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Next, Please!

Nach dem 0:3 im Heimspiel gegen den FC Augsburg war eigentlich klar, dass der SVW auf der Trainerposition handeln würde. Zu eindeutig waren die Aussagen von Frank Baumann nach dem Spiel und zu schwach der Auftritt im Spiel selbst. Nun ist es seit einigen Stunden offiziell und Alexander Nouri nicht mehr Trainer der Grün-Weißen. Was ich grundsätzlich schade finde, denn ich hatte auch nach der letzten Rückrunde die Hoffnung, dass man in Nouri eine langfristige Lösung gefunden hatte. Und obwohl auch ich zuletzt häufiger über ihn geschimpft habe, hätte ich mir gewünscht, man wäre gar nicht in die Situation gekommen, jetzt die Reißleine ziehen zu müssen. Vorerst übernehmen Florian Kohfeldt und Tim Borowski das Training, während die sportliche Führung einen neuen Trainer sucht. Dabei lässt man sich natürlich die Hintertür offen, Kohfeldt bei entsprechenden Leistungen länger im Sattel zu belassen. Ich halte das für einen Fehler, da ich die Gefahr sehe, den nächsten U23-Trainer zu verheizen. Hoffentlich trifft man eine Entscheidung, die den Verein mittelfristig wieder in ruhigere Fahrwasser bringt und nicht dazu führt, dass im nächsten Herbst die nächste Trainerentlassung ansteht.

Mach es gut, Alex und Danke für den geilen Ritt in der letzten Rückrunde. Anbei noch der Link zu Nouris passenden Abschiedsworten:

Murmeltiere Reloaded

Ich komme mir beim SV Werder mittlerweile vor wie bei „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Seit der Saison 14/15 beginnt jede Saison mit einem gewissen Maß an Optimismus, der mal mehr und mal weniger ausgprägt ist. Nur um dann hart auf den Boden der Realität aufzuschlagen. Dabei waren die Voraussetzungen vor dieser Saison gut wie lange nicht mehr. In der Rückrunde setzte die Mannschaft zu einer Erfolgsserie an, die man so lange nicht mehr an der Weser bewundern durfte. Klar, der Lauf würde sich nicht einfach in die neue Saison weiterführen lassen, das zeigten ja schon die Partien in Köln und gegen Hoffenheim zum Ende der Saison und während der Serie hat man auch immer wieder von Matchglück und gnadenloser Effizienz profitiert. Aber ich hatte leise Hoffnung auf einen verhältnismäßig erfolgreichen Start in die Saison. Und nun haben wir den achten Spieltag absolviert und der SVW steht wieder unten in der Tabelle. Acht Spiele und kein Sieg. Acht Spiele und schon wieder ist der Trainer angezählt. Das kommende Auswärtsspiel gegen Köln (die aktuell noch unter uns stehen) wird schon zum Schicksalsspiel ausgerufen und ob der Namen, die als mögliche Alternativen kursieren (Labbadia, Frontzeck, Slomka), machen einem Angst.

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Nouri scheint dabei sein Mojo aus der Rückrunde verloren zu haben. Der Fokus liegt diese Saison ganz klar auf der Defensive, was per se nicht schlecht ist (siehe meinen letzten Beitrag), aber leider fehlt dieses Jahr eine konsequente Idee für das Spiel nach vorne. Nach dem Saisonauftakt mit Spielen gegen Hoffenheim und Bayern war das noch akzeptabel, aber wenn man auch gegen Freiburg, Wolfsburg und den HSV derart zahnlos nach vorne spielt, dann stimmt einen das schon nachdenklich. Klar, wichtige Spieler waren/sind verletzt, wie bspw. Moisander, Junuzovic und Kruse. Andere Spieler hingegen sind außer Form, hier sind Bartels und Delaney zu nennen oder haben noch Anpassungsschwierigkeiten wie Belfodil. Aber Nouri trifft auch teils komische Entscheidungen, wenn er (wie gegen Gladbach) Maxi Eggestein auf die Bank setzt und somit den spielstärksten Mann im defensiven Mittelfeld opfert. Oder wenn er in der zweiten Halbzeit auf eine Doppelsechs mit Junu und Bargfrede setzt. Wenn Jojo Eggestein, der als großes Talent gilt, keinen Stich sieht, obwohl Belfodil nun wirklich keine Bäume ausreißt. Dazu noch die oft späten und auch nicht nachvollziehbaren Wechsel. Und zu guter Letzt das Gefühl, dass ein wirkliches Konzept fehlt. Natürlich kann der Trainer aufstellen, wen er möchte und auch spielen lassen, wie er das gerne möchte. Nur wenn es nicht funktioniert, dann muss er dafür auch den Kopf hinhalten. Dabei hat man gar nicht zwingend das Gefühl, dass Nouri alles komplett umkrempeln muss, aber auch die kleinen Anpassungen bleiben bisher aus.

