Disaster strikes (once) again

Schon nach der Auslosung der Gruppen für die WM war mir klar, dass es für die Three Lions nicht einfach werden würde und das Überstehen der Vorrunde schon ein Erfolg wäre. Italien als klarer Favorit, Uruguay als zumindest harte Aufgabe und die Wundertüte Costa Rica. Dennoch ist man als Fan einer Mannschaft enttäuscht, auch wenn man es vielleicht schon hat kommen sehen.

Bella Italia

Dabei fing es gegen Italien noch relativ positiv an: Trainer Hodgson stellte die Mannschaft sehr defensiv ein und überließ den Italienern das Feld, um bei Ballgewinnen über Sterling, Sturridge, Rooney und Welbeck schnell nach vorne zu spielen. Beim 1:1 durch Sturridge hat das auch mustergültig funktioniert, als erst Sterling Rooney steil schickt und der auf Sturridge flankt. Doch letztlich konnte man dieses Spiel zu selten aufziehen und die Grenzen dieser Herangehensweise wurden vor allem sichtbar, als die Italiener sich nach dem 2:1 aufs Verteidigen beschränkten und England gezwungen war, selbst das Spiel zu machen und Lösungen für das Bollwerk made in Italy zu finden – eine Aufgabe, an der auch schon deutlich höher eingeschätzte Mannschaften in der Vergangenheit gescheitert sind.

Abseits der durchaus positiven Ansätze ließ das Spiel aber auch ausreichend Raum für Kritik. Zum einen wäre da Wayne Rooney und die Art und Weise, wie er die Position auf der Außenbahn interpretierte. Bis zur Flanke vor dem 1:1 war er de facto nicht zu sehen und überhaupt nicht ins Spiel eingebunden. Darüber hinaus unterstützte er Leighton Baines in der Rückwärtsbewegung nur unzureichend. Es ist sicher kein Zufall, dass Italiens Candreva auf der linken englischen Abwehrseite sehr auffällig spielte. Wo wir bei Baines sind: der hat seine Stärke deutlich in der Vorwärtsbewegung und auch wenn ihm die Absicherung fehlte, so stellt sich die Frage, warum Hodgson bei der Kader-Nominierung nicht auch Ashley Cole mitnahm. Sicher, Cashley hat nicht mehr den Offensivdrang früherer Tage, aber defensiv hat er Baines immer noch einiges voraus.

Auch die Doppel-Sechs mit Gerrard und Henderson gefiel mir ebenso wenig wie die Innenverteidiger Cahill und Jagielka, die allesamt keine Ruhe und Sicherheit ausstrahlen konnten. Durch die Niederlage der Italiener gegen Costa Rica gestern stellt sich zudem die Frage, wie stark Italien wirklich ist und ob England nur deshalb einigermaßen gut aussah, weil man gegen einen schwachen Gegner gespielt hat (der dennoch 2:1 gewonnen hat).

Hooray Uruguay

Das Spiel gegen Uruguay war für beide Mannschaften schon ein Endspiel, da auch die Südamerikaner mit einer Niederlage (1:3 gegen Costa Rica) ins Turnier gestartet waren. Hodgson nahm einen Positionswechsel vor, bei dem Rooney auf die zentrale Position hinter Sturridge rutschte. Ansonsten trat England im Vergleich zum Italien-Spiel personell unverändert auf. Klar war aber, dass es diesmal nicht ausreichen würde, sich hinten reinzustellen und auf Konter zu lauern. Und ebenso deutlich wurde, wie wenig England in der Lage ist, das Spiel selbst zu gestalten. Uruguay stellte sich tief hinten rein, zerstörte das Spiel und setzte auf die Offensive um Cavani und Suàrez. Was beim 1:0 der Urus ganz hervorragend funktionierte und wieder die Frage nach der Qualität der Verteidigung aufwarf.

Nach vorne blieben die im ersten Spiel noch so auffälligen Sterling und Sturridge völlig blass, während Rooney eine gute Partie machte und sich mit dem zwischenzeitlichen 1:1 und seinem ersten Treffer bei einer WM belohnte. Zu allem Überfluss legte auch noch Steven Gerrard das 1:2 durch Suàrez auf, ein Nackenschlag, von dem sich England nicht mehr erholte, denn das verzweifelte Anrennen in den letzten Minuten brachte keinen Treffer mehr für die Three Lions. Wie schon Italien war Uruguay keinesfalls ein übermächtiger Gegner, aber die Kombination aus mannschaftlicher Geschlossenheit, Leidenschaft und eben Suàrez reichte aus, um England aus dem Turnier zu kegeln und für das schlechteste Abschneiden der Engländer seit 1958 zu sorgen.

