Spektakel

Am Freitagabend kann Bremen mit einem 3:3 einen Punkt aus Leverkusen entführen und dabei Erinnerungen an damals™ wecken. An die Zeiten, wo Spiele mit Bremen immer für viele Tore gut waren und es nicht nur im Kasten der Grün-Weißen klingelte. Vor dem Spiel war ich äußerst skeptisch, da Leverkusen sehr gut in die Saison gestartet war und durch hohen Pressing-Druck auch oft zu schnellen Toren kamen, welche den Gegner aus dem Konzept brachten. SKY-Kommentator Lindemann gab sich vor und während des Spiels auch alle Mühe Leverkusen zum absoluten Top-Team hochzusterilisieren.

Bremen kam dabei gut aus den Startlöchern und konnte ein, zwei gezielte Nadelstiche setzen. Über die gesamte Partie ließen sich die beiden Spitzen nach außen fallen und zu Beginn ergaben sich da ein paar schöne Kombinationen mit den aufrückenden Außenverteidigern. Leverkusen roch den Braten aber schnell und konnte zunehmend die Kontrolle über das Spiel übernehmen. Nach etwas mehr als einer Viertelstunde sorgt ein Bremer Ballverlust tief in der eigenen Hälfte für das 0:1 und im Anschluss daran musste man Angst um Werder haben. Leverkusens Trainer Roger Schmidt nannte es einen Witz, dass man mit einem Unentschieden in die Pause ging und was Bayer in der Zeit an Chancen hatte, hätte locker für einen Kantersieg gereicht. Doch mit Glück, Wolf und der Unfähigkeit Leverkusens konnte man das 0:1 halten und kurz vor der Pause einen Konter über Fin Bartels zum 1:1 vollenden. Völlig überraschend und unverdient, aber das ist ja oft das Tolle am Fußball.

In Halbzeit zwei war das Spiel in meinen Augen ein bisschen ausgeglichener, auch wenn Leverkusen immer noch ein Übergewicht hatte. Di Santo konnt in der 60. Minute die Grün-Weißen in Führung bringen, wieder nach einem schönen Konter, doch Leverkusen konnte postwendend ausgleichen und in der 73. Minute sogar das 3:2 machen. Doch Bremen lässt sich diese Saison einfach nicht unterkriegen und stellte auch in der BayArena die eigenen Comeback-Fähigkeiten unter Beweis als Prödl in der 85. das 3:3 markierte. Jubel vor dem Fernseher, Jubel auf dem Rasen und Jubel auf den Rängen. Nach dem Abpfiff bleibt ein zufriedenes Gefühl zurück, sich gegen ein Top-Team der Liga behauptet zu haben, wieder einmal auf Rückstände geantwortet und im Anschluss an das Leverkusener 3:2 nicht aufgegeben zu haben.

Bremen ist aktuell nach drei Spielen noch ungeschlagen und konnte an der einen oder anderen Stelle schon vielversprechende Ansätze zeigen, wie bspw. die letzte halbe Stunde gegen Hoffenheim oder die Konter im Spiel am Freitag. Aber da ist auch noch viel Luft nach oben und man darf sich zukünftig nicht alleine auf die Comeback-Qualitäten verlassen. Auch wenn ich es auf den Adrenalin-Rausch nach dem Spiel schieben würde, las ich häufiger von einem tollen spielerischen Auftritt und gelungenem Kombinationsfußball gegen Bayer. Für die Tore und vor allem die Konter trifft das auf jeden Fall zu, jedoch sollte man nicht außer acht lassen, dass Bremen gerade einmal 51% der Pässe an den Mann brachte (Leverkusen übrigens auch gerade einmal 65%). Im Hinblick auf eine eher reaktive Taktik ist das sicherlich nicht schlimm, aber gelungener Kombinationsfußball sieht irgendwie anders aus. ;)

Im nächsten Spiel spielt Werder auswärts gegen Augsburg, wo man letzte Saison noch ziemlich klar mit 1:3 verloren hatte. Ich hoffe, dass man dort einen weiteren Schritt nach vorne machen kann und vielleicht einmal nicht in Rückstand gerät. Es wird mal langsam Zeit für den ersten Dreier in dieser Saison!

Lebenslang Grün-Weiß!

Holpriger Start

Die erste Runde im DFB-Pokal wurde gespielt (und ausnahmsweise überstanden) und die ersten beiden Spieltage der Bundesliga sind absolviert. Insgesamt ist es ein holpriger Start in die neue Saison und das gilt nicht ausschließlich für die Leistungen auf dem Platz.