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Was mir aber in der aktuellen Debatte um den Trainer leider ein bisschen zu kurz kommt, sind auch die Versäumnisse eine Etage weiter oben in der sportlichen Führung. Die Voraussetzungen diesen Sommer waren so gut wie lange nicht mehr. Es war relativ früh absehbar, dass man die Klasse halten würde. Zudem war auch früh bekannt, welche Spieler gehen würden. Das heißt, man hatte genug Zeit, vorhandene Lücken zu füllen, die durch die Abgänge entstehen würden. Auch wenn der Verlust von Piza und Fritz vielleicht sportlich nicht so groß ist, so fehlten doch zwei Spieler, die für das Team vor allem abseits des Feldes wichtig waren. Das dann auch die Planstelle Mittelstürmer erst am letzten Tag der Transferperiode mit Belfodil befüllt wurde, war dann schon enttäuschend. Grillitsch und Gnabry wurden de facto nicht ersetzt. Ironischerweise wurde der Abgang der beiden von vielen mit einem Achselzucken hingenommen, weil beide ja völlig überschätzt waren. Mag sein, dass beide in der Rückrunde (auch durch Verletzungen) an die Seite gedrängt wurden, aber man sieht eben doch, dass sie fehlen: die Übersicht und die Fähigkeiten im Spielaufbau von Grillitsch sowie die Torgefahr von Gnabry. An Gnabry kann man viel kritisieren, aber in der Hinrunde hat er halt die Dinger gemacht und auch mal aus 25 Metern draufgehalten. Oder uns gegen Wolfsburg in der Rückrunde mit zwei Toren den Sieg beschert. Und auch wenn die Transfers von Augustinsson, Pavlenka und Gondorf Sinn machten, wurden Baustellen nicht geschlossen. Und das ist in meinen Augen auch ein großer Faktor der aktuellen Misere, dass Baumann da eben nicht agiert hat.

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Die mangelnden Transferaktivitäten im Sommer haben nun wahrscheinlich einen banalen Grund: das liebe Geld. In der Vorsaison konnte man noch die Ablösesummen von Vestergaard und Ujah (über 20 Mio €) einsetzen, um entsprechend tätig zu werden. Diesen Sommer war Gnabry der einzige Abgang, der eine wirklich nennenswerte Ablöse generieren konnte. Und in Zeiten, in denen sich die Preisspirale im Fußball immer weiter nach oben dreht, kann man schon auch die Befürchtung haben, das Bremen langfristig komplett den Anschluss verliert und den Gang in Liga zwei antreten muss, einfach weil man die Qualität im Kader nicht auf Bundesliga-Niveau halten kann. Alarmismus? Vielleicht, aber man fragt sich schon, wie lange es noch gut gehen wird. Und ja, nach drei Siegen in Folge sieht die Welt auch schon ganz anders aus. 😉

Defensivmythen

Die neue Saison ist nun zwei Spieltage alt und nach zwei Niederlagen gegen Hoffenheim und den FC Bayern hat Bremen schon wieder für reichlich Diskussionsstoff gesorgt. Das eine sind die offensichtlichen Baustellen im Kader, wie bspw. ein neuer Stürmer und ein neuer ZM (idealerweise noch ein spielstarker IV). Dazu wird man einige Spieler nicht los, wie Yatabaré oder Johannsson, um nur einige zu nennen. Die letzten Tage der Transferperiode dürften aus Bremer Sicht noch sehr spannend werden.