What’s next?

Zunächst einmal stellt sich die Frage, ob Roy Hodgson der richtige Trainer ist. In beiden Spielen war Hodgson nicht in der Lage, auf den Spielverlauf durch Wechsel und taktische Anpassungen zu reagieren. Was noch schwerer wiegt: England verschläft schon lange die Entwicklungen im Fußball. Pressing, Gegen-Pressing, defensive Kompaktheit und eine übergreifende Spielidee finden sich bei den Three Lions schon seit Jahren nicht. Da hat auch Roy Hodgson keine Veränderungen herbeigeführt, auch wenn er immerhin das 4-2-3-1 eingeführt hat. Es ist schon bezeichnend, dass Nationen wie bspw. Costa Rica oder Chile fußballerisch schon lange an England vorbeigezogen sind. Dabei ist das Problem keines, welches die Three Lions exklusiv hätten, denn auch die EPL insgesamt hinkt da deutlich hinterher und bestimmte Spielweisen lassen sich nicht alleine aus der Nationalmannschaft heraus einführen, wenn sie nicht auch in den Vereinen praktiziert werden. Sollte man zu dem Schluss kommen, dass Hodgson nicht mehr der Richtige ist (aktuell spricht die englische FA dem Trainer das Vertrauen aus), dann wird man einen entsprechenden Nachfolger finden müssen. Aktuell habe ich keinen Kandidaten im Visier, dem ich diese Aufgabe zutrauen würde. Wobei ich jetzt auch bspw. im Bereich der Jugendtrainer und zweiten Liga nicht genug Trainer kenne.

Bei der WM konnten einige vielversprechende Spieler schon erste Erfahrungen sammeln, wie Sterling, Barkley, Lallana, Wilshire oder auch Sturridge. Dies sind Spieler, die aller Wahrscheinlichkeit nach auch in der Zukunft eine entscheidende Rolle in der Nationalmannschaft übernehmen werden. Doch darüber hinaus werden noch weitere Spieler benötigt und da ist die Frage, ob genügend Nachwuchs nachrückt und vor allem auch Spielzeit in der EPL bekommt, vorzugsweise bei den großen Clubs, die auch in Europa vertreten sind. Dem gegenüber steht natürlich die Interessen der Vereine und deren Besitzer, die ihren Erfolg maximieren wollen und bei denen die Förderung des englischen Nachwuchses eher eine untergeordnete Rolle spielt. Durch die hohen Einnahmen der Vereine sowie die Zuwendungen der diversen Besitzer ist es auch deutlich einfacher, fertige Spieler zu holen, als Nachwuchsspieler auszubilden. Das ist jetzt arg pauschalisierend, aber selbst ein Abstiegskandidat wie Fulham kann im Winter mal eben Kostas Mitroglou für ca. 15 Millionen Euro von Piräus verpflichten, damit er dort dann kaum spielt. Natürlich gibt es auch Clubs in der EPL, die geschickt investieren und nicht alleine durch dicke Schecks überzeugen, aber dies ist meist die Ausnahme. Man kann aber anhand der oben genannten Spieler und auch der errungenen Erfolge im Nachwuchsbereich (U-17 Europameister) sehen, dass man die Weichen entsprechend stellt, aber zum einen brauchen gerade Veränderungen im Nachwuchsbereich Zeit und zum anderen kann der Verband nur Entwicklungen anstossen, ist aber auch auf die Mitwirkung bspw. der EPL angewiesen.

Einen letzten Punkt, den auch die Spielverlagerung in der Analyse des Matches gg. Uruguay kurz angerissen hat, ist die Tatsache, dass zwischen Potential und tatsächlicher Leistung bei den Three Lions eine große Diskrepanz herrscht. Jetzt weiß ich nicht, ob man der These der Spielverlagerung mit England als potentiellem Titelkandidaten zustimmen muss, aber mehr als ein Vorrundenaus sollte mit den Spielern durchaus drin sein. Hier kommt man wieder auf den Trainer zurück und dessen Probleme, die vorhandenen PS auf die Straße zu bekommen. Dabei ist diese klaffende Lücke zwischen Potential und dem tatsächlich Gezeigten beileibe kein neues Phänomen im Zusammenhang mit der englischen Nationalmannschaft. Wie oft hat man gesehen, dass Top-Spieler der Liga im Trikot der Three Lions bestenfalls noch Mittelmaß anbieten. Ich wage die steile These, dass dies nicht alleine auf die Trainer zurückzuführen ist. Der öffentliche Druck zumindest hat in den letzten Jahren nachgelassen und anders als vor einigen Jahren wird die Mannschaft nicht von Fans und Medien als ernstzunehmender Titelkandidat gesehen. Vielleicht hilft hier mal ein professioneller Exorzist, um die offensichtliche Blockade im Kopf zu lösen.

