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Disaster strikes (once) again

Schon nach der Auslosung der Gruppen für die WM war mir klar, dass es für die Three Lions nicht einfach werden würde und das Überstehen der Vorrunde schon ein Erfolg wäre. Italien als klarer Favorit, Uruguay als zumindest harte Aufgabe und die Wundertüte Costa Rica. Dennoch ist man als Fan einer Mannschaft enttäuscht, auch wenn man es vielleicht schon hat kommen sehen.

Bella Italia

Dabei fing es gegen Italien noch relativ positiv an: Trainer Hodgson stellte die Mannschaft sehr defensiv ein und überließ den Italienern das Feld, um bei Ballgewinnen über Sterling, Sturridge, Rooney und Welbeck schnell nach vorne zu spielen. Beim 1:1 durch Sturridge hat das auch mustergültig funktioniert, als erst Sterling Rooney steil schickt und der auf Sturridge flankt. Doch letztlich konnte man dieses Spiel zu selten aufziehen und die Grenzen dieser Herangehensweise wurden vor allem sichtbar, als die Italiener sich nach dem 2:1 aufs Verteidigen beschränkten und England gezwungen war, selbst das Spiel zu machen und Lösungen für das Bollwerk made in Italy zu finden – eine Aufgabe, an der auch schon deutlich höher eingeschätzte Mannschaften in der Vergangenheit gescheitert sind.

Abseits der durchaus positiven Ansätze ließ das Spiel aber auch ausreichend Raum für Kritik. Zum einen wäre da Wayne Rooney und die Art und Weise, wie er die Position auf der Außenbahn interpretierte. Bis zur Flanke vor dem 1:1 war er de facto nicht zu sehen und überhaupt nicht ins Spiel eingebunden. Darüber hinaus unterstützte er Leighton Baines in der Rückwärtsbewegung nur unzureichend. Es ist sicher kein Zufall, dass Italiens Candreva auf der linken englischen Abwehrseite sehr auffällig spielte. Wo wir bei Baines sind: der hat seine Stärke deutlich in der Vorwärtsbewegung und auch wenn ihm die Absicherung fehlte, so stellt sich die Frage, warum Hodgson bei der Kader-Nominierung nicht auch Ashley Cole mitnahm. Sicher, Cashley hat nicht mehr den Offensivdrang früherer Tage, aber defensiv hat er Baines immer noch einiges voraus.

Auch die Doppel-Sechs mit Gerrard und Henderson gefiel mir ebenso wenig wie die Innenverteidiger Cahill und Jagielka, die allesamt keine Ruhe und Sicherheit ausstrahlen konnten. Durch die Niederlage der Italiener gegen Costa Rica gestern stellt sich zudem die Frage, wie stark Italien wirklich ist und ob England nur deshalb einigermaßen gut aussah, weil man gegen einen schwachen Gegner gespielt hat (der dennoch 2:1 gewonnen hat).

Hooray Uruguay

Das Spiel gegen Uruguay war für beide Mannschaften schon ein Endspiel, da auch die Südamerikaner mit einer Niederlage (1:3 gegen Costa Rica) ins Turnier gestartet waren. Hodgson nahm einen Positionswechsel vor, bei dem Rooney auf die zentrale Position hinter Sturridge rutschte. Ansonsten trat England im Vergleich zum Italien-Spiel personell unverändert auf. Klar war aber, dass es diesmal nicht ausreichen würde, sich hinten reinzustellen und auf Konter zu lauern. Und ebenso deutlich wurde, wie wenig England in der Lage ist, das Spiel selbst zu gestalten. Uruguay stellte sich tief hinten rein, zerstörte das Spiel und setzte auf die Offensive um Cavani und Suàrez. Was beim 1:0 der Urus ganz hervorragend funktionierte und wieder die Frage nach der Qualität der Verteidigung aufwarf.

Nach vorne blieben die im ersten Spiel noch so auffälligen Sterling und Sturridge völlig blass, während Rooney eine gute Partie machte und sich mit dem zwischenzeitlichen 1:1 und seinem ersten Treffer bei einer WM belohnte. Zu allem Überfluss legte auch noch Steven Gerrard das 1:2 durch Suàrez auf, ein Nackenschlag, von dem sich England nicht mehr erholte, denn das verzweifelte Anrennen in den letzten Minuten brachte keinen Treffer mehr für die Three Lions. Wie schon Italien war Uruguay keinesfalls ein übermächtiger Gegner, aber die Kombination aus mannschaftlicher Geschlossenheit, Leidenschaft und eben Suàrez reichte aus, um England aus dem Turnier zu kegeln und für das schlechteste Abschneiden der Engländer seit 1958 zu sorgen.

What’s next?