Nebengeräusche

Zwischen dem Pokalauftritt in Illertissen, den Werder nach Verlängerung für sich entscheiden konnte, und dem Bundesliga-Auftakt in Berlin kam es noch zum Showdown zwischen Aufsichtsrat und Geschäftsführung. Dabei ist es an sich sicherlich kein besonderer Vorgang, wenn sich AR und GF hinsetzen, um über den zukünftigen Weg des Vereins zu beraten. Was aber diesmal besonders auffiel: im Vorfeld wurden sowohl Zeitpunkt als auch erste Details des Termins bekannt. So konnte man in der SKZ lesen, dass einige Transfers von Eichin (Makiadi, Petersen und Obraniak) kritisch hinterfragt wurden und darüber hinaus zu wenig Wert auf Nachwuchsförderung gelegt werde. Der AR wollte daher den Konsolidierungskurs fortführen. Eichin und die GF wollten dem Vernehmen nach um weitere Mittel für Transfers bitten (zu dem Zeitpunkt war ein mögl. Ruiz-Deal angedacht).

Diese unterschiedlichen Standpunkte an sich sind in meinen Augen gar nicht das Problem, denn in meinen Augen sind beide Sichtweisen nachvollziehbar. Eichin möchte mehr investieren, um den Kader zu verstärken und eine erfolgreichere Saison zu spielen. Der AR hingegen nimmt seine Kontroll-Funktion wahr,  verweist auf die Verluste der letzten Geschäftsjahre und kann sich letztlich mit dem Beharren auf  dem Konsolidierungskurs durchsetzen. Für den einen oder anderen Fan ist damit der AR, vor allem in Person von Lemke, der Sündenbock. Es formieren sich Anti-Lemke-Gruppen auf Facebook und anderswo im Netz, wo man seinem Hass freien Lauf lassen kann. Eichin war sichtlich angefressen, was weniger an den Inhalten gelegen haben dürfte als vielmehr der Tatsache, dass hier über die Öffentlichkeit Politik betrieben wurde. Warum lässt man bspw. Eichin gefühlt wochenlang an Ruiz baggern, nur um ihn dann öffentlich auszubremsen? Warum wurde ausgerechnet zur AR-Sitzung das Gerücht veröffentlicht, dass Werder Bremen das laufende Geschäftsjahr angeblich mit einem Verlust von 8 Mio. Euro beendet? Ein Schelm, wer Böses dabei vermutet. Dabei gibt es für die Beibehaltung des Sparkurses gewichtige Gründe, wie die Verluste der letzten Jahre zeigen oder auch die Tatsache, dass man mit dem Weserstadion und der Beteiligung daran Verlust macht oder auch die Frage, wer für die Mehrbelastungen durch neue Hochwasserschutz-Maßnahmen aufkommt. Es ist nicht einfach nur schwarz oder weiß in der Frage nach höheren Investitionen.

Für den Moment gibt sich Eichin entspannt und spricht davon, dass man mit der Transferphase zufrieden sei und er Spaß an seinem Job hat. Ich hoffe, dass die Posse um den AR-Termin tatsächlich keine langfristigen Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen AR und GF hat und sowas in Bremen nicht zur Gewohnheit wird.

Der Ball rollt

Ich gestehe an dieser Stelle, dass ich von den drei bisherigen Spielen nur Zusammenfassungen gesehen habe. So schön es ist, im DFB-Pokal als Underdog in Runde zwei eingezogen zu sein, so bedenklich fand ich das Zustandekommen. Schieben wir es mal auf die Nervosität und Versagensängste. Zum Glück haben wir in Runde zwei mit dem Chemnitzer FC ein Los, bei dem ein Weiterkommen nicht völlig ausgeschlossen ist.

Bei den beiden bisherigen Bundesliga-Partien kam Werder zweimal nur schwer ins Spiel und war jeweils ca. 55 – 60 Minuten die unterlegene Mannschaft. Gegen Berlin kann man das Spiel noch glücklich ausgleichen und gegen Hoffenheim bleibt nach furiosen 30 Minuten zum Ende des Spiels ein wenig Enttäuschung zurück. Hier spielte man die Hoffenheimer regelrecht an die Wand und konnte sich zu mehreren richtig guten Gelegenheiten kombinieren. Zurecht steht die Frage im Raum, was erst passiert, wenn Werder sich so eine Leistung nicht nur für das letzte Drittel des Spiels aufhebt. Diese Schlußphase gegen Hoffenheim macht für die Saison richtig Mut, auch wenn man es nicht überbewerten sollte. Die Mannschaft hat gezeigt, dass sie auch richtig ansehnlichen Fußball spielen kann und eben nicht alleine über den so genannten Lucky Punch zu ihren Toren kommt. Sie knüpfte an die Leistungen zum Ende der letzten Saison an, als die Mannschaft zunehmend besser in Fahrt kam und auch fußballerisch nicht nur Magerkost auftischte.

