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Einerseits, andererseits…

Auch knapp 11 Stunden nach dem Abpfiff in der Frankfurter Commerzbank-Arena kann ich mich nicht entscheiden, wie ich die Ereignisse des gestrigen Abends bewerten soll.

Einerseits

Auf der einen Seite hat Bremen nun sechs Spiele lang keine Niederlage hinnehmen müssen und war gestern in Frankfurt zeitweise die bessere Mannschaft, ohne wirklich das Spiel zu kontrollieren. In einem hektischen Spiel (Frankfurts Maik Franz hätte schon nach knapp sechs Minuten die gelb-rote Karte sehen können) hatten die Grün-Weißen durch Wagner die erste wirklich dicke Chance des Spiels. Eigentlich macht Wagner nach einem langen Ball von Fritz (und dem Aussetzer von Franz) alles richtig, setzt den Ball aber nur an den Pfosten. Auf der anderen Seite hatte Gekas eine Riesenchance, die Wiese mit einem starken Reflex zunichte machte.

Den Treffer zum 1:0 aus Bremer Sicht erzielte Frankfurts Altintop nach einem hohen Ball in den Strafraum der Hessen. Bremen hatte auch noch einige Chancen, das zweite Tor zu machen, doch leider brachten sie das Runde dann nicht mehr ins Eckige. Damit kommen wir zum Man of the Match: Tim Wiese. Schon in der ersten Halbzeit konnte er eine Großchance von Gekas vereiteln, doch in der zweiten Halbzeit wurde Wiese zum Riese(n). Mit seinen unnachahmlichen Reflexen vereitelte er noch vier(?) Großchancen des griechischen Stürmers, der sicherlich heute nacht von Wiese geträumt haben dürfte.

Andererseits

Man hat leider wieder einen Big Point gegen einen direkten Konkurrenten verpasst. Ja, der Abstand bleibt gleich und auch die Konkurrenz muss erstmal punkten, aber wie schon gegen Stuttgart und Gladbach fährt man keinen Dreier ein. Diesmal war man zwar nicht derart spielbestimmend wie in den beiden genannten Partien, aber dennoch war hier mehr drin.

Bei allem Jubel über Wieses Glanztaten fand ich es gestern ein bißchen zu einfach, wie die Frankfurter vor das Tor der Bremer kamen. Vor allem Gekas wurde immer wieder mit langen Bällen aus der eigenen Hälfte angespielt. Dabei verpassten es die Grün-Weißen zum einen Frankfurts Linksverteidiger Tzavellas unter Druck zu setzen und zum anderen kamen die Bälle oft genau zwischen Pasanen und Mertesacker runter, ohne dass sich einer der beiden um den griechischen Chancentod kümmerte. Auch beim Gegentor steht Fenin mitten im 16er ohne Begleitung durch einen Abwehrspieler.

Schiris und mehr

Nein, Florian Meyer hat das Spiel nicht völlig verpfiffen und es lag auch nicht an ihm, dass Bremen nur einen Punkt geholt hat. Doch da waren schon wieder einige Fehlentscheidungen dabei. Nachdem Franz schon nach wenigen Minuten gelb kassiert hatte, geht bei einem Zweikampf mit Avdic seine Hand deutlich in das Gesicht des Schweden. Hier kann man dann auch gelb-rot rauskramen. Ein klares Handspiel von Alex Meier im Strafraum wurde nicht geahndet, das Foul von Tzavellas an Marin ebenfalls nicht. Und zu guter letzt wird das Tor von Pasanen nicht gegeben, weil Wagner angeblich Frankfurts Keeper Fährmann im 5m-Raum behindert. Dabei steht Wagner einfach nur und in der Wiederholung sieht man, dass Fährmann den Arm ausfährt, um den Kontakt mit Wagner herzustellen.

Neben Wiese fand ich gestern übrigens Wagner richtig stark. Was so ein bißchen Selbstvertrauen ausmachen kann. Ballannahme und -verarbeitung wirken sicherer, er geht auch erfolgreich ins eins gegen eins und hatte auch einige gute Chancen. Klar, aus dem guten Sandro wird kein Messi mehr, der die Gegner reihenweise austanzt, aber das Vertrauen von Schaaf scheint sich auszuzahlen und in der Form ist er definitiv eine Verstärkung für die Mannschaft. Und auch Marin zeigte gestern eine aufsteigende Form. Nominell als 10er hinter den Spitzen versuchte er diesmal gar nicht als Spielmacher, sondern wich häufiger auf die Flügel aus, um hier mit seinen Dribblings durch die gegnerische Abwehr zu schneiden.

