Kopfsache

Werder hat die letzten fünf Bundesligaspiele in Folge gewonnen, darunter auch Teams aus den Top-6 geschlagen, namentlich Bayer Leverkusen und der FC Augsburg. Dabei holte man in fünf Spielen einen Punkt mehr als in den 16 Bundesligaspielen zuvor. Und in fünf Spielen vollzieht die Mannschaft einen Wandel vom sicheren Abstiegskandidaten hin zu einem potentiellen Europapokalteilnehmer. Und vor allem wird deutlich, wie sehr Profifußball auch eine Kopfsache ist.

Started from the bottom

Die letzten beiden Heimspiele unter Robin Dutt waren ein 1:1 gegen den SC Freiburg und eine 0:1-Niederlage gegen den FC Köln. In beiden Spielen traute Dutt der Mannschaft eine spielerische Lösung der Probleme nicht zu und wies sein Team an, lange Bälle zu schlagen. Gegen Freiburg war dies schon nach ca. 30 Minuten der Fall, gegen Köln nach ca. 70 Minuten. Es war ein Stück weit auch eine Bankrotterklärung: „Mehr ist mit dem Team nicht zu erreichen. Wir schlagen den Ball lang nach vorne und hoffen dann auf eine Einzelaktion der Offensiv-Spieler“. Damals waren sich vor allem externe Beobachter sicher, dass dieser SV Werder die Klasse wohl kaum halten wird.

Nach der Heimniederlage wurde Robin Dutt durch Viktor Skripnik abgelöst. Ein großer Unterschied zu seinem Vorgänger bestand darin, das spielerische Element zu betonen. Immer wieder sprach Skripnik davon, dass die Mannschaft Fußball spielen solle und nicht alleine nur kämpfen, kratzen, beißen. In der Hinrunde waren erste Anzeichen davon schon sichtbar und es gab auch schon erste Erfolge zu verzeichnen, doch die Mannschaft steckte tief im Abstiegskampf. Guten Spielen bspw. gegen Mainz oder Paderborn folgten herbe Pleiten in Frankfurt oder Gladbach. Seit dem Heimsieg gegen den BVB reiten die Grün-Weißen auf einer Erfolgswelle und mittlerweile überzeugt die Mannschaft auch spielerisch. Exemplarisch sei hier das 1:0 gg. Bayer Leverkusen aufgeführt, welchem ein sehenswerter Spielzug voraus ging (und zudem war das erste Gegentor der Werkself aus dem laufenden Spiel heraus seit Spieltag 8).

Natürlich ist es nicht alleine das gute Zureden vom Trainerteam oder die Vorbereitung in der Winterpause, die nun Früchte trägt. Rückkehrer wie Bargfrede, Di Santo, Selassie und Neuverpflichtungen wie Vestergaard haben einen nicht unerheblichen Anteil an der spielerischen Renaissance und eine höheren defensiven Stabilität. Auch am letzten Spieltag gegen den hoch gehandelten FC Augsburg war beides zu sehen, vor allem in der ersten Halbzeit, wo man den Gegner fast komplett aus dem Spiel nahm. Ich frage mich, was Dutt gedacht haben mag, als er sah, wie die Bremer im Pressing agierten und Ballgewinne zum schnellen Umschalten nutzten: Sachen an denen er lange gearbeitet hatte, ohne dass sich die gewünschten Erfolge einstellten.

Quo vadis?

Es war bisher eine Saison der Extreme: vor der Saison mit vielen Hoffnungen gestartet. Dabei habe ich keinen Durchmarsch in der Liga erwartet, aber doch eine gewisse Weiterentwicklung mit der Aussicht, bei einem perfekten Saisonverlauf vielleicht sogar einen einstelligen Tabellenplatz ergattern zu können und dem Wunsch, mehr Nachwuchsspieler in die Profimannschaft zu integrieren. Die Saison begann ja auch noch unter positiven Vorzeichen, doch bald folgte das Abrutschen in der Tabelle bis hin zum Rauswurf von Robin Dutt. Unter Skripnik ging es zunehmend aufwärts bis hin zur aktuellen Euphoriewelle mit fünf Siegen in Folge im Rücken.

Aber noch sind es 11 Punkte bis zur magischen Zahl von 40 Punkten, die auf jeden Fall den Nichtabstieg sichern. Darauf muss auch weiterhin der Fokus liegen, aber natürlich nimmt die Erfolgsserie den Druck deutlich raus. Alles, was über die 40 Punkte hinaus geht, ist als Bonus anzusehen. Für hochfliegende Europapokalträume ist es in meinen Augen noch zu früh, da traue ich dem Braten nicht so wirklich. Aber die aktuelle sportliche Hochphase darüber hinaus noch durch die Vertragsverlängerung von Zlatko Junuzovic versüßt, die am vergangenen Freitag verkündet wurde. Im Vorfeld habe ich damit ehrlich gesagt nicht gerechnet und auch wenn ich die Überhöhung zu einer reinen Herzensangelegenheit durch die Fans nicht teile (er wird auch in Bremen nicht verhungern oder unter der Brücke schlafen), so ist es doch ein wichtiges Signal, dass sich der Verein in den Augen der Leistungsträger auf dem richtigen Weg befindet. Und es sollte auch Einfluss auf die Entscheidungen von bspw. Theo Gebre Selassie und Franco Di Santo haben, mit denen Thomas Eichin über neue Verträge verhandelt.