Nun befinden wir uns mitten in der Länderspielpause und der nächste Gegner am 12.09. ist Bayer Leverkusen. Hier wäre es dann dringend angeraten, gegen die Schnellstarter nicht erst in der zweiten Halbzeit mit dem Kicken anzufangen. ;)

Lebenslang Grün-Weiß!

In den Startlöchern

Am kommenden Sonntag geht die neue Saison los und für den SV Werder steht das erste Pflichtspiel im DFB-Pokal an. Bevor Bremen versucht, die sagenumwobene zweite Pokalrunde zu erreichen, hier eine kleine Vorschau auf die neue Saison.

Der Kader

Es gab im Sommer einige Abgänge: Füllkrug, Wurtz, Röcker, Schmitz, die Steffis, Miele, Iggy, Hunt und ganz aktuell: Akpala. Sportlich ist in meinen Augen nur der Abgang von Hunt einer, der leichte Bauchschmerzen verursacht, ansonsten sind es Abgänge, die allenfalls menschlich ein bisschen schade sind (Miele, Iggy), aber die auf den Verlauf der nächsten Saison keinen Einfluss nehmen werden. Mit Akpala verschwindet eines der letzten Mahnmale vom Propheten des bestellten Feldes. Bei Lücke und Wurtz hat man wohl nicht damit gerechnet, dass sie in naher Zukunft der Mannschaft weiterhelfen können. Insgesamt hinterlassen die Abgänge nicht unbedingt riesige Baustellen im Kader.

Natürlich haben auch einige neue Spieler den Weg nach Bremen gefunden: Raif Husic, der erst einmal in der U23 zum Einsatz kommt, Izet Hajrovic, Alejandro Gàlvez sowie Fin Bartels. Izet Hajrovic kam ablösefrei von Galatasaray Istanbul, die eher sporadisch bis gar nicht die Gehälter überwiesen. Bei der WM konnte er schon in Ansätzen zeigen, was von Ihm zu erwarten ist: Schnelligkeit, Technik und einen guten Torabschluss. Schöner Überraschungsdeal von Eichin. Gàlvez kam ablösfrei aus Spanien und kann sowohl in der Innenverteidigung als auch auf der 6 spielen, wo er in der Vorbereitung überwiegend zum Einsatz kam. Abschließend noch Fin Bartels, der vom FC St. Pauli an die Weser gewechselt ist. Auf den ersten Blick ein Mann für die Breite, der in der Vorbereitung häufiger zum Einsatz kam und vielleicht auch gegen den FV Illertissen ran darf.

Insgesamt sehe ich den Kader ganz gut aufgestellt. Klar, im Sturm ist es noch ein bisschen dünne, aber vielleicht tut sich da noch etwas, bevor das Transferfenster Ende des Monats wieder schließt. Im Mittelfeld sind wir mit einer Fülle an Optionen ausgestattet und ich rechne damit, dass wir hier häufiger mal personelle Wechsel sehen, in Abhängigkeit vom Gegner und der jeweiligen Form. Eine detaillierte Betrachtung aller Spieler lieferte kürzlich Tobias von MeineSaison.

Vorbereitung

Ein Testspiel ist ein Testspiel ist ein Testspiel. Es war eine durchwachsene Vorbereitung mit klaren Siegen gegen unterklassige Teams, zähen Partien wie bspw. gegen Bilbao, dem Höhepunkt gegen Chelsea und zwei Niederlagen im Endspurt. So wie nach dem 3:0 gegen Chelsea bei mir keine Euphorie ausbrach, sehe ich auch die beiden Niederlagen gegen Hannover und Leicester relativ entspannt. Wichtig ist das Pokalspiel am Sonntag sowie der Auftakt der Bundesliga und wenn wir da erfolgreich sind, interessieren die Niederlagen niemanden mehr (ebenso wie man sich bei einem Fehlstart nix für das 3:0 hätte kaufen können).

