Flauschig

Mit 0:6 kam der SVW am Samstag beimVfL Wolfsburg unter die Räder. Zwei Dinge sind mir von dem Spiel nachhaltig in Erinnerung geblieben: einerseits die Tatsache, dass Wolfsburg auf den Flügeln schalten und walten konnte, wie es ihnen gefiel. Es erinnerte ein bisschen an FIFA98, wo Flanken von außen auf halbwegs kopfballstarke Spieler mit einer extrem hohen Quote zum Erfolg führten. Natürlich ist es tragisch, dass Gàlvez per Eigentor das 0:1 erzielte, aber ob an dem Tag das Spiel ohne dieses frühe Gegentor groß anders verlaufen wäre, wage ich zu bezweifeln. Der zweite auffällige Punkt war, dass Wolfsburg sich nicht einmal besonders anstrengen musste. Ich fand es über weite Strecken eine durchschnittliche Partie der Gastgeber, umso erschreckender, dass dies für eine deutliche Klatsche reichte.

Und während der kicker den armen Luca Zander herauspickt, um sich an seiner Leistung abzuarbeiten, stellt sich mir die Frage, wo am Samstag eigentlich die ganzen vermeintlichen Leistungsträger waren. Junuzovic schleppt seine Formkrise immer noch mit sich rum, Fritz fiel nur durch seine gelbe Karte und die damit verbundene Sperre fürs Nordderby auf und Santiago Garcia hat auf seiner Seite auch so seine liebe Mühe. Und das bringt mich zur Frage nach den Führungsfiguren, die Bush schon diskutiert hat. Wo sind die Spieler, welche die anderen mitreißen, an denen sich das Team aufrichten kann, die durch Konstanz vorne wegmarschieren. Vielleicht sind sie gar nicht da, was sich als Problem erweisen könnte. Wo war der Impuls von der Bank? Zur Halbzeit stellte Skripnik von einem 4-1-4-1 auf ein 4-4-2 um und schaffte damit im Mittelfeld noch mehr Räume für Spieler wie Kruse oder Arnold. Natürlich ist es unwahrscheinlich, dass eine Umstellung zur Halbzeit die Partie noch rumgerissen hätte, aber vielleicht hätte man wenigstens das totale Desaster verhindert.

Ein Gedanke, der mir während des Spiels auch kam: ist man bei Werder mittlerweile zu schnell zufrieden. Damit meine ich alle: Spieler, Verantwortliche und auch Fans. Nach den Auswärtssiegen in Mainz und Augsburg hatte ich das Gefühl, dass man dachte, der Dampfer ist wieder auf Kurs. Klar, dass 1:3 gg. Dortmund im Weserstadion war unschön, aber hey, Dortmund ist eine andere Gewichtsklasse. Kannste nix machen. Immerhin hatte man bis zum Wolfsburg-Spiel auch noch keine Partie absolviert, bei der man so richtig vom Platz geballert wurde (wobei es vor allem der mangelnden Chancenverwertung von Leverkusen und Dortmund zu verdanken war).  Und Junu hatte Sokratis dreimal (einself!!!11!!) in einer Szene getunnelt und wir Werder-Fans sind so viel geiler als die aus Wolfsburg! Ich will nicht Bambule und Randale das Wort reden, ich habe auch keinen Bock auf Busblockaden und angespuckte Spieler, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass die Saison in einer Flausch-Wolke abläuft. Bei Siegen überkommt einen das wohlig warme Gefühl, dass das schon alles irgendwie wird und Niederlagen sind zwar unschön, aber auch eigentlich gar nicht so wild. Was dagegen zu tun ist, weiß ich auch nicht.