Nur dreieinhalb Monate nach dem Tiefpunkt gegen Köln sieht die Lage schon deutlich rosiger aus. Es ist noch längst nicht alles perfekt und eine Portion Skepsis bleibt, aber es scheint so, als würde da etwas wachsen, sowohl was das Spiel auf dem Platz angeht als auch die Gestaltung der Mannschaft über diese Saison hinaus.

Lebenslang Grün-Weiß!

Äpfel und Birnen

Thorsten Waterkamp hat für den Weser Kurier einen interessanten Artikel über Talente in der Bundesliga geschrieben. Bayern hat gerade den 19-jährigen Joshua Kimmich für schlanke sieben Millionen Euro vom VfB Stuttgart geholt und im Artikel geht es u.a. um die Frage, wie weniger finanzstarke Vereine bei diesem „War for talent“ noch mithalten können. So kann Bremen bei solchen Preisen natürlich nicht mithalten, aber anhand von Levin Öztunali wird gezeigt, dass auch Werder hier durchaus profitiert, indem man Spieler leiht und ihnen die Spielpraxis gibt, die sie beim Stammverein (noch) nicht bekommen. Was mich an dem Artikel stört, ist das hier die Art und Weise, wie Spieler hin- und hergeschoben werden, mit Menschenhandel gleichgesetzt wird. Ausgangspunkt ist hier natürlich die unglaublich alberne Aussage von Christoph Kramer aus dem August. Anschließend hat er die Aussage bedauert, aber ich finde sie trotzdem unglaublich dämlich.

Ja, Fußballer sind auch eine Ware geworden, aber die wirklich bedenklichen Entwicklungen finden doch nicht in der Spitze des Profi-Fußballs statt, wie bei Kevin De Bruyne oder eben Christoph Kramer. Viel bedenklicher ist doch das, was im Kinder- und Jugendbereich stattfindet, wo Minderjährige von Spitzenclubs geholt werden. Oder in Brasilien, wo Talente wirklich als Investition gehandelt werden und mehrere Anteilseigner die Rechte an einem Spieler halten (dazu gibt es mit „Mata Mata“ eine sehr gute Doku). Das sind wirklich bedenkliche Entwicklungen und ich glaube nicht, dass der FC Barcelona der einzige Club von Weltrang ist, der hier schön die Grenzen des eigentlich Erlaubten ein bisschen dehnt und Kinder aus Ihrer Heimat holt , um am anderen Ende der Welt der großen Karriere nachzujagen. Am Ende entwickelt sich nicht jedes junge Talent zu einem Lionel Messi.

Menschenhandel ist immer auch eng verknüpft mit Sklaverei. Und anders als unfreie Menschen werden die Profis in der Bundesliga sehr gut entlohnt. Kramer hat nach einer Vervielfachung seines ursprünglichen Gehalts durch Bayer Leverkusen kein Problem mehr mit möglichen Ähnlichkeiten zum Menschenhandel und zeigt sich völlig überzeugt vom tollen Konzept der Werkself. Wenn Profifußballer vom Menschenhandel reden oder Medien solche Vergleiche ziehen, marginalisieren sie zugleich den Menschenhandel, der überall auf der Welt stattfindet, wo die Handelsware nicht mit dem teuren Auto zur Arbeit kommt, sich nicht durch öffentliches Rumheulen ein höheres Gehalt oder Wechsel zu einem anderen Arbeitgeber erpressen kann und wo keiner einfach aus dem System aussteigen kann. Es geht mir nicht darum, das Lied von den Scheiß-Millionären anzustimmen. Die Gehälter sind teils schon pervers hoch, aber es ist auch einfach das Prinzip von Angebot und Nachfrage, was hier greift. Aber wenigstens sollte man nicht so tun und auch nicht andeuten, als wären Profis in der Bundesliga die armen Opfer von Menschenhandel und Sklaverei. Gerade wenn Spieler sowas sagen, könnte man das Gefühl bekommen, sie sind sich Ihrer priviligierten Situation überhaupt nicht mehr bewusst.

Derby-Verlierer

90% der regulären Spielzeit waren gestern absolviert, als Lukimya den Ball im eigenen Strafraum genau vor die Füße von Rudnevs verlängerte, der den Ball zum 0:1 aus Bremer Sicht über die Linie stocherte. Passend, dass so ein Kacktor ein wahrliches Kackspiel entschied, auch wenn die Hamburger dies aufgrund des Sieges sicherlich anders sehen werden. 90% der Zeit defensiv gut stehen reicht dann eben nicht aus, selbst gegen ebenfalls höchst biedere Hamburger.

Die Taktik, die Skripnik für das Spiel war relativ naheliegend: den Hamburgern das Spielgerät überlassen, sich tief hinten reinstellen und aus einer geordneten Abwehr heraus mit Kontern und Standards zu eigenen Chancen zu kommen. Ich bin auch immer noch der Überzeugung, dass diese Idee nicht grundlegend falsch war. Ich habe bisher zwei Spiele des HSV in dieser Saison gesehen, und jedesmal hatten die Hamburger zwar mehr Ballbesitz und waren feldüberlegen , aber auch gewisse Probleme hatten, sich wirkliche Torchancen herauszuspielen. Die meiste Zeit stand Bremen defensiv weitgehend sicher und wirkliche Chancen des HSV waren Mangelware und in der Hinsicht funktionierte der Matchplan tatsächlich. Doch nach vorne wollte so gut wie gar nicht gelingen, vor allem nicht aus dem Spiel heraus. Die beiden Spitzen – Hajrovic und Petersen – waren kaum in der Lage, Bälle zu halten und so auf die nachrückenden Kollegen zu warten. Zu oft resultierten Bälle nach vorne in Ballverluste.