Wichtiger ist ja eh die Etablierung von Abläufen und das Festigen der Sicherheit, welche die Mannschaft zum Ende der letzten Saison zeigte. Und man hat ja auch ein wenig mit dem WM-Trend 3-5-2 rumexperimentiert und vielleicht sehen wir das ja in der kommenden Saison auch mal live auf dem Platz.

Was ist zu erwarten?

Robin Dutt und Thomas Eichin machen einen entspannten Eindruck. Während Eichin am Kader der kommenden Saison schraubt, arbeitet Dutt an der Weiterentwicklung der Mannschaft. Dabei sprechen beide nach außen mit einer Stimme und formulieren gleichlautende Ziele: die Mannschaft den nächsten Schritt machen lassen und irgendwo zwischen Platz acht und zwölf landen. Die Grundlage dafür wurde in der letzten Saison gelegt, auch wenn die Früchte erst später in der Saison geerntet werden konnten. Doch diese Saison kann man auf den gemachten Erfahrungen aufbauen und muss nur wenige neue Puzzleteile integrieren. Es sollte gelingen, spielerisch einen weiteren Schritt nach vorne zu machen und von einem vornehmlich reaktiven Stil hin zu mehr eigener Aktivität zu kommen. Aber man sollte keine Wunderdinge erwarten und ich finde es richtig, dass die sportliche Führung den einstelligen Tabellenplatz nicht zum allein glückselig machenden Saisonziel auserkoren hat.

Dabei ist der Schritt auf Platz neun im Zweifel gar nicht so groß, denn wenn man sich die letzten fünf Saisons anschaut, hatten die Teams auf Platz neun zwischen 42 und 47 Punkten. Bremen hatte in der abgelaufenen Saison 39, ein so großer Sprung ist dies also gar nicht. Sollte man sich spielerisch weiterentwickeln, vielleicht ein paar richtig gute Spiele abliefern und am Ende “nur” Zehnter werden, sollte das jedoch kein Anlass zu Beschwerden sein.

Ich gehe positiv in die kommende Saison und erwarte den nächsten Schritt von der Mannschaft. Man hat die Mannschaft punktuell verstärkt und kann auf der Grundlagenarbeit der letzten Saison aufbauen. In meinen Augen ist damit zu rechnen, dass wir dieses Jahr eine Hand voll Spiele dabei haben werden, wo der SVW auch spielerisch überzeugen kann und man rundum zufrieden aus dem Stadion kommt. Einen weiteren Vorbericht findet man bei Andreas im Werder Exil.

Lebenlang Grün-Weiß!

Disaster strikes (once) again

Schon nach der Auslosung der Gruppen für die WM war mir klar, dass es für die Three Lions nicht einfach werden würde und das Überstehen der Vorrunde schon ein Erfolg wäre. Italien als klarer Favorit, Uruguay als zumindest harte Aufgabe und die Wundertüte Costa Rica. Dennoch ist man als Fan einer Mannschaft enttäuscht, auch wenn man es vielleicht schon hat kommen sehen.

Bella Italia

Dabei fing es gegen Italien noch relativ positiv an: Trainer Hodgson stellte die Mannschaft sehr defensiv ein und überließ den Italienern das Feld, um bei Ballgewinnen über Sterling, Sturridge, Rooney und Welbeck schnell nach vorne zu spielen. Beim 1:1 durch Sturridge hat das auch mustergültig funktioniert, als erst Sterling Rooney steil schickt und der auf Sturridge flankt. Doch letztlich konnte man dieses Spiel zu selten aufziehen und die Grenzen dieser Herangehensweise wurden vor allem sichtbar, als die Italiener sich nach dem 2:1 aufs Verteidigen beschränkten und England gezwungen war, selbst das Spiel zu machen und Lösungen für das Bollwerk made in Italy zu finden – eine Aufgabe, an der auch schon deutlich höher eingeschätzte Mannschaften in der Vergangenheit gescheitert sind.

Abseits der durchaus positiven Ansätze ließ das Spiel aber auch ausreichend Raum für Kritik. Zum einen wäre da Wayne Rooney und die Art und Weise, wie er die Position auf der Außenbahn interpretierte. Bis zur Flanke vor dem 1:1 war er de facto nicht zu sehen und überhaupt nicht ins Spiel eingebunden. Darüber hinaus unterstützte er Leighton Baines in der Rückwärtsbewegung nur unzureichend. Es ist sicher kein Zufall, dass Italiens Candreva auf der linken englischen Abwehrseite sehr auffällig spielte. Wo wir bei Baines sind: der hat seine Stärke deutlich in der Vorwärtsbewegung und auch wenn ihm die Absicherung fehlte, so stellt sich die Frage, warum Hodgson bei der Kader-Nominierung nicht auch Ashley Cole mitnahm. Sicher, Cashley hat nicht mehr den Offensivdrang früherer Tage, aber defensiv hat er Baines immer noch einiges voraus.