Aber kommen wir zu einem anderen Thema, welches aktuell viel disktutiert wird: Werder ist viel zu defensiv. Bremen hat gegen die beste und zweitbeste Defensive der letzten Saison keinen Treffer hinbekommen und darüber hinaus auch noch den Fokus auf die Verteidigung gelegt. Man muss sich das mal vorstellen, da ist man seit Jahren die Schießbude der Liga und Nouri wagt es tatsächlich, erst einmal die Defensive zu betonen und gegen zwei offensivstarke Teams hinten dicht zu machen. Ja, wir haben in beiden Spielen keine Tore gemacht und das sah insgesamt in der Vorwärtsbewegung noch nicht brillant aus, aber man muss doch auch mal schauen, gegen wen wir hier spielen.

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Schon nach dem 0:1 in Hoffenheim ging das Wehklagen in der Lokalpresse los, wie in diesem Pro-/Kontra-Artikel der Deichstube. Oder hier nach dem Bayern-Spiel im WK. Putzig übrigens auch, dass im WK-Artikel die Balance zwischen Offensive und Defensive in der letzten Rückrunde angeführt wurde. Die in der letzten Rückrunde ja vor allem gegen Hoffenheim deutlich wurde, als man nach 60 Minuten im eigenen Stadion 0:5 zurücklag, am Ende dann noch ein 3:5 draus machte. Nun ist es ja diese Saison so, dass uns der Spielplan zu Beginn der Saison nix schenkt, es also wichtig ist, sich gerade in den ersten Spiel nicht den Hintern versohlen zu lassen. Wenn Nouri nun davon ausgeht, dass der beste Weg dahin darin besteht, sich erst einmal tief hinten reinzustellen, dann muss man das nicht gut finden, sollte es aber doch wenigstens erst einmal akzeptieren. Wenn wir dann zuhause gegen vermeintlich schwächere Gegner weiterhin offensiv so harmlos bleiben, dann können wir gerne noch einmal über zu viel Defensive sprechen.

Ich habe schon das Gefühl, hier kommt wieder die mythische Erzählung von Werder als Offensiv-Mannschaft hervor, die schon seit Jahren (genauer: seit den ersten Erfolgen der Ära Schaaf) gepflegt wird. Vorne hui, hinten pfui und immer lieber ein 5:4 als ein 1:0. Das ist grundsätzlich keine völlig falsche Herangehensweise, aber man sollte doch auch in Betracht ziehen, dass sich in Bremen die Parameter ein wenig verschoben haben. Wir spielen schon seit Jahren nicht mehr oben mit, die Spieler haben eine andere Qualität als damals und während man früher 80 Tore machte und 40 kassierte, macht man heute deutlich weniger und fängt sich viel mehr. Es wird Zeit, sich von diesem nonchalanten „Werder kann halt keine Defensive“ zu verabschieden. Das gibt der Mannschaft und den Verantwortlichen immer wieder Ausreden und ist eine Erzählung, die sich völlig verselbständigt hat. Und die in meinen Augen dazu führt, dass man nach zwei Spielen gegen starke Teams jetzt über die zu defensive Ausrichtung diskutiert.

Echt jetzt?

Ich nutze die Rückkehr aus der Versenkung mal, um über etwas zu schreiben, was mir schon länger auf dem Herzen liegt. Anlass ist der Wechsel von Serge Gnabry zum FCB, von wo aus er direkt zur TSG Hoffenheim weiter verliehen wurde. Für alle Beteiligten ein No-Brainer, denn die Bayern sichern sich zu einem Schnäppchenpreis einen talentierten Offensivspieler. Sollte er floppen, sind die kolportierten 8 Mio Euro ein Betrag, den der FCB locker aus der Portokasse zahlt. Die TSG Hoffenheim soll Gnabry weiterentwickeln und Gnabry darf international spielen. Das nur eine Anmerkung am Rande, denn es soll hier nicht um eine Bewertung des Deals gehen und auch nicht um die teils albernen Reaktionen auf seinen Wechsel, die oft aus „hat in der Rückrunde nichts gebracht“, „wird überbewertet“ oder auch „totaler Ego-Zocker“ bestanden. Das Gnabry noch viel Luft nach oben hat, ist unbestritten, aber ich finde es auch erbärmlich, dass wechselnden Spielern oft die Klasse und der Charakter abgesprochen wird. Und das nur, weil sie es wagen, sich gegen den ruhmreichen SVW zu entscheiden. Vielleicht sollte man mal die Sache distanzierter sehen, wenn der Wechsel eines Spielers (oder auch die Absage eines möglichen Transferkandidaten) von vielen als persönliche Beleidigung aufgefasst wird. Aber ich schweife schon wieder ab. 😉