Anders als im erfolgreichen Spiel gegen den VfB Stuttgart sorgten die Standards diesmal für keine Tore, so dass Bremen unter dem Strich über weite Strecken keinerlei Torgefahr ausstrahlte und die Hamburger Defensive nur selten in Verlegenheit bringen konnte. Letztlich ist es die oben beschriebene unfreiwillige Torvorlage von Lukimya, die das Spiel entschied und die Frage aufwirft, ob es so schlau war, auf ein 0:0 zu spielen. Das 2:0 des HSV fiel, als Bremen alles nach vorne warf und ist auch ein Sinnbild für den Zustand beider Vereine, wenn man sich anschaut, dass die Hamburger einen 4 gg. 0-Konter mit einem Schuss von Arslan abschließen, den Keeper Wolf dann noch über die Linie bugsieren muss, weil er sonst nicht reingegangen wäre. Über weite Strecken war es gestern das befürchtete Aufeinandertreffen von Not gg. Elend und es gehört wahrlich nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, dass beide Teams auch am Ende der Saison noch in den Niederungen der Tabelle rumkrebsen werden.

Das einzig irgendwie Positive an der Niederlage (Ja, an Niederlagen ist per se nix positiv) ist für mich die Tatsache, dass Skripnik doch nicht der Wunderheiler ist, den viele schon in ihm gesehen haben. Nichts gegen Aufbruchstimmung und Euphorie, aber ich fand den Hype in Teilen schon ein bisschen zuviel des Guten. Natürlich hat Skripnik in der kurzen Zeit schon einige Dinge erreicht und den Spielern neues Selbstvertrauen gegeben und sie immer wieder angehalten, auch wieder Fußball zu spielen. Und seine sympathische Art hat etwas wohltuend entspanntes an sich, aber zu oft hatte ich das Gefühl, dass er vor allem aufgrund der Parallelen zu Schaaf bei seiner Amtsübernahme 1999 die nicht enden wollenden Jubelarien befeuert haben. Doch bei rechtem Licht betrachtet, war keiner der drei Siege in Pokal und Liga vor dem Hamburg-Spiel wirklich souverän. Gegen Chemnitz hatte man erst nach dem 2:0 die Zügel wirklich fest in der Hand, Mainz lässt etliche Großchancen zu Beginn des Spiels ungenutzt und gegen Stuttgart waren es die Standards, die uns den Sieg gebracht haben. Gegen Hamburg wiederum war es am Ende die eigene defensive Schlafmützigkeit gepaart mit offensiver Harmlosigkeit, die uns eine Niederlage eingebrockt haben.

Zudem fiel auf, wie sehr sich das Fehlen einzelner Spieler auf die Mannschaft auswirkt. Nichts gegen Petersen, er ist wirklich ein feiner Kerl, der sehr sympathisch rüberkommt und oft auch eine erfrischend selbstkritische Ader hat, aber er ist eben kein Di Santo. Petersen hat immer wieder Probleme, sowohl bei Ballverarbeitung als auch Ballbehauptung und das war gestern wieder deutlich zu sehen. Das fällt insbesondere dann auf, wenn man aus einer tiefgestaffelten Abwehr heraus schnell nach vorne spielen will und vorne Anspielstationen braucht, die den Ball solange sichern, bis die Kollegen nachgerückt sind. Selke war nach seiner Einwechslung durchaus bemüht, konnte aber auch keine wirklichen Impulse mehr setzen.

Abschließend noch ein Wort zu Schiri Felix Zwayer: an ihm lag es sicherlich nicht, dass man das Spiel verloren hat. Weder hat er Rudnevs den Ball vor die Füße gespielt, noch hat er die Bremer Angriffe alle unterbunden. Aber dennoch fand ich seine Leistung nicht so überragend, wie sie von Collinas Erben in der n-tv-Kolumne beschrieben wird. Die gelb-rote Karte für Fritz war durchaus berechtigt und man kann sich schon fragen, warum unser Kapitän in der 90. Minute noch so den Fuß drüberhalten muss, aber die Konsequenz, die Zwayer hier an den Tag legte, hat er bspw. bei Westermann oder bei Diekmeier vermissen lassen. Bei Westermann bin ich auch immer noch der Meinung, dass sein Foul, welches zur gelben Karte führte, als er mit den Füßen voran in den Gegner gesprungen ist, auch mit rot hätte geahndet werden können.

Gegen Paderborn wird die Liste der Ausfälle nicht unbedingt kleiner, denn neben Fritz fehlt auch Garcia gesperrt und zudem wird Di Santo auch ausfallen. Aber dennoch müssen drei Punkte her. Irgendwie.

Lebenslang Grün-Weiß!