Das Ausscheiden der Three Lions ist eine Enttäuschung und ich hoffe, dass man an den entscheidenden Stellen auch die richtigen Schlüsse zieht, um das englische Team in den nächsten Jahren wieder in die Spur zu bringen. Dabei erwarte ich keine Wunderdinge, sondern einfach mittelfristig ein Team, welches in der Lage ist, einen guten Ball zu spielen und auch von der Taktik her nicht mindestens zehn Jahre hinter dem Rest der Welt hinterher hinkt.

 

WM Stöckchen

Der Tobi hat ein Stöckchen vom weitergereicht. Danke dafür, wenigstens einer, der mich mal mit einbezieht. ;)

Dein erstes bewusstes WM-Erlebnis war?

Ich denke, das erste Mal mit der WM bin ich 86 in Berührung bekommen, aber eher so am Rande. So richtig bewusst eine WM verfolgt habe ich zuerst 1990. Dabei war es mir vor allem wichtig, dass Deutschland nicht gewinnt, ohne heute sagen zu können, wodurch meine Abneigung gegen die bundesdeutschen Kicker begründet war. Was ich noch weiß: irgendwann wettete ich gegen meine gesamte sechste Klasse, dass Deutschland niemals nicht den Titel holen würde. Tja, am Ende verlor ich und musste eine Palette Fanta (natürlich in Dosen, wegen Rock ‘N’ Roll und so) ausgeben. Während nach dem gewonnenen Finale alle in Jubel ausbrachen und draußen gefeiert wurde, saß ich griesgrämig im Wohnzimmer und wollte nicht wahrhaben, was da gerade passierte. Es war der Beginn einer großen Liebe zum deutschen Nationalteam. ;)

Mit welcher WM-Legende würdest Du gern einmal Doppelpass spielen?

Schwierige Frage. Ich nehme einfach mal Paul Gascoigne, der war nicht nur ein geiler Fußballer, sondern soll ja auch ein richtig witziger Typ sein. Aber nach dem Kicken dann nur alkoholfreies Zeug, klare Sache.

Welchem TV-Kommentator wirst Du bei der WM gerne zuhören?

Insgesamt finde ich die Kommentatoren der ÖR ziemlich anstregend. Ich will hier gar nicht groß mit dem Kommentatoren-Bashing anfangen, denn die Diskussion wird ja spätestens zu den großen Turnieren immer wieder aufs Neue belebt. Ich sehe ja ein, dass es nicht einfach ist, so eine Partie zu kommentieren, aber geht es nicht auch ein bisschen attraktiver? Wenn ich dann noch sehe, wie Tom Bartels beim Spiel zwischen Uruguay und Costa Rica immer wieder den deutschen Schiri Dr. Brych lobt und von jeglicher Kritik ausnimmt, ist das einfach nur noch peinlich. Aber man kann ja entweder auf Stadionton umschalten oder sich alternativ bspw. nach Übertragungen anderer Länder umschauen.

Die Iren haben sich für die WM am Zuckerhut leider nicht qualifiziert. Welchem weiteren Land drückst Du neben Jogis Jungs den Three Lions als »Zweitteam« die Daumen?

Ach, meist habe ich mehrere Teams, die ich mir gerne anschaue bzw. denen ich den Erfolg gönne: u.a. Spanien (ging ja auch gut los) oder auch Argentinien und Brasilien. Also Teams, bei denen die Hoffnung besteht, dass man tollen Fußball geboten bekommt.

Zu Jogis Jungs den Three Lions: Nenne Deine beiden Lieblingskicker aus dem englischen Kader?

Zum einen Wayne Rooney. Ich weiß, dass er gerade bei großen Turnieren in der Vergangenheit eher weniger durch gute Leistungen aufgefallen ist, aber dennoch mag ich Rooney als Spieler. Eigentlich hat er alle Anlagen, ein richtig Großer zu sein, aber nicht selten stand er sich in der Vergangenheit im Weg. Weder bei der englischen Nationalmannschaft noch bei Man United ist “Shrek” mittlerweile unumstritten. Das gestrige Spiel gegen Italien hat auch irgendwie beide Seiten von Wazza gezeigt: zum einen die Vorlage zum 1:1 gegeben und um die 60. Spielminute rum die dicke Chance zum 2:2 auf dem Fuß gehabt, zum anderen über weite Strecken komplett unsichtbar geblieben. Aber dennoch mag ich Rooney irgendwie.