Und auch die Mitgliederversammlung vom letzten Montag passt da ins Bild. Wieder wird ein Minus präsentiert, das EK ist nur dank des „Tricks“ dieses Jahr einen Abschluß für den Gesamtkonzern zu präsentieren noch nicht komplett weg. Aber selbst die regionalen Medien interessiert das nicht wirklich. Weitesgehend wird die offizielle Version durchgereicht, wonach man auf dem richtigen Weg ist. Wird zwar seit Jahren so von den Verantwortlichen verkündet, ist halt so. Ich gebe zu, ich kenne mich in dem Bereich nicht aus, aber irgendwie habe ich ein schlechtes Gefühl bei Werders Finanzen und den Beteuerungen, dass im laufenden Geschäftsjahr ist die schwarze Null erreichbar, mag ich noch nicht recht trauen. Meine Vermutung: die Finanzierung des Stadions ist ein noch größerer Mühlstein um den Hals des Vereins, als nach außen hin kommuniziert.

Samstag war hoffentlich nur ein Ausrutscher und alleine schon aufgrund des Nordderbys wird sich die Mannschaft am Wochenende ganz anders präsentieren, da bin ich mir sicher. Aber wir haben das zweitschlechteste Tordifferenz, stellen mit Augsburg die zweitschlechteste Defensive und das obwohl man zuletzt über neu gewonnene defensive Solidität sprach. Und langsam mache ich mir Sorgen. Sorgen, dass viele der Außenstehenden, die Bremen als einen der offensichtlichen Abstiegskandidaten sehen, recht behalten. Ich will nicht, dass der Werder-Weg, der auf der MV beschworen wurde, in Liga 2 führt und sich dabei alle lieb haben und man sich den Abstieg mit einer Extraportion Flausch schön redet. Aber wahrscheinlich ist das nur meine eigene Wahrnehmungsblase.

Lebenslang Grün-Weiß!

High Five

Heute ist ein besonderer Tag, denn heute ist Blog-Geburtstag! Vor genau 5 Jahren, am 31.08.2010 erschien hier auf dem Papierkugel Blog der erste Beitrag. Schon vor der Spielwiese hier hatte ich drüben bei den Jungs vom Werderblog meine ersten Texte über den SVW geschrieben. Damals waren da noch mehrere Autoren am Werk, von denen heute leider nur noch Lars aktiv ist. Irgendwann hatte ich Bock auf eine eigene Spielwiese, wo ich selbst komplett schalten und walten konnte. Nicht, dass es beim Werderblog große Einschränkungen gab, aber ich hatte Bock auf was eigenes.

So kam es also zum Blog hier. Der geneigte Leser und Fan der Grün-Weißen wird bemerkt haben, dass ich just anfing, hier zu schreiben, als es mit dem SVW zunehmend bergab ging. Ganz am Anfang war die Stimmung noch gut, man hatte sich knapp gegen Sampdoria Genua in der CL-Quali durchsetzen können und war wieder im Konzert der Großen dabei. Nachdem man im Vorjahr sich auf Platz drei gespielt hatte, waren viele guter Dinge vor der Saison 2010/11. Letztlich waren die Vorzeichen schon vorher da, doch die wenigsten haben sie richtig gedeutet und so war die CL-Gruppenphase ein letztes Aufgalopp in Europa, welches man auf dem letzten Gruppenplatz beendete.

Viel schlimmer war die Tatsache, dass es auch in der Bundesliga bergab ging und man – statt nach Europa zu schielen – nun eher mit Abstiegskampf beschäftigt war. Die Platzierungen seit Beginn des Blog lauteten: 13 – 9 -14 – 12 – 10. Ich möchte hier aber sämtliche Verantwortung von mir weisen. 😉 Die Erfolglosigkeit auf dem Platz ging auch an Allofs und Schaaf nicht spurlos vorbei und so sind beide heute nicht mehr für den SVW tätig. Der Wind an der Weser bläst dem Verein heute stark ins Gesicht und während man damals noch von Europa träumte, ist heute der Klassenerhalt und die finanzielle Gesundung das oberste Ziel. Aber dennoch macht es weiterhin Spaß, den SVW auf seinem Weg zu begleiten.