Reset

Das 0:1 gegen den 1. FC Köln war das letzte Spiel als Trainer des SVW für Robin Dutt. Am Samstag wurde er beurlaubt und vorerst übernehmen Viktor Skripnik und sein Team die Leitung der Mannschaft. Das Ende für Robin Dutt zeichnete sich spätestens seit dem Freiburg-Spiel zunehmend ab. Schon nach dem mauen 1:1 gegen die Breisgauer wurde über die Bedeutung des Köln-Spiels als mögliche Alles-oder-nichts-Partie spekuliert. Das leblose 0:6 im Gastspiel beim FC Bayern hat an der Situation nicht wirklich viel geändert, ganz im Gegenteil: im Doppelpass auf Sport1 sprach Thomas Eichin letzten Sonntag schon von einem Endspiel gegen Köln und auch Robin Dutt nannte einen Sieg gegen die Domstädter alternativlos. Schon im Spiel gegen den SC Freiburg wurde ein Sieg zur Pflicht erklärt und vor dem Köln-Spiel wurde rhetorisch noch eine Schippe draufgelegt. Dies erhöhte nicht nur den Druck, sondern wies auch letztlich den Weg in eine Sackgasse, denn es war klar, dass das Verpassen eines Sieges gegen den Effzeh Konsequenzen zur Folge haben würde, wollte man die eigene Glaubwürdigkeit verlieren.

Die Geschichte des Spiels gegen Köln ist relativ schnell erzählt: in der ersten Halbzeit ist Bremen die deutlich engagiertere Mannschaft, findet jedoch gegen extrem gut organisierte Gäste kein Mittel, um die Abwehr wirklich auszuhebeln und gute Torchancen zu erspielen. Mit zunehmender Spieldauer konnte Köln immer wieder gefährliche Nadelstiche setzen. In der 59. Minute erzielt Ujah den entscheidenden Treffer für Köln, nachdem Prödl einen entscheidenden Zweikampf im eigenen Strafraum verliert. Man konnte förmlich spüren, wie dieses Gegentor den Bremern den Boden unter den Füssen wegzog und die Verunsicherung sowohl auf dem Platz als auch auf den Rängen wurde nahezu greifbar. Robin Dutt griff zur Brechstange, stellt Petersen und Selke neben Di Santo in den Sturm und wies die Mannschaft an, die Bälle hoch und lang nach vorne zu schlagen. Da keiner der drei als besonders kopfballstark gilt oder in der Lage war, die hohen Bälle zu verarbeiten und dann auf seine Kollegen weiterzuleiten, waren die letzten Minuten des Spiels wahrlich nicht schön anzusehen und man hatte auch ehrlich gesagt nie das Gefühl, dass die Kölner sich von den hohen Bällen beeindrucken lassen würden.

Als Dutt zum SV Werder kam, war ich zwar nicht hellauf begeistert, aber im Gegensatz zu manch anderen war ich auch nicht völlig gegen die Verpflichtung. Ja, in Leverkusen lief es nicht so gut, aber beim SCF hatte er damals doch einen ganz guten Job gemacht. Und auch wenn ich (wie auch der Rest der Grünweiß-Crew) in der letzten Saison das eine oder andere kritische Wort über ihn verloren habe, war ich vor der Saison relativ optimistisch gestimmt. Ich hatte das Gefühl, dass sich da etwas tun würde und wir diese Saison zwar nicht in Glanz und Gloria bestreiten würden, aber das es einen weiteren Schritt nach vorne geben würde. Und anfangs gab es diese Saison durchaus Hoffnung, doch während zunächst die Mannschaft mit Mentaltiät und einigen guten spielerischen Ansätzen zu überzeugen wusste, wichen die spielerischen Ansätze immer mehr und irgendwann blieb auch die Mentalität auf der Strecke. Tobias hat nach der Bayern-Klatsche die (auch für mich) wichtigsten Kritikpunkte an Dutt aufgeführt, wie bspw. die nicht enden wollende Gegentorflut (94 in 45 Pflichtspielen), das nicht wirklich vorhandene Offensivspiel sowie auch die zunehmende Festlegung auf einen Stamm von vielleicht 16 Spielern. Ich hätte auch gut damit leben können, wenn Dutt die Kurve gekriegt hätte und ich bei ihm das Gefühl gehabt hätte, es würde wieder aufwärts gehen.

Nun wurde gestern die Reißleine gezogen. Ich fand Thomas Eichin bei den Erläuterungen zum Trainerwechsel erstaunlich unsouverän, er sprach davon, wie sehr er Dutt als Trainer schätzte und dass er von seiner Arbeit überzeugt war, aber es nun Zeit für einen neuen Impuls von außen gewesen wäre, da einfach die Ergebnisse gefehlt hätten. Fand ich erstaunlich, da es sich irgendwie nicht so anhört, als sei es wirklich seine Entscheidung gewesen, Dutt zu feuern. Wer weiß, wie souverän Eichin sonst formuliert und es vor allem versteht, Dinge zu sagen, ohne sie auszusprechen. Vielleicht ist es aber auch auf den Umstand zurückzuführen, dass die Entlassung von Robin Dutt natürlich auch für Eichin eine Niederlage ist, denn er holte ihn an die Weser und sollte nun auch Skripnik scheitern, dürften sich die Blicke auf den Geschäftsführer Sport und seine Arbeit, vornehmlich die Spielerverpflichtungen unter seiner Ägide, richten. Ja, auch Eichin muss unter erschwerten Bedingungen arbeiten, aber gerade die Spieler, die für (relativ) viel Geld geholt wurden, bleiben hinter den Erwartungen zurück. Und da werden die Fragen in Eichins Richtung häufiger werden, wenn sich der Erfolg nicht einstellt.