Der zweite Lieblingskicker ist Daniel Sturridge. Richtig geile Saison bei Liverpool gespielt und endlich wieder ein richtiger Vollstrecker im Sturm. Wenn das so weiter geht, kann man mit ihm noch ganz viel Spaß haben.

Wie weit kommen Jogis Jungs die Three Lions?

Schon vor der gestrigen Niederlage wäre ich mit dem Überstehen der Vorrunde zufrieden gewesen. Viele junge Spieler und eine doch recht knifflige Gruppe lassen mich nicht allzu optimistisch auf die Erfolgsaussichten blicken.

(Wenn nicht Jogis Jungs die Three Lions:) Wer wird am 13.07.2014 im Maracanã Weltmeister?

Brasilien oder Argentinien.

Spieglein, Spieglein in der Hand

In der aktuellen Ausgabe des Spiegel-Magazins findet sich unter der Überschrift “Der grüne Virus” ein längerer Artikel über den SV Werder, der sich mit dem “mysteriösen Zerfall einer großen Mannschaft” beschäftigt. Mittlerweile ist der Artikel auch online zu finden. Der Verfasser Cordt Schnibben outet sich gleich zu Beginn als langjähriger Werder-Fan, der sich darüber wundert, dass Werder zehn Jahre nach dem sensationellen Meistertitel der Saison 2003/04 nur noch in den Niederungen der Liga rumkrebst. Nun ist mir klar, dass ein solcher Artikel nicht für den harten Kern der Werder-Fans geschrieben ist, sondern sich auch an Leser richtet, die eben nicht jedes Spiel des SVW verfolgen. Und ich möchte auch klarstellen, dass Schnibben grundsätzlich mit den Gründen für den Niedergang in den letzten Jahren ja nicht Unrecht hat. Dennoch sind mir einige Dinge aufgefallen, die ich mal zur Diskussion in den Raum stelle.

Da wäre einmal der Veröffentlichungszeitpunkt: Es ist ja nun wahrlich nicht die erste Saison, die Bremen eher in den hinteren Regionen der Liga verbringt. In den letzten vier Saisons hat der SVW dreimal gegen den Abstieg gekämpft und allmählich verblassen die Erinnerungen an die glorreichen Tage. Klar, das zehnjährige “Doubiläum” ist gerade gewesen, aber wäre ein solcher Artikel nicht vor zwei, drei Jahren viel aufschlussreicher gewesen und auch aktueller gewesen? Also, zu einem Zeitpunkt, als viele noch dachten, Bremen wird sich schon erholen und durchschreitet nur eine kurze Talsohle. Ich habe das Gefühl, dass mittlerweile schon so ziemlich alles zu dem Thema gesagt wurde und da fügt der Artikel auch keinen neuen Blickwinkel hinzu oder kann mit neuen Erkenntnissen aufwarten.

Der Artikel zeigt auf, wie sehr Bremen von den Einnahmen der Champions League abhängig war, um den entsprechend teuren Kader finanzieren zu können. Für mich war das immer eine Sache, die von Allofs auch so immer wieder klar kommuniziert wurde, gerade in den Momenten, wo Bremen um die CL-Qualifikation kämpfen musste. Das ist eine Sache, die Schnibben irgendwie nicht erwähnt, was ich aber für einen wichtigen Punkt halte, denn nur so konnte Bremen vorhandene Standortnachteile (auf die Schnibben gar nicht eingeht) auch ausgleichen.  Das man dennoch irgendwann angefangen hat Fehler zu machen und vor allem auch die Transfers irgendwann nicht mehr ausreichend Qualität in den Kader brachten steht außer Frage. Aber wenn man den Niedergang betrachtet, muss man doch auch auf die Rahmenbedingungen eingehen. Und die waren und sind in Bremen nun einmal schwieriger als dies anderswo teils der Fall ist.