Wie dem auch sei, ich wollte noch die Gelegenheit nutzen, mich bei den Lesern da draußen zu bedanken, die hoffentlich ein bisschen Spaß beim Lesen hatten und haben werden und ebenso bei den Kommentatoren, sei es hier auf dem Blog oder bei FB oder bei Twitter. In diesem Sinne: auf weitere 5 Jahre und den Titel 2020. 😉

Lebenslang Grün-Weiß!

Grün-Weiße Bloglove

Die Saison ist noch angemessen jung, um hier mal ein bisschen grün-weiße Bloglove zu verteilen. Dabei gehen wir ganz fair und alphabetisch vor. 😉

Grünweiß-Stammtisch: Der einzig wahre Podcast zum SVW. Gut, ich bin als Teilnehmer vielleicht ein bisschen sehr befangen, was das angeht und leider ist im Moment auch ein bisschen tote Hose, aber das wird wieder. Die Stammcrew besteht aus vier Leuten, wobei es immer schwierig ist, wirklich alle vier an das Mikro zu bekommen.

Aktueller Beitrag: Saisonrückblick auf die Saison 14/15 (*hust*)

HB-People: HB-People ist ein Bremer Stadtmagazin und hier hat sich Steffen seine kleine Werder-Welt eingerichtet. Steffen berichtet sehr ausführlich vom Geschehen sowohl auf als auch neben dem Platz.

Aktueller Beitrag: „Guter Kampf nach schwachem Beginn

JayJays Blog: Fishirt kennt man ja in der Regel vor allem als Shop für exklusive Bremen-Fanklamotten. Aber darüber hinaus findet man dort auch den Blog von JayJay, der hier seinen Gedanken rund um den SVW freien Lauf lässt.

Aktueller Beitrag: „Werder fährt in Berlin den ersten Punkt ein

Johan le Chef: Hier haben sich mehrere Autoren zusammengefunden, um über die Grün-Weißen zu schreiben. Der Clou: die Blogposts sind als Briefe an „Le Chef“ formuliert und mit kleinen aber feinen Illustrationen versehen.

Aktueller Beitrag: „Passmaschine gesucht

Meine Saison: Mittlerweile schon ein Urgestein in der grün-weißen Blogger-Szene ist Tobi noch munter dabei, das Geschehen in Bremen zu kommentieren. Dabei wirft Tobi vor allem ein Auge auf die taktischen Feinheiten im Spiel.

Aktueller Beitrag: „Macht Euer Spiel doch alleine

Radio Free Weser: Der einzig englischsprachige Podcast zum SVW auf dem Planeten. Patrick und Björn quatschen regelmäßig über die Grün-Weißen und ich finde vor allem auch den Einblick in das Fan-Dasein in den Staaten sehr spannend.

Aktueller Beitrag: „Double Stuf Oreos

Rautenliebe: Name ist hier Programm und natürlich wird hier nur Liebe für die einzig wahre Raute verteilt.

Aktueller Beitrag: „Talfahrten und Luftschlösser

Rudeloy: Rudeloy schreibt viel zu selten, aber wenn, dann bringt er es auf den Punkt und regt einen mitunter zum Nachdenken an.

Aktueller Beitrag: „Der Tag, an dem die Wolken kamen

Vert et blanc: Die frankophonen Nachbarn aus Hamburg. Schreiben viel über Werder, aber auch immer mal wieder über das große Ganze und legen sich auch ab und an mit den alteingessenen Gatekeepern an. Achtung, man sollte das Wörterbuch „Soziologensprech <=> Deutsch“ am Start haben. 😉

Aktueller Beitrag: „Still loving Micoud

#werder2013: Für Burning war der Abschied von Thomas Schaaf der Anlass, den Blog ins Leben zu rufen und danach mal zu schauen, was so kommt. Was dann kam hat ihn offensichtlich nicht abgeschreckt und so begleitet er nun schon den zweiten Trainer nach der Ära Schaaf gewohnt sprachgewandt.