Nun übernehmen Skripnik, Frings, Kohfeldt und Vander also das Regiment an der Seitenlinie. Es ist eine interne Lösung geworden und die Parallelen zu Schaafs Amtsübernahme 1999 sind kaum zu übersehen. Ich finde es gut, dass man Skripnik das Zepter übergeben hat und ich würde lügen, würde nicht auch die Nostalgie dabei eine Rolle spielen. Doch zunächst muss Skripnik beweisen, dass er in der Lage ist, eine Bundesliga-Mannschaft erfolgreich zu trainieren. Kurzfristig wünsche ich mir vom ukrainischen Beckham folgende Verbesserungen, wobei diese Punkte sicher nicht schon zum Chemnitz-Spiel morgen behoben sein werden.

  • Stabilisierung der Abwehr: Diese Saison haben wir uns in 9 Spielen schon 23 Gegentore eingefangen, das sind Werte eines Absteigers. Vorrangig muss es darum gehen, hinten wieder mehr Stabilität reinzubekommen und die teils erschreckenden Fehler zu minimieren. Auch die Tatsache, dass nahezu alle Mannschaften die rechte Bremer Abwehrseite als Schwachstelle identifiziert haben und diese gezielt angreifen, sollte zu denken geben. Dabei liegt es nicht nur an den jeweiligen Außenverteidigern Busch oder Fritz, sondern auch an der mangelnden Absicherung aus dem Mittelfeld heraus. I’m looking at you, Bartels!
  • Spieler aus dem Formtief holen: Viele Spieler durchlaufen gerade eine Formkrise. Gerade defensiv macht es sich bemerkbar, dass bspw. Prödl, Caldirola oder Garcia meilenweit von den Auftritten der Vorsaison entfernt sind. Aber auch ein Nils Petersen scheint derzeit reichlich neben der Spur zu sein.
  • Chancen für Neue: Dutt hat auf einen beschränkten Stamm von vielleicht 15, 16 Spielern zurückgegriffen. Dies muss per se nichts Schlechtes sein, gerade wenn ein Team sich eingespielt hat, macht es Sinn, nicht durch ständige Personalwechsel für Unruhe zu sorgen. Aber gerade im Mittelfeld haben in meinen Augen auch mal kreative Impulse gefehlt, wie ich sie bspw. einem Levent Aycicek oder einem Ludovic Obraniak zutraue. Und bei Obraniak scheint es ja zuletzt auch an Differenzen mit Dutt gelegen haben, dass er keine Chance mehr bekam. Es geht dabei darum, zu schauen, wer der Mannschaft weiterhelfen kann und von wem auch ein Schuss Kreativität ausgeht.
  • Offensive dynamischer gestalten: In den Zeiten zunehmenden Drucks wurde auch das Aufbau- und Offensivspiel der Bremer immer eindimensionaler. Gegen Freiburg stellte Dutt nach 30 Minuten auf lange Bälle um und gegen Köln wurde spätestens nach 70 Minuten der lange Hafer ausgepackt. Beide Male erklärte Dutt dies mit der spielerischen Überforderung der Mannschaft. Mir ist klar, dass man nicht über Nacht ein komplexes Offensivsystem installieren wird, aber es wäre gut, auch noch andere Mittel im Arsenal zu haben, als nur den langen Ball. Gerade aus einer stabilen Abwehr heraus sollten Strategien für die eigenen Angriffe etabliert werden.

Ich bin vorsichtig optimistisch, dass es nun wieder langsam aufwärts gehen könnte. Schauen wir mal.

Lebenslang Grün-Weiß!

Kurzes Sturmtief

Die letzten Tage waren wahrlich turbulent an der Weser. Die ersten Windböen hatte ich letzte Woche schon im Blog niedergeschrieben, Burning und Steffen fassen die weiteren Ereignisse zusammen. Seitdem hat sich noch einmal einiges an der Weser getan: erst deutet Lemke an, dass er zum Ende seiner Amtszeit 2016 seinen Posten niederlegen würde. Anschließend stellt Lemke in Aussicht, seinen Posten als Aufsichtsratschef aufzugeben, wenn Marco Bode seine Nachfolge übernehmen würde. Bode bat um Bedenkzeit und heute dann stimmte er zu und noch in diesem Jahr wird dann Lemke ins zweite Glied treten, während Marco Bode zum Vorsitzenden des Aufsichtsrat aufsteigt. Ich ziehe an dieser Stelle meinen Hut vor Willi Lemke, der mit seinem Rückzug weiteren Diskussionen um seine Person erst einmal den Wind aus den Segeln nimmt und darüber hinaus auch einer möglichen Schlammschlacht aus dem Weg geht.

Auch wenn ich weiterhin glaube, dass ein Rückzug Lemkes richtig ist, stellt sich schon die Frage, warum das auf einmal so schnell ging. Ist es die Einsicht von Lemke, dass er im Verein zunehmend isoliert ist mit seinen Positionen (Angriff von Fischer, Bodes Aussagen zur moderaten Verschuldung)? Beugt man sich den Wünschen möglicher Investoren und was hat Netzers freundlicher Hinweis damit zu tun, er könne sich Bode gut in prominenterer Rolle vorstellen? Da kann man jetzt vorerst natürlich eine ganze Menge spekulieren, obwohl die wahren Abläufe wohl weit weniger dramatisch gewesen sind.

