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Rollercoaster

In der Aufarbeitung des Spiels von gestern stelle ich das Positive mal vorne an: Zunächst einmal hat das Spiel für den Abstiegskampf keine Auswirkungen und der Abstand auf die Relegationsplätze beträgt weiterhin sechs Punkte. Dann sollte man Mainz dankbar sein, uns nur drei Dinger eingeschenkt zu haben, es hätte auch 0:6 ausgehen können und wir hätten uns darüber nicht beschweren können. Nils Petersen – zuletzt auch von mir Rumpelfuß tituliert – kann auch technisch anspruchsvoll. Keiner der Spieler hat sich verletzt. Und abschließend sei noch der von allen Seiten gelobte Support durch die Auswärtsfans erwähnt. Wenn die Spieler sich im Spiel nur halb so sehr ins Zeug gelegt hätten, wie die Auswärtsfahrer, wäre es vielleicht ein spannendes Spiel geworden.

Diese Saison ist wahrlich eine Achterbahnfahrt für die Grün-Weißen. Gegen Hannover konnt man einen wichtigen Sieg einfahren und hat dabei richtig guten Fußball gezeigt. Gegen Schalke dominiert man den Tabellen-Dritten über weite Strecken des Spiels und ärgert sich am Ende sogar darüber, „nur“ einen Punkt geholt zu haben. Im letzten Grün-Weiß Stammtisch hatten Andreas und ich versucht, die neue spielerische Leichtigkeit einzuordnen. Woher kommt auf einmal die Fähigkeit, auch spielerisch zu überzeugen und gegen ein Top-Team der Liga den bisher Auftritt der Saison hinzulegen? Ist es der geringere Druck im Abstiegskampf oder hat es im Team einfach „Klick“ gemacht? Bis gestern nachmittag war ich gespannt, ob und wie die Mannschaft sich in Mainz präsentieren würde.

Von Anfang an war nichts von dem zu sehen, was die Fans nach den vorherigen beiden Spielen so begeistert hatte, wie auch die Kollegen bei Hambourg est vert-blanc feststellen. Es fehlte jegliche Aggressivität in den Zweikämpfen, man ließ dem Gegner zu viel Raum und das Spiel nach vorne war nicht existent. Natürlich war es nicht unbedingt hilfreich, dass Petersen schon in der fünften Minute den Ball im eigenen Tor unterbringt oder man beim zweiten Tor Pech hat, dass ein Querschläger im Strafraum einem Mainzer vor die Füße fällt. Aber trotzdem darf man sich so nicht präsentieren. Mit dem 0:3 zur Halbzeit war man noch gut bedient, wenn man bedenkt, wie einfach Mainz teilweise durch die Bremer Reihen spazierte. Kein Spieler machte positiv auf sich aufmerksam, allenfalls Raphael Wolf erreichte am gestrigen nachmittag Normalform, war aber bei den Gegentoren machtlos. Mainz auf der anderen Seite war perfekt eingestellt: sie suchten und fanden die Lücken im Bremer Team, waren in den Zweikämpfen aggressiver und machten insgesamt einen deutlich wacheren Eindruck als Werder.

Es lagen nur 168 Stunden zwischen Himmel und Hölle, zwischen dem tollen Spiel gegen Schalke und der Leistungsverweigerung gegen Mainz. Das die Mannschaft nicht nach Mainz fahren und mit den 05ern kurzen Prozess machen würde, war mir im Vorwege des Spiels klar. Dennoch bin ich angesichts dieser zwei Gesichter einigermaßen sprachlos. Waren die Spiele gegen Hannover und Schalke doch nur ein Ausreißer nach oben oder das Spiel gestern ein Ausreißer nach unten? Ich bin da einigermaßen ratlos. Was ich jedoch nicht teile, ist die Vermutung, dass die Mannschaft sich nach den beiden vorherigen Spielen zu sicher war und dachte, sie könnte es irgendwie locker angehen. Dazu gab es eigentlich keine Veranlassung, denn zum einen war/ist das Thema Abstiegskampf immer noch akut (auch wenn der Abstieg relativ unwahrscheinlich ist) und zum anderen kann ich mir auch kaum vorstellen, dass man sich nach zwei guten Spielen schon zurücklehnt.

Glücklicherweise haben die anderen Mannschaften im Abstiegskampf für die Grün-Weißen gespielt und so bleibt der Abstand auf den Relegationsplatz weiterhin bei sechs Punkten. Weiterhin bleibt ein Restrisiko im Hinblick auf den Abstiegskampf, aber mit jedem Spieltag, an dem der Abstand nicht geringer wird, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass wir am Ende noch runter gehen. Schade, dass man gegen Mainz Lichtjahre davon entfernt war, das Thema endgültig ad acta zu legen.

„Wir müssen eine Reaktion zeigen, allein schon wegen der ersten Halbzeit. Das sind wir uns und den Fans schuldig. Für die Leistung reicht es nicht, wenn wir uns nur entschuldigen, da müssen wir eine Reaktion zeigen.“ – Zlatko Junuzovic nach dem Mainz-Spiel

Am kommenden Samstag gastiert die TSG Hoffenheim im Bremer Weserstadion, ein Spiel, welches auf einen oder mehr Punkte hoffen lässt. Dazu muss die Mannschaft aber die oben angekündigte Reaktion zeigen und sich in allen Belangen verbessern.