Aktueller Beitrag: „Bundesliga – Feel Like Jumping!

Werderblog: Ein weiteres Urgestein und eines, für das ich auch mal geschrieben habe, bevor ich hier meine eigene Spielwiese eingerichtet habe. Damals waren wir noch ein Rudel Autoren, mittlerweile hält Lars alleine die Fahne hoch, was der Qualität keinen Abbruch tut.

Aktueller Beitrag: „Worauf ich mich freue

Werder-Exil: Die Spielwiese vom Andreas, einem weiteren Mitglied der Grünweiß-Crew. Er nimmt kein Blatt vor den Mund und rief zuletzt auch die Serie „Was macht eigentlich…?“ ins Leben, wo er sich ehemaliger Spieler des SVW annimmt und mal schaut, wo die so gelandet sind.

Aktueller Beitrag: „Die Eichin-Situation

Werder-Schnack: Habe ich erst vor Kurzem per Zufall entdeckt. Neben Texten erscheint auf Werder-Schnack ein regelmäßiges Vlog rund um den SVW, was sehr sehenswert ist.

Aktueller Beitrag: „Cool Down Leute

Worum-Blog: Das größte Forum des SVW hat auch einen eigenen Blog. Der wird zwar eher unregelmäßig befüllt, aber wenn ein Artikel erscheint, geht dieser sehr ins Detail, wie die Serie über die Werder-Talente.

Aktueller Beitrag: „Das blaue Werder-Trikot

Hashtagmafia: Kein Blog in dem Sinne, sondern ein Hub von verschiedenen Werder-Blogs mit Leseliste, die als RSS-Feed zur Verfügung gestellt wird oder eben:

„Die Zusammenführung grün-weißer Blogaktivitäten, ein digitaler Schulterschluss.
In den Farben vereint, in Meinungen nicht zwingend. Aber manchmal.
Wir bloggen spielbezogen oder abseits des Platzes über den #SVW und drumherum – subjektiv und unabhängig.
Alternative Frontalberichterstattung durch die grün-weiße Brille.
Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

#hashtagmafia
Alle. Zusammen. Werder.“

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Der erste Punkt im zweiten Spiel

Das dritte Pflichtspiel der Saison war zugleich das erste Spiel, welches ich live gucken konnte. Die gute Vorbereitung hatte ich wohlwollend zur Kenntnis genommen, aber nicht allzu viel Bedeutung beigemessen, da: Vorbereitung. Im Pokal würgt man sich in der Verlängerung und dank entsprechender Schiedsrichterentscheidungen in die nächste Runde und gegen Schalke 04 verliert man verdient, aber wohl etwas zu hoch.

Die gute Laune, die bei manchen nach der Vorbereitung herrschte, war damit schon nach dem ersten Spiel verflogen. Am Freitag konnte ich mir dann selbst ein Bild von dem machen, was die Bremer da unten auf dem Platz abliefern. Die ersten 15-20 Minuten inklusive des 0:1 durch Stocker ließen mich ehrlich gesagt fassungslos auf dem Sofa zurück. Das es spielerisch noch nicht läuft: geschenkt, aber das man auch defensiv augenscheinlich keine Entwicklung sieht, war schon eine harte Erkenntnis. Ganz offensichtlich hatte man Uli Garcia als Schwachpunkt ausgemacht und kam gezielt über seine Seite. Dabei machte er keine gute Figur, wurde aber vom Mittelfeld auch völlig allein gelassen. Junuzovic, der die linke Halbposition bekleidete, machte gerade zu Anfang kaum Anstalten, den jungen Linksverteidiger zu unterstützen. Es ist Uli hoch anzurechnen, dass er sich nicht hat unterkriegen lassen und sich durchgebissen hat.