Was mich an der Gnabry-Story störte, war vor allem der Spott und die Häme in Bezug auf die Hoffenheimer Fans (haben keine) sowie die Tradition der TSG (hat keine). Gerade bei dem „Wir haben echte Fans, im Gegensatz zur TSG (oder WOB/RBL/LEV/etc.)“ kommt mir der Gedanke, dass es sich hierbei um das letzte Refugium handelt, bei dem man sich den genannten Vereinen überlegen fühlen kann. Denn sportlich und wirtschaftlich sehen wir in der Regel von den Clubs nur die Rücklichter. Aber das ist ja egal, denn wir haben die geileren Fans. Und gerade auch weil das Argument „bessere Fans“ sich einer genauen Definition entzieht, kann man damit umso hemmungsloser um sich schmeißen. Dabei gibt es für die tollen Fans keine Punkte und für angeblich schlechte Fans keinen Punktabzug. Und als ob allein die Fans bzw. das angebliche Nichtvorhandensein ebendieser einen Spieler davon abhält, zu einem Verein zu gehen. Was natürlich nicht heißt, dass wir keine tollen Fans haben und ich das, was sie leisten, nicht anerkenne.

Aber man kann die Diskussion um die „Echtheit“ der Fans natürlich auch in Diskussionen unter den Fans eines Vereins sehen. Da wird sich damit gebrüstet, schon 45 Jahre Fan des Vereins zu sein, am besten natürlich auch als Vollmitglied. Die Anzahl der besuchten Spiele oder abgerissenen Kilometer für Auswärtsfahrten als Gradmesser im Wettstreit um den echtesten der echten Fans. Das alles in strikter Abgrenzung zu den so genannten Eventis, die nur auf dem Sofa abhängen und um seine eigenen Argumente valider zu machen. Wer nicht im Jahrhundertwinter von 1968 auf den Stehtribünen des Spartak-Stadions von Nowosibirsk bei -45 Grad ausharrte, hat nix zu melden. Wer nur auf dem Sofa die Spiele verfolgt, ab und an ins Stadion geht und sich erdreistet, das böse Kommerz-Merchandising zu kaufen, darf auch die Vorgänge im Verein nicht kritisieren. Das dürfen nur echte Fans. Wie wäre es mit ein bisschen mehr „Leben und leben lassen“? Jeder so, wie er meint und wie er es einrichten kann.

Disclaimer: Ich bin selbst ein so genannter Event-Otto, der die meisten Spiele (wenn er es zeitlich einrichten kann) vom Sofa aus verfolgt. Im Stadion bin ich leider nur selten, aber ich stand schon bei strömenden Regen in der unüberdachten Ostkurve, um mir ein 0:0 gg. Wattenscheid 09 anzutun.

Flauschig

Mit 0:6 kam der SVW am Samstag beimVfL Wolfsburg unter die Räder. Zwei Dinge sind mir von dem Spiel nachhaltig in Erinnerung geblieben: einerseits die Tatsache, dass Wolfsburg auf den Flügeln schalten und walten konnte, wie es ihnen gefiel. Es erinnerte ein bisschen an FIFA98, wo Flanken von außen auf halbwegs kopfballstarke Spieler mit einer extrem hohen Quote zum Erfolg führten. Natürlich ist es tragisch, dass Gàlvez per Eigentor das 0:1 erzielte, aber ob an dem Tag das Spiel ohne dieses frühe Gegentor groß anders verlaufen wäre, wage ich zu bezweifeln. Der zweite auffällige Punkt war, dass Wolfsburg sich nicht einmal besonders anstrengen musste. Ich fand es über weite Strecken eine durchschnittliche Partie der Gastgeber, umso erschreckender, dass dies für eine deutliche Klatsche reichte.