Ich glaube, Bode ist eine gute Wahl für den Vorsitz des Aufsichtsrats. Einerseits ist er eine Werder-Legende, der mit seiner ruhigen und zurückhaltenden Art auch außerhalb Bremens viele Sympathien sammeln konnte. Andererseits war Bode in der Vergangenheit nicht an Entscheidungen beteiligt, die heute viel diskutiert werden (Stadionausbau, Transfers, etc.) und schleppt daher keinen negativen Ballast mit sich rum. Seine bisherige Arbeit im Aufsichtsrat kann ich persönlich kaum beurteilen, da man von ihm kaum etwas gehört hat. Das muss auch gar keine negative Eigenschaft sein, ganz im Gegenteil. Mit dem oben erwähnten Interview hat Bode ja schon angedeutet, dass er sich eine moderate Verschuldung vorstellen kann, um das Budget für Spielerverpflichtungen zu erweitern. Ich bin gespannt, ob sich jetzt tatsächlich Investoren aus der Deckung trauen.

Nachdem in den letzten Tagen vielfach vom Chaos-Club oder dem SV Hollywood die Rede war, zeichnet sich mittlerweile ein relativ schnelles Ende der Auseinandersetzungen und Wortmeldungen in diversen Medien ab. Noch vor dem kommenden Bundesliga-Spiel beim FC Bayern kehrt die notwendige Ruhe, damit jetzt wieder die Action auf dem Rasen in den Fokus rücken kann. Das begrüße nicht nur ich, sondern sicherlich auch viele andere Fans und ich bin gespannt, was der Wechsel an der Spitze des Vereins für die Zukunft bringen wird. Man darf auch nicht vergessen, dass ein Rückzug Lemkes alleine den Verein auch nicht wieder ins gelobte Land führen und uns nicht schlagartig aus dem Tabellenkeller katapultieren wird.

Lebenslang Grün-Weiß!

Duell am Osterdeich

Eigentlich wollte ich ein paar Takte zu Willi Lemke loswerden, doch aufgrund der Äußerungen von Klaus-Dieter Fischer gestern abend und dem sich anschließenden medialen Schlagabtausch muss ich das wohl ein bisschen ausdehnen.

In der blauen Ecke: Willi Lemke

Willi Lemke ist ein Werder-Urgestein. Seit 1981 war er Manager der Grün-Weißen und konnte damals mit Otto Rehhagel eine erfolgreiche Ära prägen. Immer noch legendär sind die Verbal-Duelle zwischen Lemke und dem damaligen Bayern-Manager Uli Hoeneß, die einen gewissen Unterhaltungsfaktor hatten. Im Jahr 2003 wurde Lemke Mitglied des Aufsichtsrats und später dann sogar Vorsitzender des AR. Nicht erst seitdem Bremen im Keller der Tabelle angekommen ist und es bei den Fans unruhig wird, ist Lemke das Feindbild Nummer eins im Verein. Dabei lautet der Vorwurf letztlich immer, dass der Willi Werder zu Tode spart. Abgesehen von der Art und Weise, wie Ende August das Treffen zwischen Geschäftsführung und Aufsichtsrat über die Medien ausgetragen wurde, hat Lemke seine Aufsichtsfunktion ausgeübt und aufgrund der wirtschaftlich angespannten Situation weiter auf einem Konsolidierungskurs bestanden. Dadurch kam letztlich auch der Ruiz-Deal nicht zustande. Ich finde es immer noch erstaunlich, wie viele Stimmen seinen Kopf fordern, obwohl er nur seine Funktion ausübt und darauf verweist, dass man nicht mehr Geld ausgeben kann als man zur Verfügung hat.

Ich finde die Personalie Lemke nicht unproblematisch, doch mach ich es nicht daran fest, dass er Eichin an der Shopping-Tour gehindert hat. Zum einen habe ich mich schon vor ein paar Jahren, als Lemke und Allofs über den Sokratis-Deal stritten, gefragt, wo Lemke eigentlich war, als man munter Geld für „Kracher“ wie Carlos Alberto, Wesley, Arnautovic, Marin und Co. ausgegeben hat. Klar, damals standen wir finanziell noch nicht mit dem Rücken zur Wand und die sportliche Situation war eine andere, aber da hat an von Lemke nix gehört. Aber auch bspw. der Deal rund um das Weserstadion, dessen Betrieb sich für Werder erst ab 20+ Spielen lohnt, wurde damals zumindest nicht öffentlich in Frage gestellt. Darüber hinaus finde ich die ganze Geschichte damals mit Jürgen L. Born auch heute noch anrüchig. Das sieht für mich immer noch wie ein gezielter Abschuss eines missliebigen Konkurrenten aus. Aktuell bin ich erstaunt, wie wenig von Lemke in der Causa „Land Bremen vs. DFL“ zu hören ist, obwohl die Pläne, die Kosten für Polizeieinsätze rund um Bundesliga-Spiele an die DFL weiterzureichen, Werder schon insofern geschadet hat, als der DFB Bremen das EM-Qualispiel gg. Gibraltar entzogen hat. Das erstaunt insofern, als Lemke nun nicht gerade als konfliktscheu bekannt ist. Oder will er der regierenden SPD nicht auf die Füße treten? Das alles prägt mein Bild von Willi deutlich stärker als die Tatsache, dass er in unserer jetzigen finanziellen Situation weiter am Sparkurs festhält.