Ich hoffe, dass uns demnächst der Befreiungsschlag gelingt und wir endlich die benötigten Punkte holen, um uns an die Planungen für die nächste Saison zu machen. Noch 6 Punkte. Forza SVW!!!

Das Prinzip Hoffnung

Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen.

So steht es in Blochs „Prinzip Hoffnung“, einem Werk über Utopien und der Macht ebendieser. Viel mehr ist den Fans in Grün-Weiß nach dem gestrigen Spiel nicht geblieben. Hoffnung auf Besserung, Hoffnung auf die baldige Genesung der Verletzten , Hoffnung auf ein baldiges Erwachen aus diesem schlimmen Alptraum. Was die Leistung gegen den HSV so unerträglich und doppelt schmerzhaft macht, ist der Umstand, dass der HSV nicht mal gut war. Bis zum 0:1 haben die Stellinger nicht viel brauchbares zuwege gebracht, aber das war auch gar nicht nötig. Denn wenn der Gegner nicht weiter weiß, bleiben da ja noch die Bremer Samariter, die noch jedem strauchelnden Gegner in dieser Saison wieder auf die Beine helfen.  0:6 in Stuttgart, 0:4 in Schalke und nun 0:4 in Hamburg: alle Spiele gegen zum jeweiligen Zeitpunkt angeknockte Gegner. Doch mit reichlich Gastgeschenken im Gepäck richtet man sie alle wieder auf. Am Samstag hatte Mertesacker seinen „Mutter Theresa“-Auftritt und war an den ersten drei Toren direkt beteiligt. Ironie des Spiels ist sicherlich die Tatsache, dass das 0:1 genau zu dem Zeitpunkt fällt, als Bremen das Spiel in den Griff bekam. Und das war beileibe nicht der erste schwere Aussetzer unseres Abwehrchefs.

Das Prinzip Hoffnung schien auch das Motto der sportlichen Führung im Winter gewesen zu sein. Drei bis vier Baustellen wurden in der Hinrunde offenkundig: die altbewährte Problematik auf der linken Abwehrseite, die fehlende Kreativität im offensiven Mittelfeld sowie spätestens nach dem Abgang von Hugo Almeida auch die dünne Personaldecke im Sturm. Und als vierte Baustelle kann man die Dauerverletzung von Naldo hinzuzählen und die Tatsache, dass hier nicht nachgebessert wurde. Man holte drei Spieler, die allesamt perspektivisch eine Verstärkung sein werden. Stattdessen hoffte man darauf, dass vorne Pizarros Knochen halten, Arno endlich die Ladehemmung ablegt und Sandro Wagner auf einmal zum unaufhaltbaren Sturmtank wird. Die nötige Kreativität würden Hunt und Marin schon noch beisteuern und irgendwann wird Wesley ja auch wieder aus dem Lazarett zurückkehren. Und hinten links würde Silvestre sich schon noch einleben und seine fehlende Schnelligkeit durch sein unglaubliches Stellungsspiel ausgleichen und vielleicht bringt die medizinische Abteilung ja auch Lahme wieder zum Gehen und Boenisch und Naldo kommen vorzeitig zurück.

Sehenden Auges hat man die bekannten Probleme in Kauf genommen und darauf gehofft, dass sich alles zum Guten wendet. Nach sechs Spielen in der Rückrunde hat man gerade einmal 5 Punkte geholt und sich dabei von Köln und Hamburg vorführen lassen. Die Probleme sind dieselben wie in der Hinrunde. Und nun fallen auch die Führungsspieler in sich zusammen wie ein falsch zubereitetes Soufflé. Hoffnung mag man kaum noch haben angesichts der Darbietung vom Samstag. Es bleibt nicht mehr als Ratlosigkeit. Nun hat man im Hinblick auf das kickende Personal keine Handlungsmöglichkeiten mehr und es wird zunehmend schwerer daran zu glauben, dass noch irgendwer diesem Team Leben einhauchen kann. Wenn selbst das Nordderby nicht mehr dazu führt, dass die Spieler 90 Minuten lang leidenschaftlich spielen und zumindest über diesen Zeitraum die Konzentration halten, dann weiß ich es auch nicht mehr. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.