An zwei Stellen wird Schnibben arg spekulativ. Zum einen geht es darum, ob Werder Gelder an den Finanzmärkten “verzockt” hat. Dies ist ein Gerücht, welches es schon länger gibt und es ist durchaus möglich, dass da etwas dran ist, aber ich würde mir schon wünschen, dass man da ein bisschen was Handfestes präsentieren kann. Zumal das im Zweifel ja auch kein geringer Vorwurf ist. Auch bei den angeblichen Reibereien zwischen Allofs und dem Aufsichtsrat, wo es um “seltsame Spielerberater”, häufige Zusatzzahlungen und Gefälligkeitstransfers gehen soll, wird kaum etwas Konkretes vorgebracht, außer dem Deal mit Marko Marins Vater, der nach dem Transfer seines Sohnes als Scout bei Werder beschäftigt wurde.

Schnibben schreibt, ihn habe die Begeisterung für Werder verlassen. Früher habe er auf die Spiele hingefiebert, heute schaltet er teilweise nach einer Viertelstunde weg. Für mich weht der Geist der Enttäuschung durch den gesamten Artikel, was ich schade finde. Zum einen sind das sicherlich nicht die ersten “Jahre voller Frust”, die Schnibben in 50 Jahren als Fan des SVW erlebt haben dürfte. Zum anderen habe ich persönlich gerade in dieser Saison das Gefühl gehabt, dass viele Fans sich mittlerweile mit den neuen Gegebenheiten arrangiert haben. Klar, jeder würde ohne mit der Wimper zu zucken lieber wieder oben dabei sein und begeisternden Fußball erleben, aber vorerst ist die Realität eine andere. Schnibben spricht  davon, Werder wirke wie “…ein Organismus, der sich selbst auffrisst, befallen von einem grünen Virus.”Ich hatte gerade zum Ende der Rückrunde hin das Gefühl, dass dort durchaus etwas im Entstehen ist, dass der Grundstein für weitere Entwicklungen gelegt wurde. Auch wenn das Positive dieser Saison noch keinen Anlass zur Euphorie bietet, finde ich es schade, dass der Artikel dies gar nicht zur Kenntnis nimmt.

Lebenslang Grün-Weiß!

P,S.: Lieber Herr Schnibben: wir haben den Abstieg übrigens nicht vermieden, weil drei Teams schlechter waren als Werder, sondern am Ende sogar sechs und weil wir 12 Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz hatten. ;)

Rollercoaster

In der Aufarbeitung des Spiels von gestern stelle ich das Positive mal vorne an: Zunächst einmal hat das Spiel für den Abstiegskampf keine Auswirkungen und der Abstand auf die Relegationsplätze beträgt weiterhin sechs Punkte. Dann sollte man Mainz dankbar sein, uns nur drei Dinger eingeschenkt zu haben, es hätte auch 0:6 ausgehen können und wir hätten uns darüber nicht beschweren können. Nils Petersen – zuletzt auch von mir Rumpelfuß tituliert – kann auch technisch anspruchsvoll. Keiner der Spieler hat sich verletzt. Und abschließend sei noch der von allen Seiten gelobte Support durch die Auswärtsfans erwähnt. Wenn die Spieler sich im Spiel nur halb so sehr ins Zeug gelegt hätten, wie die Auswärtsfahrer, wäre es vielleicht ein spannendes Spiel geworden.

Diese Saison ist wahrlich eine Achterbahnfahrt für die Grün-Weißen. Gegen Hannover konnt man einen wichtigen Sieg einfahren und hat dabei richtig guten Fußball gezeigt. Gegen Schalke dominiert man den Tabellen-Dritten über weite Strecken des Spiels und ärgert sich am Ende sogar darüber, “nur” einen Punkt geholt zu haben. Im letzten Grün-Weiß Stammtisch hatten Andreas und ich versucht, die neue spielerische Leichtigkeit einzuordnen. Woher kommt auf einmal die Fähigkeit, auch spielerisch zu überzeugen und gegen ein Top-Team der Liga den bisher Auftritt der Saison hinzulegen? Ist es der geringere Druck im Abstiegskampf oder hat es im Team einfach “Klick” gemacht? Bis gestern nachmittag war ich gespannt, ob und wie die Mannschaft sich in Mainz präsentieren würde.