Nach knapp 20 Minuten konnte Bremen selbst erste Akzente und konnte sich aus der Umklammerung der Hertha befreien. Die meiste Gefahr entstand nach Flanken von Uli und ich habe schon lange nicht mehr so gute Flanken aus dem Spiel heraus bei den Grün-Weißen gesehen. Umso schöner, dass es solch eine Flanke war, die Ujah zu 1:1 verwerten konnte. Auch wenn Bremen besser spielte als zu Beginn, blieben die spielerischen Probleme nur allzu offensichtlich. Da konnte auch die Hereinnahme von Maxi Eggestein nichts ändern, der weitgehend blass blieb, aber nach dem Spiel von Skripnik und Eichin gelobt wurde. Es ist in meinen Augen auch ein bisschen viel verlangt, die Lösung der spielerischen Limitierungen beim SVW auf seine schmalen Schultern zu verteilen und ihn nach einem Spiel abzuschreiben.

Die zweite Halbzeit war vom Verlauf her ein Spiegel der ersten, da Hertha mit deutlich mehr Dampf aus der Kabine kam und die Bremer weit hinten reindrängen konnte. Dabei kamen die Berliner nur zu einer wirklichen Großchance, als ein Schuss von Stocker durch Luki neben das Tor gelenkt wurde, aber so wirklich wohl war mir dabei nicht. Mit zunehmender Spielzeit kam Bremen etwas besser ins Spiel und hatte mit einem Latten- und einem Pfostentreffer zweimal den Siegtreffer innerhalb von 90 Sekunden vor Augen. Wäre das verdient gewesen? Wohl nicht, aber seit wann gibt es drei Punkte nur, wenn man sie sich verdient hat. 😉

Das Unentschieden lässt Bremen mit nur einem Punkt aus zwei Spielen zurück. Es ist sicher noch zu früh, in Panik auszubrechen, aber so wirklich viel Mut haben die Spiele nicht gemacht. Schaut man sich die Offensive an, so bleibt vieles allenfalls Stückwerk, was angesichts des kaum veränderten Personals nicht verwundern kann. Aber ich hatte auf ein paar mehr Automatismen gehofft. Und defensiv bleibt ebenfalls viel Luft nach oben. Nächstes Wochenende folgt das überraschende Kellerduell gegen Gladbach, die bisher keinen Punkt geholt haben. Wenn ich mir das Spiel gegen Mainz anschaue, sehe ich schon das Potential, die Schwächen der Gladbacher auszunutzen. Dies setzt aber voraus, dass man hinten sicher steht und die Gladbacher nicht ins Rollen kommen.

Abschließend möchte ich mich noch zwei Dingen widmen: es ist schade, dass jede Saison wieder die gleiche Zombie-Diskussion ihren untoten Kopf erhebt. Spätestens nach den ersten Partien geht sie los, die Suche nach dem heiligen Gral der Raute oder auch dem Super-10er. Die Allzweckwaffe gegen mangelnde Kreativität und Flair. Er soll uns erscheinen, vom Himmel herabsteigen und uns ins Gelobte Land des Fußballs führen. Dabei ist es heilige Pflicht, die Namen Micoud, Diego und Özil mindestens einmal zu nennen und jeden Spieler, der einen gelungenen Pass spielt, sofort mit diesen Göttern des 10er-Olymps zu vergleichen. Tobi hat schon eine sehr schöne Widerrede auf die sinnfreie Diskussion verfasst. Dabei kann ich verstehen, dass die Fans sich immer wieder in die Diskussion verrennen, aber warum greifen die Medien das immer wieder auf und warum kannte der Sky-Kommentator am Freitag kaum ein anderes Thema, wenn er auf Bremen zu sprechen kam.