Und während der kicker den armen Luca Zander herauspickt, um sich an seiner Leistung abzuarbeiten, stellt sich mir die Frage, wo am Samstag eigentlich die ganzen vermeintlichen Leistungsträger waren. Junuzovic schleppt seine Formkrise immer noch mit sich rum, Fritz fiel nur durch seine gelbe Karte und die damit verbundene Sperre fürs Nordderby auf und Santiago Garcia hat auf seiner Seite auch so seine liebe Mühe. Und das bringt mich zur Frage nach den Führungsfiguren, die Bush schon diskutiert hat. Wo sind die Spieler, welche die anderen mitreißen, an denen sich das Team aufrichten kann, die durch Konstanz vorne wegmarschieren. Vielleicht sind sie gar nicht da, was sich als Problem erweisen könnte. Wo war der Impuls von der Bank? Zur Halbzeit stellte Skripnik von einem 4-1-4-1 auf ein 4-4-2 um und schaffte damit im Mittelfeld noch mehr Räume für Spieler wie Kruse oder Arnold. Natürlich ist es unwahrscheinlich, dass eine Umstellung zur Halbzeit die Partie noch rumgerissen hätte, aber vielleicht hätte man wenigstens das totale Desaster verhindert.

Ein Gedanke, der mir während des Spiels auch kam: ist man bei Werder mittlerweile zu schnell zufrieden. Damit meine ich alle: Spieler, Verantwortliche und auch Fans. Nach den Auswärtssiegen in Mainz und Augsburg hatte ich das Gefühl, dass man dachte, der Dampfer ist wieder auf Kurs. Klar, dass 1:3 gg. Dortmund im Weserstadion war unschön, aber hey, Dortmund ist eine andere Gewichtsklasse. Kannste nix machen. Immerhin hatte man bis zum Wolfsburg-Spiel auch noch keine Partie absolviert, bei der man so richtig vom Platz geballert wurde (wobei es vor allem der mangelnden Chancenverwertung von Leverkusen und Dortmund zu verdanken war).  Und Junu hatte Sokratis dreimal (einself!!!11!!) in einer Szene getunnelt und wir Werder-Fans sind so viel geiler als die aus Wolfsburg! Ich will nicht Bambule und Randale das Wort reden, ich habe auch keinen Bock auf Busblockaden und angespuckte Spieler, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass die Saison in einer Flausch-Wolke abläuft. Bei Siegen überkommt einen das wohlig warme Gefühl, dass das schon alles irgendwie wird und Niederlagen sind zwar unschön, aber auch eigentlich gar nicht so wild. Was dagegen zu tun ist, weiß ich auch nicht.

Und auch die Mitgliederversammlung vom letzten Montag passt da ins Bild. Wieder wird ein Minus präsentiert, das EK ist nur dank des „Tricks“ dieses Jahr einen Abschluß für den Gesamtkonzern zu präsentieren noch nicht komplett weg. Aber selbst die regionalen Medien interessiert das nicht wirklich. Weitesgehend wird die offizielle Version durchgereicht, wonach man auf dem richtigen Weg ist. Wird zwar seit Jahren so von den Verantwortlichen verkündet, ist halt so. Ich gebe zu, ich kenne mich in dem Bereich nicht aus, aber irgendwie habe ich ein schlechtes Gefühl bei Werders Finanzen und den Beteuerungen, dass im laufenden Geschäftsjahr ist die schwarze Null erreichbar, mag ich noch nicht recht trauen. Meine Vermutung: die Finanzierung des Stadions ist ein noch größerer Mühlstein um den Hals des Vereins, als nach außen hin kommuniziert.