Von Anfang an war nichts von dem zu sehen, was die Fans nach den vorherigen beiden Spielen so begeistert hatte, wie auch die Kollegen bei Hambourg est vert-blanc feststellen. Es fehlte jegliche Aggressivität in den Zweikämpfen, man ließ dem Gegner zu viel Raum und das Spiel nach vorne war nicht existent. Natürlich war es nicht unbedingt hilfreich, dass Petersen schon in der fünften Minute den Ball im eigenen Tor unterbringt oder man beim zweiten Tor Pech hat, dass ein Querschläger im Strafraum einem Mainzer vor die Füße fällt. Aber trotzdem darf man sich so nicht präsentieren. Mit dem 0:3 zur Halbzeit war man noch gut bedient, wenn man bedenkt, wie einfach Mainz teilweise durch die Bremer Reihen spazierte. Kein Spieler machte positiv auf sich aufmerksam, allenfalls Raphael Wolf erreichte am gestrigen nachmittag Normalform, war aber bei den Gegentoren machtlos. Mainz auf der anderen Seite war perfekt eingestellt: sie suchten und fanden die Lücken im Bremer Team, waren in den Zweikämpfen aggressiver und machten insgesamt einen deutlich wacheren Eindruck als Werder.

Es lagen nur 168 Stunden zwischen Himmel und Hölle, zwischen dem tollen Spiel gegen Schalke und der Leistungsverweigerung gegen Mainz. Das die Mannschaft nicht nach Mainz fahren und mit den 05ern kurzen Prozess machen würde, war mir im Vorwege des Spiels klar. Dennoch bin ich angesichts dieser zwei Gesichter einigermaßen sprachlos. Waren die Spiele gegen Hannover und Schalke doch nur ein Ausreißer nach oben oder das Spiel gestern ein Ausreißer nach unten? Ich bin da einigermaßen ratlos. Was ich jedoch nicht teile, ist die Vermutung, dass die Mannschaft sich nach den beiden vorherigen Spielen zu sicher war und dachte, sie könnte es irgendwie locker angehen. Dazu gab es eigentlich keine Veranlassung, denn zum einen war/ist das Thema Abstiegskampf immer noch akut (auch wenn der Abstieg relativ unwahrscheinlich ist) und zum anderen kann ich mir auch kaum vorstellen, dass man sich nach zwei guten Spielen schon zurücklehnt.

Glücklicherweise haben die anderen Mannschaften im Abstiegskampf für die Grün-Weißen gespielt und so bleibt der Abstand auf den Relegationsplatz weiterhin bei sechs Punkten. Weiterhin bleibt ein Restrisiko im Hinblick auf den Abstiegskampf, aber mit jedem Spieltag, an dem der Abstand nicht geringer wird, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass wir am Ende noch runter gehen. Schade, dass man gegen Mainz Lichtjahre davon entfernt war, das Thema endgültig ad acta zu legen.

“Wir müssen eine Reaktion zeigen, allein schon wegen der ersten Halbzeit. Das sind wir uns und den Fans schuldig. Für die Leistung reicht es nicht, wenn wir uns nur entschuldigen, da müssen wir eine Reaktion zeigen.” – Zlatko Junuzovic nach dem Mainz-Spiel

Am kommenden Samstag gastiert die TSG Hoffenheim im Bremer Weserstadion, ein Spiel, welches auf einen oder mehr Punkte hoffen lässt. Dazu muss die Mannschaft aber die oben angekündigte Reaktion zeigen und sich in allen Belangen verbessern.

Lebenslang Grün-Weiß!

Abstandhalter

1:1 gegen den VfB Stuttgart, ein Ergebnis, mit dem man nach einigem Abstand zufrieden sein kann, wenn nicht sogar zufrieden sein muss. Man hat den Abstand auf Stuttgart halten können und wenn man das Spiel noch einmal Revue passieren lässt, so hätte es auch ganz anders ausgehen können.

Bremen trat mit der gleichen Mannschaft wie gegen Nürnberg an und Dutt setzte auf die Raute, die sich in den letzten Spielen bewährt hatte. Nach dem Rauswurf von Thomas Schneider übernahm in Huub Stevens ein guter alter Bekannter das Ruder in Stuttgart. Beide Mannschaften begannen relativ abwartend und waren vor allem darauf bedacht, aus einer sicheren Abwehr heraus zu agieren. Stuttgart zog sich bei Bremer Ballbesitz häufig weit zurück, stellte sich kompakt auf und machte die Räume eng, was dazu führte, dass sich Prödl und Lukimya mehrfach den Ball hin- und herschoben. Hatten die Stuttgarter den Ball, wirkte das Spiel der Gäste deutlich zielstrebiger und schlicht besser. Vor allem die rechte Angriffsseite machte sehr viel Druck und stellte Ignjovski vor ziemliche Probleme, vor allem, da er von Junuzovic oft nicht rechtzeitig unterstützt wurde.