Sowas lässt mich an den grundsätzlichen Fähigkeiten der Sportjournalisten zweifeln, wenn man nicht sieht (oder sehen will), dass Bremens spielerische Probleme sich durch einen überragenden 10er nicht einfach in Luft auflösen würden. Denn auch der braucht Teamkollegen, mit denen er sich die Bälle zuspielen kann und die ihn dort anspielen, wo er dann seine Magie wirken kann. Mal ganz abgesehen davon, dass sich die Frage stelle, wo ein solcher Spieler bei den bekannten finanziellen Limitationen des Vereins herkommen soll. Die Probleme fangen doch spätestens auf der 6 an und gehen auf den Halbpositionen weiter, denn bei aller Lieber für Junu und Fritz: wirkliche spielerische Highlights setzen sie eher selten. Man kann aber auch lieber auf die Ankunft des Messias warten und Diskussion im nächsten Jahr wieder aufwärmen.

Der letzte Punkt, der mich ein bisschen unruhig werden lässt, sind die von Thomas Eichin getätigten Aussagen zu notwendigen Abgängen:

„Wir müssen definitiv noch verkaufen, um unsere Zahlen besser zu machen“, stellt Eichin klar. „Ich muss noch Budget gutmachen, ich brauche noch ein bisschen was.“

Dabei steht es ja außer Frage, dass es einige Spieler gibt, die den Verein verlassen müssen, da sie keine Rolle mehr spielen, wie bspw. Obraniak oder Pavlovic. Mir macht es Angst, dass Spieler aus wirtschaftlichen Überlegungen verkauft werden müssen. Zudem die meisten Kandidaten für einen Abgang auch kaum Geld in die Kasse spülen dürften, allenfalls Hajrovic dürfte ein bisschen was bringen. Es bleibt die Frage, wie angeschlagen Werder finanziell wirklich ist, trotz aller Beteuerungen von Filbry und Co., alles im Griff zu haben. Zumal man eigentlich auch noch Lücken im Kader hat, die man schließen müsste. Es fällt mir schwer, den Beteuerungen glauben zu schenken, dass der Verein wirklich gut aufgestellt sei. Wie lange wird der Schrumpfkurs noch gut gehen, der gefühlt immer mehr zu einem Ritt auf der Raiserklinge wird? Ich hoffe, dass Lösungen gefunden werden, damit wir am Ende nicht auf der falschen Seite landen.

Lebenslang Grün-Weiß!

Kopfsache

Werder hat die letzten fünf Bundesligaspiele in Folge gewonnen, darunter auch Teams aus den Top-6 geschlagen, namentlich Bayer Leverkusen und der FC Augsburg. Dabei holte man in fünf Spielen einen Punkt mehr als in den 16 Bundesligaspielen zuvor. Und in fünf Spielen vollzieht die Mannschaft einen Wandel vom sicheren Abstiegskandidaten hin zu einem potentiellen Europapokalteilnehmer. Und vor allem wird deutlich, wie sehr Profifußball auch eine Kopfsache ist.

Started from the bottom

Die letzten beiden Heimspiele unter Robin Dutt waren ein 1:1 gegen den SC Freiburg und eine 0:1-Niederlage gegen den FC Köln. In beiden Spielen traute Dutt der Mannschaft eine spielerische Lösung der Probleme nicht zu und wies sein Team an, lange Bälle zu schlagen. Gegen Freiburg war dies schon nach ca. 30 Minuten der Fall, gegen Köln nach ca. 70 Minuten. Es war ein Stück weit auch eine Bankrotterklärung: „Mehr ist mit dem Team nicht zu erreichen. Wir schlagen den Ball lang nach vorne und hoffen dann auf eine Einzelaktion der Offensiv-Spieler“. Damals waren sich vor allem externe Beobachter sicher, dass dieser SV Werder die Klasse wohl kaum halten wird.

