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Freistoß ins Leben

Ich habe das Spiel gegen Wolfsburg nicht sehen können, daher verweise ich an dieser Stelle an die Berichte von Tobias und Lars.

Stattdessen möchte ich heute ein Buch empfehlen, was ich vor ein paar Tagen beendet habe. Es geht um das Buch „Freistoß ins Leben“ von Martin Bengtsson. In Schweden, der Heimat von Bengtsson, ist das Buch schon 2007 erschienen und es hat fünf Jahre gedauert, bis es ins Deutsche übersetzt wurde. Bengtssons Buch erlaubt einen Blick in den Jugendfußball und was mit Spielern passieren kann, die sich nicht anpassen und nicht wie bspw. Literatur-Nobelpreis-Träger Philipp Lahm immer mit dem Strom schwimmen.

In jungen Jahren kommt Martin mit dem Fußball in Kontakt und begeistert sich sehr früh für den Kick mit dem runden Leder. Im zarten Alter von gerade einmal neun Jahren beschließt er, seinem Idol Marco van Basten nachzueifern und Profi in Italien werden. Er erstellt sich selbst einen Trainingsplan und trainiert in jeder freien Minute mit dem Ball: auf dem Weg zur Schule, in den Pausen, auf dem Weg nach Hause und abends in einer Ecke des Bolzplatzes, die von einer Laterne beleuchtet wird. Drei Stunden am Tag sind das als Ziel gesetzte Pensum und vor dem Schlafengehen macht Martin noch Sit-Ups und Liegestütze. Diesem rigorosen Programm unterwirft er sich jeden Tag. Er vernachlässigt soziale Kontakte und ist nur auf den Sport fokussiert. Neben den individuellen Einheiten fuhr Martin mindestens einmal die Woche zum Training mit der Mannschaft. In der siebten Klasse trainiert er für drei verscheidene Jugendmannschaften im Verein, absolviert Spiele und zieht weiter das Trainingsprogramm durch, bis der Körper irgendwann rebellierte und er Anzeichen einer Unterernährung aufwies, was ihn dazu zwingt, sein Pensum zu reduzieren.

Mit 15 bekommt Martin die Chance, an einem Sichtungsturnier für die schwedische U-16 teilzunehmen. Hier jedoch erlebt eine erste große Enttäuschung, nachdem es in den Jahren zuvor immer nur nach oben ging. Martin schafft nicht den Sprung in den Sichtungskader und kann seine Enttäuschung darüber nicht verbergen und heult hemmungslos. Doch beim Sichtungsturnier wurden Scouts auf Martin aufmerksam und im Dezember des gleichen Jahres unterzeichnet Martin einen Vertrag beim Örebro SK. Ein Jahr nach der Niederlage beim Sichtungsturnier schafft Bengtsson den Sprung in die U-16 und wird dort mit endlosen Vorträgen zum Thema  Benimm- und Verhaltensregeln konfrontiert. Einige wichtige Kernregeln:

„Alkohol kann deiner Gesundheit schaden.“

„Es ist wichtig, pünktlich zu sein.“

„Gesunde Vernunft ist hilfreich.“

Was Martin daran irritiert, ist der Umstand, dass diese Regeln für ihn völlig selbstverständlich sind und er nicht versteht, warum man ihm wie einen kleinen Jungen behandelt. Zudem sieht er den Harmoniewahn mit kritischen Augen, weil peinlich darauf geachtet wird, jegliche Gruppenbildung zu unterbinden und die Nationalmannschaft als verschworene Gemeinschaft zu präsentieren. Durch seine Leistungen beim ÖSK und der schwedischen Jugendnationalmannschaft landet Martin in den Notizbüchern diverser Scouts aus ganz Europa. Er wird erst zum Probetraining beim FC Chelsea eingeladen, was sich durch miese Organisation hervortut. Anschließend darf er für Ajax Amsterdam vorspielen und läuft hier ausgerechnet Marco van Basten über den Weg. Doch bei keinem der beiden Vereine ergibt sich etwas aus dem Probetraining. Zu dieser Zeit wohnt er in Örebro in einer eigenen Wohnung und lebt seine Pubertät in vollen Zügen aus, wobei er sich bewusst dem Gruppenzwang der anderen Kicker entzieht und lieber in Schabberlook und mit Dreadlocks durch die Welt läuft.