Für die „Lemke raus“-Fraktion noch der Hinweis, dass  man auf der Jahreshauptversammlung die Möglichkeit hat, sich zu äußern (sofern man Vollmitglied ist) und seine Meinung vorzutragen. Und wer der Überzeugung ist, dass Lemke seinen Posten räumen muss, der hat die Möglichkeit, eine außerordentliche Mitgliederversammlung einzuberufen. Davor müssen allerdings 25% der Mitglieder mobilisiert werden. Klar, deutlich schwieriger als Lemkes Kopf zu fordern, aber so könnte es gehen. 😉 Ich sehe Lemke durchaus kritisch, aber es muss auch bedacht werden, dass Lemke nicht alleine im Aufsichtsrat sitzt und daher auch andere die Entscheidung zum Sparen mitgetragen haben. Sollen die dann auch gehen? Ich hänge nicht an der Personalie Lemke, aus den oben genannten Gründen und weil ich glaube, dass er oft zu sehr auf seine eigene Agenda fixiert ist. Daher würde ich seinen Abschied spätestens nach Ablauf der aktuellen Amtszeit 2016 begrüßen.

In der roten Ecke: Klaus-Dieter Fischer

Der Gegenpart von Lemke ist KDF, bis Dezember noch Mitglied der Geschäftsführung von Werder. Gestern und heute machten Berichte die Runde, wonach KDF einen Strategiewechsel fordert und bei der Verpflichtung neuer Spieler stärker ins Risiko gehen möchte, angeblich auch über Schulden. KDF scheint mit den Aussagen einen Nerv getroffen zu haben. Endlich jemand, der Lemkes Knausrigkeit Einhalt gebietet. Das es sich dabei vor allem um eine Retourkutsche für die AR/GF-Sitzung Ende August handelt, wo Details und Zeitpunkt schon vorher an die Medien lanciert wurden, wird dabei ebenso ignoriert wie die Tatsache, dass der Zeitpunkt (Bremen ist frisch gebackener Tabellenletzter) taktisch gut gewählt ist. Zudem erzählt KDF auch nichts wirklich Neues.

Fangen wir vorne an: KDF erzählt, man sei bereit, deutlich mehr ins Risiko zu gehen. Dabei wird die aktuelle Tabellensituation auch ein Stück weit als Rechtfertigung genommen, denn „Aber wir müssen uns jetzt damit beschäftigen: Was bedeutet eigentlich der Abstieg? Nach meinen Einschätzungen bedeutet das Umsatzeinbußen im zweistelligen Millionen-Bereich. Und was bedeutet dagegen eine kurzfristige, nicht zu umfangreiche Verschuldung, um ins Team zu investieren – unser wichtigstes Gut?“ (Quelle: kreiszeitung.de). Als Ende August bekannt wurde, dass der AR am Konsolidierungskurs festhält, machte zeitgleich passenderweise das Gerücht die Runde, dass Werder wieder einen ähnlich hohen Verlust machen würde wie im vorherigen Geschäftsjahr (- 8 Mio. €). Dabei sind die neuerlichen Versuche, in Spieler zu investieren, keine wirklich sensationellen Nachrichten, denn im Sommer hat man ja auch versucht zu investieren. Und ich nehme an, dass man auch in vorherigen Transferphasen auf Seiten der Geschäftsführung bereit war, mehr Geld auszugeben als zur Verfügung stand, um die Qualität des Kaders zu steigern. Nun hat man für neuerliche Gespräche die Tabellensituation als Argument auf seiner Seite sowie den öffentlichen Druck, der sich daraus ggf. ergibt, denn Fischer steht jetzt als visionärer Retter dar, während Lemke weiter der unbelehrbare Geizhals bleibt.

Die zweite vermeintliche Neuigkeit lautet: KDF sei bereit, Schulden in Kauf zu nehmen, um oben genannte Investitionen zu tätigen. Was sämtliche Medien, die diese Meldung aufgriffen, dabei nie erwähnt haben: Bremens Eigenkapital ist bald erschöpft und dann wird Werder eh Schulden machen, alleine um den Betrieb aufrecht zu erhalten und ganz ohne zusätzliche Investitionen. Drei Möglichkeiten bleiben Werder:

  1. Die Einnahmen deutlich steigern. Das dürfte schwierig sein, denn die Einnahmen durch Sponsoren oder Merchandise dürften schon am Limit sein. Eine weitere Möglichkeit wären Spielerverkäufe, aber da sehe ich ad hoc nur Franco Di Santo, der uns eine substantielle Summe einbringen könnte.
  2. Die Ausgaben weiter senken. In den letzten Spielzeiten hat man den Spieleretat von zu Saison zu Saison weiter gesenkt. Aktuell ist da immer noch Luft nach unten, vor allem wenn man sich das Preis-Leistungs-Verhältnis des Kaders im Vergleich zu anderen Mannschaften anschaut (war auch Thema im aktuellen Grünweiß-Stammtisch). Andererseits läuft man Gefahr, die Qualität durch Spielerabgänge noch weiter zu senken und nicht adäquat durch Low-Budget-Transfers ersetzen zu können.
  3. Der Topf voll Gold unter dem Weserstadion. Okay, ein paar Investoren sind da wohl wahrscheinlicher. Dabei macht es jedoch wenig Sinn, Investoren ins Boot zu holen, die einzig die Defizite in der Bilanz auffüllen.