Auch die Doppel-Sechs mit Gerrard und Henderson gefiel mir ebenso wenig wie die Innenverteidiger Cahill und Jagielka, die allesamt keine Ruhe und Sicherheit ausstrahlen konnten. Durch die Niederlage der Italiener gegen Costa Rica gestern stellt sich zudem die Frage, wie stark Italien wirklich ist und ob England nur deshalb einigermaßen gut aussah, weil man gegen einen schwachen Gegner gespielt hat (der dennoch 2:1 gewonnen hat).

Hooray Uruguay

Das Spiel gegen Uruguay war für beide Mannschaften schon ein Endspiel, da auch die Südamerikaner mit einer Niederlage (1:3 gegen Costa Rica) ins Turnier gestartet waren. Hodgson nahm einen Positionswechsel vor, bei dem Rooney auf die zentrale Position hinter Sturridge rutschte. Ansonsten trat England im Vergleich zum Italien-Spiel personell unverändert auf. Klar war aber, dass es diesmal nicht ausreichen würde, sich hinten reinzustellen und auf Konter zu lauern. Und ebenso deutlich wurde, wie wenig England in der Lage ist, das Spiel selbst zu gestalten. Uruguay stellte sich tief hinten rein, zerstörte das Spiel und setzte auf die Offensive um Cavani und Suàrez. Was beim 1:0 der Urus ganz hervorragend funktionierte und wieder die Frage nach der Qualität der Verteidigung aufwarf.

Nach vorne blieben die im ersten Spiel noch so auffälligen Sterling und Sturridge völlig blass, während Rooney eine gute Partie machte und sich mit dem zwischenzeitlichen 1:1 und seinem ersten Treffer bei einer WM belohnte. Zu allem Überfluss legte auch noch Steven Gerrard das 1:2 durch Suàrez auf, ein Nackenschlag, von dem sich England nicht mehr erholte, denn das verzweifelte Anrennen in den letzten Minuten brachte keinen Treffer mehr für die Three Lions. Wie schon Italien war Uruguay keinesfalls ein übermächtiger Gegner, aber die Kombination aus mannschaftlicher Geschlossenheit, Leidenschaft und eben Suàrez reichte aus, um England aus dem Turnier zu kegeln und für das schlechteste Abschneiden der Engländer seit 1958 zu sorgen.

What’s next?

Zunächst einmal stellt sich die Frage, ob Roy Hodgson der richtige Trainer ist. In beiden Spielen war Hodgson nicht in der Lage, auf den Spielverlauf durch Wechsel und taktische Anpassungen zu reagieren. Was noch schwerer wiegt: England verschläft schon lange die Entwicklungen im Fußball. Pressing, Gegen-Pressing, defensive Kompaktheit und eine übergreifende Spielidee finden sich bei den Three Lions schon seit Jahren nicht. Da hat auch Roy Hodgson keine Veränderungen herbeigeführt, auch wenn er immerhin das 4-2-3-1 eingeführt hat. Es ist schon bezeichnend, dass Nationen wie bspw. Costa Rica oder Chile fußballerisch schon lange an England vorbeigezogen sind. Dabei ist das Problem keines, welches die Three Lions exklusiv hätten, denn auch die EPL insgesamt hinkt da deutlich hinterher und bestimmte Spielweisen lassen sich nicht alleine aus der Nationalmannschaft heraus einführen, wenn sie nicht auch in den Vereinen praktiziert werden. Sollte man zu dem Schluss kommen, dass Hodgson nicht mehr der Richtige ist (aktuell spricht die englische FA dem Trainer das Vertrauen aus), dann wird man einen entsprechenden Nachfolger finden müssen. Aktuell habe ich keinen Kandidaten im Visier, dem ich diese Aufgabe zutrauen würde. Wobei ich jetzt auch bspw. im Bereich der Jugendtrainer und zweiten Liga nicht genug Trainer kenne.