Nach der Heimniederlage wurde Robin Dutt durch Viktor Skripnik abgelöst. Ein großer Unterschied zu seinem Vorgänger bestand darin, das spielerische Element zu betonen. Immer wieder sprach Skripnik davon, dass die Mannschaft Fußball spielen solle und nicht alleine nur kämpfen, kratzen, beißen. In der Hinrunde waren erste Anzeichen davon schon sichtbar und es gab auch schon erste Erfolge zu verzeichnen, doch die Mannschaft steckte tief im Abstiegskampf. Guten Spielen bspw. gegen Mainz oder Paderborn folgten herbe Pleiten in Frankfurt oder Gladbach. Seit dem Heimsieg gegen den BVB reiten die Grün-Weißen auf einer Erfolgswelle und mittlerweile überzeugt die Mannschaft auch spielerisch. Exemplarisch sei hier das 1:0 gg. Bayer Leverkusen aufgeführt, welchem ein sehenswerter Spielzug voraus ging (und zudem war das erste Gegentor der Werkself aus dem laufenden Spiel heraus seit Spieltag 8).

Natürlich ist es nicht alleine das gute Zureden vom Trainerteam oder die Vorbereitung in der Winterpause, die nun Früchte trägt. Rückkehrer wie Bargfrede, Di Santo, Selassie und Neuverpflichtungen wie Vestergaard haben einen nicht unerheblichen Anteil an der spielerischen Renaissance und eine höheren defensiven Stabilität. Auch am letzten Spieltag gegen den hoch gehandelten FC Augsburg war beides zu sehen, vor allem in der ersten Halbzeit, wo man den Gegner fast komplett aus dem Spiel nahm. Ich frage mich, was Dutt gedacht haben mag, als er sah, wie die Bremer im Pressing agierten und Ballgewinne zum schnellen Umschalten nutzten: Sachen an denen er lange gearbeitet hatte, ohne dass sich die gewünschten Erfolge einstellten.

Quo vadis?

Es war bisher eine Saison der Extreme: vor der Saison mit vielen Hoffnungen gestartet. Dabei habe ich keinen Durchmarsch in der Liga erwartet, aber doch eine gewisse Weiterentwicklung mit der Aussicht, bei einem perfekten Saisonverlauf vielleicht sogar einen einstelligen Tabellenplatz ergattern zu können und dem Wunsch, mehr Nachwuchsspieler in die Profimannschaft zu integrieren. Die Saison begann ja auch noch unter positiven Vorzeichen, doch bald folgte das Abrutschen in der Tabelle bis hin zum Rauswurf von Robin Dutt. Unter Skripnik ging es zunehmend aufwärts bis hin zur aktuellen Euphoriewelle mit fünf Siegen in Folge im Rücken.

Aber noch sind es 11 Punkte bis zur magischen Zahl von 40 Punkten, die auf jeden Fall den Nichtabstieg sichern. Darauf muss auch weiterhin der Fokus liegen, aber natürlich nimmt die Erfolgsserie den Druck deutlich raus. Alles, was über die 40 Punkte hinaus geht, ist als Bonus anzusehen. Für hochfliegende Europapokalträume ist es in meinen Augen noch zu früh, da traue ich dem Braten nicht so wirklich. Aber die aktuelle sportliche Hochphase darüber hinaus noch durch die Vertragsverlängerung von Zlatko Junuzovic versüßt, die am vergangenen Freitag verkündet wurde. Im Vorfeld habe ich damit ehrlich gesagt nicht gerechnet und auch wenn ich die Überhöhung zu einer reinen Herzensangelegenheit durch die Fans nicht teile (er wird auch in Bremen nicht verhungern oder unter der Brücke schlafen), so ist es doch ein wichtiges Signal, dass sich der Verein in den Augen der Leistungsträger auf dem richtigen Weg befindet. Und es sollte auch Einfluss auf die Entscheidungen von bspw. Theo Gebre Selassie und Franco Di Santo haben, mit denen Thomas Eichin über neue Verträge verhandelt.