Das Schulden-Thema wird – aller Voraussicht nach – so oder so auf Werder zukommen, ob mit oder ohne zusätzliche Investitionen. Auch wenn ein Abstieg, wie von KDF ausgeführt, verheerende finanzielle Folgen haben kann, sollte man gut überlegen, ob und wie man zusätzliche Transfers finanziert, wenn sich an der derzeitigen Finanzsituation nicht grundlegend etwas ändert. Auch durch Schulden kann der Verein untergehen, nicht alleine durch den Sparkurs von Willi L.

Abschließend will ich noch auf die Erwähnung von drei Bremer Unternehmen eingehen, die bereit sind, Werder finanziell zu unterstützen. Dieses mögliche Engagement wird dabei an eine Bedingung geknüpft: Willi Lemke muss gehen. Ich habe dieses Szenario schon als Gerücht wahrgenommen, nun wird es von KDF benutzt, um direkt Druck auf Lemke auszuüben. Dabei missfällt mir vor allem die Vorstellung von Geldgebern, die ihr finanzielles Engagement an personelle Bedingungen knüpfen. Völlig unabhängig davon, wie man zu der Person Willi Lemke steht. Aber man kann nicht einerseits feixend auf den HSV und deren Sugardaddy Kühne zeigen und gleichzeitig mögliche Investoren bejubeln, die Geld nur geben, wenn Lemke Platz macht. Was ist, wenn denen anschließend andere Personalien im Verein nicht gefallen? Der Geschäftsführer Sport, also Thomas Eichin oder der Trainer? Dürfen die dann auch den Rauswurf fordern und man gibt dann nach, Hauptsache, die Kohle kommt weiterhin? Mir ist klar, dass Bremen über kurz oder lang sich Investoren und/oder strategische Partner suchen muss. Aber man darf auch nicht vergessen, dass diese Investments kein Spenden aus philanthropischen Motiven heraus sind, sondern die sind immer an Bedingungen geknüpft, seien es Anteile an der GmbH, Beteiligungen an Weiterverkäufen von Spielern, Rendite, was auch immer. Sowas muss auch immer sorgfältig geprüft werden.

An der Stelle bin ich auch von den berichtenden Medien enttäuscht, vor allem von denen, die direkt vor Ort sitzen, denn nirgendwo werden die Aussagen von Fischer mal analysiert, sondern nur rausposaunt, ohne konkrete Einordnung.

SV Hollywood?

Einige machen sich Sorgen, dass Bremen nun zum SV Hollywood verkommt oder im Chaos versinkt. Ich denke, dass solche Schlussfolgerungen etwas voreilig sind. Natürlich ist es für Bremer Verhältnisse ungewöhnlich, dass solche Dinge in der Öffentlichkeit ausgetragen werden, aber vielleicht ist es auch einfach an der Zeit, sich endgültig von dem Mythos der „Werder-Familie“ und des „Werder-typischen“ zu verabschieden. Wenn man genau hinschaut, sieht man, dass schon in den letzten Jahren die Dinge an der Weser schon nicht mehr so idyllisch liefen, wie es vielleicht nach außen hin schien. Die große Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben, die irgendwann nicht mehr durch Transferüberschüsse geschlossen wurde und fragwürdige Entscheidungen im Zusammenhang mit der Stadionnutzung sprechen beispielsweise gegen die sonst so vorsichtige Vorgehensweise, die man hanseatischen Kaufleuten so gerne zuschreibt und für die man sich ja jahrelang hat loben lassen.

Im Hinblick auf die Jahreshauptversammlung am 24.11. bin ich gespannt, ob die von Fischer nun aufgeworfenen Themen zur Sprache kommen und sich darum eine Diskussion entspinnt. Für den Moment scheint es so, dass Fischer vor seinem Abgang noch eine letzte Breitseite gegen Lemke abfeuert und die Auseinandersetzung aus dem August weiterführt (nebenbei ist ja auch nicht so, als seien sich Lemke und Fischer erst seit kurzem nicht mehr grün). Es treffen zwei Auffassungen aufeinander, welcher Weg für den SV Werder in der jetzigen Situation der vermeintlich richtige ist. Auf der einen Seite Lemke (und offensichtlich die Mehrheit des AR), die den Konsolidierungskurs weiter fortführen und vor möglichen Neuverpflichtungen lieber erst einmal Spieler abgeben möchten. Auf der einen Seite die Geschäftsführung um Eichin und Fischer, die bereit ist, ein gewisses Risiko bei Transfers einzugehen. Ich denke, dass die Diskussion noch bis zur Winterpause anhält, wenn dann tatsächlich wieder Spieler verpflichtet werden können und könnte mir bei anhaltendem sportlichen Misserfolg durchaus vorstellen, dass der AR dann den Sparkurs verlässt, wie es Marco Bode wohl schon andeutet. Denn ein Abstieg wäre nicht nur deutlich teurer, sondern könnte Werder auch vorerst das Genick brechen.

Es bleibt spannend an der Weser sowohl auf als auch neben dem Rasen.

Lebenslang Grün-Weiß!