Samstag war hoffentlich nur ein Ausrutscher und alleine schon aufgrund des Nordderbys wird sich die Mannschaft am Wochenende ganz anders präsentieren, da bin ich mir sicher. Aber wir haben das zweitschlechteste Tordifferenz, stellen mit Augsburg die zweitschlechteste Defensive und das obwohl man zuletzt über neu gewonnene defensive Solidität sprach. Und langsam mache ich mir Sorgen. Sorgen, dass viele der Außenstehenden, die Bremen als einen der offensichtlichen Abstiegskandidaten sehen, recht behalten. Ich will nicht, dass der Werder-Weg, der auf der MV beschworen wurde, in Liga 2 führt und sich dabei alle lieb haben und man sich den Abstieg mit einer Extraportion Flausch schön redet. Aber wahrscheinlich ist das nur meine eigene Wahrnehmungsblase.

Lebenslang Grün-Weiß!

Der erste Punkt im zweiten Spiel

Das dritte Pflichtspiel der Saison war zugleich das erste Spiel, welches ich live gucken konnte. Die gute Vorbereitung hatte ich wohlwollend zur Kenntnis genommen, aber nicht allzu viel Bedeutung beigemessen, da: Vorbereitung. Im Pokal würgt man sich in der Verlängerung und dank entsprechender Schiedsrichterentscheidungen in die nächste Runde und gegen Schalke 04 verliert man verdient, aber wohl etwas zu hoch.

Die gute Laune, die bei manchen nach der Vorbereitung herrschte, war damit schon nach dem ersten Spiel verflogen. Am Freitag konnte ich mir dann selbst ein Bild von dem machen, was die Bremer da unten auf dem Platz abliefern. Die ersten 15-20 Minuten inklusive des 0:1 durch Stocker ließen mich ehrlich gesagt fassungslos auf dem Sofa zurück. Das es spielerisch noch nicht läuft: geschenkt, aber das man auch defensiv augenscheinlich keine Entwicklung sieht, war schon eine harte Erkenntnis. Ganz offensichtlich hatte man Uli Garcia als Schwachpunkt ausgemacht und kam gezielt über seine Seite. Dabei machte er keine gute Figur, wurde aber vom Mittelfeld auch völlig allein gelassen. Junuzovic, der die linke Halbposition bekleidete, machte gerade zu Anfang kaum Anstalten, den jungen Linksverteidiger zu unterstützen. Es ist Uli hoch anzurechnen, dass er sich nicht hat unterkriegen lassen und sich durchgebissen hat.

Nach knapp 20 Minuten konnte Bremen selbst erste Akzente und konnte sich aus der Umklammerung der Hertha befreien. Die meiste Gefahr entstand nach Flanken von Uli und ich habe schon lange nicht mehr so gute Flanken aus dem Spiel heraus bei den Grün-Weißen gesehen. Umso schöner, dass es solch eine Flanke war, die Ujah zu 1:1 verwerten konnte. Auch wenn Bremen besser spielte als zu Beginn, blieben die spielerischen Probleme nur allzu offensichtlich. Da konnte auch die Hereinnahme von Maxi Eggestein nichts ändern, der weitgehend blass blieb, aber nach dem Spiel von Skripnik und Eichin gelobt wurde. Es ist in meinen Augen auch ein bisschen viel verlangt, die Lösung der spielerischen Limitierungen beim SVW auf seine schmalen Schultern zu verteilen und ihn nach einem Spiel abzuschreiben.

Die zweite Halbzeit war vom Verlauf her ein Spiegel der ersten, da Hertha mit deutlich mehr Dampf aus der Kabine kam und die Bremer weit hinten reindrängen konnte. Dabei kamen die Berliner nur zu einer wirklichen Großchance, als ein Schuss von Stocker durch Luki neben das Tor gelenkt wurde, aber so wirklich wohl war mir dabei nicht. Mit zunehmender Spielzeit kam Bremen etwas besser ins Spiel und hatte mit einem Latten- und einem Pfostentreffer zweimal den Siegtreffer innerhalb von 90 Sekunden vor Augen. Wäre das verdient gewesen? Wohl nicht, aber seit wann gibt es drei Punkte nur, wenn man sie sich verdient hat. 😉

Das Unentschieden lässt Bremen mit nur einem Punkt aus zwei Spielen zurück. Es ist sicher noch zu früh, in Panik auszubrechen, aber so wirklich viel Mut haben die Spiele nicht gemacht. Schaut man sich die Offensive an, so bleibt vieles allenfalls Stückwerk, was angesichts des kaum veränderten Personals nicht verwundern kann. Aber ich hatte auf ein paar mehr Automatismen gehofft. Und defensiv bleibt ebenfalls viel Luft nach oben. Nächstes Wochenende folgt das überraschende Kellerduell gegen Gladbach, die bisher keinen Punkt geholt haben. Wenn ich mir das Spiel gegen Mainz anschaue, sehe ich schon das Potential, die Schwächen der Gladbacher auszunutzen. Dies setzt aber voraus, dass man hinten sicher steht und die Gladbacher nicht ins Rollen kommen.