Doch dann kommt eine Einladung aus dem Land seiner Träume: Inter Mailand lädt ihn ein. Bei seinem Besuch im Norden Italiens kann er überzeugen und bekommt einen Vertrag für die Primavera, die Nachwuchsmannschaft des Clubs angeboten. Er nimmt das Angebot an und geht in eine Art Wohnheim für Jugendspieler. Er lernt einige Mannschaftskollegen ein wenig besser kennen und einmal die Woche spielt die Primavera (das Nachwuchsteam) gegen die erste Mannschaft von Inter mit Stars wie Vieri, Zanetti, Recoba oder Martins. Zwischenzeitlich mokiert sich Martin über den hohlen Lifestyle der Profis mit ihren dicken Autos, den exklusiven Klamotten und schönen Frauen. Wirklich wohl fühlt er sich zu diesem Zeitpunkt nur auf dem Fußballplatz, wenn er sich einfach nur dem Spiel widmen kann.

Eine Verletzung zwingt Martin zu einer längeren Pause und in dieser Zeit ist er von seinen Mannschaftskameraden getrennt und mit sich allein, was ihm zu viel Zeit zum nachdenken gibt:

„Letztendlich begriff ich, dass ich einfach nur nach der Freude strebte, die ich rein physisch empfand, wenn ich auf dem Fußballplatz stand. Das glorifizierte Profileben war ein Leben in einem Gefängnis, eine stampfende Maschinerie. Eine Fabrik ohne Fenster.“

Er zieht sich immer mehr zurück, merkt jedoch auch, dass es anderen Spielern aus der Primavera genau so geht. Diese betäuben den ewig gleichen Trott und die Oberflächlichkeit vor allem durch übermäßigen Konsum und setzen ihr Gehalt in Statussymbole um. Nach der ersten halben Saison in der Primavera bekommt Martin ein Einzelzimmer. Seinen düsteren Gedanken versucht er, ein Ventil zu geben. Er bringt sich selbst das Gitarrespielen bei, fängt an, Texte zu schreiben und seine Gedanken festzuhalten. Bei einem Trainingslager in Österreich, welches vor der Saison stattfindet, kommt es zum Eklat, als eine Spieler der Primavera beim Kiffen erwischt werden. Die Strafe trifft die ganze Mannschaft und zu müssen sich die Spieler beim Verlassen des Wohnheims abmelden. Martin fühlt sich entmündigt und empfindet die Bestrafung als große Ungerechtigkeit und starken Einschnitt in die eigenen Freiheiten. Darauf reagiert er mit noch stärkerem Rückzug und einer Depression. Zwar schafft er es, noch am Training teilzunehmen, doch darüber hinaus zieht er sich komplett zurück, sitzt in seinem Zimmer und schreibt schon fast manisch Texte und Songs.

Eines Tages kommt er nach dem Training zurück ins Zimmer und muss feststellen, dass die überall verteilten Aufzeichnungen von der Hausmeisterin entsorgt worden. Seines Ventils für die dunklen Gedanken beraubt, fühlt sich Martin hilflos und sieht für sich nur noch den Ausweg eines Suizids. Er entscheidet sich dazu, sich mit Rasierklingen die Pulsadern aufzuschneiden. Glücklicherweise schlägt der Versuch fehl und er wird ins Krankenhaus gebracht. Nach einigen Tagen wird er von seiner Mutter nach Schweden geholt, wo er nach einiger Zeit beschließt, eine Therapie zu machen. Zu Inter geht er nicht wieder zurück und sein Versuch, im Fußball ein Comeback zu wagen, hängt er nach nur einer Halbserie wieder an den Nagel.

Heute lebt Bengtsson in Berlin und macht mit seiner Band Waldemaar Musik. „Freistoß ins Leben“ ist ein Buch, welches durch seine direkte Sprache besticht. Man merkt, dass Martin heute mit sich und seinem Leben im Reinen ist. Er sucht keine Schuld bei anderen, jammert nicht rum und sieht die Ereignisse als Teil seines Lebens, die ihn zu dem gemacht haben, was er heute ist. Es ist ein Einblick in den Fußball als Produktionslinie der Konformität. Bengtsson konnte und wollte sich jedoch nicht der ewigen Gleichmacherei unterwerfen und eckte immer wieder an, unter anderem auch, weil er es wagte, alt gediente Rituale und Hackordnungen zu hinterfragen. Zunehmend erkennt er, dass er nur auf dem Rasen wirklich zufrieden ist und lehnt den Lebensstil der meisten Profis ab. Die Depressionen lassen sich sicherlich nicht alleine auf den Fußball zurückführen, eine gewisse Wahnhaftigkeit zeigt sich auch schon in jungen Jahren beim exzessiven Training. Klare Leseempfehlung.