Bei der WM konnten einige vielversprechende Spieler schon erste Erfahrungen sammeln, wie Sterling, Barkley, Lallana, Wilshire oder auch Sturridge. Dies sind Spieler, die aller Wahrscheinlichkeit nach auch in der Zukunft eine entscheidende Rolle in der Nationalmannschaft übernehmen werden. Doch darüber hinaus werden noch weitere Spieler benötigt und da ist die Frage, ob genügend Nachwuchs nachrückt und vor allem auch Spielzeit in der EPL bekommt, vorzugsweise bei den großen Clubs, die auch in Europa vertreten sind. Dem gegenüber steht natürlich die Interessen der Vereine und deren Besitzer, die ihren Erfolg maximieren wollen und bei denen die Förderung des englischen Nachwuchses eher eine untergeordnete Rolle spielt. Durch die hohen Einnahmen der Vereine sowie die Zuwendungen der diversen Besitzer ist es auch deutlich einfacher, fertige Spieler zu holen, als Nachwuchsspieler auszubilden. Das ist jetzt arg pauschalisierend, aber selbst ein Abstiegskandidat wie Fulham kann im Winter mal eben Kostas Mitroglou für ca. 15 Millionen Euro von Piräus verpflichten, damit er dort dann kaum spielt. Natürlich gibt es auch Clubs in der EPL, die geschickt investieren und nicht alleine durch dicke Schecks überzeugen, aber dies ist meist die Ausnahme. Man kann aber anhand der oben genannten Spieler und auch der errungenen Erfolge im Nachwuchsbereich (U-17 Europameister) sehen, dass man die Weichen entsprechend stellt, aber zum einen brauchen gerade Veränderungen im Nachwuchsbereich Zeit und zum anderen kann der Verband nur Entwicklungen anstossen, ist aber auch auf die Mitwirkung bspw. der EPL angewiesen.

Einen letzten Punkt, den auch die Spielverlagerung in der Analyse des Matches gg. Uruguay kurz angerissen hat, ist die Tatsache, dass zwischen Potential und tatsächlicher Leistung bei den Three Lions eine große Diskrepanz herrscht. Jetzt weiß ich nicht, ob man der These der Spielverlagerung mit England als potentiellem Titelkandidaten zustimmen muss, aber mehr als ein Vorrundenaus sollte mit den Spielern durchaus drin sein. Hier kommt man wieder auf den Trainer zurück und dessen Probleme, die vorhandenen PS auf die Straße zu bekommen. Dabei ist diese klaffende Lücke zwischen Potential und dem tatsächlich Gezeigten beileibe kein neues Phänomen im Zusammenhang mit der englischen Nationalmannschaft. Wie oft hat man gesehen, dass Top-Spieler der Liga im Trikot der Three Lions bestenfalls noch Mittelmaß anbieten. Ich wage die steile These, dass dies nicht alleine auf die Trainer zurückzuführen ist. Der öffentliche Druck zumindest hat in den letzten Jahren nachgelassen und anders als vor einigen Jahren wird die Mannschaft nicht von Fans und Medien als ernstzunehmender Titelkandidat gesehen. Vielleicht hilft hier mal ein professioneller Exorzist, um die offensichtliche Blockade im Kopf zu lösen.

Das Ausscheiden der Three Lions ist eine Enttäuschung und ich hoffe, dass man an den entscheidenden Stellen auch die richtigen Schlüsse zieht, um das englische Team in den nächsten Jahren wieder in die Spur zu bringen. Dabei erwarte ich keine Wunderdinge, sondern einfach mittelfristig ein Team, welches in der Lage ist, einen guten Ball zu spielen und auch von der Taktik her nicht mindestens zehn Jahre hinter dem Rest der Welt hinterher hinkt.

 

WM Stöckchen

Der Tobi hat ein Stöckchen vom weitergereicht. Danke dafür, wenigstens einer, der mich mal mit einbezieht. ;)

Dein erstes bewusstes WM-Erlebnis war?

Ich denke, das erste Mal mit der WM bin ich 86 in Berührung bekommen, aber eher so am Rande. So richtig bewusst eine WM verfolgt habe ich zuerst 1990. Dabei war es mir vor allem wichtig, dass Deutschland nicht gewinnt, ohne heute sagen zu können, wodurch meine Abneigung gegen die bundesdeutschen Kicker begründet war. Was ich noch weiß: irgendwann wettete ich gegen meine gesamte sechste Klasse, dass Deutschland niemals nicht den Titel holen würde. Tja, am Ende verlor ich und musste eine Palette Fanta (natürlich in Dosen, wegen Rock ‘N’ Roll und so) ausgeben. Während nach dem gewonnenen Finale alle in Jubel ausbrachen und draußen gefeiert wurde, saß ich griesgrämig im Wohnzimmer und wollte nicht wahrhaben, was da gerade passierte. Es war der Beginn einer großen Liebe zum deutschen Nationalteam. ;)

Mit welcher WM-Legende würdest Du gern einmal Doppelpass spielen?