Abschließend möchte ich mich noch zwei Dingen widmen: es ist schade, dass jede Saison wieder die gleiche Zombie-Diskussion ihren untoten Kopf erhebt. Spätestens nach den ersten Partien geht sie los, die Suche nach dem heiligen Gral der Raute oder auch dem Super-10er. Die Allzweckwaffe gegen mangelnde Kreativität und Flair. Er soll uns erscheinen, vom Himmel herabsteigen und uns ins Gelobte Land des Fußballs führen. Dabei ist es heilige Pflicht, die Namen Micoud, Diego und Özil mindestens einmal zu nennen und jeden Spieler, der einen gelungenen Pass spielt, sofort mit diesen Göttern des 10er-Olymps zu vergleichen. Tobi hat schon eine sehr schöne Widerrede auf die sinnfreie Diskussion verfasst. Dabei kann ich verstehen, dass die Fans sich immer wieder in die Diskussion verrennen, aber warum greifen die Medien das immer wieder auf und warum kannte der Sky-Kommentator am Freitag kaum ein anderes Thema, wenn er auf Bremen zu sprechen kam.

Sowas lässt mich an den grundsätzlichen Fähigkeiten der Sportjournalisten zweifeln, wenn man nicht sieht (oder sehen will), dass Bremens spielerische Probleme sich durch einen überragenden 10er nicht einfach in Luft auflösen würden. Denn auch der braucht Teamkollegen, mit denen er sich die Bälle zuspielen kann und die ihn dort anspielen, wo er dann seine Magie wirken kann. Mal ganz abgesehen davon, dass sich die Frage stelle, wo ein solcher Spieler bei den bekannten finanziellen Limitationen des Vereins herkommen soll. Die Probleme fangen doch spätestens auf der 6 an und gehen auf den Halbpositionen weiter, denn bei aller Lieber für Junu und Fritz: wirkliche spielerische Highlights setzen sie eher selten. Man kann aber auch lieber auf die Ankunft des Messias warten und Diskussion im nächsten Jahr wieder aufwärmen.

Der letzte Punkt, der mich ein bisschen unruhig werden lässt, sind die von Thomas Eichin getätigten Aussagen zu notwendigen Abgängen:

„Wir müssen definitiv noch verkaufen, um unsere Zahlen besser zu machen“, stellt Eichin klar. „Ich muss noch Budget gutmachen, ich brauche noch ein bisschen was.“

Dabei steht es ja außer Frage, dass es einige Spieler gibt, die den Verein verlassen müssen, da sie keine Rolle mehr spielen, wie bspw. Obraniak oder Pavlovic. Mir macht es Angst, dass Spieler aus wirtschaftlichen Überlegungen verkauft werden müssen. Zudem die meisten Kandidaten für einen Abgang auch kaum Geld in die Kasse spülen dürften, allenfalls Hajrovic dürfte ein bisschen was bringen. Es bleibt die Frage, wie angeschlagen Werder finanziell wirklich ist, trotz aller Beteuerungen von Filbry und Co., alles im Griff zu haben. Zumal man eigentlich auch noch Lücken im Kader hat, die man schließen müsste. Es fällt mir schwer, den Beteuerungen glauben zu schenken, dass der Verein wirklich gut aufgestellt sei. Wie lange wird der Schrumpfkurs noch gut gehen, der gefühlt immer mehr zu einem Ritt auf der Raiserklinge wird? Ich hoffe, dass Lösungen gefunden werden, damit wir am Ende nicht auf der falschen Seite landen.

Lebenslang Grün-Weiß!