog ja recht und es bedarf nur ein paar kleiner Änderungen, um erstmal wieder zu einem mehr an Sicherheit zu finden. Aber momentan fällt es mir schwer, daran zu glauben, dass dies geschehen wird, dafür war das Votum der kickenden Belegschaft gestern zu eindeutig. Im Moment harre ich der Dinge, die da kommen mögen.