Lebenslang Grün-Weiß!

Punkt für Punkt

Ab dem nächsten Spieltag beginnen wohl die Wochen der Wahrheit. Fünf aufeinanderfolgende Spiele gegen direkte Konkurrenten im Abstiegskampf. Stand heute sind alle Gegner mindestens punktgleich (Frankfurt) oder liegen hinter uns. Nach diesen fünf Spieltagen sollte klarer sein, in welche Richtung es für den Rest der Hinrunde geht. Wir haben die Chance, wichtige Punkte zu sammeln und uns abzusetzen oder werden im schlimmsten Fall noch weiter in den Keller gezogen. Doch vorher stand noch die Partie gegen Gladbach an. Eine Mannschaft aus dem oberen Tabellendrittel, doch mit einem bisher erfolglosen Auftakt in die Rückrunde.

Flop

Burning Bush hat das Spiel unter dem Titel „Schizophrenie in Grün-Weiß“ gut zusammengefasst. Die erste Halbzeit war ein Abziehbild all der Dinge, die einen als Fan in dieser Saison in den Wahnsinn treiben. Da wäre die unfassbare „Gabe“ der Mannschaft, sich immer und immer wieder selbst in den Fuß zu schießen. Immer wieder werden wir Zeuge von individuellen Fehlern, wie sie einem Bundesligisten nicht unterlaufen dürfen. Diesmal leistet Lukimya in der sechsten Minute Entwicklungshilfe für die bisher punktlosen Gladbacher und serviert Raffael einen Ball aus dem Lehrbuch der Katastrophen-Fehlpässe. Das Geschenk nehmen die Gäste dankbar an und schon nach etwas mehr als 300 Sekunden ist der vorher ausgeheckte Plan für das Spiel schon ad absurdum geführt. Im Fußball gibt es die Kategorie der „Unforced errors“ nicht, aber hier dürfte Bremen einen der Spitzenplätze belegen und für die DFB-Trainerausbildung ganze DVDs mit Anti-Lehrmaterial füllen.

Danach tut sich Bremen im Spielaufbau sehr schwer, ebenfalls ein Dauerbrenner dieser Saison. Man ist zwar bemüht, doch in der Regel werden lange Bälle aus der eigenen Hälfte oder Flanken aus dem Halbfeld bemüht. Trotz einer Doppelspitze mit Di Santo und Petersen versanden diese Versuche allzu oft und die wenigen Torchancen der ersten Halbzeit werden vom Zufall unterstützt. Nur einmal brandet in den ersten 45 Minuten Applaus durch das Weserstadion, als Lukimya nach gerade einmal 27 Minuten vom Platz geholt wird. Ich habe vollstes Verständnis für die Maßnahme und Lukimya in der Vergangenheit schon oft kritisiert, aber er tat mir in dem Moment leid. Felix Kroos durfte sich nun neben Prödl in der Innenverteidigung austoben. Das wir am Ende nur mit einem 0:1 in die Kabine gehen, ist vor allem der Gladbacher Unfähigkeit geschuldet, die Konterchancen sauber auszuspielen. Über ein 0:3 hätte man sich zu diesem Zeitpunkt wahrlich nicht beschweren können.

Top

Was dann nach der Halbzeit passiert, sorgt einerseits für Genugtuung und Optimismus, lässt mich andererseits auch fragen „Warum nicht gleich so?“. Die Mannschaft kommt mit viel mehr Dampf aus der Kabine, ergreift die Initiative im Spiel und kann sichtlich überraschte Borussen in der eigenen Hälfte festsetzen. Immer wieder kommt man nun auch spielerisch zum Zuge und erspielt sich endlich mal gute Gelegenheiten. Ob es eine gepfefferte Ansprache von Dutt war oder eine Palette Energy Drinks für alle: es wirkte. Bis zur 56. Minute konnte man vier gute Torgelegenheiten herausspielen. Die Mannschaft hat also doch so etwas wie Spielkultur auf Lager, man muss es nur aus der Truppe herauskitzeln. Gladbach blieb auch weiterhin nach Kontern gefährlich, doch entweder wurden diese wieder nicht konsequent zu Ende gespielt oder Wolf konnte die Gelegenheiten entschärfen.

Am Ende wurde Ludovic Obraniak seiner Rolle als Erlöser gerecht und mit einem sehenswerten Freistoß in der 88. Minute sicherte er uns einen wichtigen Punkt im Abstiegskampf. Fast hätte man sich diesen Punkt nehmen lassen, denn Gladbach kommt vom Anstoßpunkt weg direkt zu einer richtig guten Gelegenheit, die Wolf vereiteln kann. Es wäre die Essenz dieser Saison in nicht einmal 60 Sekunden gewesen.

Ich hoffe, die Mannschaft kann den Kampf und Willen aus Halbzeit zwei in die nächsten Spiele mitnehmen und wenigstens vorerst darauf verzichten, sich selbst ein Bein zu stellen. Man kann einige positive Dinge aus der Partie mitnehmen, es ist an der Mannschaft, diese Eindrücke zu bestätigen. Darüber hinaus gehe ich davon aus, dass dies wohl das vorerst letzte Spiel von Lukimya gewesen sein dürfte und Felix Kroos sich durch seine gute Leistung(bis auf ein, zwei Schnitzer) als Innenverteidiger Nummer drei etabliert haben dürfte.

Lebenslang Grün-Weiß!