Zunächst einmal stellt sich die Frage, ob Roy Hodgson der richtige Trainer ist. In beiden Spielen war Hodgson nicht in der Lage, auf den Spielverlauf durch Wechsel und taktische Anpassungen zu reagieren. Was noch schwerer wiegt: England verschläft schon lange die Entwicklungen im Fußball. Pressing, Gegen-Pressing, defensive Kompaktheit und eine übergreifende Spielidee finden sich bei den Three Lions schon seit Jahren nicht. Da hat auch Roy Hodgson keine Veränderungen herbeigeführt, auch wenn er immerhin das 4-2-3-1 eingeführt hat. Es ist schon bezeichnend, dass Nationen wie bspw. Costa Rica oder Chile fußballerisch schon lange an England vorbeigezogen sind. Dabei ist das Problem keines, welches die Three Lions exklusiv hätten, denn auch die EPL insgesamt hinkt da deutlich hinterher und bestimmte Spielweisen lassen sich nicht alleine aus der Nationalmannschaft heraus einführen, wenn sie nicht auch in den Vereinen praktiziert werden. Sollte man zu dem Schluss kommen, dass Hodgson nicht mehr der Richtige ist (aktuell spricht die englische FA dem Trainer das Vertrauen aus), dann wird man einen entsprechenden Nachfolger finden müssen. Aktuell habe ich keinen Kandidaten im Visier, dem ich diese Aufgabe zutrauen würde. Wobei ich jetzt auch bspw. im Bereich der Jugendtrainer und zweiten Liga nicht genug Trainer kenne.

Bei der WM konnten einige vielversprechende Spieler schon erste Erfahrungen sammeln, wie Sterling, Barkley, Lallana, Wilshire oder auch Sturridge. Dies sind Spieler, die aller Wahrscheinlichkeit nach auch in der Zukunft eine entscheidende Rolle in der Nationalmannschaft übernehmen werden. Doch darüber hinaus werden noch weitere Spieler benötigt und da ist die Frage, ob genügend Nachwuchs nachrückt und vor allem auch Spielzeit in der EPL bekommt, vorzugsweise bei den großen Clubs, die auch in Europa vertreten sind. Dem gegenüber steht natürlich die Interessen der Vereine und deren Besitzer, die ihren Erfolg maximieren wollen und bei denen die Förderung des englischen Nachwuchses eher eine untergeordnete Rolle spielt. Durch die hohen Einnahmen der Vereine sowie die Zuwendungen der diversen Besitzer ist es auch deutlich einfacher, fertige Spieler zu holen, als Nachwuchsspieler auszubilden. Das ist jetzt arg pauschalisierend, aber selbst ein Abstiegskandidat wie Fulham kann im Winter mal eben Kostas Mitroglou für ca. 15 Millionen Euro von Piräus verpflichten, damit er dort dann kaum spielt. Natürlich gibt es auch Clubs in der EPL, die geschickt investieren und nicht alleine durch dicke Schecks überzeugen, aber dies ist meist die Ausnahme. Man kann aber anhand der oben genannten Spieler und auch der errungenen Erfolge im Nachwuchsbereich (U-17 Europameister) sehen, dass man die Weichen entsprechend stellt, aber zum einen brauchen gerade Veränderungen im Nachwuchsbereich Zeit und zum anderen kann der Verband nur Entwicklungen anstossen, ist aber auch auf die Mitwirkung bspw. der EPL angewiesen.

Einen letzten Punkt, den auch die Spielverlagerung in der Analyse des Matches gg. Uruguay kurz angerissen hat, ist die Tatsache, dass zwischen Potential und tatsächlicher Leistung bei den Three Lions eine große Diskrepanz herrscht. Jetzt weiß ich nicht, ob man der These der Spielverlagerung mit England als potentiellem Titelkandidaten zustimmen muss, aber mehr als ein Vorrundenaus sollte mit den Spielern durchaus drin sein. Hier kommt man wieder auf den Trainer zurück und dessen Probleme, die vorhandenen PS auf die Straße zu bekommen. Dabei ist diese klaffende Lücke zwischen Potential und dem tatsächlich Gezeigten beileibe kein neues Phänomen im Zusammenhang mit der englischen Nationalmannschaft. Wie oft hat man gesehen, dass Top-Spieler der Liga im Trikot der Three Lions bestenfalls noch Mittelmaß anbieten. Ich wage die steile These, dass dies nicht alleine auf die Trainer zurückzuführen ist. Der öffentliche Druck zumindest hat in den letzten Jahren nachgelassen und anders als vor einigen Jahren wird die Mannschaft nicht von Fans und Medien als ernstzunehmender Titelkandidat gesehen. Vielleicht hilft hier mal ein professioneller Exorzist, um die offensichtliche Blockade im Kopf zu lösen.

Das Ausscheiden der Three Lions ist eine Enttäuschung und ich hoffe, dass man an den entscheidenden Stellen auch die richtigen Schlüsse zieht, um das englische Team in den nächsten Jahren wieder in die Spur zu bringen. Dabei erwarte ich keine Wunderdinge, sondern einfach mittelfristig ein Team, welches in der Lage ist, einen guten Ball zu spielen und auch von der Taktik her nicht mindestens zehn Jahre hinter dem Rest der Welt hinterher hinkt.