Schwierige Frage. Ich nehme einfach mal Paul Gascoigne, der war nicht nur ein geiler Fußballer, sondern soll ja auch ein richtig witziger Typ sein. Aber nach dem Kicken dann nur alkoholfreies Zeug, klare Sache.

Welchem TV-Kommentator wirst Du bei der WM gerne zuhören?

Insgesamt finde ich die Kommentatoren der ÖR ziemlich anstregend. Ich will hier gar nicht groß mit dem Kommentatoren-Bashing anfangen, denn die Diskussion wird ja spätestens zu den großen Turnieren immer wieder aufs Neue belebt. Ich sehe ja ein, dass es nicht einfach ist, so eine Partie zu kommentieren, aber geht es nicht auch ein bisschen attraktiver? Wenn ich dann noch sehe, wie Tom Bartels beim Spiel zwischen Uruguay und Costa Rica immer wieder den deutschen Schiri Dr. Brych lobt und von jeglicher Kritik ausnimmt, ist das einfach nur noch peinlich. Aber man kann ja entweder auf Stadionton umschalten oder sich alternativ bspw. nach Übertragungen anderer Länder umschauen.

Die Iren haben sich für die WM am Zuckerhut leider nicht qualifiziert. Welchem weiteren Land drückst Du neben Jogis Jungs den Three Lions als »Zweitteam« die Daumen?

Ach, meist habe ich mehrere Teams, die ich mir gerne anschaue bzw. denen ich den Erfolg gönne: u.a. Spanien (ging ja auch gut los) oder auch Argentinien und Brasilien. Also Teams, bei denen die Hoffnung besteht, dass man tollen Fußball geboten bekommt.

Zu Jogis Jungs den Three Lions: Nenne Deine beiden Lieblingskicker aus dem englischen Kader?

Zum einen Wayne Rooney. Ich weiß, dass er gerade bei großen Turnieren in der Vergangenheit eher weniger durch gute Leistungen aufgefallen ist, aber dennoch mag ich Rooney als Spieler. Eigentlich hat er alle Anlagen, ein richtig Großer zu sein, aber nicht selten stand er sich in der Vergangenheit im Weg. Weder bei der englischen Nationalmannschaft noch bei Man United ist “Shrek” mittlerweile unumstritten. Das gestrige Spiel gegen Italien hat auch irgendwie beide Seiten von Wazza gezeigt: zum einen die Vorlage zum 1:1 gegeben und um die 60. Spielminute rum die dicke Chance zum 2:2 auf dem Fuß gehabt, zum anderen über weite Strecken komplett unsichtbar geblieben. Aber dennoch mag ich Rooney irgendwie.

Der zweite Lieblingskicker ist Daniel Sturridge. Richtig geile Saison bei Liverpool gespielt und endlich wieder ein richtiger Vollstrecker im Sturm. Wenn das so weiter geht, kann man mit ihm noch ganz viel Spaß haben.

Wie weit kommen Jogis Jungs die Three Lions?

Schon vor der gestrigen Niederlage wäre ich mit dem Überstehen der Vorrunde zufrieden gewesen. Viele junge Spieler und eine doch recht knifflige Gruppe lassen mich nicht allzu optimistisch auf die Erfolgsaussichten blicken.

(Wenn nicht Jogis Jungs die Three Lions:) Wer wird am 13.07.2014 im Maracanã Weltmeister?

Brasilien oder Argentinien.

Spieglein, Spieglein in der Hand

In der aktuellen Ausgabe des Spiegel-Magazins findet sich unter der Überschrift “Der grüne Virus” ein längerer Artikel über den SV Werder, der sich mit dem “mysteriösen Zerfall einer großen Mannschaft” beschäftigt. Mittlerweile ist der Artikel auch online zu finden. Der Verfasser Cordt Schnibben outet sich gleich zu Beginn als langjähriger Werder-Fan, der sich darüber wundert, dass Werder zehn Jahre nach dem sensationellen Meistertitel der Saison 2003/04 nur noch in den Niederungen der Liga rumkrebst. Nun ist mir klar, dass ein solcher Artikel nicht für den harten Kern der Werder-Fans geschrieben ist, sondern sich auch an Leser richtet, die eben nicht jedes Spiel des SVW verfolgen. Und ich möchte auch klarstellen, dass Schnibben grundsätzlich mit den Gründen für den Niedergang in den letzten Jahren ja nicht Unrecht hat. Dennoch sind mir einige Dinge aufgefallen, die ich mal zur Diskussion in den Raum stelle.