In Phasen hatte man das Gefühl, beide Mannschaften würden hier mit ähnlicher Prämisse umeinander herumtänzeln: hinten dicht und vorne auf den Lucky Punch warten. Und es war nicht besonders erquicklich, sich das anzuschauen. Vor allen nicht auf der Nord-Tribüne mit all den ganzen Meckeropas und Aushilfs-Cholerikern um einen herum, die schon in der ersten Minute rumpöbeln. Nach dem 0:1 durch Niedermeier, welches aus einem Standard resultierte, drohte das Spiel zugunsten der Gäste zu kippen. Man konnte die Fragezeichen in den Gesichtern der Werder-Spieler förmlich greifen. Zudem leistete man sich defensiv einige Aussetzer, die von den Gästen zum Glück nicht ausgenutzt werden konnten. So bedurfte es eines abgefälschten Freistoßes von Aaron Hunt, um den Ausgleich zu erzielen und in der darauf anschließenden Druckphase der Bremer sogar die Hoffnung auf den Siegtreffer zu nähren.

Über die spielerische Qualität bzw. das Fehlen eben dieser wurde hier und auch an anderer Stelle schon häufiger eingegangen. Gegen Frankfurt war es die einstündige Übezahl und gegen den HSV und Nürnberg die Siege, welche ein bisschen darüber hinwegtrösten konnten. Natürlich gilt es nur, die Klasse zu halten und in Anbetracht dessen ist die Tatsache, dass wir in den letzten fünf Spielen nicht verloren und neun Punkte gesammelt haben, gibt nun wahrlich keinen Grund zur Klage. Aber es ist immer wieder ernüchternd, dass auch Mannschaften, die aktuell in der Tabelle deutlich hinter uns stehen, deutlich spielstärker sind als wir. Diese Saison wird sich daran nichts mehr ändern, allein schon, weil die Rückrunde gezeigt hat, dass mehr Offensive dann zu null Defensive führt. Aber ich hoffe, dass in der nächsten Spielzeit daran gearbeitet wird, dass wir nicht uns nicht mehr um den Titel “spielerisch schlechteste Mannschaft der Liga” kloppen dürfen.

Die Jungs vom Grünweiß-Stammtisch haben in der letzten Folge auch über den immer wahrscheinlicher werdenden Abschied von Aaron Hunt gesprochen. Anfang der Woche wurde Hunt mit Gladbach, Leverkusen, Besiktas Istanbul sowie Tottenham in Verbindung gebracht. Ich persönlich würde einen Abgang von Hunt sehr bedauern. Zum einen weil er in den letzten Jahren seinen Wert für die Mannschaft mehrfach unter Beweis gestellt hat. Gerade zuletzt war er an drei von vier Toren in den wichtigen Spielen gegen direkte Konkurrenten beteiligt. Zum anderen stammt er aus der eigenen Jugend, ist für mich (auch wenn einige das ganz anders sehen) eine wichtige Identifikationsfigur dieser Mannschaft. Ich kann seine Motivation nachvollziehen. Es ist unwahrscheinlich (außer bei einem mittelschweren Wunder), dass Bremen in naher Zukunft wieder europäisch spielen wird. Da können andere Vereine ihm deutlich mehr anbieten (vom Geld ganz zu schweigen). Und für Bremen ergibt sich durch das frei werdende Gehaltsbudget sowie eine andere spielerische Ausrichtung auch eine Chance zur Neu-Ausrichtung. Dennoch gebe ich die Hoffnung vorerst nicht auf, aber seine Aussage Anfang der Woche, die sinngemäß lautete: “Wenn Werder sofort eine Entscheidung haben möchte, können sie sie bekommen”, deutet schwer darauf hin, dass eigentlich alles klar ist. Wahrscheinlich hat man sich dazu entschieden, mit der Verkündung zu warten, bis die sportliche Situation sich deutlich entspannt hat.

Nächste Woche steht dann das vorerst letzte Spiel der “Wochen der Wahrheit” auf dem Programm. Werder wird beim SC Freiburg zu Gast sein. Ich denke, Freiburg wird die deutlich aktivere Mannschaft sein und sich weniger passiv verhalten, als dies Stuttgart zum Teil getan hat. Dies sollte uns deutlich besser liegen und mit der guten alten “Lucky Punch”-Taktik können wir dort ja vielleicht was mitnehmen.

Lebenslang Grün-Weiß!