 

Same procedure…

England und Elfmeterschießen, eine wirkliche Freundschaft wird aus den beiden nicht mehr (ist jetzt das fünfte gewesen, welches ich gesehen habe: WM 90, EM 96, EM 04, WM 06). Am Ende hauen die beiden Ashleys die Dinger nicht ins Gehäuse und da bei den Italienern nur Montolivo das Runde nicht ins Eckige bekommt, steht Italien im Halbfinale. Das ist ebenso bitte wie vorhersehbar, ich wollte mir das Ende eigentlich auch gar nicht mehr anschauen, aber dann war es wie bei einem schlimmen Unfall: es ist schrecklich, aber man kann die Augen doch nicht vom Geschehen nehmen.

Das Spiel begann sehr munter von beiden Seiten und in den ersten 20-30 Minuten konnten die Engländer immer wieder gute Aktionen nach vorne setzen. Doch im Verlauf des Spiels wurden diese Aktionen immer weniger und in der Verlängerung war von den Three Lions eigentlich nichts mehr zu sehen. Auffällig vor allem die körperlichen Defizite: Rooney wirkte schon nach der ersten Halbzeit stehend KO, während Gerrard sich nach knapp 70 Minuten einen Krampf aus der Wade dehnen ließ. Fit sieht anders aus. Schon vor Ende der regulären Spielzeit war abzusehen, dass England auf einen Lucky Punch hoffte bzw. sich irgendwie ins Elfmeterschießen retten wollte (starke Züge von masochistischem Verhalten offenkundig vorhanden).

Die Italiener machten eine gute Partie, angeführt vom alles überragenden Pirlo. Dennoch waren sie nicht in der Lage, die Überlegenheit auch in Tore umzumünzen. Selbst dann nicht, als die Engländer eigentlich nur noch stehend auf den Gnadenschuss zu warten schienen. Hier verstehe ich nicht, warum Prandelli sowohl Balotelli als auch Cassano so lange auf dem Platz lässt, während ein Di Natale gar nicht erst gebracht wurde. Vor dem hätte ich noch am meisten Angst gehabt. So konnte England mit einer Mischung aus Glück, Einsatz und dem Geschick eines Joe Hart einen Gegentreffer irgendwie vermeiden.

Gestern wurde viel von einem überaus verdienten Sieg der Italiener gesprochen und sicherlich entspricht das auch der Realität, wobei ich diese Kategorisierung immer sinnlos finde. Fußball ist ein Ergebnissport, es gibt keine Punkte für die Einschätzung verdient/unverdient, keine Haltungsnoten wie im Turnsport. Für einen unverdienten Sieg gibt es genauso drei Punkte wie für einen vermeintlich verdienten und umgekehrt gibt es für eine unverdiente Niederlage auch genau null Punkte. Angenommen Wayne Rooney haut den Fallrückzieher in Nachspielzeit der regulären Spielzeit rein: es wäre ein unverdientes Weiterkommen gewesen, sicherlich, aber nichtsdestotrotz ein Sieg. Dieses „unverdient/verdient“ finde ich auch in der BuLi immer ein bisschen befremdlich, denn was kann man sich für eine unverdiente Niederlage kaufen?

Wie soll man das Abschneiden der Engländer nun bewerten? Ich denke, das Turnier zeigt genau auf, wie es um England bestellt ist. Man schlägt die vermeintlich Kleinen und kann sich gegen die Großen ein Unentschieden ermauern. Nicht mehr und nicht weniger. Ich bin erstaunt über die Kommentare, dass der Abstand Englands zur Weltspitze sehr groß ist, weil dieser Umstand doch schon seit Jahren zu sehen ist. In den vergangenen Jahren hat man (im Gegensatz zu diesem Turnier) im Vorfeld immer wie ein Spitzenteam rumgetönt, aber das sollte nicht von der Realität auf dem Platz ablenken. England ist zu einem klassischen Viertelfinalisten geworden, der (auch abhängig der Auslosung) zu den besten acht Mannschaften eines Turniers gehört, aber mehr auch nicht. Ich denke, schon im Vorfeld des Turniers hat man sich in England damit abgefunden, kein wirkliches Top-Team zu sein und diesen Gedanken zu akzeptieren schafft die Voraussetzung dafür, sich um die Defizite zu kümmern. Zwar war es seit langem mal wieder ein wirkliches Team, welches mit Einsatz und Herz verteidigte, aber auf Dauer kann das nicht die Blaupause für einen erfolgreichen Fußball sein.

Man darf gespannt sein, wie die Quali zur WM 2014 in Brasilien angegangen wird. Hodgson wird hoffentlich versuchen, verstärkt auf jüngere Spieler zu setzen und diese an den Kern der Three Lions heranzuführen. Hierzu zählen u.a. Jack Wilshere, Phil Jones, Chris Smalling, Jack Rodwell, Oxlade-Chamberlain oder auch ein Kyle Walker. Hart hat das erste große Turnier mit sehr guten Leistungen absolviert und wird (Verletzungen ausgenommen) auch in den nächsten Jahren die Nummer eins im Kasten sein. Ich hoffe, dass es gelingt, langsam aber stetig diesen Generationenwechsel voran zu treiben und ein Team aufzubauen, dass mittelfristig auch mal weiterkommen kann als das Viertelfinale.