Da wäre einmal der Veröffentlichungszeitpunkt: Es ist ja nun wahrlich nicht die erste Saison, die Bremen eher in den hinteren Regionen der Liga verbringt. In den letzten vier Saisons hat der SVW dreimal gegen den Abstieg gekämpft und allmählich verblassen die Erinnerungen an die glorreichen Tage. Klar, das zehnjährige “Doubiläum” ist gerade gewesen, aber wäre ein solcher Artikel nicht vor zwei, drei Jahren viel aufschlussreicher gewesen und auch aktueller gewesen? Also, zu einem Zeitpunkt, als viele noch dachten, Bremen wird sich schon erholen und durchschreitet nur eine kurze Talsohle. Ich habe das Gefühl, dass mittlerweile schon so ziemlich alles zu dem Thema gesagt wurde und da fügt der Artikel auch keinen neuen Blickwinkel hinzu oder kann mit neuen Erkenntnissen aufwarten.

Der Artikel zeigt auf, wie sehr Bremen von den Einnahmen der Champions League abhängig war, um den entsprechend teuren Kader finanzieren zu können. Für mich war das immer eine Sache, die von Allofs auch so immer wieder klar kommuniziert wurde, gerade in den Momenten, wo Bremen um die CL-Qualifikation kämpfen musste. Das ist eine Sache, die Schnibben irgendwie nicht erwähnt, was ich aber für einen wichtigen Punkt halte, denn nur so konnte Bremen vorhandene Standortnachteile (auf die Schnibben gar nicht eingeht) auch ausgleichen.  Das man dennoch irgendwann angefangen hat Fehler zu machen und vor allem auch die Transfers irgendwann nicht mehr ausreichend Qualität in den Kader brachten steht außer Frage. Aber wenn man den Niedergang betrachtet, muss man doch auch auf die Rahmenbedingungen eingehen. Und die waren und sind in Bremen nun einmal schwieriger als dies anderswo teils der Fall ist.

An zwei Stellen wird Schnibben arg spekulativ. Zum einen geht es darum, ob Werder Gelder an den Finanzmärkten “verzockt” hat. Dies ist ein Gerücht, welches es schon länger gibt und es ist durchaus möglich, dass da etwas dran ist, aber ich würde mir schon wünschen, dass man da ein bisschen was Handfestes präsentieren kann. Zumal das im Zweifel ja auch kein geringer Vorwurf ist. Auch bei den angeblichen Reibereien zwischen Allofs und dem Aufsichtsrat, wo es um “seltsame Spielerberater”, häufige Zusatzzahlungen und Gefälligkeitstransfers gehen soll, wird kaum etwas Konkretes vorgebracht, außer dem Deal mit Marko Marins Vater, der nach dem Transfer seines Sohnes als Scout bei Werder beschäftigt wurde.

Schnibben schreibt, ihn habe die Begeisterung für Werder verlassen. Früher habe er auf die Spiele hingefiebert, heute schaltet er teilweise nach einer Viertelstunde weg. Für mich weht der Geist der Enttäuschung durch den gesamten Artikel, was ich schade finde. Zum einen sind das sicherlich nicht die ersten “Jahre voller Frust”, die Schnibben in 50 Jahren als Fan des SVW erlebt haben dürfte. Zum anderen habe ich persönlich gerade in dieser Saison das Gefühl gehabt, dass viele Fans sich mittlerweile mit den neuen Gegebenheiten arrangiert haben. Klar, jeder würde ohne mit der Wimper zu zucken lieber wieder oben dabei sein und begeisternden Fußball erleben, aber vorerst ist die Realität eine andere. Schnibben spricht  davon, Werder wirke wie “…ein Organismus, der sich selbst auffrisst, befallen von einem grünen Virus.”Ich hatte gerade zum Ende der Rückrunde hin das Gefühl, dass dort durchaus etwas im Entstehen ist, dass der Grundstein für weitere Entwicklungen gelegt wurde. Auch wenn das Positive dieser Saison noch keinen Anlass zur Euphorie bietet, finde ich es schade, dass der Artikel dies gar nicht zur Kenntnis nimmt.

Lebenslang Grün-Weiß!

P,S.: Lieber Herr Schnibben: wir haben den Abstieg übrigens nicht vermieden, weil drei Teams schlechter waren als Werder, sondern am Ende sogar sechs und weil wir 12 Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz hatten. ;)