Absetzbewegung

Nach dem 2:0 in Nürnberg weist die inoffizielle “Wochen der Wahrheit”-Statistik nach drei von fünf Spielen schon 3:0 Tore und sieben Punkte auf. Für mich persönlich wäre ich mit sieben bis neun Punkten nach diesem Pulk an Spielen gegen direkte Konkurrenten mehr als zufrieden gewesen. Mittlerweile haben wir wieder angenehme acht Punkte Abstand auf den Relegationsplatz und Werder ist wieder in deutlich ruhigeren Gewässern unterwegs.

Das Spiel

Wieder war es eine stabile Defensive, die den Grundstein für den Sieg legte, wie auch Tobias in seinem Blogbeitrag sehr ausführlich darlegt. So entstanden aus der deutlichen Feldüberlegenheit der Nürnberger (Ballbesitz 66% für Nürnberg; Passquote 76% Nürnberg, 63% Bremen) insgesamt nur vier Schüsse aufs Tor. Während ich das Spiel schaute, habe ich den 1. FCN deutlich gefährlicher wahrgenommen und war beim Blick auf die Statistik einigermaßen überrascht. Aber wir sind jetzt wieder in der Lage, dem Gegner das Spiel zu überlassen, ihn dorthin abzudrängen, wo wir ihn am liebsten haben wollen und die dann entstehenden Angriffe unbeschadet zu überstehen. So spielte Nürnberg viel über außen und agierte mit hohen Bällen, die ein gefundenes Fressen für uns waren. Und als Nürnberg in Halbzeit zwei deutlich stärker durch die Mitte kam, stellte Dutt von Raute auf zwei Sechser in einem 4-2-3-1 um und gab der Mannschaft damit – wie schon gegen den HSV – die nötige Stabilität.Wenn sich bei mir dann noch wieder mehr Vertrauen in unsere Abwehr einstellt, kann ich so ein Spiel auch deutlich entspannter genießen. ;)

Das eigene Angriffsspiel war relativ überschaubar und beide Tore fielen nach Ballgewinnen im Mittelfeld und mit ein bisschen Glück: Di Santo fällt der Abpraller von Hunts Distanzschuss vor die Füße und Pinola fälscht Bargfredes Schuss entscheidend ab. Aber manchmal muss man sein Glück auch entsprechend erzwingen. Was mir an Di Santo besonders gefällt ist die Tatsache, dass er auch in der Lage ist, sich selbst Chancen zu kreieren. Bei seinem Lattenschuss kann er die Verteidiger abschütteln und abziehen. Eine Eigenschaft, die Petersen (bei all seinen Qualitäten im Angriffspressing und seinem Einsatz) leider etwas abgeht und die aktuell sehr wichtig ist.

Vor einigen Spieltagen war die Stimmung bei mir ziemlich am Boden. Das hat sich durch die Serie doch deutlich entspannt. Ich bin weit davon entfernt, völlig euphorisch zu sein, aber mit drei bis vier Punkten in den nächsten beiden Spielen gegen Stuttgart und Freiburg könnte fast schon eine Vorentscheidung zugunsten des Klassenerhalts fallen. Dafür ist es natürlich notwendig, die kommenden Partien genauso anzugehen wie die letzten drei Spiele: mit Kampf, Defensive, Leidenschaft und dem einen oder anderen Lucky Punch.

Fair-Play?

Aaron Hunt sorgte nicht nur mit seinem sehenswerten Schuss vor dem 1:0 für Gesprächsstoff, sondern auch dadurch, dass er in der 75. Minute einen Elfmeterpfiff von Manuel Gräfe korrigierte, der ein Foul an Hunt im Nürnberger Strafraum gesehen hatte. So bemerkenswert die Geste ist, so sehr geht auch mir als Bremer der Hype darum ein bisschen zu weit, vor allem wenn dann gleich ein Fair-Play-Preis im Raum steht. Hunt selbst stellte die Situation so dar:

“Ich habe dem Schiedsrichter gesagt, dass es eher eingefädelt war von mir. Ich wollte die Berührung haben, habe dann aber gemerkt, dass Pinola zurückgezogen hat. Ich habe dann ein bisschen mit mir gekämpft, so wollte ich hier nicht gewinnen, auch wenn Abstiegskampf ist.” (Quelle)

So schön die Geste ist, so sehr schließe ich mich da Burning an, dass es hier ja eigentlich um eine Schwalbe geht, die Hunt versucht hat und was er ja auch in seinen Aussagen bestätigt. Das gehört mittlerweile zum Repertoire eines Fußballers, aber die Tatsache, dass Hunt seinen versuchten Beschiss wieder korrigiert, muss man echt nicht für den Friedensnobelpreis vorschlagen.