Nur dreieinhalb Monate nach dem Tiefpunkt gegen Köln sieht die Lage schon deutlich rosiger aus. Es ist noch längst nicht alles perfekt und eine Portion Skepsis bleibt, aber es scheint so, als würde da etwas wachsen, sowohl was das Spiel auf dem Platz angeht als auch die Gestaltung der Mannschaft über diese Saison hinaus.

Lebenslang Grün-Weiß!

Äpfel und Birnen

Thorsten Waterkamp hat für den Weser Kurier einen interessanten Artikel über Talente in der Bundesliga geschrieben. Bayern hat gerade den 19-jährigen Joshua Kimmich für schlanke sieben Millionen Euro vom VfB Stuttgart geholt und im Artikel geht es u.a. um die Frage, wie weniger finanzstarke Vereine bei diesem „War for talent“ noch mithalten können. So kann Bremen bei solchen Preisen natürlich nicht mithalten, aber anhand von Levin Öztunali wird gezeigt, dass auch Werder hier durchaus profitiert, indem man Spieler leiht und ihnen die Spielpraxis gibt, die sie beim Stammverein (noch) nicht bekommen. Was mich an dem Artikel stört, ist das hier die Art und Weise, wie Spieler hin- und hergeschoben werden, mit Menschenhandel gleichgesetzt wird. Ausgangspunkt ist hier natürlich die unglaublich alberne Aussage von Christoph Kramer aus dem August. Anschließend hat er die Aussage bedauert, aber ich finde sie trotzdem unglaublich dämlich.

Ja, Fußballer sind auch eine Ware geworden, aber die wirklich bedenklichen Entwicklungen finden doch nicht in der Spitze des Profi-Fußballs statt, wie bei Kevin De Bruyne oder eben Christoph Kramer. Viel bedenklicher ist doch das, was im Kinder- und Jugendbereich stattfindet, wo Minderjährige von Spitzenclubs geholt werden. Oder in Brasilien, wo Talente wirklich als Investition gehandelt werden und mehrere Anteilseigner die Rechte an einem Spieler halten (dazu gibt es mit „Mata Mata“ eine sehr gute Doku). Das sind wirklich bedenkliche Entwicklungen und ich glaube nicht, dass der FC Barcelona der einzige Club von Weltrang ist, der hier schön die Grenzen des eigentlich Erlaubten ein bisschen dehnt und Kinder aus Ihrer Heimat holt , um am anderen Ende der Welt der großen Karriere nachzujagen. Am Ende entwickelt sich nicht jedes junge Talent zu einem Lionel Messi.

Menschenhandel ist immer auch eng verknüpft mit Sklaverei. Und anders als unfreie Menschen werden die Profis in der Bundesliga sehr gut entlohnt. Kramer hat nach einer Vervielfachung seines ursprünglichen Gehalts durch Bayer Leverkusen kein Problem mehr mit möglichen Ähnlichkeiten zum Menschenhandel und zeigt sich völlig überzeugt vom tollen Konzept der Werkself. Wenn Profifußballer vom Menschenhandel reden oder Medien solche Vergleiche ziehen, marginalisieren sie zugleich den Menschenhandel, der überall auf der Welt stattfindet, wo die Handelsware nicht mit dem teuren Auto zur Arbeit kommt, sich nicht durch öffentliches Rumheulen ein höheres Gehalt oder Wechsel zu einem anderen Arbeitgeber erpressen kann und wo keiner einfach aus dem System aussteigen kann. Es geht mir nicht darum, das Lied von den Scheiß-Millionären anzustimmen. Die Gehälter sind teils schon pervers hoch, aber es ist auch einfach das Prinzip von Angebot und Nachfrage, was hier greift. Aber wenigstens sollte man nicht so tun und auch nicht andeuten, als wären Profis in der Bundesliga die armen Opfer von Menschenhandel und Sklaverei. Gerade wenn Spieler sowas sagen, könnte man das Gefühl bekommen, sie sind sich Ihrer priviligierten Situation überhaupt nicht mehr bewusst.